Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ANNECY C.3.

I.

Anerciacum (867) - Stadt - bis 1402 Gft. Genf, ab 1402 Hzm. → Savoyen - Aufenthaltsort der Bf.e von Genf seit dem 16. Jh. - F, Dep. Haute-Savoie.

II.

A. liegt am Fluß Thiou, am Ausgang des von steilen Hängen umsäumten Sees von A. in der Diöz. Genf.

Auf dem Grund eines gallo-roman. vicus wurde am Ende des 5. Jh.s eine kleine befestigte Siedlung im Besitz der Kg.e von → Burgund angelegt. Ein burgus A. bestand seit dem 9. Jh., eine Pfarrei in der kleinen urbanen Siedlung wird erstmals 1107 erwähnt. Zu Anfang des 13. Jh.s etablierten die Gf.en von Genf, der Konkurrenz des dortigen Bf.s und der Gf.en von → Savoyen weichend, in der ihnen gehörenden Burg in A. ihre Hauptres. und konzentrierten dort ihre Hofämter. Stadtprivilegien wurden 1367 von den Gf.en verliehen.Nachdem die Gft. 1403 der Gft. → Savoyen eingegliedert worden war, wurde A. seit 1440 zum Sitz einer savoy. Apanage.    

Nachdem in der Stadt → Genf die Opposition sowohl gegen den Bf. als auch gegen den Hzg. von → Savoyen gesiegt und die protestant. Reform zahlr. Anhänger gefunden hatte, floh 1533 Bf. Pierre de la Baume aus dieser Stadt. Er verlor nach dem Krieg gegen das mit der Stadtgemeinde → Genf verbündete Bern 1536 endgültig die Stadtherrschaft, die die Bf.e zusammen mit den Hzg.en von Savoyen ausgeübt hatten. Die Erhebung zum Kard. 1539 und zum Ebf. von → Besançon 1541 enthob zunächst von der Sorge, einen Aufenthaltsort außerhalb → Genfs auswählenzu müssen, das wiederzugewinnen beständiges Streben der Bf.e blieb und im Bündnis mit dem Ks., mit → Savoyen und mit Frankreich über längere Phasen durchaus realist. schien, letzl. aber scheiterte Die Bf.e von Genf besaßen zunächst keinen beständigen Aufenthaltsort. François de Bachod sah zwar A. als neue bfl. Res. vor, war aber nur kurz in dieser Stadt (1564). Erst Angelo Giustiniani (1568-78) etablierte sich dauerhaft dort.

Die Reorganisation der kathol. verbliebenen Teile des Bm.s Genf, die fast sämtl. in → Savoyen lagen, wurde nun von A. aus betrieben, insbes. unter Franz von Sales (1696-1722). Aber auch er, wie auch seine Nachfolger hielten sich oft außerhalb der Rest-Diöz. auf und überließen die Wahrnehmung der geistl. Aufgaben einem Generalvikar. Der Verlust der kleinen weltl. Herrschaft 1536 hatte zu einer noch engeren Abhängigkeit gegenüber den Hzg.en von → Savoyen geführt. Die prekäre Lage des Bm.s verhinderte die Etablierung einer herrschaftl. Res.

III.

Schon seit 1536 befand sich in A. das Kathedralkapitel, nachdem die Domherren aus → Genf geflohen waren, aus deren Reihen auch üblicherweise die in A. amtierenden Offiziale stammten. Die Kanoniker des Domstifts und anderer Stiftskirchen hatten sich zunächst in der Franziskanerkirche in A. etabliert, die bereits 1538 zur Kathedralkirche erhoben wurde. Die gleichzeitige Existenz einer Mönchgemeinschaft und eines Domkapitels in derselben Kirche und in demselben Gebäude zog mannigfache Friktionen nach sich. Versuche der Domherren, in einer der Kirchenin Thonon das Kapitel einzurichten, scheiterten; 1689 zogen sie in das Dominikanerkl. in A., aus dem sich das Kapitel im folgenden Jahr aber wieder zurückziehen mußte.

Die Bf.e bezogen seit 1569 mehrere Gebäude in A.: Hôtel Favre, Maison Lambert, Maison Trésun, Maison de Boringe, Maisons des Boëge-Conflans, alle in der Nähe der Bischofskirche in A. gelegen, für einige Zeit gemietet und ursprgl. als bürgerl. Wohnhäuser errichtet. Erst kurz vor 1780 wurde  auf Initiative und mit Unterstützung des Landesherrn, Kg. Karl-Emmanuel III. von Sardinien, mit dem Bau eines Bischofspalastes begonnen.

Quellen

Notes et documents inédits sur les évêques de Genève-Annecy (1535-1879), hg. von François Mugnier, Paris 1888.

Helvetia Sacra I, 3, 1980. - Blondel, Louis: Châteaux de l'ancien diocèse de Genève, Genf 1956 (Mémoires et documents publiés par la Société d'histoire et d'ar- chéologie de Genève, 7). - Duparc, Pierre: La formation d'une ville jusqu'au début du 16e siècle, Genf 1973. - Fleury, François: Histoire de l'Eglise de Genève, Bd. 2, Genf 1880. - Gabion, Robert/Oursel, Raymond/Grandchamp, Georges: La cathédrale d'Annecy, Annecy 1958 (Annesci, 6).