BACHARACH C.2.
I.
1019 in Bachercho, vom 11. bis 13. Jh. verschiedene Schreibweisen, bis ins 17. Jh. Wechsel zw. Bacherach und Bacharach, das sich durchsetzte. Der Ortsname ist aufgrund der Endung (-ach aus -acum) wahrscheinl. kelt. Ursprungs. Im 12. Jh. als villa, seit der Mitte des 13. Jh.s als civitas, oppidum bzw. mhd. als tal, seit Ende des 14. Jh.s als stat bezeichnet.
Am linken Ufer des Mittelrheins gelegener früher Zentralort der entstehenden → Pfgft. bei Rhein. Die von Wagner vertretene These, B. sei mit der zugehörigen Höhenburg Stahleck zw. 1156 und 1214 als erste »Res.« der Pfgf.en zu betrachten, wird heute zurückgewiesen, da die Bezeichnung für den fragl. Zeitraum in der Pfgft. trotz der Funktion B.s als »Machtzentrum« anachronist. sei (Becker 1974/75). Nach dem Übergang an → Wittelsbach (1214) verhinderte v. a. die starke Position des → Kölner Ebf.s einen Aufstieg B.s zurRes. Als sich schließl. in der Pfgft. während des 14. Jh.s der Übergang von der Reise- zur Residenzherrschaft vollzog, war B. aufgrund der Trierer Pfandschaft dem Zugriff der Pfgf.en bis 1354 zunächst weitgehend entzogen, und so sind im Teilungsplan von 1338 nur noch → Heidelberg, → Neustadt und → Alzey als Zentralorte der Pfalz vorgesehen. Die erst mit der Einführung der Ratsverfassung von 1356 durchgesetzte Landesherrschaft konnte die Entwicklung → Heidelbergs zur Res. der Pfgf.en nicht mehr beeinflussen, auch wenn die günstige Verkehrslage B.sden Ort bes. während des 14. Jh.s immer wieder zum Schauplatz bedeutender polit. Versammlungen werden ließ. - D, Rheinland-Pfalz, Reg.bez. Rheinhessen-Pfalz, Landkr. Mainz-Bingen.
II.
B. befindet sich auf 75 m ü. d. M. im engen Durchbruchstal des oberen Mittelrheins auf einem Niederterrassensaum des linken Rheinufers, dessen Siedlungsfläche durch den Schuttkegel des hier aus einem Seitental mündenden Münzbachs verbreitert wurde und die durch steile, zur Hauptuferterrasse ansteigende Wände begrenzt ist. Auf einem Mittelterrassensporn ist in 100 m ü. d. M. die Burg Stahleck gelegen. B. war bereits in röm. Zeit durch die Lage an einer Verbindungsstraße Bingen-Koblenz auf dem Landwege begünstigt. Zwei rheinaufwärts folgendeSchiffahrtshindernisse blockierten den ma. Flußverkehr für größere Schiffe und ließen B. zu einem wichtigen Umschlagplatz für hier umzuladende Waren werden.
Das wohl kontinuierl. besiedelte B. stellte während des FrühMA den Hauptort eines eigenen mittelrhein. Fiskalbezirks dar, der dem Ebm. → Köln wohl im 7. Jh. übertragen wurde. Wirtschaftl. Grundlage B.s waren neben Wein- und Holzhandel Ackerbau, Tuchweberei und Schieferbergbau. Der in B. umgeschlagene Wein führte zu intensiver Teilnahme B.s am rhein. Fernhandel. Ein bereits früher existierender Weinmarkt wird 1310 erwähnt, ein Wochenmarkt und ein jährl. Weinmarkt bestanden nachweisl. seit 1403. Die in der Erzdiöz. → Trier gelegene Pfarrei B. umfaßte den gesamtenViertälerbezirk (B., Manubach, Diebach und Steeg). Das Präsentationsrecht lag beim Kölner Andreasstift, dem die Pfarrei 1094 und 1119 inkorporiert worden war, doch sicherte sich Pfgf. Ludwig III. 1418 die Zustimmungspflicht.
In den ersten schriftl. Zeugnissen um 1000 erscheint der → Kölner Ebf. als Grund- und Gerichtsherr. Als Sitz der Vogtei wird seit 1135 die Burg Stahleck erwähnt. 1156 übertrug Friedrich I. die Pfgft. mitsamt der Vogtei über B. Konrad von Hohenstaufen und schuf eine wesentl. territoriale Grundlage der rhein. Pfgft. und neben → Alzey und → Heidelberg einen der Mittelpunkte des entstehenden Territoriums. Nach einer kurzen welf. Phase (1195-1214) gelangte die Pfgft. an das Haus → Wittelsbach, wo sie bis 1803 verblieb. Der → Kölner Ebf.mußte die pfgfl. Landesherrschaft über B. fakt. anerkennen, als er 1243 dem Pfgf.en den Besitz der Burg Stahleck bestätigte und ihm zusammen mit Stahlberg über Steeg die Burg Fürstenberg über Rheindiebach zu Lehen gab. Trier. Einfluß über eine Pfandschaft (1314-54) blieb trotz Bestellung eigener Amtleute durch Ebf. Balduin Episode. 1356 führte die Einsetzung eines Rates für die Viertälersamtgemeinde durch den Landesherrn mit Ritterrat (zwölf pfgfl. Burgmannen und Ministerialen) und Bürgerrat (zwölf Patrizier der Viertäler) für den → Kölner Ebf. zum Verlust der gesamten niederen undfreiwilligen Gerichtsbarkeit und zur endgültigen Verdrängung aus der Stadtherrschaft. B. wurde durch einen landesherrl. Beamten (advocatus, officialis, im 14. Jh. Bgf., später Amtmann) verwaltet. Der Bgf. nahm vogteil. und administrative Aufgaben des gesamten Viertälerbezirks (seit dem 15. Jh. Oberamt B.) und des 1277 hinzugekommenen einträgl. Kauber Zolls einschließl. der Oberaufsicht über die Bgf.en von Fürstenberg und Stahlberg wahr. Er führte außerdem den Vorsitz im für alle drei pfgfl. Burgen zuständigen Burggrafengericht und kontrollierte Zoll (in B.seit 1226 belegt) und Münze (1365-1465). Im 15. Jh. verlegte er seinen Sitz ins pfgfl. Amtshaus in B. Für die Bürger B.s bestand Wehrpflicht mit Reisfolgepflicht. Seit dem Ende des 15. Jh.s sind landesherrl. Musterungen nachweisbar. Vom Ende des 16. bis zur Mitte des 18. Jh.s war B. kurpfälz. Garnison mit Besatzungsstärken zw. 13 und 160 Mann.
III.
An pfgfl. Gebäuden sind zunächst die Burg Stahleck mit den Burgen Fürstenberg und Stahlberg, im Ort selbst das Gebäude des pfgfl. Hofs mit Repräsentationsräumen und dem »Großen Saal« zur Beherbergung von Gästen, die Zollschreiberei und der Zollturm außerhalb der Ummauerung (um 1400 zur Bastion ausgebaut), innerhalb der Mauern die Alte Kellerei, die 1558 vom Kölner Andreasstift als »Neue Kellerei« übernommenen Gebäude mit Wohnung des Amtmanns (heute Rathaus), ein weiteres nach der Einführung der Reformation von der kfsl. Verwaltung übernommenes Gebäudeund die Münze zu nennen.
Die 1235 erstmals unter diesem Namen erwähnte rechteckige Höhenburg Stahleck wurde von den → Kölner Ebf.en als Sitz des Vogtes im 12. Jh. errichtet. Sie umfaßt den talseitigen Palas im O, einen frei im Burghof stehenden runden Bergfried, die im 14. Jh. umgestaltete Schildmauer hinter einem wassergefüllten, in den Fels gehauenen Halsgraben und einen bergseitigen Torzwinger im W. Zu Beginn des 15. Jh. war sie mit sechs pfgfl. Burgmannen belegt. Die Burg wurde 1689 zerstört und 1925-27 zur Jugendherberge umgebaut. Zu Beginn des 14. Jh.s wurde das gesamte Viertälergebiet vomLandesherrn durch einen Bannzaun (Gebück) umfriedet, der seit dem 17. Jh. verfiel. Ab 1344 ließ Ruprecht I. eine Stadt und Burg umfassende Ummauerung errichten, die allerdings 1364 noch nicht vollendet war.
Pfgf. Ludwig II. stiftete 1288 das Heiliggeistspital und das nahegelegene Wilhelmitenkl. Fürstental. Ruprecht III. richtete 1408 ein Kaufhaus ein. Eine landesherrl. Beteiligung am Bildungswesen ist nicht nachgewiesen: 1343 ist ein Schulmeister gen., später eine Mädchenschule (1370), eine Lateinschule (1380) und eine Judenschule (1398). Ludwig III. bemühte sich intensiv und mit Erfolg um die Vollendung der 1293 begonnenen Wernerkapelle.
Quellen
Regesten der Pfalzgrafen am Rhein, 1-2, 1894-1939. - Mittelrheinische Regesten [...], hg. von Adam Goerz, 4 Bde., Koblenz 1876-86. ND Aalen 1974. - Urkundenbuch zur Geschichte der [...] mittelrheinischen Territorien, Bd. 1: Von den ältesten Zeiten bis 1169, bearb. von Heinrich Beyer, Koblenz 1860, Bd. 2: Vom Jahre 1169 bis 1212, bearb. von Heinrich Beyer, Leopold Eltester und Adam Goerz, Koblenz 1865, Bd. 3: Vom Jahre 1212 bis1260, bearb. von Leopold Eltester und Adam Goerz, Koblenz 1874.
Literatur
Bacharach und die Geschichte der Viertälerorte Bacharach, Steeg, Diebach und Manubach, hg. von Friedrich-Ludwig Wagner, Bacharach 1996. - Becker, Friedrich Karl: Alzey, Bacharach und Heidelberg. Zur Residenzfrage in der rheinischen Pfalzgrafschaft, in: Jb. zur Gesch. von Stadt und Landkreis Kaiserslautern 12/13 (1974/75) S. 69-83. - Kolb 1999. - Schaab 1, 1988. - Schmitt 1994. - Spiess 1978. -Wagner, Friedrich Ludwig: Stadt Bacharach und Samtgemeinde der Viertäler, Bacharach 1956. - Wagner, Friedrich Ludwig: Bacharach. Landkreis St. Goar, in: Städtebuch Rheinland-Pfalz und Saarland, 1964, S. 61-69. - Wetzstein, Thomas: Vom »Volksheiligen« zum »Fürstenheiligen«. Die Wiederbelebung des Wernerkults im 15. Jh., in: AMRhKG 51 (1999) S. 11-68.