Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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AUGSBURG C.3.

I.

Der engere Residenzbereich geht zurück auf die Augsburger Domburg, die westl. der alten Reichsstraße (Via Claudia) seit der Amtszeit von Bf. Ulrich (I.) (923-73) als ein von der städt. civitas abgegrenzter Bezirk erscheint. Neuere archäolog. Funde ergaben, daß dort seit röm. Zeit eine Siedlungs- und Gräberkontinuität bestand. Eine bfl. Präsenz ist dort sicher erst seit 738/9 anzunehmen. Zu dieser Zeit findet Bf. Wikterp († 772 ?) Erwähnung in einem Brief Papst Gregors III. (731-41) an Bonifatius. Der StadtnameAVGVSTA VINDELICVM geht auf eine auguste. Militärsiedlung in Oberhausen (heute: Stadt A.) zurück; der Siedlungsbeginn auf der Hochterrasse zw. Wertach und Lech liegt aber erst um 10/15 nach Chr. - D, Bayern, Reg.bez. Schwaben, Kr. A. (Stadt).

II.

Der Bischofshof als selbständige topograph. und rechtl. Einheit ist seit dem 11. Jh. belegt. Um 1060 (?) läßt Bf. Heinrich II. den (östl. Abschluß des Langhauses am) Dom und die bfl. Pfalz neu errichten. 1067 ist ein früher Nachweis in einer Siegelurkunde für die A.er Bischofskanzlei, als Bf. Embriko eine Besitzübertragung an die Klerikergemeinschaft bei der Kirche St. Peter am Perlach bestätigte. Und 1084 gelingt es Welf IV. mit Hilfe von Verrat in der Bürgerschaft (cives) über eine Nebenpforte (mit Hilfe von Nachschlüsseln) in dieBischofsstadt (urbs) einzudringen. Bf. Siegfried II. und seine Domherren entkamen. Die Feinde des Bf.s und Kg.s Heinrich IV. besetzen die Domhäuser (claustrum canonicorum), hausen im Refektorium und anderen Räumlichkeiten (in refectoriis ceterisque officinis) und sie brennen in curte episcopali die Kirchen/Kapellen St. Michael, St. Peter und St. Laurentius zusammen mit dem palatium nieder.

1256 erfolgte ein Schiedsspruch zu strittigen Patronatsrechten in der Kirche von Seeg bei → Füssen. Er wurde zu A. in aula palacii nostri getätigt. Die Bischofspfalz wurde dann mehr und mehr zum festen topograph. Bezugspunkt auch für die Bürgerschaft: so wird ein Häusertransfer 1327 zw. Chorherr Hermann, Kämmerer zu Wellenburg, und seinen Brüdern an den Bf. umschrieben mit einem Hof hinter der pfallentz. 1389 wurde nach einem Grenzstreit zw. Bf. und Rat festgelegt: Bezügl. der Pfalz und der bfl. Münze (pfallentz undmüntz), die die Bürger abgebrochen haben, wird vereinbart: Es verbleibt beim alten Herkommen. Der Bf. kann darauf bauen, was er will und darf daran nicht gehindert werden. Über die Walkmühle im Stadtgraben hat der Bf. keinerlei Verfügungsgewalt. Im 15. Jh. wurde die Res. nach → Dillingen verlegt. Dies führte bis zum 18. Jh. zu einer baul. Vernachlässigung der A.er Pfalz. Der Verfall der A.er Res. schadete dem hochstift. bfl. Ansehen in der Reichsstadt. Dies registrierten auch die zahlr. A.-Reisenden in der Frühneuzeit. Ein Herr von Blainville, der seit 1693 als Gesandter derGeneralstaaten reiste, notierte 1705/07: Der Bischof hat keine Gerechtigkeit über diese Stadt. Die seinige erstreckt sich nicht weiter als über einige Häuser der Domherren, vierzehn große und ungefähr dreißig kleine Gärten; er wird aber dadurch schadlos gehalten, daß ihm ein ziemlicher Teil der Gegend um die Stadt, gleich wie auch Dillingen, ein artiger kleiner Ort mit einer Universität, wo er seine eigentliche Residenz hat, unterworfen ist.

III.

Die Bischofspfalz wird dominiert durch den anläßl. des Besuchs von Ks. → Maximilian I. 1507/08 errichteten Pfalzturm, der somit nicht ältester Teil des bestehenden Residenzenensembles ist. Dies ist der heute nicht mehr mit dem Hauptflügel verbundene Burggrafenturm am alten Fronhof. Er bildet den südöstl. Abschluß der Residenzanlage (heute: Peutingerstraße 24). Er ist ein Relikt der ma. Pfalz, als dem Bgf. - so umschreibt es noch das A.er Stadtrecht von 1156 - die Gerichtsgewalt des Bf.s gegenüber der Bürgerschaft oblag. Der Turm wurdemit drei oktogonalen Erkern 1507 und 1753 erneuert. Die erhaltene älteste Bausubstanz geht auf die Regierungszeit (1485-1505) von Bf. Friedrich II., Gf. von Zollern, zurück. Die schriftl. Belege sind noch älter. 1383 überläßt Bf. Burkhart von Ellerbach das Torhaus - ein späterer Rückvermerk der Urk. lautet: aniezo Burggrafenturn genant - und das, was auf dem Tore steht, und durch das man in den Fronhof bey unserr trenckin fährt, reitet und geht, seinem Vetter Johannes von Ellerbach. Es war zuvor als bfl. Leibgeding an Domkustos Eberhart von Randeckausgegeben.

Das Zentrum der Pfalz- und Residenzanlagen bildete das Corps de logis oder der Hauptflügel. Im zweiten Stock dieses ursprgl. dreigliedrigen Gebäudes, das 1743 von dem auch in Eichstätt und München tätigen Johann Benedikt Ettl (1678-nach 1748) mit einer barocken Fassade zu einem Bautrakt vereint worden war, lagen die Gemächer für den allerhöchsten Hof. Sie galten zusammen mit dem benachbarten Tafelzimmer im Nordflügel als Repräsentationsräume, in denen das Domkapitel und die ständ. Elite des 150köpfigen hochstift. Hofstaates in den Jh.engesellschaftl. Luxusentfaltung in Umgebung des Fbf.s und auswärtiger Staatsgäste bis 1802/03 zahlr. Hoffeste durchgeführt hatten. Die Umgestaltung des Corps de logis brachte allerdings keinen grundlegenden Neubau mit sich, da diese Lösung einen Abbruch älterer Pfalzbauten, insbes. der Lambertikapelle und des Pfalzturmes, zwangsläufig mit sich gebracht hätte. Der Baumeister beschränkte sich deshalb darauf, eine einheitl. Firsthöhe einzuführen. Nach Plänen des hochstift. und oettingen-wallersteinschen Hofbaumeisters Ignaz Ingerl wurde schließl. diese Schaufassade der Res.zum Andenken an den Besuch des Papstes Pius Vl. vom Mai 1782 mit einem Mittelbalkon geziert und abgeschlossen.

Der Nordflügel, der sich im stumpfen Winkel an das Corps de logis anschloß, bildete die Fortsetzung des Repräsentationsflügels in der Res. In ihm befand sich das 120 qm messende Tafelzimmer, dessen Wandvertäfelung vom Münchener Hofbaumeister Jakob Gerstens stammte und dessen berühmte Deckenfresken der A.er Hofmaler Johann Ferdinand Ledergerber schuf. Außerdem waren in diesem Gebäudeteil die fbfl. Arbeitsräume und die Geheime Kanzlei untergebracht. Der Residenzplan von 1812 untergliederte die Arbeitsräume in zwei Sessionszimmer, und eineAmtsstube für den Bf., ein Wartezimmer, ein Eingangsfoyer, die Post- und Schreibstube, die Kanzlei, die Kammer der secretarii und das Expositionsamt. Im Schreiben des Fbf.s Joseph von Hessen-Darmstadt an den A.er Rentmeister Bartholomäus Höfler zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Nordflügels 1752 wurden außerdem das Cavalierszimmer, zahlr. Pagenräume, das Billardzimmer und ein Tapezierszimmer (für die Lagerung der Gobelins) erwähnt. Dieser Teil der Res. entsprach am ehesten den Bauvorstellungen der Barockzeit, da dieHofbaumeister keinerlei Kompromisse zur Erhaltung ma. Gebäudesubstanzen schließen mußten. Die Nahtstelle zw. Nord- und Hauptflügel bildet das repäsentative Treppenhaus, das Joseph von Hessen-Darmstadt erbauen ließ. 1752 freskierte den Aufgang der A.er Akademiedirektor Johann Georg Bergmüller (1688-1762), während die dreidimensionalen Raumelemente von Hofbildhauer Placidus Verhelst (1727-78) stammen.

Der Pfalzhofbau, der sich rückwärtig an den Nordflügel der Res. anschloß, ist eines der wenigen Planungsobjekte des hochfsl. eichstätt. Baumeisters Gabriel de Gabrieli in A., die tatsächl. ausgeführt wurden. 1733 entstand so ein dreistöckiges Gebäude mit zwei versetzten Flügeln, die trotz der Enge des Raumes im kleinen Hof eine optimale Tiefenwirkung vortäuschten. Das Mittelstück dieser Anlage, in dem der Hofstab untergebracht war, blieb gegenüber dem Außenteil zurückversetzt.

Der bfl. Garten bzw. der Hofgarten ist im 14. Jh. erstmals erwähnt. 1383 regeln Stadt und Bf. in einem Vertrag über Steuer- und Besitzfragen, daß der Rat sich verpflichtet, die Mauer am bfl. Garten wiederherzustellen. Dieser Garten grenzte an den Domherrenhof der Knöringen einerseits und an den Graben gen dez hailigen cruetz tor andererseits. Er wurde von 1739 bis 1744 nach Plänen von Johann Kaspar Bagnato neu angelegt und sollte mit seinen vom Dillinger Hofgärtner planmäßig gepflanzten pomeranzen bäum und einer von FüssenerSteinmetzen geschaffenen fontaine von lebendtigen stein das Bild der Schleißheimer Orangerie en miniature vermitteln.

Ganz im Gegensatz zu dem bescheidenen äußeren Erscheinungsbild der bfl. Hofanlagen stand das innere Dekor. Gastgeschenke auswärtiger Fürstenhöfe, der persönl. Besitz der Bf.e und schließl. das vom Hofzahlamt im Laufe der Jh.e angekaufte Mobiliar ließen offensichtl. in der A.er Res. das Licht barocker Lebensfreude erstrahlen. Ein Inventar über den persönl. Nachlaß des am 20. Aug. 1768 nach einer 28jährigen Amtsperiode verstorbenen Bf. Joseph von Hessen-Darmstadt (1740-68) vermittelt in diesem Zusammenhang detaillierte Angaben über jenen Teil der Einrichtung, der im Nov. 1771in einer offenen Versteigerung an den Meistbietenden um baare Bezahlung in Augsburg verkauft wurde. Der gesamte Versteigerungswert betrug 163 970 fl 16 Kr 2 Hl, wobei unter den fünf bedeutendsten Inventarsrubriken jubelle mit 47 498 fl, activ-forderungen gegenüber verschuldeten Adelsherrschaften oder hochstift. Amtspersonen mit 34 711 fl, gallanterien mit 21 464 fl, Bücher mit 15 000 fl und Silbergegenstände mit 12 997 rangierten.

Quellen

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