DILLINGEN C.3.
I.
973 ist erstmals der feste Platz Dilinga erwähnt. Er lag westl. der alamann. Siedlung, wurde später Oberdillingen gen. und ging im späten MA ab. Im zweiten Viertel des 13. Jh.s Gründung der Stadt im heutigen Siedlungskern, dem sich seit dem 14. Jh. in der westl. Stadterweiterung ein suburbium anschloß. 1220 erste Nennung der Burg, während das Grafengeschlecht bereits 1111 erstmals erwähnt ist. 1241 nahm die Siedlung mit dem zugehörigen Spital (Herberge) Gestalt an. 1252 sind cives (Bürger)bezeugt; ihr Siegel ist 1299 belegt. 1258 überließ dann Gf. Hartmann V. von D. - er war seit 1248 Bf. von Augsburg - Burg und befestigte Stadt (oppidum) dem Augsburger Hochstift. - D, Bayern, Reg.bez. Schwaben, Kr. D. (Donau).
II.
Die erste Erwähnung eines castellum Dilinga fällt in die Zeit Bf. Ulrichs (923-973) i. J. 973. Zum Baubestand der frühma. Burg gab es bisher weder namhafte archäolog. Forschungen noch eine Inventarisation. Der älteste erhaltene Bau dat. in die erste Hälfte des 12. Jh.s zurück - die Zeit, die wir wahrscheinl. auch als Entstehungszeit der gemauerten Wehranlage annehmen dürfen. Ein Modell dieser Burg findet sich am Grabstein Bf. Hartmanns von D. († 4./5. Juli 1286). Ursprgl. war dieser Stein im Südchor des Augsburger Doms lokalisiert, wurdeaber von dort unter Bf. Friedrich II., Gf. von Zollern, um 1500 nach D. transferiert. Dort erhielt er unter Joseph von Hessen-Darmstadt eine ergänzende Inschrift. Demnach setzte sich die Burg aus zwei quadrat. Teilen zusammen, die sich um einen mittleren Palas gruppierten, dessen Größe aus den Grundmauern bis heute erkennbar geblieben ist.
III.
Der Ausbau zum got. Schloß begann in den Jahren 1485-1520 mit dem Westflügel. Dort lokalisierte man über zwei Stockwerke - es gab eine zweite und dritte Etage - die privaten Gemächer des Bf.s und seiner Dienerschaft. Der jetzt vierstöckige Westbau ist an den beiden Untergeschossen von einem, auf Buckelquadern ruhenden, Außenring umschlossen. An dieser Stelle wurde er nach der Verlegung des Haupttores nach W durchbrochen. Diese Torverlegung war notwendig geworden, nachdem mit dem Bau einer größeren Schloßkapelle im alten Tor im N begonnen wordenwar. Die neue Schloßkapelle, die der Bf. Johannes dem Täufer weihen ließ, entstand als Langhaus mit vier Jochen. Am westl. Joch wurde für den Landesfs.en eine Empore eingezogen, die sich im zweiten und dritten Joch an der Nordwand fortsetzte. Die Emporenfenster waren teilw. zum rückwärtigen Oratorium geöffnet. Auch der Ausbau dieser Kapelle dokumentierte, daß sich die Zahl der Kleriker gegenüber 1469 deutl. erhöht haben mußte.
Unter Bf. Friedrich von Zollern (1486-1505) setzte die Bautätigkeit am Ostflügel ein, der allerdings erst unter seinem Nachfolger Heinrich von Lichtenau vollendet werden konnte. Der Ostflügel war jetzt bis zur Südmauer erweitert worden. Erst jetzt konnte 1517 das Schloß von reisenden Zeitgenossen als ein gar kostlich und schön Gebäude bezeichnet werden.
Die frühere Südmauer sollte erst unter Kard. Otto Truchseß von Waldburg zum eigenständigen Residenzenflügel wachsen. Ein erster Bauabschnitt umfaßte den Teil bis zum Rücksprung des äußeren Rings, den Ausbau des zw. W- und Südflügel stehenden Hofturms zur Reitertreppe, den Aufbau des Heiligen Turms an der Südwestecke des Grabens und die Erhöhung des Westflügels um ein Stockwerk. In einem zweiten Abschnitt ließ von Waldburg den südl. Flügel bis zur Ostwand des Rittersaals fortführen, die vorerst noch als Giebelwand diente.
Der Heilige Turm (Turris sacra Dilingana) enthielt jetzt als Programm eine deutl. gegenreformator. Glaubensbotschaft, die in der Raumgestaltung, den Fresken und der Treppe zum Ausdruck kam. Im ersten Stock befand sich lt. Bauprogramm das bfl. Oratorium mit der Bibliothek. Oberhalb folgte ein Geschoß mit Reliquienersatz für die Kirchen im Bm., eines für Kirchengerätschaften und sakrales Silber bzw. Gold. Dort ließ Otto Truchseß von Waldburg Reliquien aus den früh säkularisierten Kl.n in → Württemberg, insbes. aus → Lorch und Königsbronn einlagern. Imdritten Stock befand sich die Salesiuskapelle, im vierten der Hauptreliquiensaal und in der fünften und höchsten Etage das geplante sog. Paradies. Zur wenig paradies. Ausführung kamen allerdings nur die vier unteren Geschosse. Unter Marquard vom Berg, der als erster Bf. in der Dillinger Schloßkapelle beigesetzt werden sollte, und unter Otto von Gemmingen erlitt der Schloßbau einen großen Rückschlag. Zwar wurde 1585 der Nordturm aufgestockt, doch vernichtete zehn Jahre später ein erschröcklich feur den Ostflügel. Der Wiederaufbau dieses östl.Schloßteiles brachte den Ausbau eines großen repräsentativen Saals mit sich, der bequem über eine weiträumige Treppe vom Osttor her zu erreichen war. Dieser von Waldburg-Bau im S wurde jetzt ebenfalls von der Gartenseite her über einen Wendelturm erschlossen. Eine dort bestehende Baulücke ergänzten die Baumeister, so daß um 1600 an der Ost-, Süd- und Westseite das Schloß sein heutiges Maß erreichte. Die Res. hatte sich jetzt nach zwei Seiten hin zur Peripherie geöffnet.
Eine Hofordnung, die Fbf. Heinrich von Knöringen (1598-1646) für das Jahr 1611 verfügte, gibt erstmals neben Dienerweisungen auch Aufschluß über das Raumprogramm, das, in noch wenig differenzierter Form, die Einteilung des 18. Jh.s schon ankündigte. Namentl. wurden 1611 die bfl. Gemächer, die Tafel-, Wart-, Wach-, Tor- und Kaplanstuben, die Kapelle, die Dürnitz (Thürnitz), mehrere Säle, ein Bauhof, ein vorderer und hinterer Hof, der Getreidekasten, die Silberkammer, Küche und Kellerei, ein Gungelhaus für die Frauen zu Hof (?), der Zwinger unddie nicht sehr ausgedehnten Schloßgärten erwähnt. In der Amtszeit Bf. Christophs von Freyberg (1665-90) forcierte das Hochstift dann den weiteren Innenausbau, wobei v. a. Stuckaturen - zeitgenöss. als gipserarbeit bezeichnet - in den Rechnungsserien der stift. Hofkammer, des D.er Hofkastens und des örtl. Pflegamts auf der Ausgabenseite zu Buche schlugen. Stuckornamentik erhielten jetzt die Bibliothek, die Gänge und die bfl. Privatgemächer. Als wichtigste Baumaßnahme dieser Jahre gilt jedoch die Neugestaltung der Schloßkapelle St. Johannes durch Wessobrunner Künstlerunter der Leitung Johann Schmutzers. Die Nachfolger Alexander Sigismunds von Pfalz-Neuburg (1690-1737) setzten den unter von Freyberg forcierten Innenausbau in kleineren Schritten fort. Namentl. baute man im Cabinet und in der stift. Hofkammer. Sie benötigte man, zusammen mit den Regierungsgebäuden in der Stadt, noch immer in der Res., da 1709 die Rückverlegung einiger wieder nach Augsburg übergesiedelter Zentralstellen nach D. notwendig geworden war. Nachdem das Domkapitel wg. fürwehrender unpäßlichkeit und infabilität des krankenBf.s Alexander Sigismund auch die hochstift. Statthalterschaft von → Augsburg aus an sich gezogen hatte, wollte die Regierung zumindest das Hofzahlamt wieder in D. stationiert wissen.
Für die Hauptres. D. liegt uns mit einem zeitgl. zur Res. in → Augsburg und den Land- und Amtsschlössern in Buchloe, Fluhenstein, → Füssen, Göggingen, Hindelang, Leeder, → Oberdorf (→ Marktoberdorf), Rettenberg und Sonthofen erstellten inventarium aller hochstifftlichen meubles, pretiosen und sonstigen effecten, so in der hochfürstlichen residenz zu Dillingen und darzugehörigen häuseren sich befinden von 1768 ein landesweit aufgezeichneter sachkultureller Querschnitt zum höf. »Innenleben« vor. Imarchitekton. Zentrum der D.er Res. standen als Folge einer Mischung des frz. bzw. span.-österr. Hofzeremoniells sowohl das fbfl. Audienzzimmer als auch das (Parade-) Schlafzimmer. Beide Zentralräume grenzten unmittelbar aneinander. Nach beiden Richtungen waren sie durch zwei Vorzimmer (Antichambres) auf der einen Seite bzw. durch den Ankleideraum und das Kabinett auf der anderen Seite rangstufig gegenüber dem Hofstab und den zum Empfang vorgelassenen Gesprächspartnern erreichbar bwz. unerreichbar. Im Audienzzimmer empfing der Fbf. um 1768 unter einem roten Baldachin aufeinem in gleicher Farbe mit Samt bezogenen und goldenen Borten gezierten Lehnstuhl seine Gäste. Die zwölf ordinairen sessel mit ihren Überzügen aus rotem Damast und goldenem Bortenstoff, die sich um einen großen Konferenztisch entlang zahlr. Wand- und Pfeilerspiegel gruppierten, bestimmten die Oberzahl der zugelassenen Gäste. Klavier, Spinett und zwei Vogelhäuser für Papageien wiesen in Richtung Musik, Musen und divertierende Exotik, während eine hohe weiße Perpendikeluhr mit vergoldeten laubwerk vom zeitl. gedrängten Arbeitsprogramm eineshochstift. Souveräns kündete. Im Fürstbfl. (Parade)-Schlafzimmer gruppierten sich um die groß französische bethstatt mit grün damast, deren Decken, Kränze und Gestell umb und umb mit gold bordiert waren, zahlr. Sessel und Kanapees in bequemer und unbequemer Ausführung, die eine Verquickung eines zeremoniengerecht betriebenen Lever des Bf.s mit dem Arbeits- und Schlafbereich andeuteten. Insgesamt zeugt die Funktionsbeschreibung der über 100 Residenzzimmer in D. auf eine räuml. Vermengung administrativer und höf. Bereiche. Die hochstift.Lehenstube, Teile der Hofkammer und des Hofzahlamts, das Rechnungsrevisorium und die Kanzleien des Geheimen und Geistl. Rats befanden sich mitten in der Res. Der Stiftsadel hatte neben seinen zum Teil aufwendig ausgestatteten Landschlössern als Oberpfleger in den einzelnen Außenämtern wie Bobingen auch in den Bischofsres.en D. und → Augsburg eigene Räumlichkeiten
Während der Regierung von Otto Truchseß von Waldburg bis zu Alexander Sigismund von Pfalz-Neuburg nahm D. für die Epoche von 1543 bis 1703/05 eindeutig vor → Augsburg den Rang der hochstift. Hauptres. ein. Erst Alexander Sigmund bevorzugte nach seiner Rückkehr aus → Innsbruck und Judenberg in der Steiermark - kriegsbedingt hatte er von dort in den Jahren 1703/1705 eine Exilregierung geführt - wieder die alte bfl. Pfalz zu → Augsburg als Regierungssitz. → Augsburg blieb aber keineswegs auf Dauer der bevorzugte Residenzort, dennbereits Bf. Johann Franz liebäugelte, wenn er nicht in seinem Konstanzer Bm. weilte, wieder mit D. Dort hatte er auch an der Jesuitenuniversität seine theolog. Studien begonnen. Während der Regierung Joseph Ignaz Philipps ist dagegen über längere Zeiträume keine klare örtl. Präferenzensetzung zw. D., → Marktoberdorf und → Augsburg erkennbar. Allerdings ließ er die Augsburger Res. zw. 1743 und 1754 großzügig ausbauen.
Quellen
Das bfl. Archiv ist in erster Linie verteilt auf SA Augsburg, Bistumsarchiv Augsburg, StA D. und StA Augsburg. - Reisen und Reisende in Bayerisch-Schwaben, 1-2, 1968-74. - Urkunden des Hochstifts Augsburg, 1959. - Volkert 1985.
Literatur
Boehm, Laetitia: »Usus Dilingae« - Modell oder Ärgernis? Eine Besinnung auf die Bedeutung der ehema- ligen Universität Dillingen als Glückwunsch zum ersten Jubiläum der Universität Augsburg, in: ABLBS 2 (1982) S. 245-268. - Hasch, Rudolf: Die stadtgeographische Entwicklung Dillingens, in: JHVD 94 (1992) S. 349-423. - Lausser, Helmut: Güter und Herrschaftsrechte des Hochstifts Augsburg im Landkreis Dillingen, in: JHVD 85 (1983) S. 157-174. -Meyer, Werner und Schädler, Alfred: Stadt Dillingen an der Donau, München 1964 (Die Kunstdenkmäler von Bayern, Tl. Schwaben VI). - Pfitzer, Franz Xaver: Die Grabdenkmäler der Stadtpfarrkirche und der St.-Wolfgangs-Kapelle in Dillingen, in: JHVD 26 (1913) S. 41-160. - Seitz, Reinhard H.: Land- und Stadtkreis Dillingen a. d. Donau, München 1966 (Historisches Ortsnamenbuch von Bayern. Schwaben, 4). - Specht, Thomas: Geschichte der ehemaligen UniversitätDillingen (1549-1804) und der mit ihr verbundenen Lehr- und Erziehungsanstalten, Freiburg 1902. - Spindler 1908. - Wüst, Wolfgang: Die Residenz zu Dillingen. Höfischer Lebens- und Wohnstil im Spiegel barocker Schloßinventare, in: JHVD 89 (1987) S. 147-212. - Wüst, Wolfgang: Hochstift Augsburg, Stadt Dillingen und Universität. Topographische, rechtliche, wirtschaftliche und soziale Verflechtungen, in: Die Universität Dillingen und ihre Nachfolger. Stationen und Aspekte einer Hochschule in Schwaben.Festschrift zum 450jährigen Gründungsjubiläum, hg. von Rolf Kiessling, Dillingen 1999 (JHVD, 101), S. 407-448.