Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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AMBERG C.2.

I.

1034 villa, quae dicitur Ammenberg; 1123 Amberch; 1329 Amberg - 1144/46 oppidum forense; 1242 civitas. Mittelpunkt der Oberpfalz, die als »Oberes Fürstentum in Bayern« von 1329 bis 1623 Teil bzw. Nebenland der Pfgft. bei Rhein war, Sitz des bayer., dann pfgfl. Viztums und kurpfälz. Statthalters (im 16. Jh. zeitw. in → Neumarkt). Festes Haus in Stadtrandlage. Nebenres. und seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s zeitw. Prinzenres. derPfgf.en bei Rhein. - D, Bayern, Reg.bez. Oberpfalz, kreisfreie Stadt.

II.

Am Kreuzungspunkt der aus Franken nach → Böhmen verlaufenden Durchgangsstraße mit dem Wasserweg über die von hierab schiffbar gewesene Vils und die Naab zur Donau und zumindest in der Nähe einer alten N-S-Fernstraße von der Donau bis zur Wismarer Bucht entwickelte sich wohl noch in der Karolingerzeit eine zunächst fluktuierende Kaufmannsniederlassung unmittelbar am linken Ufer der Vils. 1034 schenkte Ks. Konrad II. dem → Bamberger Bf. das Bannrecht sowie die mit dem Handel verbundenen Rechte des Markts, Zolls und der Fährgerechtsame inA. und ermächtigte ihn, Satzungen aufzustellen. Die Zollbefreiungsprivilegien, die A.er Kaufleute erstmals von Ks. Friedrich Barbarossa 1163 erhielten und die dann durch die bayer. Hzg.e (→ Bayern), die Bf.e von → Passau, die Pfgf.en und die Ungarnkg.e vielfach bestätigt und erweitert wurden, lassen weitreichende Handelsbeziehungen erkennen. Abseits von diesem ältesten Siedlungsansatz an der Vils entstand im 11. Jh. ein neuer Siedlungsteil im Bereich der von den → Bamberger Bf.en vor 1094 errichteten Pfarrkirche St. Georg. Die Verschmelzung der älterenKaufmannsniederlassung mit der Marktsiedlung um St. Georg nach der Mitte des 13. Jh.s schuf die Voraussetzung für die Stadtentwicklung.

Nach dem Sturz der → Staufer kam A. als Teil des Konradin. Erbes an die Wittelsbacher. Im oberbayer. Herzogsurbar von ca. 1285 werden erstmals die A.er Eisenerzgruben erwähnt, aus denen dem Landesherrn der Zehnt ebenso zustand wie der Zoll aus dem Eisentransport auf der Naab. Intensivierter Bergbau und Hüttenbetrieb wurden zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor für die Stadt und machten sie zu einem Zentrum der Eisenwirtschaft und des Handels mit Erz- und Eisenwaren. 1294 bestätigte Hzg. Rudolf von Bayern die wohl schon von den → Bamberger Bf.enverliehenen Selbstverwaltungsrechte der bürgerl. Gemeinde und fixierte deren Pflichten gegenüber dem Landesherrn. Vermutl. hatte A. bereits i. J. 1442 eine derartige Verfassung, da der Ort in einer Urk. dieses Jahres als civitas bezeichnet wird. Das sog. Rudolfinum von 1294 ist allerdings die älteste erhaltene Privilegien- und Rechtsaufzeichnung der Stadt, die von allen folgenden Landesherrn bestätigt wurde. Danach war der Rat das eigentl. Organ der bürgerl. Selbstverwaltung. Zunächst waren die Bürger frei bei der Wahl der Ratsmitglieder, erst im 16. Jh., v. a. währendder Religionsauseinandersetzungen, steuerten die Kfs.en wesentl. die Auswahl der Ratsherren. Der Rat wählte die Beisitzer für das Stadtgericht, das allerdings unter dem Vorsitz des Stadtrichters, eines landesherrl. Beamten, tagte.

Durch den wittelsbach. Hausvertrag von Pavia 1329, in dem → Ludwig der Bayer den Nachkommen seines Bruders → Rudolf I. den größten Teil des bayer. Nordgaus abtrat, bekam A. die Pfgf.en bei Rhein als neue Stadtherrn. Die Stadt wurde Sitz des Landgerichts und des Statthalters der pfälz. »Lande zu Baiern«. Seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s wurde dieses Amt oft von den erbberechtigten Kurprinzen ausgeübt, die hier einen selbständigen pfälz. Filialhof unterhielten.

Das konfliktträchtige Nebeneinander von Fs. und Stadt eskalierte zum ersten Mal 1452-54 im sog. »Amberger Aufruhr«. Die Stadt verweigerte Pfgf. Friedrich, der 1451 anstelle seines von ihm adoptierten Neffen Philipp die Herrschaft in der Kurpfalz angetreten hatte, die Huldigung. Als die seitens der führenden A.er Familien unternommenen Ausgleichsversuche scheiterten, besetzte Friedrich mit großem Aufgebot die Stadt und ließ die Rädelsführer des Aufstands auf dem Marktplatz enthaupten. Verstärkt wurden die Spannungen sicherl. auch aufgrund der Vorherrschaft fremder Beamter am A.er Hof.Denn die von Friedrich 1474 erlassene A.er Hofordnung zeigt, daß fast alle Hofbeamten aus der adligen Klientel des Kurprinzen rekrutiert wurden.

III.

Das erste feste Haus der Pfgf.en in A. lag am rechten Ufer der Vils gegenüber der Martinskirche, am Rande der alten Stadtbefestigung. Von diesem im 14. Jh. um- oder ausgebauten Haus, das noch 1474 während der A.er Hochzeitsfeierlichkeiten fsl. Gäste beherbergte und seit dem späten 15. Jh. »Eichenforst« gen. wurde, sind die spätgot. Treppengiebel und der spätgot. Chor der Hauskapelle erhalten. Zu Beginn des 15. Jh.s war wg. der 1326 begonnenen und mittels steuerl. Vergünstigungen durch den Landesherrn geförderten Erweiterung des Mauerrings die Verlegung desalten Pfalzgrafenhauses notwendig geworden, da es nun nicht mehr am Rande, sondern mitten in der Stadt lag. 1416-17 kaufte Ludwig III. sechs Anwesen im Bereich der südl. Stadtmauer von A.er Bürgern für den Neubau. In der Mitte des 15. Jh.s ließ Friedrich I. das Schloß mit einem eigenen Graben umgeben, einen eigenen Eingang auf der stadtabgewandten Seite einrichten und erwarb noch ein weiteres Anwesen am Wingershofer Tor, um mehr Freiraum um die Res. zu erhalten. Dies war die baul. Konsequenz aus seinem Konflikt mit der Stadtgemeinde im Amberger Aufruhr 1452/54.

Philipp, der nach seiner 1474 in A. gefeierten Hochzeit mit seiner Gemahlin Margarethe von Bayern-Landshut bis 1476 in diesem Schloß residierte, ließ den Saal der großen Dürnitz einwölben. Im 16. Jh. wurden Grundstücke hinzugekauft, um innerhalb der Schloßmauern einen parkartigen »Hofgarten« mit einem zweigeschossigen Sommerhaus und weitere Nebengebäude anzulegen. 1557 brannte das Schloß nach einem Blitzschlag zum großen Teil ab. Beim Wiederaufbau scheint eine Erweiterung der Wohngebäude erfolgt zu sein, da 1578 von dem neuen Gebäude die Rede ist. Aus einem indiesem Jahr angelegten Inventar (vgl. Mader 1909, S. 115) läßt sich die Neuanlage des weiterhin mit Graben und Mauern umgebenen vierekkigen Gebäudekomplexes und die Funktion der Innenräume erschließen. In der alten vorderen oder alten Kemnate, die gegen Ende des 15. Jh.s bereits altes Haus genannt wurde, befanden sich wohl im Erdgeschoß die steinerne Stube, im ersten Stock die Silberkammer und die Dürnitz oder »Hofstube«. Im zweiten Stock lagen die Gemächer des Kfs.en und desViztums (mit Kammer und mehreren kleinen Stuben), im dritten das Frauenzimmer. In der sog. ander Kemnat lagen die fsl. Wohnräume mit dem Wohngemach des Pfgf.en im dritten Stock und darüber dem der Pfgf.in, die außer einer eigenen Küche auch über eine Schreibstube verfügte. In den beiden Stockwerken darüber befanden sich die Apotheke der Fs.in und unter dem Dach das Kräuterstüblein. Im Erdgeschoß waren Badestuben neu eingerichtet worden. Darüber lagen verschiedene Stuben und Kammern, deren Funktion nicht näher bezeichnet ist. Der Aufgang zu den Geschossen verlief übereinen Schneckenturm. Das »neue Gebäude« beherbergte die Barbierstube und mehrere Kammern, u. a. das Thurmstüblein. Darüber lag die Kindbettstube der Pfgf.in mit Kinderzimmer, Küche etc. Die große Kemnat diente ausschließl. als Wirtschaftsgebäude. Im frühen 17. Jh. wurde der zentrale Baukomplex des Schlosses umgebaut und erhielt sein heutiges barockes Aussehen.

Gegenüber dem Schloß auf dem anderen Ufer der Vils, steht das Zeughaus, dessen Kern auf das spätere 15. Jh. zurückgeht. Es ist mit dem Schloß durch die Stadtmauer verbunden, die in Bögen den Fluß überspannt. Auf dem Platz der früheren Synagoge der Judengemeinde, deren Gebäude und Grundstücke nach der Judenvertreibung 1391 wie in → Heidelberg an den Landesherrn übergegangen waren, entstand im frühen 15. Jh. wohl unter Beteiligung Kg. → Ruprechts eine Marienkirche. Sie wird seit dem 16. Jh. als Hofkirche bezeichnet.

Auf der zw. Kirche und dem neuen Schloß unbebaut gebliebenen Fläche wurde in der Mitte des 16. Jh.s die kfsl. Regierungskanzlei für die Oberpfälzer Zentralbehörden gebaut.

Angehörige der Fürstenfamilie wurden in der Martins-Kirche, dem eigentl. kirchl. Mittelpunkt der Bürgergemeinde, beigesetzt (spätgot. Tumba des Pfgf.en Ruprecht Pipan, † 1397, und Epitaphe für die früh verstorbenen Kinder des Kfs.en Ludwig VI. aus dem späten 16. Jh.).

Quellen

Buchner 1908. - Regesten der Pfalzgrafen am Rhein, 1-2, 1894-1939.

Amberg 1034-1984. Aus tausend Jahren Stadtgeschichte (Ausstellungskatalog), Amberg 1984 (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns, 18). - Ambronn, Karl Otto: Die Herrschaft der Kurpfalz in der Kuroberpfalz, in: Kurpfalz und Oberpfalz, 1982, S. 3-32. - Buchner, Maximilian: Zur Geschichte und Topographie der Stadt Amberg im ausgehenden Mittelalter, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 59 (1907) S. 289-303. - Buchner, Maximilian: DieAmberger Hochzeit (1474), in: ZGO 64 (1910) S. 584-604 und 65 (1911) S. 95-127. - Frank, Hans: Stadt- und Landkreis Amberg, München 1975 (Historisches Ortsnamenbuch von Bayern, 4,1). - Mader, Felix: Stadt Amberg, München 1909 (Die Kunstdenkmäler Bayerns, 2,16). - Seitz, Reinhard H.: Amberg, in: Bayerisches Städtebuch, 2, 1974, S. 48-57. - Sturm, Heribert: Zur ältesten Geschichte Ambergs. Die Handelsprivilegien Ambergs im Mittelalter. Zur geschichtlichen Individualität der StadtAmberg, in: Sturm, Heribert: Nordgau - Egerland - Oberpfalz. Studien zu einer historischen Landschaft, München u. a. 1984 (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, 43), S. 64-75, 76-86, 87-112. - Widder 2000b.