DARMSTADT C.7.
I.
Darmundestat (11. Jh.) (gedeutet als Siedlung des Darimund oder als eingehegter Bezirk); Darnestat (1234), Darmstat (1362). Stadtrecht durch Ks. → Ludwig den Bayern für Gf. Wilhelm von Katzenelnbogen (1330). - Siedlung am Darmbach, zentraler Ort der Obergft. Katzenelnbogen an der Bergstraße von → Heidelberg nach Frankfurt; Hauptstadt der Lgft. Hessen-D. (ab 1567); Hauptstadt des Ghzm.s Hessen (ab 1806); Hauptstadt des Volksstaates Hessen (ab 1918); Sitz desRegierungspräsidiums D. (ab 1946); Sitz der Kreisverwaltung D. (ab 1938); Sitz der Kreisverwaltung D.-Dieburg (seit 1977). - Nebenres. der Gf.en von Katzenelnbogen in der Obergft. (ab ca. 1360); ab 1479 Nebenres. der Lgf.en von Hessen-Marburg; ab 1500 Nebenres. der Lgf.en von Hessen; ab 1567 Res. der Lgf.en von Hessen-D., ab 1806 Großhzg.e von Hessen, 1816-1918 Großhzg.e von Hessen und bei Rhein. - Ort ab 11. Jh., Wasserburg ab 13. Jh., Stadt 1330, Schloß seit dem 16. Jh. - D, Hessen, Reg.bez. D., kreisfreie Stadt.
II.
D. liegt am nördl. Ausläufer des Odenwaldes am Bruchrand des Oberrheingrabens. Der Raum war seit der Jungsteinzeit besiedelt. Verkehrswege, insbes. die römerzeitl. ausgebaute Bergstraße, und Bachläufe waren Ansätze für Siedlungsinseln. Nach 1000 selbständige Wildhube im Wildbann Dreieich, wurde die dörfl. Siedlung mit der Gft. Bessungen 1013 durch Ks. Heinrich II. als Entschädigung für Verluste anlässl. der Gründung des Bm.s → Bamberg dem Hochstift → Würzburg übertragen. In Konkurrenz zu den Herren von Münzenberg als Reichsvögten desWildbanns setzten sich die Gf.en von Katzenelnbogen durch, deren Belehnung durch → Würzburg erstmals 1317 nachweisbar ist. Planmäßiger Ausbau des im Mittelpunkt der katzenelnbog. Besitzungen gelegenen Ortes nach dem Erwerb des Stadtprivilegs mit Befestigungs- und Marktrecht 1330. 1369 wurde das Unterstellungsverhältnis der Stadtkapelle zur Mutterkirche in Bessungen gelöst, die Kirche bis ca. 1430 vergrößert und mit mehreren Altären ausgestattet. Neben den gfl. Schultheißen trat ab Mitte des 15. Jh.s ein Bürgermeister. Nach der Einführung der Reformation 1526 wurde ab 1555 dieSuperintendentur der Obergft. mit dem Amt des D.er Oberpfarrers verbunden. Schweren finanziellen Belastungen durch die Sickingensche Fehde 1518 und die Einnahme durch den ksl. General Maximilian von Büren 1546 folgte 1565 die erzwungene Überlassung der Hälfte der Forstnutzungen an den Landesherrn, der seit 1563 seinen Sohn Ludwig (IV.) in D. residieren ließ. Darauf dürfte auch die neue Handwerksordnung von 1565 zurückgehen. Die Erbteilung unter die Söhne Philipps des Großmütigen machte 1567 D. zur Res. Lgf. Georgs I. Die Ausbildung eines neuen Herrschaftszentrums schlug sich im Behördenausbauund in der Anlage einer Vorstadt vor dem Arheilger Tor nach einheitl. Hausmodell nieder. Mit der Vergrößerung des Hofes samt Beamtenschaft einher ging die Verselbständigung einer Hofpredigerstelle sowie die Umwandlung der Stadt- in eine Lateinschule als Vorschule zum Marburger Pädagog. Durch Abbruch eines Stadtviertels wurde der Marktplatz vergrößert und der Blick auf das Schloß freigelegt. Ein eigener Meiereikomplex entstand unmittelbar vor der Stadt neben dem Jagdhaus und der Schloßgartenerweiterung Östl. der Stadt wurde 1568, gleichzeitig mit dem Neubau der Wasserleitung, durchAufstauen des Darmbachs der Große Woog angelegt, zugleich Feuerlöschteich und Fischzucht. Seit 1579 begann die Aufforstung mit Nadelwald und der Versuch, durch Besatz mit Wild die Jagdmöglichkeiten zu verbessern. Ab 1595 entstanden erste Zunftorganisationen. Unter Lgf. Ludwig V. wurde 1598-1601 das neue steinerne Rathaus errichtet. Der Streit um den territorialen Zugewinn nach dem Tod Ludwigs IV. von Hessen-Marburg 1604 und der Interessengegensatz zum calvinist. Hessen-Kassel führte Lgf. Ludwig V. auf die ksl. Seite. Im Juni 1618 wurde in der Baumühle, dem Versorgungskomplex der Hofhaltungzugehörig, eine Münzstätte neu eingerichtet. Ludwigs Parteinahme folgte 1622 die Plünderung der Stadt im Mansfeldischen Einfall. Die Etablierung einer eigenen luth. Landesuniversität in Gießen hatte die Errichtung einer Lateinschule, des Pädagogs, in D. zur Folge. Der Streit um Waldnutzung und Privilegien der Hofdienerschaft sowie die städt. Forderungen auf Abschaffung der Juden sind deutl. Signale steigender Spannungen. Der Eintritt Schwedens in den Krieg ließ Hof und Verwaltung ab 1630 in die oberhess. Landesfestung Gießen und das benachbarte → Marburg fliehen. NachTruppendurchmärschen und Seuchen kehrten sie erst 1648 zurück.
III.
Wahrscheinl. erfolgte der Bau eines Palas mit Bergfried im 13. Jh. als nordöstl. Punkt des katzenelnbog. Burgensystems zw. Odenwaldausläufern und den Überschwemmungsgebieten von Weschnitz und Rhein. Um den inneren ummauerten Burghof schlossen sich Zwinger, Wall und Graben. Nach 1330 wurde die Wasserburg zum nordwestl. Eckpunkt der ummauerten Stadt, 1331 erstmals ein Bgf. bezeugt. Infolge des Stadtmauerbaus 1351 wurde der südl. Burgwall durch eine Mauer ersetzt. 1355 im Ehevertrag des Gf.en Wilhelm II. von Katzenelnbogen mit Elisabeth von Hanau als Witwensitzvorgesehen, aber noch nicht standesgemäß, wurden Burgkapelle und Badestube neu errichtet. Die 1375 erneuerte Wittumsverschreibung sicherte dagegen die Nutzung des in der Burg vorhandenen Silbergeschirrs und der Bibliothek mit großer dt. Bibel, Passional, »Titurel« des Wolfram von Eschenbach und einem Trojaroman. Der Ausstattung der Pfarrkirche als Halbstift folgte 1377 die Bepfründung der Burgkapelle. Ab 1385 wurde die Burg durch Gf.in Else etwa 10 Jahre als Wittumsres. genutzt. 1401 wurde für den Erbgf.en Johann (IV.) und seine Gemahlin Anna östl. an den Palas das »hölzerne Haus«angebaut. 1422 richtete er für seinen Sohn Philipp d. Ä. und Anna von Württemberg in der künftigen Res. des Paares die Hochzeit aus. Zw. 1439 und 1449 etablierte sich hier die eigenständige Verwaltung Philipps, war das Schloß doch seit 1427 auch Sitz des Landschreibers der Obergft. Katzenelnbogen. Der Palas wurde für Philipps Sohn Philipp d. J. zur Mitte des Jh.s so ausgebaut, daß er den Ansprüchen einer Hofhaltung einschließl. der Unterbringung fsl. Besuches genügte. Eine Kanzlei mit Pfortengebäude, drei Marställe für 52 Pferde sowie Wirtschaftsgebäude in der Vorburg kamen hinzu. Nach dem Toddes Gf.en 1453 zog auch seine Wwe. ab. Ab 1470 gingen Stadt und Schloß im Vorgriff auf den Erbanfall an Lgf. Heinrich III. von Hessen-Marburg über. Nur noch sporad. benutzt, sollte das Schloß nach dem Tod seines Sohnes Wilhelm III. 1500 als Witwensitz hergerichtet werden, wurde aber durch die Wiederverheiratung der Ldgf.in nicht mehr benötigt. Das Aussterben der Linie Hessen-Marburg machte D. gleichzeitig zum südl. Außenposten Hessens, dessen Zentrum in → Marburg bzw. → Kassel lag. Viell. in Hinblick auf eine Nutzung als Witwensitz nach dem Tod Wilhelms II. 1509 und dem Endeder Vormundschaft Anna von Mecklenburgs für ihren Sohn Philipp den Großmütigen wurde ab 1512 südl. des Herrenbaus der Weißesaalbau mit Festsaal, Tafelstube und Küferei errichtet. In der Sickingenschen Fehde wurden die Fachwerk-Wirtschaftsgebäude wie Ställe, Pulvermühle, Hakenhaus, Fleischhaus und Waschhaus beschädigt, das ganze Schloß bei der Eroberung durch Maximilian von Büren 1546 verbrannt. Nachdem sich in den Verhandlungen mit den Gf.en von Nassau-Dillenburg die Ablösung ihrer katzenelnbog. Erbansprüche abzeichnete, wurden seit 1556 anstelle des vernichteten »Hölzernen Hauses« und derKapelle zunächst von Philipps ältestem Sohn Wilhelm (IV.) 1560-64 der Herren- und Saalbau in Stein wiederhergestellt sowie ein Kanzlei-Neubau errichtet. Seit 1563 residierte hier der zweitälteste Sohn Ludwig (IV.), gewissermaßen stellvertretend für den jüngsten Georg (I.), dem in Philipps Teilungsplänen die Obergft. zugedacht war. Seit 1567 wurde das Schloß seine Res. Folge der Landesteilung war die Herausbildung eigener Verwaltungsinstanzen. Zum Oberamt trat ein Kanzler, der mit Oberamtmann und zwei gelehrten Räten die Regierung bildete. Ein Kammersekretär wurde zur Keimzelle derseit den 90er Jahren nachweisbaren Rentkammer. Umfangr. Baumaßnahmen gingen mit der Residenzwerdung einher: Neubau der Schloßkapelle, Erweiterung des Herrenbaus, Reduzierung der Reste des Südwalles, Umformung der Wälle zu Wallgärten ab 1569, Auslagerung der Wirtschaftsbetriebe in einen neuen Bauhof bei der Vorstadt. Auf ihrem Areal, erweitert durch Auffüllung des Schloßgrabens, wurden ab 1585 eine Kanzlei und ein Marstall für den Leibstall errichtet. Mit dem neuen Zeughaus als südl. Abschluß des Ostwalles wurde der innere Burghof von Verwaltungsbehörden frei. Der Tod der Lgf.in Magdalena 1587gab den Anstoß zur Ausgestaltung der Stadtkirche mit einem Gruftgewölbe, über dem im Chor durch den in → Mainz und → Würzburg tätigen Peter Osten aus Yypern ein raumfüllendes Alabaster-Epitaph in Form eines Hochaltars errichtet wurde.
Nach der zweiten Eheschließung Georgs entstand ab 1595 zu Wohn- und Repräsentationszwecken der Kaisersaalbau, dessen Wohnräume direkten Zugang zu den Wallgärten boten, aber auch die Kurfürstenzimmer für Gäste enthielt. Die 1597 fertiggestellte zweigeschossige Schloßkirche orientierte sich am Vorbild → Torgaus; sie wurde über den Paukergang mit dem Herrenbau verbunden. Der Schloßgarten mit neuem Lusthaus wurde ab 1580 durch Landkäufe erweitert und mit einer Mauer umgeben. Parallel zur Errichtung eines Jagdhofes nahe dem Hundställer Turm der Stadtbefestigung wurde 1571/1572 das HofgutKranichstein in Stadtnähe erworben und ab 1575 durch Baumeister Jakob Kesselhut zur repräsentativen Ehrenhofanlage ausgestaltet. Erst unter Ludwig V. wurde das Alte Jagdhaus errichtet, das durch das Jägertor den Zugang nach Kranichstein vermittelte. Als neuer Wittumssitz wurde seit 1570 das auch für die Jagd genutzte Schloß Lichtenberg im Odenwald ausgebaut. Zur Versorgung der Hofhaltung dienten die Güter Rheinfelden, Gehaborner und Sensfelder Hof. Als Ersatz für Lichtenberg diente ab 1604 Schloß Jägersburg bei Groß-Rohrheim. Für den erhöhten Platzbedarf des Hofes wurde 1603 das spätersog. Lgf.-Johann-Haus am Markt erworben, für die Lgf.in Wwe. Eleonore 1618 außerdem das Haus des Oberjägermeisters von Hertingshausen gegenüber dem Schloß gemietet. In eine neue Phase trat der Residenzausbau unter Georg II. nach dem Erwerb der Marburger Erbschaft. 1627 wurde mit dem Pädagogbau begonnen, zwei Jahre darauf in der Südwestecke des Schlosses der Kanzleibau neu errichtet. Dieser prachtvolle Renaissancekomplex des Baumeisters Jakob Müller, der die Bausubstanz der alten Kanzlei in sich schloß, nahm auch neue fsl. Gemächer (Großes und Kleines Gemach sowie Vorgemach) auf. Er umfaßtenicht nur Archiv, Rentkammer und Hofschreinerei sowie die »Neue Landkanzlei«, sondern einen wappengeschmückten Saal. Im Anschluß daran wurden Schloßbrücke und Torhaus zum Markt neu gestaltet, dazu der nördl. Schloßzugang mit wappengeschmücktem Wallhäuschen akzentuiert. Die Schloßkirche erhielt ein aufwendiges Altarwerk; der Schloßhof wurde durch einen Neptuns- und Georgsbrunnen geschmückt. Weiteren baul. Aktivitäten machte das Kriegsgeschehen, das die Flucht der Regierung und der Hofhaltung nach Gießen und → Marburg erzwang, ein Ende. Der Verlust der unter Georg II. errungenenGroßmachtstellung im Westfälischen Frieden hat bis zu seinem Tod 1661 keine neuen Aktivitäten mehr zugelassen. Sein Kanzleibau fiel 1715 einem Brand zum Opfer, der Anlaß für die barocke Neugestaltung des Areals wurde.
Quellen
Ein Quellennachweis ist schwierig zu führen, da das Material für die Residenzgeschichte auf unterschiedl. Bestände im SA D. sowie in den hess. SA D. und Marburg verstreut ist. Zu berücksichtigen sind die hess. und Katzenelnbogener Regesten, die von den Historischen Kom- missionen in D., Marburg und Wiesbaden veröffentlicht wurden.
Literatur
Darmstadts Geschichte, hg. von Eckhart G. Franz, Darmstadt 1980. - Haupt, Georg: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Darmstadt, Textbd., Darmstadt 1952, Bildbd., Darmstadt 1954 (Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Darmstadt). - Müller, Wilhelm: Hessisches Ortsnamenbuch, Bd. 1: Starkenburg, Darmstadt 1937 - Schneider, Konrad: Der Beginn der hessen-darmstädtischen Münzprägung in Darmstadt und die Münzstätte Nidda 1593-1627, in: AHG 58(2000) S. 63-90. - Stadt Darmstadt, hg. von Günter Fries, Nikolaus Heiss, Wolfgang Langner, Irmgard Lehn und Eva Reinhold-Postina, Braunschweig u. a. 1994 (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen, hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen). - Wolf, Jürgen Rainer: Darmstadt als Residenz der Landgrafen und Großherzöge von Hessen, in: Residenzen. Aspektehauptstädtischer Zentralität von der frühen Neuzeit bis zum Ende der Monarchie, hg. von Kurt Andermann, Sigmaringen 1992 (Oberrheinische Studien, 10), S. 365- 395.