BRÜNN C.2. (Brno)
I.
Die ältesten Schreibweisen sind 1048 Brnen (Urkundenfälschung aus dem 12. Jh.) und 1048 Brinensi provincia (Urkundenfälschung aus dem 13. Jh). In der »Chronica Boemorum« des Prager Domdekans Kosmas sind erwähnt iuxta Brynen, Birnen, Byrno, Birnen, also Schreibweisen aus dem Anfang des 12. Jh.s. Der Ortsname wurde ursprüngl. in dem kelt. Eburodunum, dem ungar. berény, dem germ. brunno (dt. Brunnen)oder dem alttschech. brně (brnění bzw. obrněné místo) gesucht. - Als Res. der Teilfs.en aus dem Haus der Přemysliden diente schon im 11. Jh. eine Burg auf dem Petersberg. Um 1240 begann der Bau der Burg auf dem Spielberg in unmittelbarer Nähe der Stadt. Diese Burg war in den Jahren 1349-1411 die Hauptres. der mähr. Mgf.en aus dem Haus Luxemburg. - CZ, Südmähr. Kr.
II.
Der böhm. Fs. Oldřich (1020-34) und sein Sohn Břetislav schlossen das Territorium Mährens dem böhm.-přemyslid. Staat an. B. wurde in die Burgverwaltung fest eingegliedert. Die Burg auf dem Petersberg wurde ein Zentrum der landesherrl. Macht und auch Sitz des Teilfsm.s. B. ist keine neu angelegte Kolonistenstadt mit gleichmäßigem viereckigem Hauptplatz, sondern hat komplizierte topograph. Verhältnisse, die teils durch die ursprgl. Anlage, teils durch die natürl. Bodenzustände bestimmt wurden.
Die Konzentration der Verwaltungsämter war nicht ohne Einfluß auf die Besiedlung und Bevölkerung unter der Burg. Aus dem Dorf Brünn entwickelte sich auf dem Platz des heutigen »Staré Brno« (Alt Brünn) ein »Marktdorf« (villa forensis) mit slaw. Bevölkerung. Zwei weitere slaw. Dörfer entwickelten sich bei der Kirche des hl. Michael und in der heutigen Josefská-Straße. In B. betrieben auch Deutsche, Romanen und Juden Handel. Am Anfang des 13. Jh.s erfuhr die Konzentration der deutschsprachigen Bevölkerung zur Errichtung des Pfarrkirche des hl.Jakob (um 1220) einen Aufschwung. In der heutigen »ul. Běhounská« (platea Cursorum) waren romän. Bewohner mit der Kirche des hl. Nikolaus verbunden. Bis zum Jahr 1454 hatten die Juden von B. eine eigene Synagoge.
B. besaß im 14. Jh. im Innern der Stadt viele Plätze, die teilw. noch heute vorhanden sind. Der heutige »nám. Svobody« hieß »der untere Markt« (forum inferius), der Krautmarkt »der obere Markt« (forum exterius). Neben dem Krautmarkt lag auf dem Terrain des heutigen Kapuzinerplatzes der alte Kohlenmarkt (forum Carbonum), während der Dominikanerplatz den Namen »Fischmarkt« (forum Piscium) führte. Hinter dem alten Herburgenkl. an der Stadtmauer befand sich der Roßmarkt(forum antiquum Equorum). Die Stadt war umgeben von einer Stadtmauer und zählte fünf große Tore, näml. das Brünner-, das Juden-, das Menesenser-, das Renner- (bereits 1252 gen.) und das Fröhlichertor; zw. Menesenser- und Rennertor lag das Pförtlein. Verschiedene Gewerbe herrschten in bestimmten Stadtteilen und Straßen vor. Für die zweite Hälfte des 14. Jh.s läßt sich dies aber nur in letzten Spuren nachweisen. Die alte Ordnung der Siedler nach ihrem Gewerbe wurde gründl. durchbrochen. Das ganze Terrain der inneren Stadt zerfiel in vier Quartiere(Quartale): Quartale Brunnense, Letorum, Cursorum und Menesense. Der Residenzcharakter B.s wurde auch dadurch unterstrichen, daß innerhalb der Stadtmauern der Adel und Hofdiener lebten. Der Anteil der adeligen Liegenschaften in der inneren Stadt betrug in den Jahren 1387-89 fast 6% (30 von 505 Häusern).
In vier Quartiere war auch die äußere Stadt (extra civitatem) gegliedert. Das erste Quartier außerhalb der Stadtmauern hieß das »Brauer- oder Mälzviertel« (Quartale Braseatorum), das zweite »Unter den Lederern« (Inter Cerdones), das dritte »Auf dem Anger« (Super Anger) und das vierte »Vor dem Rennertor« (Ante portam Cursorum). Das sog. Brauerviertel war wohl seit dem Ende des 13. Jh.s stärker besiedelt und hatte festgelegte Straßenzüge. Die Flüsse Svratka undSvitava ermöglichten die Anlage von Mühlen, Brauhäusern und Schlachthäusern; hier lagen die Gemüse- und Obstgärten sowie die Äcker.
B. war mit kirchl. Institutionen reich ausgestattet, war aber nicht primär Zentrum kirchl. Ämter. Die unterhalb und außerhalb der B.er Mauern existierenden kirchl. Einrichtungen stellten für die Mgf.en keine Konkurenz dar. Die Pfarrkirche des hl. Petrus am Petersberg wurde 1296 zum Kollegiatkapitel erhoben, dem zunächst sechs Residenzkanoniker, von 1392 an neun und weitere elf unbepfründete Kanoniker angehörten. Die zweite Pfarrkirche und städt. Hauptkirche des hl. Jakob war dem Kl. der Zisterzienserinnen in Oslavany untergeordnet. Die Kirche war umgeben vom städt. Friedhof. Die drittePfarrkirche Aller Heiligen stand außerhalb der Mauern und war dem Kl. in Oslavany seit 1290 zugeordnet. Pfarrrechte besaß auch die Kirche zur hl. Brigitte (schon 1285 gen.) in der Mühlgasse.
Im Stadtareal befanden sich seit den Anfängen der Stadt neben kleineren kirchl. Einrichtungen auch drei Klosterniederlassungen, näml. diejenigen der Dominikaner bei St. Michael (ab ca. 1227-39), der Minoriten bei St. Johann (viell. seit 1230) und die Augustinerinnen im sog. Herburgenkl. (seit 1240). In nächster Nähe befanden sich auch die Benediktinerpropstei, »Komárov am Luh« gen., die den Benediktinern von Třebíč unterstand (möglicherw. schon kurz vor 1200), sowie spätestens ab 1209 das Prämonstratenserkl. Obrowitz. Diesen noch vorstädt. Ordensniederlassungen folgten im14. Jh. weitere. Die Gattin Johanns von Luxemburg, Elisabeth, gründete bereits 1312 einen Konvent der Dominikanerinnen bei St. Anna, die Königinwwe. Elisabeth Richenza, die zweite Gemahlin Wenzels II., dann → Rudolfs I., stiftete 1323 das Zisterzienserinnenkl. in Alt-B., ebenfalls dicht hinter der Mauer mit der Kirche Himmelfahrt der Mutter Gottes.
In der Zeit der mgfl.-luxemburg. Sekundogenitur kamen weitere kirchl. Stiftungen hinzu. Mgf. Johann führte i. J. 1350 die Augustiner-Eremiten ein, deren Kirche St. Thomas als letzte Ruhestätte für die mähr. Luxemburger gedacht war. Als eine Art frommer letzter Wille siedelte Mgf. Johann dann i. J. 1375 die Kartäuser in Königsfeld mit der Kirche der Hl. Dreifaltigkeit in unmittelbarer Stadtnähe an. Außerdem muß die Kapelle auf der Burg Spielberg erwähnt werden, die dem Patronatsrecht der Alt-B.er Augustinerinnen unterstand und in den fünfziger und sechziger Jahren einen sehrdynam. Verwalter namens Vojslav besaß. Auch existierten in B. weitere Kapellen, Pfarrkirchen und Spitäler. Auf dem unteren Markt stand ab ungefähr 1230 die Kapelle St. Nikolaus, welche im Jahr 1869 abgerissen wurde. An der Ecke Fischmarkt/Fröhlichergasse wurde von Kg. Wenzel II. die sog. »Königliche Kapelle« (des hl. Wenzels und der Gottesmutter) gestiftet, welche i. J. 1908 ebenfalls abgetragen worden ist.
Im ersten Viertel des 13. Jh.s entstand die »rechtliche« Stadt (1231 erste Erwähnung von cives). Vier B.er Siedlungen entstanden. Slaw. Dörfer bei der Burg auf dem Petersberg und in der heutigen »Josefská ul.«, ein Marktdorf mit Kolonisten (Deutschen, Flamen, Wallonen) und eine jüd. Siedlung wurden verbunden und die Befestigung der Stadt mit dem Bau der Stadtmauer wurde begonnen. Das Marktdorf in Alt-B. wurde ganz in den Hintergrund gedrängt. Die wirtschaftl., administrative und rechtl. Stellung der neuen Stadt B. hatte ihren Höhepunkt i. J. 1243 erreicht,als Kg. Wenzel I. erste Privilegien erteilte. Die Stadtgeschichte unter den mähr. Luxemburgern begann mit der 1350 erfolgten Bestätigung bisheriger Rechte und Privilegien durch Mgf. Johann. 1351 verlieh der Mgf. der durch die Pest entvölkerten Stadt ein Privileg, durch das allen neuen Ansiedler eine vierjährige Steuerbefreiung zugesichert wurde. 1353 verbot Mgf. Johann Adeligen und Geistlichen Erwerb und Besitz von B.er Bürgerhäusern. Im April 1357 verlängerte der Mgf. Johann das Mautprivileg und im Sept. 1357 erhielt die Stadt aus seiner Hand das Recht, einen 14tägigen Jahrmarkt abzuhalten.Mgf. → Jobst bestätigte der Stadt im April 1376 ihre bisherigen Rechte und Privilegien. 1377 verfügte → Jobst einen Erlaß der Judenschulden um ein Drittel, allerdings brachten die erlassenen Judenschulden der städt. Wirtschaft große Schwierigkeiten. Noch 1377 erlaubt der Mgf., daß B. bei dem Wiener Juden David Steuzz ein Anlehen von 1600 Pfund Wiener Pfennigen aufnehmen konnte. 1382 überließ → Jobst der Stadt das Patronat des Spitales zu St. Stephan mit allem Besitz und verlieh der Stadt 1393 das ausschließl. Recht zum Ausschank südl. Weine, desSchweidnitzer Bieres sowie österr. und ungar. Weine. Mgf. Jobst starb am 18. Jan. 1411 und mit ihm starb die mähr. Linie der Luxemburger aus, womit auch das Ende von B. als Residenzstadt markiert ist.
Die Bedeutung der Regierungen der beiden in B. residierenden Luxemburger Mgf. Johann und Mgf. → Jobst für die Stadt läßt sich schon aus der Zahl der Privilegien ablesen, die B. von ihnen erlangt hat (von Johann sind 19, von → Jobst neun Urk. überliefert). Die Stadt wiederum war den Mgf.en als Stadtherren verpflichtet. Drückend für die Stadt war die Verpflichtung, dem Mgf.en jederzeit Geld vorzustrecken; die gesamte städt. Finanzwirtschaft war durch dieses Verhältnis bedingt und beeinflußt.
Die Stadtvertretung, Richter und Geschworene, wurden anfängl. nach der Stadtrechtsurkunde von 1243 vom Stadtherrn ernannt. 1292 erlangte die Stadt das Recht, die Geschworenen und Räte (iurati seu consules) selbst zu wählen. An der Spitze des Rats und der Bürgerschaft erschien der »Stadtrichter«, der aber von Anbeginn an bis in das 14. Jh. vom Mgf.en ernannt worden ist. Erst Mgf. → Jobst erteilte am 15. Apr. 1376 das Recht, nach dem Tod des damaligen Stadtrichters Johannes Slemmenkittel (lebte noch 1389) die Stadtrichter frei zu wählen. B. galt auch alsOberhof für die meisten Städte und Dörfer Mittel- und Südmährens und noch über diese Grenzen hinaus. B. besaß seit 1348, bestätigt 1373 von Mgf.en Johann und i. J. 1377 durch Mgf. → Jobst, das Niederlags- und Straßenzwangsrecht in der Weise, daß die aus Österreich, Ungarn und Polen durch Mähren ziehenden Kaufleute B. passieren und hier ihre Waren zuerst zum Verkauf auflegen mußten. B. besaß auch Zoll- und Mauteinkünfte, das sog. Ungelt, das hauptsächl. zur Erhaltung der Straßen, Wege, Brücken und der Stadtmauern diente.
III.
Der Bau einer Burg auf einem Berg in unmittelbarer Nähe zur Stadt wurde nach archäolog. Befunden schon um 1240 begonnen. Dieser Bau ist dann aber erst nach 1260 durch Kg. Přemysl Ottokar II. († 1278) fortgesetzt worden und muß zum Tode des Kg.s bereits abgeschlossen gewesen sein. Die Burg hatte damals aus einem großen viereckigen Wohnturm in der Mitte des heutigen Osttraktes, einem Palast mit Burgkapelle und einem Eintrittsturm bestanden. Aus dem Zeitalter der Gotik stammen auch die Bauten, die die Burgmauer umgaben. Über die Bautätigkeit, dieauch unter den luxemburg. Mgf.en fortgesetzt wurden, wissen wir nur sehr wenig und können dieser Periode auch keine konkrete Baustruktur zurechnen. Angebl. aus luxemburg. Zeit stammen der Eckturm und die Gebäude des südl. Palastflügels.
Schon Mgf. Johann Heinrich hatte seine eigenen architectores. Der murator Sdenko dictus Ostrzyn und der carpentarius Philipp, die für alle mgfl. Bauten zuständig waren, sind i. J. 1369 beim Neubau der mgfl. Burg Nový hrad (Ronov) bei Blansko bezeugt. Später ist in → Jobsts Diensten ein Mitglied der berühmten Baumeisterfamilie Parler, Heinrich Parler aus Gmünd, belegt (so in den Jahren 1381-87 als magister structurarum nostrarum). Im Juli 1381 hat Jobst Meister Heinrich an seinen Hofgenommen und ihm auch ein Wochengeld in der Höhe von 1/2 Mark Groschen angewiesen. Parler wird die Pieta aus dem Augustiner-Eremitenkl. zugeschrieben. Über tatsächl. Bautätigkeiten sowohl Parlers als auch anderer Baumeister haben wir keine Überlieferung. Daß → Jobsts Res. repräsentativ ausgestaltet war, geht indirekt aus einer ganz entlegenen Nachricht hervor. Es ist das Rechnungsbuch Heinrichs von Derby, der bei seiner Preußenfahrt i. J. 1392 im Okt. auch durch B. zog, dort zweifellos von → Jobst empfangen wurde und von seinem Herold sein Wappen ausmalen ließ. Über dieEinrichtung der Burg, ihre Größe und Gestalt enthalten die Quellen keinerlei Nachrichten. Wir wissen, daß der Spielberg im 14. Jh. teilw. mit Weingärten bepflanzt war. Eine erste Abb. der Burg auf dem Spielberg erscheint erst auf alten Veduten aus dem Anfang des 17. Jh.s, wo die aus der Zeit der Renaissance stammende Gestalt erfaßt wird. In der zweiten Hälfte des 17. Jh.s wurde die Burg im Barockstil umgebaut und befestigt, damals wurden auch die got. Fenster vermauert. Um die Mitte des 18. Jh.s erfolgte die Umgestaltung in eine milit. Zitadelle mit Gefängnis.
Quellen
Chronik der Böhmen, 1923. - CDEM VI-XV, 1854-1903. - Landtafel des Markgrafenthumes Mähren, 1856. - Mendl, Bedřich: Knihy počtů města Brna z let 1343-1365, Brünn 1935.
Literatur
Baletka 1996. - Bretholz 1911. - Dřímal, Jaroslav: Dějiny města Brna, Bd. 1, Brünn 1969. - Hlaváček 1991. - Kuča, Karel: Brno - vývoj města, předměstí a připojených vesnic, Prag u. a. 2000. - Mezník, Jaroslav: Brněnský patriciát a boje o vládu města ve 14. a 15. století, in: Brno v minulosti a dnes 4 (1962) S. 249-349. -Plaček, Miroslav: Hrady a zámky na Moravě a ve Slezsku, Prag 1996, S. 331-333. - Vičar, Oldřich: Místopis Brna v polovici 14. století, in: Brno v minulosti a dnes 7 (1965) S. 242-283, 8 (1966) S. 226-273. - Wolný, Gregor: Kirchliche Topographie von Mähren, 2. Abt.: Brünner Diöcese, Bd. 1, Brünn 1856.