BRESLAU C.3. (Wrocław)
I.
Erste Nennung bei Thietmar von Merseburg ca. 1000: Iohannes Wrotizlaensis. 1133 Vuartizlau, 1175 Wrezlawe, 1193 Vratizlauia, 1201 Wrezelau, 1334 Breslau, lat. Wratislavia. Der Name geht auf den vermutl. Stadtgründer Hzg. Vratislav I. von Böhmen (894-921) zurück.
1017 civitas, 1138 Res. des ducatus Slesiae. 1229 indirekter Beleg einer Gemeinde nach dt. Recht. 1242 vermutl. Neugründung nach dt. Recht. 1261 Magdeburger Stadtrecht nachweislich. - PL, Wojewodschaft Dolnośląskie.
II.
Innerhalb einer von der Oder und ihren Nebenflüssen umgrenzten Kulturlandschaft bildet B. den Mittelpunkt des Landes. Der Ort liegt zentral in einem Gebiet fruchtbarer Lößböden und war seit frühgeschichtl. Zeit unbewaldet und agrar. genutzt. Zudem war B. der Schnittpunkt alter Handelswege mit einem von Flußinseln begünstigten Oderübergang. So entwickelte sich B. in dreifacher Hinsicht zum Zentrum → Schlesiens. Es wurde landesherrl. Res., Sitz eines Bm.s und städt. Metropole. Alle drei polit. Kräfte entwickelten eigene Herrschaftsstrukturen miteigenen Verwaltungs- und Herrschaftsbauten sowie einer zwar miteinander korrespondierenden, aber eigenständigen geschichtl. Entwicklung. Die Versuche des Bf.s, seine Herrschaft auf die Stadt und das Fsm. B. auszudehnen, scheiterten 1397 am Widerspruch des böhm. Kg.s und Ks.s → Karl IV. Hierin lag einer der Gründe, daß die Bf.e den Ausbau ihrer Hausmacht auf das Fsm. Neisse (→ Schlesien) verlagerten und hier eine zusätzl. Res. errichteten, die in der Frühen Neuzeit zur bevorzugten Res. des Bf.s wurde. B. behielt aber nominell immer den Vorrang vor Neisse.
Das Land beiderseits der mittleren und oberen Oder wurde im 10. Jh. christianisiert. Eine dauerhafte kirchl. Ordnung erhielt es mit der Errichtung des Ebm.s Gnesen i. J. 1000, bei der neben dem Bm. B. auch die Bm.er Kolberg und Krakau als Suffraganbm.er von Gnesen begr. wurden. Die Grenzen des Bm.s B. entsprachen weitgehend den Grenzen des polit. Territoriums → Schlesien i. J. 1150.
Die frühma. Anfänge einer bfl. Res. des späteren Bm.s B. werden mit den Orten Schmograu und Ritschen in Niederschlesien in Verbindung gebracht. Die Überlieferung dafür ist zwar unsicher, aber nicht auszuschließen. Die Ende des 14. Jh.s entstandene »Chronica principum Poloniae« des Brieger Kanonikers Peter von Pitschen schreibt, B. sei nach den beiden genannten Orten erst an dritter Stelle zum Sitz der schles. Kirche geworden.
III.
Die urkundl. und archäolog. faßbare Geschichte der bfl. Res. → Schlesiens liegt aber in B., und zwar auf einer der Oderinseln neben der auf dem linken Oderufer sich entwickelnden Stadt B. Auf dieser Oderinsel befand sich die ältere der beiden B.er Herzogsburgen. Ihr Burgbereich beschränkte sich auf die westl. Hälfte der Insel, die unbefestigte östl. Hälfte unterstand gleichfalls hzgl. Jurisdiktion. Gleichwohl entstand hier der erste Dom mit seinen Kurienhäusern und der bfl. Res. Die Zerstörung B.s 1241 und die anhaltende Bedrohung veranlaßten Hzg.Heinrich III. um 1250 zum Ausbau seiner Burgbefestigung, wozu auch kirchl. Grundstücke herangezogen wurden. Als Ausgleich kam es 1257 zur Schenkung der östl. Hälfte der Burginsel an die Domkirche. Erst damit ging diese Hälfte der Insel in die Verfügung und Immunität des Bf.s über.
Mit der Aufgabe der hzgl. Burg ab dem Jahr 1290 (letzte Ausfertigung einer Urk. hier 1311) und der Schenkung der Burg an das Hl.-Kreuz-Stift 1349 war die ganze Insel in geistl. Hand. Als eigenständiges kirchl. Territorium war die Insel erst um 1400 anerkannt. Seitdem wurde für sie der Name »Dominsel« übl., der bis heute (poln. Ostrów Tumski) gültig ist.
Auf der späteren Dominsel gab es mehrere, zum Teil aufeinander folgende Kapellenbauten innerhalb und außerhalb der hzgl. Burg. Die in der Forschung zu findende Ansicht, der Bf. habe i. J. 1155 im Burgbezirk residiert und die ältere Martinskapelle könne als »Prokathedrale« (Sabisch 1941) des Bm.s angesehen werden, wird dadurch zweifelhaft, daß diese Martinskapelle bereits 1149 der Benediktinerabtei St. Vinzenz auf dem B.er Elbing geschenkt worden war.
Als Ergebnis der nach 1945 erfolgten Domgrabungen muß hingegen festgehalten werden, daß der von Bf. Walther (reg. 1149-69) auf der östl. Hälfte der Burginsel errichtete roman. Dom bereits die dritte Kirche an dieser Stelle war. Womögl. befand sich die bfl. Res. sehr früh schon hier. Vermutl. zur Zeit Bf. Walters (1149-69), genauer seit 1163, befand sich der Sitz des Bf.s in unmittelbarer Nachbarschaft des neuen Domes, und zwar an eben jener Stelle, an der sich bis heute die Res. des Bf.s befindet.
Diese curia lag am Ende der auf das Westportal des Domes zuführenden Domstraße (heute ulica Katedralna), und zwar rechts neben dem südwestl. Domturm. Der heutige Bau der bfl. Res. bewahrt in seinen Mauern Reste der ma. Anlage. Aus ältester Bauzeit stammt eine nach 1945 aufgefundene roman. Säule. Die außerdem aufgefundenen Gewölbeschlußsteine aus dem 15. Jh. befinden sich im B.er Nationalmuseum.
Die erste Res. bestand aus einem rechteckigen, einstöckigen Gebäude, dessen Schmalseite auf das Westportal des Domes orientiert war. Das Haus wurde im 15. Jh. um ein Stockwerk erhöht und erhielt Ende des 16. Jh.s einen hohen Renaissanceziergiebel. Die Erweiterung der Anlage zum »Bischofshof« hatte im 14. Jh. durch den südl. Anbau zweier Säle begonnen. Zum Komplex gehörte von Anfang an eine bes. Kapelle, deren Lage ungesichert ist. Unter Bf. Johannes IV. Roth (1482-1506) erfolgte ein umfangr. Ausbau und Neubau, zu dem v. a. der Nordflügel an der heutigen Domstraße (ulica Katedralna)gehörte. Es entstand ein Geviert von Repräsentations-, Wirtschafts- und Personalräumen um einen geräumigen Innenhof. Bf. Roth gab ihm einen einheitl. Renaissancecharakter: Die Außenfassaden im N und O wurden mit Fresken und Sgraffiti versehen und gaben dem Ganzen ein südländ. Gepräge. Die Fresken zeigten Ereignisse der schles. Geschichte und Bildnisse berühmter Männer. Von diesem Bischofshof spannte sich ein hoher Schwibbogen zum schräg gegenüberliegenden südwestl. Domturm hinüber. Er war begehbar und gestattete dem Bf. den ungehinderten Zugang zum zweiten Geschoß des südwestl. Domturms. AllerWahrscheinlichkeit nach gab es einen solchen Übergang bereits zur Zeit des Bf.s Jodokus von Rosenberg (1456-67). Denn der unter Bf. Jodokus 1464 erfolgte Ausbau des zweiten Turmgeschosses zur Kapelle und seine Einbeziehung in den Komplex der bfl. Res., setzt einen direkten Zugang voraus. Unter Bf. Andreas Jerin (1585-96) erhielt die Turmkapelle des Domes eine Ausstattung mit Altar, Figurenschmuck und Wandmalereien und den Namen Andreaskapelle. Von dieser Kapelle führten Treppen und Zugänge in den übrigen Dom.
Die früheste Beschreibung des Bischofshofes lieferte der Chronist Barthel Stein (um 1477-um 1522) in seiner 1512/13 entstandenen Beschreibung → Schlesiens und B.s. Er beschrieb den Bischofshof als ein von hohen Gebäuden umgebenes ausgedehntes Geviert. Die Wohn- und Repräsentationsräume des Bf.s lagen danach auf seiner Ostseite. Die Wände waren im Inneren farbig ausgemalt. Die übrigen Gebäude waren für das Gesinde und die Stallungen bestimmt. Einige alte Abbildungen verdeutl. die Beschreibung: Der erwähnte Schwibbogen ist deutl. im perspektiv. Stadtplan des Bartholomäus Weihnervon 1562 zu erkennen. Ebenso zeigt ein Kupferstich von Friedrich Bernhard Werner (1759) Dom, Schwibbogen und Bischofshof. Man erkennt den erwähnten schmalen Baukörper mit seinem hohen Renaissancegiebel an der dem Dom zugewandten Seite sowie den Bautrakt entlang der Domstraße aus der Zeit Johannes Roths mit einem got. Kapellenerker.
Im 17. Jh. veranlaßte Bf. Friedrich von Hessen (1671-82) den weiteren Ausbau. Der Südflügel wurde in westl. Richtung erweitert. Der Architekt Giacomo Scianzi errichtete 1680 zw. Bischofshof und Oder eine Pferdemanege. Hinter dem Bischofshof zogen sich Gärten bis zur Oder hin. Zwei große Brände der Dominsel haben im 18. Jh. den Untergang des alten Bischofshofes herbeigeführt. Der Brand von 1759 betraf das Viertel um die Res., mit der Folge, daß der Verbindungsbogen zw. Bischofshof und Dom 1760 abgebrochen werden mußte und nicht mehr ersetzt wurde. 1791 wurde der Bischofshof endgültigzerstört und bald durch einen Neubau ersetzt. Die neue Res. von 1802 wurde ein Palais im Stile des Architekten Langhans.
Quellen
Acta capituli Wratislaviensis. - Beschreibung von Schlesien, 1902. - Schlesisches Urkundenbuch, 1, 1971.
Literatur
Art. »Breslau«, in: Schlesisches Städtebuch, 1995, S. 17-48. - Burgemeister, Ludwig: Die Kunstdenkmäler der Stadt Breslau, 1. Tl., Breslau 1930 (Die Kunstdenkmäler der Provinz Niederschlesien, 1,1). - Engelbert, Kurt/Eistert, Karl: Überblick über die räumliche Entwicklung der Stadt Breslau im Mittelalter, in: ASKG 16 (1958) S. 1-38. - Sabisch, Alfred: Breslauer Dominsel und Stadtbefestigung im 16. Jahrhundert, in: ASKG 6 (1941) S. 187-206. -Sabisch, Alfred: Die Urkunde vom 25. Oktober 1257 (Schles. Reg. 985) und ihre Bedeutung für die Topographie der Breslauer Dominsel bis zum Jahre 1810, in: ASKG 24 (1966) S. 67-99 [mit informativen Bildern]. - Sabisch, Alfred: Die Brandkatastrophe auf der Breslauer Dominsel am 9. Juni 1759 und ihre Folgen für die bis 1945 geltende räumliche Gestaltung. Ein Beitrag zur Topographie der Breslauer Dominsel seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, in: ASKG 26 (1968) S. 191-209. - Sabisch, Alfred: Zur Topographie derBreslauer Dominsel im 16. Jahrhundert, in: Beiträge zur schlesischen Kirchengeschichte. Gedenkschrift für Kurt Engelbert, hg. von Bernhard Stasiewski, Köln 1969, S. 275-293. - Weczerka 1995. - Zerelik, Roscislaw: Kancelaria biskupów wroclawskich do 1301 roku, Breslau 1991 (Historia, 92). - Zimmermann, Gerhard: Das Breslauer Domkapitel im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation (1500-1600), Weimar 1938 (Historisch-diplomatische Forschungen).