Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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DISENTIS C.4.1.

I.

Desertina (765); coenobium Desertinense (9. Jh.); monasterium sancti Martini Disertinensis (1127); Gotzhus ze Dysentis (14./15. Jh.). Benediktinerkl. im oberen Vorderrheintal am nördl. Fuß des Lukmanierpasses (1142 m ü. d. M.). Patrozinien: Maria, Martin, Peter (765); nach dem Sarazeneneinfall (Mitte 10. Jh.) Martin als Hauptpatron; Sigisbert und Plazidus (1154). Gehört zum Bm. → Chur. - CH, Kanton Graubünden.

II.

Der Lukmanier bildete die Lebensader des Kl.s und seines Territoriums. D. war die alleinige Hüterin des Passes, an deren nördl. Zugang Hospize zur Sicherung entstanden: die Galluskapelle mit Hospiz (1261 erwähnt) und St. Maria auf der Paßhöhe (1374). Kl. und Cadí (Klosterstaat) organisierten den Transport, unterhielten Brücken und Straße. Susten dienten als Warenlager. D. verpflichtete sich 1261 vertragl. zur Gewährung des Geleitschutzes. Dem im 14. Jh. zunehmenden Warenverkehr trugen der Vertrag von 1376 zw. der Cadí/Kl. und dem südl. des Passesgelegenen Bleniotal und die 1391 neu angepassten Transittarife für den Verkehr zw. der Lombardei und dem Bodenseeraum Rechnung. Seine geograph. Lage brachte D. ins Blickfeld otton. und später stauf. Paßpolitik. 1164 und 1184 war Ks. Friedrich Barbarossa Gast im Kl.

Der D.er Klosterstaat war seit dem 12./13. Jh. geschützt durch einen Kranz von Burgen klösterl. Ministerialen: der engere Immunitätsbezirk rund um D. durch zwei Burgen der Ritter von Pontaningen und später der Ritter von Tavetsch, die östl. rheinabwärts gelegene Grenzregion durch die drei Befestigungen Cartatscha, Fryberg und Ringgenberg.

III.

Das Kl. wurde um 750 am Grab des fränk. Wandermönchs Sigisbert und seines rät. Freundes Placidus gegr. Um 950 fiel die karoling. Anlage den Sarazenen zum Opfer. Über die hoch- und spätma. Klosteranlage, an der wg. zahlr. Brände (1387, 1514, 1621) immer wieder flickend und ergänzend gearbeitet wurde, gibt eine Zeichnung aus der zweiten Hälfte des 17. Jh.s Auskunft. Zwei nebeneinanderstehende dreiapsidige Kirchen (St. Martin und St. Maria) mit einem gemeinsamen Kirchturm und der davorliegenden Peterskapelle bildeten die sog. Kirchenfamilie von D. Westl. daranangehängt waren die Konventgebäude. Im Parterre des Nordflügels war der Kreuzgang untergebracht, der den Äbten auch als Grablege diente. Die Enge der Gebäude bot nur Platz für neun Mönchszellen, die im beginnenden 17. Jh. angesichts steigender Novizenzahlen teilw. doppelt belegt waren. An den Besuch des Mailänder Ebf.s und Promotors der Tridentinischen Kirchenreform, Karl Borromäus, 1581 erinnerte der reich ausgestattete Karlssaal. Das Konventquadrum umschloß einen fünfgeschossigen und zinnenbewehrten Wohnturm, der mit der wohl im 13. Jh. errichteten und 1484 auf 3 m erhöhten Umfassungsmauerdem Kl. einen festungsartigen Ausdruck verlieh. An der Umfassungsmauer lagen die Stallungen für Pferde und Schafe, das Knechtenhaus mit Brunnenanlagen und das Krankenhaus. Auf der Wiese östl. der beiden Kirchenchöre stand die Gerichtslinde und unweit davon entfernt der Galgen. Größere Gartenanlagen befanden sich südl. und nördl. der Konventgebäude.

Im Zusammenhang mit 1498 in der Martinskirche durchgeführten Umbauten entdeckte man die alte spätmerowing. Krypta mit dem Sarkophag der Klosterhl. Placidus und Sigisbert. 1502 wurde bei Ivo Strigel ein neuer Renaissance-Sarkophag und beim Feldkircher Gold- und Silberschmied Konstantin Müller ein silbernes Brustreliquiar zu Ehren der wiederentdeckten Heiligen bestellt. Der Tag der Auffindung (14. Febr.) wurde zum liturg. Feiertag erhoben und es setzte ein rege Wallfahrt zu den D.er Klosterheiligen ein.

Seit dem Abbatiat von Augustin Stöcklin (1634-41) war klar, daß die überkommene Klosteranlage zu klein war, um einem reformwilligen Konvent den nötigen Aufwind geben zu können. 1675 setzten konkrete Planungen ein zum Bau einer modernen, barocken Anlage.