Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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CHEMNITZ C.4.1.

I.

locus Kameniz dictus (1143), provincia Kempnitz (1216), conventus Camnizensis (1218), monasterium Kamnicensis (1226), monasterium de Cameniz (1235), monasterium sanctae Mariae de Kemniz (1264), conventus ecclesiae sanctae Mariae (1264), monasterium Kempnicensis (1313), Kempnicz (1367), closter Kempnittz (1456) - Erwähnung des FlussesCaminiz in der Chronik Thietmars von Merseburg zum Jahr 892 (I, cap. 3-4) - C., in einem weiten Talkessel am Nordrand des Erzgebirges in der Flußaue der C. am Übergang der von Böhmen nach Altenburg führenden Straße gelegen; südostl. Teil des Pleißenlandes; 1136-1546 Klosteranlage auf Berg, der sich ca. 1,5 km nordwestl. des Stadtkerns über der Pleiße (heute Schloßteich) erhebt - kgl. Eigenkl.; zahlr. kgl. und päpstl. Schutzurk.n (v. a. im 13. Jh.); die letzte Schutzurkunde von Ks. → Karl V. aus dem Jahre 1536; direkt dem Röm. Stuhl unterstellt, - Abt ab 1300Archidiakon von C. der Meißner Diöz., 1362 Aufhebung der Exemtion und Unterstellung unter die Meißner Diözesangewalt. - D, Sachsen, Reg.bez. C., Stadt C.    

II.

Wie aus dem Nekrolog des Benediktinerkl.s C. hervorgeht, wurde es von Ks. Lothar von Supplinburg (1125-37) wahrscheinl. 1136 gegr. (fundator Kemniczensis ecclesiae) und mit Mönchen aus dem der Hirsauer Bewegung zugehörigen Kl. Pegau besetzt. In einer 1143 in Zeitz ausgestellten Urk., der ersten auf uns gekommenen Quelle zur Geschichte des Kl.s, bestätigte Kg. Konrad III. (1138-52) die Unterstellung unter den Röm. Stuhl durch Lothar. Die exemte Stellung, die bes. in der päpstl. Bulle von 1226 hervorgehoben wird (ad nosnullo medio pertinentis monasterium), ist jedoch zw. 1226 und 1235 kurzzeitig aufgehoben, als das Kl. einen starken Niedergang erleidet und nur knapp der Auflösung entgeht (monasterium de Cameniz [...] Misnensis diocesis; päpstl. Bulle 1235). Die verschiedenen Angaben über die Vorgeschichte und den Zeitpunkt der Gründung in den Chroniken des 16. Jh.s (Erasmus Stella, Albinus, Peckenstein) sind durch Hubert Ermisch widerlegt, der 1136 als Gründungsjahr festlegte. Da die Gründung auf Reichsgut erfolgte, unterstand C. unmittelbar derReichsgewalt.

Die Klostervogtei wurde 1143 dem Mgf.en von Meißen und der Niederlausitz Konrad I. (1125-56) zugesprochen. Im 14. Jh. erscheint sie in den Händen der Herren von Waldenburg, die sie wahrscheinl. seit Mitte des 12. Jh.s innehatten, und wird 1375 von Abt Heinrich I. von Dohna (1365-96) für das C.er Kl. erworben.

1143 wurde ebenfalls festgelegt, daß die Prälaten des Kl.s einen öffentl. Markt (forum publicum) errichten. Es sollte ein Fernhandelsmarkt sein, an dem sich die Kaufleute ansiedeln sollten, was daraus hervorgeht, daß die Einw. dieses Ortes (incolae iam dicti loci) vom Zoll in allen Reichsgebieten befreit waren. Die Ansiedlung erfolgte vermutl. an dem Ort, wo sich heute der histor. Stadtkern von C. mit Klosterstraße, Marktkirche St. Jakobi und Rathaus befindet. Allerdings gibt es für das 12. Jh. keine weiteren Quellenbelege, aus denen die näherenUmstände belegt werden könnten (vgl. Schlesinger 1952, der die Stadtgründung durch Ks. Friedrich I. 1165 vermutet). Die nächste Nachricht, ein Zinsregister des Kl.s, stammt vom Anfang des 13. Jh.s. Danach bestand neben neuangelegten Dörfern (villa abbatis, nova ecclesia) und alten slaw. Siedlungen (Antiqua Kemniz) in der Umgebung des Kl.s eine Stadt. Fünfzehn Stadtbewohner werden gen., die Zins, zum Teil Wachszins, an das Kl. entrichteten. Eine prinzipielle Oberherrschaft des Kl.s über die Stadt ergibt sichdaraus jedoch nicht. Im 13. Jh. wird deutlich, daß zumindest das städt. Kirchenwesen in der Hand des Abtes war. 1254-64 werden das Patronat über die Marktkirche und eine Vorstadtkirche St. Johannis »extra muros« erwähnt - die erste Erwähnung der C.er Stadtmauer. Vom Ende des 13. bis zum Ende des 15. Jh.s war das Verhältnis zw. Kl. und Stadt von Auseinandersetzungen geprägt, in dessen Ergebnis der Abt fast alle Rechte innerhalb der Stadt verlor. Wesentl. Bestandteil seiner Herrschaft war neben den Patronatsrechten an den Kirchen die Hochgerichtsbarkeit (ab 1375). Schon im 13. Jh. versuchtendie Bürger, die Stadtkirche vom klösterl. Patronat zu befreien, was aber mißlang (1293). Im 13. Jh. häuften sich die päpstl. und kgl. Schutzversprechen für das Kl. (1216, 1218, 1254, 1264, 1274, 1293). C. wurde 1290/91 zusammen mit den anderen pleißenländ. Städten Altenburg und Zwickau als Reichsstadt bezeichnet (civitates imperio attinentes). Nach den Kämpfen zw. Reichsgewalt und Mgf. bis 1307, nahm Mgf. Friedrich (der Freidige) als Rechtsnachfolger des Kg.s im Pleißenland C. in seinen Schutz (1308). So auch das Kl., welches sich jedoch weiterhin als reichsunmittelbarbetrachtete, wie die ksl. Schutzversprechen von 1348, 1415, 1536 und 1538 sowie das Angehen des kgl. Hofgerichts i. J. 1420 erkennen lassen.

Dem städt. Drang nach territorialer Ausdehnung über die Stadtgrenzen hinaus und dem Recht auf eine Bannmeile, das der Stadt 1334 vom Mgf.en bestätigt wurde, stand der Klosterbesitz entgegen, der die Stadt umgab. Umfassende Regelungen der Streitfragen erfolgten 1331, 1368, 1402 und 1428. 1331 wurde u. a. festgelegt, daß das dreimal jährl. stattfindende Klosterding auf dem Hof der Vorstadtkirche St. Nicolai »extra muros« abgehalten werden soll. Klosterleute durften nur an bestimmten Tagen die Stadt betreten. Schon früh versuchte die Stadt alle Rechte in und außerhalb ihrer Mauern ansich zu ziehen. Der Rat übte 1331 fakt. die Hochgerichtsbarkeit aus, obwohl Landesherr (zwei Drittel) und Klostervogt (ein Drittel) sich diese teilten. Im Jahre 1375 erwarb der Abt die Klostervogtei und damit auch den Blutbann zusammen mit der Herrschaft Rabenstein von den Herren von Waldenburg, die bis dahin die Vogtei innehatten. 1423 kamen der kfsl. Anteil an den städt. Gerichten und der Zoll an die Stadt. Den Anteil des Abts erlangte sie 1493, was das endgültige Ende der Gerichtsbarkeit des Kl.s in der Stadt war. Der Besitz an vier Häusern (Abtei in der Lohgasse) wurde 1544 vom letzten AbtHilarius von Rehburg (1522-46/51) an die Stadt verkauft.

Ende des 14./Anfang des 15. Jh.s eskalierten die Auseinandersetzungen um das Kl. Die Bgf.en von → Leisnig überzogen es mit zwei schweren Fehden bei denen auch mgfl. Lehnsmannen und Städte beteiligt waren. Bgf. Albrecht (IX.) von Leisnig besetzte 1386 die Burg Rabenstein. Die Fehde endete erst 1390, als Mgf.in Elisabeth dem Kl. die Burg wieder aushändigte. Ein erneuter Ausbruch der krieger. Handlungen geschah im Zusammenhang mit gerichtl. Auseinandersetzungen zw. Kl. und Stadt C. um die Ausübung des Bleichhandwerks vor der Stadt, aufgrund derer Abt Ortwin Schindeldach (1404-25)vor dem Ks. 1415 in → Konstanz Klage erhob. 1418 besetzten die Bgf.en wiederum Rabenstein und setzten den Abt dort gefangen. Nach einem längeren Exil des Abts am Hofe Ks. → Sigismunds wurde dieser Fall durch Mgf. Wilhelm beigelegt. Im Falle der Streitigkeiten um die C.er Bleiche wendete sich der Abt an das kgl. Hofgericht. Der Prozeß kam jedoch durch die Hussitenkriege 1420 nicht zustande. 1428 wurde daher ein Hauptausgleich zw. Kl. und Stadt getroffen, wo u. a. auch die Frage der Bannmeile geregelt wurde.

In der ersten Hälfte des 14. Jh.s erlebte das Kl. einen wirtschaftl. und polit. Aufschwung. Durch Kauf und Schenkung kamen in der ersten Hälfte des 14. Jh.s unter Abt Ulrich II. von Crimmitzschau (1300/13-41/60) umfangr. Besitzungen an das Kl., was zu einem geschlossenen Besitzkomplex führte. In dieser Zeit sieht man den Abt als Inhaber des C.er Archidiakonats in der Meißner Diöz. In dieser Eigenschaft übte er umfassende Diözesangewalt in seinem Sprengel aus (Offiziale, 1375). Es wurden zwei Tochterkonvente errichtet: ein Priorat in Neukersdorf (nördl. Frohburg, Diöz.→ Merseburg, 1300-78) und eine Propstei bei der Pfarrkirche Penig (1313). Die Verknüpfung der C.er Abtswürde mit dem Archidiakonat tendierte zu einer Exemtion des Kirchengebietes aus der Meißner Diözesangewalt. Daraufhin kam es unter dem Nachfolger Ulrichs II., Johann II. Marschalk (1360-65), zu einem Prozeß unter der Leitung päpstl. Vertreter (1360-62) infolge dessen eine Restitution der bfl. Obergewalt über das Archidiakonat und die endgültigen Aufhebung der exemten Stellung des Kl.s beschlossen wurde.

Unter Abt Heinrich II. von Schleinitz (1483-1522/27) erhob sich das Kl. zur architekton. und geistigen Blüte. Im C.er Nekrolog wird Heinrich als zweiter Gründer bezeichnet. Er ließ die Klosteranlage und die Kirche im Stile der Zeit erweitern und umbauen und die Bibliothek des Kl.s vergrößern.

Die Auflösung des Konvents in der Reformationszeit begann 1540 und endete nach der Resignation des letzten Abtes Hilarius von Rehburg i. J. 1541 mit dessen Tod 1546. Noch im Verlauf der Säkularisation wies der Abt auf die Stiftszugehörigkeit zum Hl. Röm. Reich hin. Die lange Tradition der Reichsunmittelbarkeit, die mit der Gründung als kgl. Eigenkl. begann, war demnach unveränderl. im Bewußtsein der Konventsangehörigen vorhanden.

III.

Über das Aussehen der roman. Klosteranlage im 12./13. Jh. wissen wir fast nichts. Anhaltspunkte geben die wenigen architekton. Überreste (zwei Nebenapsiden, der südl. Teil des Querschiffs). Besser sind wir über die Klosteranlage des 16. Jh.s informiert, die unter Abt Heinrich II. von Schleinitz entstand. Das Abtshaus schloß sich nördöstl. an den Ostteil der Kirche an. Südl. der Kirche befand sich die Klausur. Im Ostflügel, der heute als der älteste Teil des Klaustrums gilt (um 1274), befanden sich die Abteistube, der Kapitelsaal und die Konventsstube(SO-Ecke). Darüber lag die Bibliothek, das Dormitorium und die dazugehörige Kleiderkammer (Vestiarium). Die Hauptkleiderkammer befand sich im ersten Stock des Südflügels über dem Refektorium, welches sich an die Konventsstube anschloß. Neben dem Refektorium lag die Küche. Die SW-Ecke bildete die Küchenkammer, an die der Westflügel mit den Barbier- und Badestuben stieß. Große Wirtschaftsgebäude und mehrere Gärten umgaben die Klausuranlage. Der Südflügel weist Reste aus dem 14. Jh. auf, wurde aber im 16. Jh., wie auch der Ostflügel, umgebaut und als kfsl. Schloß genutzt. Seit dem 17. Jh.verwahrloste die Anlage und wurde teilw. abgebrochen. Der Ostflügel wurde in den dreißiger Jahren des 20. Jh.s zum Schloßbergmuseum umgebaut. 1979-95 erfolgte ein umfassender Ausbau des Museums, der mit einer teilweisen Rekonstruktion der Räumlichkeiten (Wiederherstellung des großen Saals im Obergeschoß des Südflügels) einherging.

Die roman. Klosterkirche des 12. und 13. Jh.s wurde in zwei Etappen gebaut: In der zweiten Hälfte des 12. Jh.s der Chor mit den Seitenkapellen und den Apsiden und im ersten Viertel des 13. Jh.s das Langhaus (Pfeilerbasilika). Der Chor wurde am Ende des 13. Jh.s erhöht und verlängert. Ein Neubau der Klosterkirche erfolgte innerhalb der Baumaßnahmen Heinrichs II. von Schleinitz, dauerte aber bis in die Zeit Hilarius' von Rehburg. Ein neuer Chor wurde 1499 geweiht. Der Umbau des Langhauses zur spätgot. Hallenkirche erfolgte vermutl. erst in den zwanziger Jahren des 16. Jh.s. Das kunsthistor.wertvolle Nordportal (heute Innenwand Südseite) schuf Franz Maidburg. Nach der Reformation wurden die Ostteile der Kirche in die Räumlichkeiten des Schlosses mit eingebunden, um eine Verbindung zw. Abtshaus und Ostflügel der Klausur zu schaffen. Im 19. Jh. erfolgte eine neugot. Umgestaltung des Westturms und der Innenausstattung. Im 20. Jh. bis 1996 mehrfache Restaurierung und Veränderungen im Innenraum der Kirche.

Quellen

CDSR II, 6, 1879 (Anhang 2: Nekrologium des Benediktinerklosters zu Chemnitz, S. 470-482).

Bernstein, Albert: Die topographische Entwicklung der Stadt Chemnitz bis zur Ummauerung, in: Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte 26 (1928) S. 11-52. - Billig, Gerhard: Chemnitz im vollent- falteten Feudalismus, in: Karl-Marx-Stadt. Geschichte der Stadt in Wort und Bild, von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Helmut Bräuer und Gert Richter, Berlin 1988 (Geschichte und Historische Hilfswissenschaften, 63; Sozialgeschichte,64), S. 7-24. - Dehio, Kunstdenkmäler, Sachsen, 2, 1998. - Ermisch, Hubert: Geschichte des Benediktinerklosters zu Chemnitz bis zum Ende des 14. Jahrhunderts, in: Archiv für die Sächsische Geschichte NF 4 (1878) S. 254-278, 289-314. - Ermisch, Hubert: Geschichte des Benediktinerklosters zu Chemnitz im 15. und 16. Jahrhundert, in: Archiv für die Sächsische Geschichte NF 5 (1879) S. 193-261. - Magirius, Heinrich: Schloßkirche Chemnitz, Berlin 1997. -Mating-Sammler, Alfred: Das Chronicon Chemnicense, in: Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte 4 (1882/83) S. 122-125. - Die schwarzen Mönche vom Chemnitzer Bergkloster, hg. vom Chemnitzer Geschichtsverein, Chemnitz 1932 (Chemnitzer Heimatbuch, 2). - Petzold, Klaus: Monasterium Kempnicense. Eine Untersuchung zur Vor- und Frühgeschichte des Klosterwesens zwischen Saale und Elbe, Leipzig 1982 (Studien zur Katholischen Bistums- und Klostergeschichte, 25). - Posse, Otto:Die Jubiläumsurkunde vom Jahre 1143, in: Festschrift zum 750jährigen Jubiläum der Stadt Chemnitz, Chemnitz 1893, S. XIII-XVI. - Quellenbuch zur Geschichte von Chemnitz im Mittelalter. Festgabe zur Fünfzigjahrfeier des Vereins für Chemnitzer Geschichte, hg. von Paul Uhle, Chemnitz 1922. - Res memorabiles urbis patriae perantiquae ac celebris Chemnicii, recensebunt par civium, praeses Johann Christian Leonhardt et respondens David Francke, Lipsiae 1709. - Richter, Johann Gottlob:Historische Nachricht von denen vornehmsten Denckwürdigkeiten der Stadt Chemnitz, besonders ihren vor nunmehr hundert Jahren erlittenen Drangsalen, Chemnitz 1734. - Sandner, Arthur: Das Benediktinerkloster und seine Kirche in Chemnitz, Dresden 1928. - Sarnowsky, Jürgen: Die Bibliothek des Klosters Chemnitz am Vorabend der Reformation. Ein Bücherverzeichnis von 1541, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 108 (1997) S. 321-378. - Schlesinger 1952. -Schlesinger 1-2, 1983. - Schuler, Thomas: Was uns das Kunstwerk nicht mehr erzählt. Die virtuelle Realität des Hauptportals der Chemnitzer Schloßkirche, in Mundus in imagine. Bildersprache und Lebenswelten im Mittelalter. Festgabe für Klaus Schreiner, hg. von Andrea Löther u. a., München 1996, S. 453-468. - Umständliche aus zuverläßigen Nachrichten zusammengetragene Chronica Der, an dem Fuße des Meißnischen Ertzgebürges ge- legenen, Churfürstl. Sächßl. Stadt Chemnitz, nebst beygefügten Urkunden durchAdam Daniel Richtern, 2 Tl.e, Zittau u. a. 1767.