Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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BERCHTESGADEN C.4.1.

I.

Erstbeleg 1102/05 Berthercatmen, 1121 Perehtgeresgaden, 12. Jh. Per(h)thersgadem, Berhtersgadem, 1461 erstmals Berchtesgaden. B. ist ein german. Ortsname (festes Haus, das von einem Perchtger errichtet wurde). Markt am Südausläufer des Untersberges, in einem von der Bischofswiesner und Ramsauer Ache und dem Achen gebildeten Halbkreis. Fürstpropstei B.; Fürstpropst von B. Res. des Fürstpropstes von B. bis 1803. - D, Bayern, Kr. BerchtesgadenerLand.

II.

B., Hauptort des Stiftslandes des Fürstpropstes von B., ist das verkehrsmäßige Zentrum des ihn versorgenden und von ihm versorgten Landschaftsraumes und vereinigt in sich alle wichtigen Haupttäler, Wasserläufe und Verkehrsadern. Natürl. Schutz boten die Ausläufer des Untersberges, der Lockstein und der Kälberstein.

B. hatte als Res. des Fürstpropstes, des geistl. und weltl. Herren des B.er Landes, zentralörtl. Funktion. Es war Sitz des Landesherrn und seines Hofes, der Landesregierung, Verwaltungsmittelpunkt und Gerichtssitz des Landgerichtes für das gesamte B.er Land sowie der Appellationsinstanz. B. war Sitz einer Pfarre und seit der Errichtung eines eigenen B.er Archidiakonatssprengels im 15. Jh. Sitz des Archidiakons sowie ab dem 17. Jh. des geistl. Gerichts (Konsistoriums).

Im Markt B. befand sich das 1102 gestiftete Augustiner-Chorherrenkl. mit der Stiftskirche St. Peter und Johannes der Täufer (zugl. Grablege der Fürstpröpste), ein Kl. der Augustiner-Chorfrauen mit der Kirche Unser Lieben Frau am Anger (aufgehoben Mitte des 16. Jh.s, später Franziskanerkl.) und die Pfarrkirche St. Andreas (seit dem 12. Jh.).

Das Gebiet von B. ist seit der zweiten Hälfte des 10. Jh.s besiedelt. 1102/05 wurde die dörfl. Siedlung (villa) dem Kl. B. übergeben, das um 1130/40 auch das Seelsorgerecht über seine Eigenleute erhielt.

Aufgrund der dürftigen Quellenlage entzieht sich die Frühgeschichte des Marktes B. unserer Kenntnis. Es sind weder Markterhebungsprivileg noch Marktrechtsverleihung belegt. Die Entwicklung zum Markt erfolgte allmähl., wirtschaftl. Gründe waren dafür bestimmend: Als Klostermarkt diente B. vornehml. als Nahversorger des Stiftes und der in dessen Umkreis tätigen Personen, die Marktabhaltung (bestimmte Tage für die Abhaltung sind erst für das 17. Jh. belegt) war eher Begleiterscheinung.

Erst im 14. Jh. sind der Markt (1328 in foro) und seine Bürger (erstmals 1392) terminolog. faßbar. Markturbare gibt es ab 1542. Von 1567 dat. die älteste Marktordnung mit wirtschafts- und marktpolit. Vorschriften (weitere Markt- und Bürgerordnungen von 1618, 1691 und 1765).

Die Marktbewohner waren der Leibeigenschaft unterworfen und hatten nur geringfügige marktbürgerl. Freiheiten und eine sehr beschränkte Selbstverwaltung (kein eigenes Marktgericht, keine Magistratsverfassung, kein Siegelrecht und auch keine landständ. Vertretung). Bürgerl. Gerichtsbeisitzer sind ab dem 14. Jh., Räte an der Wende zum 16. Jh. und die beiden Bürgermeister, denen ausgeprägte Ordnungsaufgaben zukamen, erstmals 1541 bezeugt. Die Bürgermeister wurden unter Aufsicht fsl. Beamter und Räte von der Bürgerschaft gewählt und bedurften der Bestätigung durch die Regierung. Sie standenzumeist in bes. Nahverhältnis zum Landesherrn und waren begüterte Holzwarenhändler.

Die starke Beschränkung der Selbstverwaltung wurzelte nicht nur in der stetigen Präsenz des Marktherrn. Auch in der Zeit der wittelsbach. Administration (1594-1723), als der Fürstpropst fernab im Rheinland residierte, gelang keine Ausweitung der marktbürgerl. Freiheiten und Rechte. Die B.er Bürgerschaft war an den Unruhen der 1630er Jahre wg. Steuern und Kriegshilfen im Dreißigjährigen Krieg maßgebend beteiligt.

III.

Die Siedlungsgeschichte B.s. läßt erkennen, daß sich in der frühen Neuzeit verstärkt ein geistl. Bezirk und ein bürgerl. Markt als zwei von einander getrennte Bereiche entwickelt haben und sich der Bürgersiedlung (der älteste Kern lag im Bereich des oberen Marktplatzes) durch den ausgreifenden Komplex des geistl. Zentrums nur beschränkte Expansionsmöglichkeiten boten.

Den dominierenden Bereich des Klostermarktes B. stellt der Komplex von Stift und Res. dar. Dieser war, auf der nach O abfallenden Hochfläche des Priestersteins errichtet und im S durch den sog. »Kupplergaben« umgeben, auf zweifache Weise natürl. geschützt. Den Kern der Anlage bilden die Stiftskirche und die im S anschließenden hochma. Kreuzgangtrakte (um 1200). An diesem Kreuzgang lagen im Erdgeschoß Räume für die Vita communis der Chorherren und gegen W ein Vorratskeller, über dem - von außen her zugängl. - schon im MA der Propst seine Wohnung außerhalb derKlausur hatte (»Propstei«). Die Nutzung bedeutender erhaltener Baudenkmäler, wie der prunkvollen großen got. Halle im Osttrakt über dem Kapitelsaal (Repräsentationsraum, Remter?) sind umstritten.

1458 wurden westl. des Kl.s als lose Zweckbauten der Getreidekasten (mit Stallungen im Untergeschoß) und das Kassierhaus (sogen. »Hofbau«) errichtet und durch eine Schildmauer verbunden. Durch diese Befestigungsanlagen entwickelte sich die Klosteranlage bereits im 15. Jh. auch zur Burg des Propstes.

Unter Propst Balthasar Hirschauer (1495-1508) wurde ein eigener Bibliotheksbau im SO des Kl.s errichtet. Die bedeutende Stiftsbibliothek umfaßte nachmals 10 000 Bände. 127 Inkunabeln und 370 Frühdrucke (darunter auch Fecht- und Ringerbücher) haben sich in → Salzburg erhalten. 1503 werden ausdrückl. die Martinskapelle im Kapitel sowie die St. Blasius-Kapelle und die Maria Magdalenen-Kapelle »zu Hofe«, also im Bereich der Hofhaltung des Propstes erwähnt. Aus der Zeit seines Nachfolger, Propst Gregor Rainers (1508-22), stammen zwei bedeutende Säle im Übergangsstil von Gotik undRenaissance im ersten Obergeschoß des Südflügels der Klosteranlage.

Im 16. Jh. erfolgte die adelsbewußte Renaissancegestaltung der Anlage, der Umbau zur Res. eines reichsunmittelbaren Fs.en. Zw. 1532 und 1548 wurde der Westseite der Stiftsgebäude ein fünfachsiger Neubau, die sogen. Propstei, vorgebaut. Im Inneren hat sich aus dieser Zeit das Fletz der Propstwohnung mit einer Renaissancesäule, einer Holzkassettendecke und einem Konsolenfries sowie der Kamin (um 1540) erhalten.

Getreidekasten und Kassierhaus wurden 1541/67 mit einem Arkadengang versehen. Durch diese »Schloßarkaden« und verschließbare Tore erhielt die Gesamtanlage eine geschlossene architekton. Wirkung und das Stift war von der Bürgersiedlung deutl. abgeschirmt.

Im rechten Winkel zur neuen Propstei wurde der Kanzleibau und gegen den Markt die Stiftstaverne Neuhaus (1576) geschaffen. Der spätere Südausbau zu einer zweiflügeligen Schloßanlage machte aus dem ma. Kl. endgültig eine Doppelres. für den Fürstprobst und sein Stiftskapitel, die damals noch in gemeinsamem Haushalt lebenden adeligen Kanoniker. Auch in den folgenden beiden Jh.en wurden die Stiftsgebäude weiter ausgebaut und spätbarock ausgestattet. Die Stuckierung der schloßplatzseitigen Fassaden von Propstei und Chorherrenstock um 1725 schuf eine festl. Schauseite (mit röm. Imperatorenköpfenals Herrschaftssymbolen). Ab 1818 diente »das Schloß« dem bayer. Königshaus als Sommerquartier.

Ein Wildgehege (Tiergarten) unterhalb der Propstei ist bereits 1499/1521 belegt. Vermutl. in der ersten Hälfte des 16. Jh.s wurde der ummauerte stift. Hofgarten angelegt, der mit dem Propsteigebäude durch eine gedeckte Brücke über den Klosterbach verbunden war (Hofgartenhaus 1570). Mitte des 17. Jh.s ist eine gepflegte barocke Gartenanlage nach frz. Vorbild mit dem Hofgartenhaus im Stil eines Pavillons belegt.

Gäste des Propstes wurden in der Stiftstaverne »Leithaus« (seit 1328) und später in der 1576 neu errichteten Taverne »Neuhaus« beherbergt. Des weiteren gab es in B. stiftseigene Meiereien, eine Mühle und eine Hofbäckerei und das 1645 errichtete stiftseigene Bräuhaus.

Im näheren Bereich des Stiftes, im Nonntal und am Weinfeld wurden zudem bürgerl. Anwesen für Stiftszwecke gekauft und Beamten und Bediensteten der Propstei zur Verfügung gestellt. Der Stiftskanzler bewohnte das Kanzlerhaus gegenüber der Pfarrkirche St. Andreas, der Sekretär bewohnte ein Haus im Nonntal, der Landrichter am Weinfeld, es gab ein Gerichtsschreiberhaus, das Mundkochhaus, das Hofbinderhaus im Nonntal, ein Hofschafferhaus und jenes des Hofmetzgers sowie das Hofmusikerhaus am Doktorberg.

Der Umkreis von Markt und Stift war neben dem Hofbeamtentum vom Handel dominiert. Das zentrale Marktviertel war von Verleger- und Wirtsfamilien geprägt, die anderen Gewerbe waren gleichmäßig verteilt und im 17. Jh. - als die Bebauung des Marktes zum Abschluß kam - unterschied sich der Charakter B.s hinsichtl. seiner kleingewerbl. Struktur ledigl. durch jene Bewohner, die als Holzhandwerker und im Salzvertrieb tätig waren, von jenen anderer Märkte.

Im Zuge ausgeprägter Hofhaltung und verstärktem Ausbau des Beamtenapparates stieg bis zum Ende des 18. Jh.s die Zahl der Bediensteten im Umkreis des Stiftes außerordentl. an. 1793 waren bereits 35 Hofbedienstete Hausbesitzer im Markt. Die Ausweitung ihrer Tätigkeitsfelder (vom Hofkutscher über Hofgärtner und Friseur) sind ebenso Zeichen für den zunehmenden Luxus am fürstpröpstl. Hof, wie die Errichtung von Gartenpavillons, Lustschlössern und Sommersitzen der Fürstpröpste (Belvedere am Priesterstein, Balbierstöckl 1733, Fürstenstein 1759, Lustheim 1778), Sonderbauten des Stiftsdekans (SchloßAdelsheim 1614, barokker Gartenpavillon, später Rehbachstöckchen, 1721) und von eigenen Häusern und Gärten der adeligen Kapitulare rings um den Priesterstein.

Quellen

Marktarchiv B. - HSA München: Fürstpropstei B., Klosterliteralien B., Klosterurk.n B.

Geschichte von Berchtesgaden, 1-3,2, 1991-2002. - Brugger, Walter: Die bildende Kunst, in: Geschichte von Berchtesgaden, 1, 1991, S. 1035-1102. - Hahnl, Adolf: Die Architektur, in: Geschichte von Berchtesgaden, 2,2, 1992, S. 1201-80. - Hederer, Kerstin: Die Entwicklung der Märkte Berchtesgaden und Schellenberg, in: Geschichte von Berchtesgaden, 2,2, 1992, S. 701-898. - Helm, A.: Das Berchtesgadener Land im Wandel der Zeit, Berchtesgaden 1929 (Archiv desBerchtesgadener Landes, 2) (ND 1973/74). - Kreisel, Heinrich: Schloß Berchtesgaden, 8. Aufl., München 1988. - Tausendpfund, Alfred: die Entwicklung der Märkte Berchetsgaden und Schellenberg, in: Geschichte von Berchtesgaden, 1, 1991, S: 691-736.