Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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CAMBRAI C.3.

I.

Cameracum, Cameraco, C. - Stadt - »Hauptstadt« eines Fbm.s des Reichs und einer Diöz., die der Erzdiöz. von Reims unterstand - Hauptres. des évêque-comte von C. unter den drei bekannten Res.en wie dem an die Kathedrale angrenzenden Palast, dem Schloß von Cateau und der Burg von Malmaison (gelegen in Ors nahe C.) - Bischofsres., dann Res. des Ebsf.s vom Ende des 6. Jh.s bis in unsere Zeit. - F, Dep. Nord.

II.

Im 4. Jh. hat der Bf. anscheinend noch in Bavay, der alten Hauptstadt, residiert; danach wurde C., das ursprgl. auf dem rechten Ufer der Schelde gelegen war, ab dem 4. Jh. Zentrum der Verwaltung (civitas) und zur cathedra, dem Sitz des Bm.s, seit dem hl. Gaugericus (zw. 584/590 bis nach 624) in der ersten Hälfte des 6. Jh.s. Die Stadt C. wurde 881 von den Normannen geplündert und in Brand gesteckt. Dem Prälaten von C. gelang es nie - wie bspw. dem Fbf. von → Lüttich - ein tatsächlicher,gleichberechtigter Territorialfs. und Chef eines im Werden begriffenen, modernen Staatswesens (Marchandisse 1998) zu werden. Den territorialen Ansprüchen des Gf.en vom Hennegau, von dem einige Besitzungen als Enklave auf dem Gebiet von C. lagen, ausgesetzt, stand der Bf. sowohl von fläm. als auch von frz. Seite aus unter Druck. Außerdem war die ma. Geschichte von C. von Konflikten gekennzeichnet, die zuweilen gewalttätig waren, ohne jedoch jemals einen ähnl. Höhepunkt erreicht zu haben wie denjenigen der Cité ardente→ Lüttich. Einerseits gab es den Konflikt zw. dem Bf. und dem Domkapitel, das sich nach und nach eine Art Mitherrschaft über die Stadt zu verschaffen versuchte, andererseits zw. dem Prälaten und der Stadt. Der Bf. stand der kommunalen Bewegung immer feindl. gegenüber. Zw. 1077 und 1215 wurden den Bürgern von C. mind. viermal die Freiheiten verbrieft, die ihnen aber jedes Mal wieder entzogen wurden. Im Jahr 1227 gestand Bf. Godefroid de Fontaines (1220-37/38) den Bürgern von C. die »loi Godefroid« zu, deren Charakter im wesentl. lehnsherrl. Natur war. GewalttätigeVolksaufstände, die sich an den Steuern entzündet hatten, erschütterten noch 1313 die Stadt.

III.

Heute existieren keine Überreste des Bischofspalasts von C. mehr, ebenso wie von der alten Kathedrale Notre-Dame nicht der kleinste Stein mehr vorhanden ist; sie wurde während der Zeit der Revolution, zw. 1796 und 1809, völlig zerstört. Die Erbauung des Gebäudekomplexes des Doms, bestehend aus Kirche und Palast, hatte um 1150 auf dem rechten Ufer der Schelde ihren Anfang genommen. Der Dom wurde 1472 beendet. In der Neuzeit erhielt er den Beinamen »Wunderwerk der Niederlande«. Im Jahr 1804, nach dem napoleon. Konkordat, wurde die alte Abteikirche vonSaint-Sépulcre von Belmas als neuer ebfl. Sitz gewählt. Die ma. Quellen geben nur wenige Auskunft über den Bischofspalast. Im Jahr 1404 ließ Bf. Pierre d'Ailly in die Pforte, die den Zugang vom Palast zur Kathedrale öffnete, ein kleines, vergittertes, mit einem Schlüssel zu verschließendes Fenster einfügen, das es erlaubte, das Innere der Kirche zu überwachen. In der Neuzeit wurde der Bischofspalast mit einem Garten nach frz. Art verschönert.

Dubrulle, Henry: Cambrai à la fin du Moyen Age (XIIIe-XVIe siècles), Lille 1903. - Nys, Ludovic: La tombe de Pierre d'Ailly, cardinal et évêque de Cambrai (?-9 août 1420). Une œuvre à verser au catalogue du tailleur d'images et tombier tournaisien Jean Tuscap, in: Revue des archéologues et des historiens d'art de Louvain 26 (1993) S. 33-58. - Marchandisse 1998. - Platelle, Henri: Cambrai et leCambrésis au XVe siècle, in: Revue du Nord 58 (1976) S. 349-382. - Platelle, Henri/Clauzel, Denis: Des principautés à l'empire de Charles Quint (900-1519), Dünkirchen 1989 (Histoire des provinces françaises du Nord, 2), S. 23-24. - Thiebaut, Jacques: La cathédrale disparue de Cambrai et sa place dans l'évolution de l'architecture du nord de la France, 3 Bde., Thèse masch. Univ. Lille III 1975.