Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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DEVENTER C.3.

I.

Daventre (840-49), Deventre (893), Taventris (895), Daventra (896), Taventeri (Ende 9. Jh.s), Taventracensis (948), Dauindre (952), Dauentria (956), Dauantri (960), Dabentrensis (978), Deventeri (1012-18), Dauentriensium (1027-54), Davender (ca. 1135-80) - Stadt -Stift Utrecht (Oversticht) - Bf.e von Utrecht - Hauptres. ca. 885/95-ca. 925, wichtigster Aufenthaltsort im Oversticht bis zum Bau von Schloß → Vollenhove ca. 1160-70; seit dem 13. Jh. nur vereinzelte Besuche. Der Bis-{ schopshof war jedoch Amtssitz des Rentmeisters von Salland und auch der Klaring (Gericht); noch 1560 fanden Landtage in D. statt. - NL, Prov. Overijssel.

II.

D. liegt auf drei Flußdünen am rechten Ufer des Flusses IJssel nördl. der Mündung der Hunneper Aa (Schipbeek). D. liegt zentral im IJsselbecken und an einer der besten Plätze, um die IJssel zu überqueren, um so den O und den N der Niederlande zu erreichen. Es gibt prähistor. Siedlungsspuren; allerdings ist nicht sicher, ob es im frühen MA eine kontinuierl. Besiedlung gegeben hat. Ende der 60er Jahre des 8. Jh.s gründeten die Missionare Lebuinus und Marchelm eine Kirche, die zweimal von den Sachsen zerstört wurde. Lebuinus erbaute sie das erste Mal, derMissionar Liudger (nach 774 von Bf. Alberich gesandt) ein zweites Mal. Um diese Klerikergemeinschaft an einer Kultstätte für die hl. Lebuinus und Marchelm entwickelte sich eine Kaufmannssiedlung, die 882 von den Wikingern geplündert wurde. Milit. Maßnahmen (z. B. die Errichtung von Ringburgen) verbesserten die Lage in dem Flußgebiet wesentl. und danach gedieh und blühte der portus D.

Mit Unterstützg. Kg. Arnulfs konnte sich der Utrechter Bf., der → Utrecht 857 wg. der Wikinger verlassen hatte und seitdem in Odiliënberg residierte, ca. 885-95 in D. ansiedeln. Zu dieser Zeit wurde auch eine Burg angelegt, die die Kirche, die Wohnungen der Kanoniker und einen Teil der kgl. Güter umfaßte. Ca. 920 renovierte der Bf. die Lebuinuskirche (mit einer Translation des hl. Lebuinus); wahrscheinl. gab es auch schon eine domus episcopalis. Die Rückkehr des Bf.s nach → Utrecht erfolgte 925 oder kurz danach (aber vor 929), als Kg.Heinrich I. Lotharingien definitiv gewann. Seitdem war → Utrecht wichtigste Res. der Utrechter Bf.e, obwohl die Verbindung mit D. bestehen blieb (noch zweimal nennt man den Bf. im 10. Jh. »Bischof von Deventer«). Portus und Burg (eine urbs mit kgl. Besitz von 30 casae oder Wohnungen) waren die Siedlungskerne einer blühenden Handelsstadt, wo Bf. Bernold ca. 1050 eine neue große Lebuinuskirche errichten ließ. Dieses Stift war mit den fünf Utrechter Stiften das wichtigste im Bm., ohne jedoch an den Rechten der UtrechterStifte teilzuhaben. Der D. Propst war Archidiakon eines großen Archidiakonats zu D.

1046 hatte der Bf. vom Kg. das Münzregal und die Gft. zu D. empfangen. Der Bisschopshof war nach ca. 1100, vermutl. in der ersten Hälfte des 12. Jh.s, von einer Mauer und einem trokkenen Graben umgeben. Aus dieser Umfassung und der Mauer der Propstei entstand noch im 12. Jh. eine neue Mauer um die mittlere Flußdüne herum. Im nördl. Teil entstand das Noorderbergviertel und im östl. das Bergviertel mit einer Pfarrkirche. Mitte des 13. Jh.s folgte der Bau einer neuen Stadmauer, die die ganze Stadt umgab (beendet ca. 1360); im nächsten Jh. war daraus ein doppelterMauerring geworden.

1251 bekam D. das Alleinrecht für die Fahrt nach Jütland, 1285 wurde sie zum ersten Mal als Hansestadt bezeichnet. Später ging der aktive Handel zurück, um Ende des 15. Jh.s wieder aufzublühen. Die D. Messen mit ihrer Blüte im 15. Jh. (älteste Erwähnung 1340) gehörten zu den bedeutendsten Messen der Niederlande und waren ein wichtiges Bindeglied zw. Brügge, dem holländ. Seehandel und dem W Dtl.s. Vier Messen wurden 1386 von Kg. Wenzel um eine fünfte erweitert (auf insg. elf Messewochen).

Als Dank für ihre Unterstützung gegen den Utrechter Bf. und seine Partei 1122 erließ der Ks. den Einw.n D.s die Hauszinsen an das Lebuinusstift (1123). Schon Anfang des 13. Jh.s war D. Hauptort einer Stadtrechtsfamilie. Der D. Stadtrat zählte zwölf Schöffen und zwölf Räte. Ca. 1160 begann Bf. Gottfried von Rhenen, Grenzburgen zu bauen, um die Grenzen des Bm.s zu überwachen, u. a. in dem nördl. von D. gelegenen → Vollenhove. Obschon der Bisschopshof noch Anfang des 13. Jh.s und im 14. Jh. renoviert wurde, hatte dies und die stets wachsende Unabhängigkeitder IJsselstädte zur Folge, daß der Bf. seitdem bes. in → Vollenhove residierte, wenn er im Oversticht war und nur noch gelegentl. in D. weilte. Eine Ausnahme war der Elekt Johann von Nassau, der sich in D. ansiedelte, als er 1290 wg. seiner schlechten Verwaltung vom Papst abgesetzt worden war. Am häufigsten residierte der Bf. in D. in Jahren mit polit. Aktivitäten im Oversticht, so bspw. 1357 oder 1378. Mit den IJsselstädten hatte der Bf. seit dem 14. Jh. oft ein gutes Einvernehmen, obwohl es gelegentl. auch zu Konflikten wg. derbfl. Rechte oder der bfl. Politik kam, wobei D. bspw. 1370 gemeinsam mit einigen Adligen den unbequemen Bf. gefangensetzte. Mit finanzieller Unterstützung der Städte (und Verpfändung bfl. Rechte an die Städte) beschränkte der Bf. den privaten Burgenbau des Adels, wonach die Städte auch die landesherrl. Burgen und Ämter im Oversticht weitgehend kontrollieren konnten. Dieses bedeutete auch eine wichtige und aktive Rolle in Salland und in der Politik des Bf.s einschließl. mancher Kontakte zu ausländ. Mächten.

III.

Die Baugeschichte des Bisschopshof ist unklar (spitzers 1992, S. 18-26). Während archäolog. Untersuchungen fand man 25 m lange Spuren von Mauerwerk, die viell. aus dem 10. Jh. stammen und möglicherw. Teil von Stiftsgebäuden oder einem Hof sind. Durch eine kgl. Schenkg. von 1046 und den Bau der Lebuinuskirche war die Immunität neu eingeteilt. Der Bf. errichtete ca. 1050 oder viell. noch eher aus Tuffsteinen eine domus episcopalis südl. des Burggrabens. Anfang des 12. Jh.s folgte eineneue Pfalz mit einer aula in der Längsachse des Westtransepts der Lebuinuskirche. Diese war ursprgl. ca. 50 m lang (1580 noch etwa 37,5 m) und fast 14,5 m breit. Zugl. wurde eine neue Mauer um den Bisschopshof gezogen. Ende des 12. Jh.s befand sich dieses Gebäude in schlechtem Zustand, weil Bf. Dietrich von Ahr (1198-1212) ipse domum episcopalem que ruinosa fuerat propriis reedificaverit expensis. Viell. war die Lambertuskapelle die Kapelle des Hofes. Spätere Stadtbrände (1240, 1334) verursachten wahrscheinl. neue Schäden;kurz nach 1334 wurde eine neue aula gebaut, diesmal in Backstein. Es gibt noch einige Spuren dieses Gebäudes. Ende des 13. Jh.s wurde nördl. der Burgmauer ein kleinerer Hof als Amtssitz des bfl. Schultheißen zu Colmschate errichtet. 1499-1500 wurden die Schieferdächer des Saales und der großen und kleinen Zimmer wiederhergestellt, weil »kein Bett mehr trocken war« (Magdelijns 1996, S. 59). Auch die Heumieten wurden erneuert. 1576 verkaufte Kg. Philipp II. von Spanien als Nachfolger der Utrechter Bf.e den baufälligenBisschopshof an die Stadt D. In der früheren Aula und im Hof gab es zu der Zeit Wohnungen, ein Königszimmer, eine Silberkammer, ein Zimmer für die jurist. klaringen, ein großes Salet, eine Badestube, einen Schlagballplatz usw. Die Stadt riß die Gebäude ca. 1610 ab, um die Hofstraat quer durch den früheren Hof zu bauen.

Quellen

De cameraarsrekeningen van Deventer, hg. von Jan Izaak van Doorninck, 7 Bde., Deventer 1888-1914. - De koopmansgilderol van Deventer, hg. von Hermann Rijk van Ommeren, Den Haag 1978 (Vereeniging tot Beoefening van Overijsselsch Regt en Geschiedenis. Werken, 34; Werken uitgegeven door het Nederlands Historisch Genootschap. Ser. 3, 87). - De stadsrekeningen van Deventer, hg. von Godelieve M. de Meyer, 6 Bde., Groningen u. a. 1968-84 (Teksten en documenten,7, 9, 11, 13, 14, 16).

Kalveen, Cornelis Antonius van: Uit de geschiedenis van de Deventer gemeente, in: Verslagen en Mededelingen van de Vereeniging tot Beoefening van Overijsselsch regt en geschiedenis 92 (1977), S. 29-59; 94 (1979) 30-70. - Kapittel van Lebuinus, 1996. - Koch, Anton Carl Frederik: Die Anfänge der Stadt Deventer, in: Westfälische Forschungen 10 (1957) 167-173. - Kuile, Engelbert Hendrik ter: Zuid-Salland. Met een overzicht van de geschiedenis van Deventer door dr Anton C. F.Koch, Den Haag 1964 (De Nederlandse monumenten van geschiedenis en kunst, 4; De provincie Overijssel, 2). - Schneider 1994. - Sneller, Zeger Willem: Deventer, die Stadt der Jahrmärkte, Weimar 1936 (Pfingstblätter des Hansischen Geschichtsvereins, 25). - Stenvert/Kolman/Olde Meierink 1998. - Spitzers, T. A.: De ontwikkeling van Deventer als kerkelijkevestigingsplaats tot aan de bouw van de zogenoemde Bernoldkerk, in: De Grote of Lebuinuskerk te Deventer. De ›Dom‹ van het Oversticht veelzijdig bekeken, hg. von Aart J. J. Mekking, Zutphen 1992 (Clavis kunsthistorische monografieën, 11), S. 11-28. - Vliet, Kaj van: In kringen van kanunniken. Munsters en Kapittels in het bisdom Utrecht 695-1227, Zutphen 2002.