ALZEY C.2.
I.
223: vicus Altiaium. Der Name, wohl kelt. Ursprungs, bedeutet »Große Niederlassung« oder nach anderer Interpretation »Alte Insel«. 897 locus Alzeja, 1074 urbs (Kastell) und locus (Sied- lung). 1277: oppidum (Stadtrechtsverleihung).
A. war eine Nebenres. der Heidelberger Pfgf.en. Besuche der Kfs.en erfolgten nur sporad., zw. 1390 und 1410 waren die Kfs.en Ruprecht II. und v. a. Ruprecht III. (Kg. → Ruprecht I.) aber häufiger dort. - D, Rheinland-Pfalz, Landkr. A.-Worms.
II.
Die Burg auf viereckigem Grundriß befand sich ehem. in Stadtrandlage. Ihre Umfassungsmauern wurden beim Bau der Stadtmauer (um 1277 begonnen?) miteinander verbunden. Erbauer der Burg waren wohl die Truchsessen von A., die im Auftrag der Pfgf.en bei Rhein handelten. Nach der Übernahme der Burg durch die Pfgf.en (1305) wurde die Anlage zu einer herrschaftl. Nebenres. ausgebaut. Mit dem Umwandlung der ma. Burg zum repräsentativen Schloß in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s wurde A. zeitw. Res. Der Pfgf. Kfs. Friedrich II., der 1556 im Schloß A. verstarb, verbrachtedie letzten Monate seines Lebens dort. Eine Generation später, im Sommer des Jahres 1601, residierte der gesamte pfgfl. Hofstaat mehrere Monate in A., da im Schloß Heidelberg umfangr. Baumaßnahmen durchgeführt wurden. Danach hielten sich die Pfgf.en, von einigen sporad. Besuchen abgesehen, kaum mehr in A. auf.
A. liegt nordöstl. des Donnersberges im Selzbachtal. Die Niederungsburg war von Stadt und Umland durch ein Mauer-Graben-System abgetrennt und durch eine Toranlage gesichert. A. war Sitz eines Amtmannes (Oberamt), wirtschaftl. Mittelpunkt der pfgfl. Besitzungen in diesem Bereich sowie Durchgangsstation zu den pfgfl. Gütern an der Nahe und im Hunsrück. Gelegentl. diente der Burgort als Sammelpunkt für milit. Unternehmungen. Die Lage A.s unmittelbar im S des Erzstiftes → Mainz verliehen der Burg und dem Ort einen hohen territorialpolit. Stellenwert. Dank des Verteidigungspotentialsdes Zentrums A., das zusammen mit Oppenheim und Nierstein einen Sperrgürtel bildete, führten mehrere milit. und polit. Vorstöße des Erzstiftes in den A.er und Oppenheimer Raum nie zu einem herrschaftsausweitenden Erfolg. Der umfangr. A.er Besitz der Pfgf.en, der größtenteils verlehnt und verpachtet war, der Lehnshof, dem nahezu alle wichtigen Herren des Umlandes angehörten, das Lehnsgericht auf dem Obermarkt, das Mannengericht auf der Burg und das dortige Burggefängnis (1411 erwähnt) waren Pfeiler der Macht, die eine Dominanz der Pfgft. im A.er Land garantierten.
In röm. Zeit (um 365) entstand im vicus A. ein Kastell, zu dem sich in fränk. Zeit ein viell. damals schon mit Palisade und Graben befestigter Salhof gesellte. Dieser Hof, Mittelpunkt des umfangr. A.er Reichsgutes, war bis 1107 an die Erenfride verlehnt. In der Nachbarschaft des Salhofes entstand eine eigenständige Siedlung (locus), die nicht Bestandteil des Reichsgutes war, sondern von ›freien‹ Bauern bewohnt wurde. Die Gründung einer Burganlage (Rabensburg) im 11. Jh. durch die Raugf.en hat sich als Legende erwiesen. Auch der StauferherzogFriedrichs II., der zw. 1107 und 1146 mehrfach auf dem Salhof residierte, hat, obwohl allg. als Erbauer der Burg angenommen, mit hoher Wahrscheinlichkeit in A. keine Burg errichtet. Erst nach 1156 beauftragte der soeben in das Amt eingeführte erste Pfgf. Konrad (1156-95) ein ortsansässiges Ministerialengeschlecht mit dem Bau einer Burg am Rande des Dorfes. Die Truchsessen von A. (seit 1190 so gen.), anfangs verläßl. Statthalter der Pfgf.en auf der Burg, wurden wg. ihres selbstherrl. Herrschaftsgebarens zw. 1260 und 1305 sukzessive aus der Burgherrschaft verdrängt. Seither wurde die Burg A.(1278 erstmals erwähnt) zur pfgfl. Res. ausgebaut. Eine kurzzeitige Verpfändung (1314-20) an den → Mainzer Ebf. Peter von Aspelt blieb Episode.
Die Burg wurde von einem ministerial., seit dem ausgehenden 14. Jh. niederadligen Bgf.en befehligt (1317 erstmals gen.). Dieser »Beamte« stand an der Spitze der Burgmannschaft, organisierte die Bewirtschaftung der in Eigenbau betriebenen Schloßgüter und verwaltete die zur Burg gehörigen Lehen- und Pachtgüter. Die residenzpflichtigen Burgmannen wohnten offensichtl. in Stadthäusern. Ob mit ihrer Residenzpflicht aber das städt. Bürgerrecht verbunden war, wie dies etwa in Oppenheim der Fall war, ist nicht überliefert. Im Lauf der Zeit übernahm der A.er Landschreiber (1373 erstmals erwähnt)die richterl., verwaltungstechn. und wirtschaftspolit. Aufgaben des Bgf.en.
Da die Pfgf.en bei Rhein die uneingeschränkte Befehlsgewalt in der Stadt hatten, gingen Spannungen zw. der Bürgerschaft und den Zünften (15. Jh.) über gewöhnl. Streitigkeiten nicht hinaus.
Die Stadt A. erlebte nach der Stadtrechtsverleihung durch Kg. → Rudolf von Habsburg i. J. 1277 im 14. und 15. Jh. einen beachtl. wirtschaftl. Aufschwung, der von den Pfgf.en nach Kräften gefördert wurde. 1408 richtete der Pfgf. einen 14tägigen Wochenmarkt, 1484 einen Marktzoll ein. Im 15. Jh. bildete sich eine Reihe von Zünften heraus, die ihr Recht vom Pfgf.en nahmen. Weitere Kennzeichen des prosperierenden Gemeinwesens sind etwa die Einrichtung eines Spitals (1387 erwähnt) und der Neubau der Pfarrkirche (um 1420).
III.
Die günstige Entwicklung A.s verstärkte das Interesse der Pfgf.en an der Burg. Die wohl einfache und bescheidene Burganlage, von deren ma. Aussehen keinerlei Zeugnisse vorliegen, wurde nach 1449 zum Schloß umgebaut. Im Zuge der Errichtung neuer Wirtschaftsbauten und repräsentativer Wohngebäude entstanden zw. 1460 und 1470 eine große Schloßscheune (1468), die westl. Vorburg mit dem unteren Schloßtor und dem Schloßkeller, die tonnengewölbte Durchfahrt mit dem runden Flankierungsturm und eine Brücke über den Stadtgraben. Wenig später zog man den mächtigenGeschützturm hoch (1476). Zur gleichen Zeit wurde mit der Errichtung des großen Saalbaus im Nordflügel begonnen, an den wenig später die breite Wendeltreppe angebaut wurde. An der Westseite der Umfassungsmauer schuf man eine Kapelle, von der heute nur noch einige Gewölbeansätze erhalten sind. Unter Pfgf. Ludwig V. (1508-44) wurde der repräsentative Saalbau im N vollendet. Der mächtige Renaissancewohnbau an der Südseite der Burganlage entstand nach 1544, ebenso der vorgelagerte Treppenturm und ein heute verschwundener Schloßweiher. Wie der Ostteil des Schlosses ausgesehen hat, hier standen wohlweitere Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude, läßt sich zur Zeit noch nicht rekonstruieren. Ein i. J. 1619 ins Auge gefaßter Umbau des Schloßes in eine moderne Festungsanlage unterblieb aus organisator. und wehrtechn. Gründen. Die Schloßmauern wurde im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 von den Franzosen zerstört, die Inneneinrichtung vernichtet oder abtransportiert. Danach diente die Ruine zeitw. als Magazin bzw. als Gefängnis. Heute befinden sich in der seit dem beginnenden 20. Jh. neu gestalteten Anlage das Amtsgericht und ein Gymnasium.
Quellen
Annales Wormatienses 1221-1298, in: Hermannus Altahensis und andere Geschichtsquellen im dreizehnten Jahrhundert, hg. von Johann Friedrich Böhmer. ND Aalen 1969 (Fontes Rerum Germanicarum, 2). - Hessische Urkunden, hg. von Ludwig Baur, 6 Bde. ND Aalen 1979. - Johannis Trithemij Spanheimensis [...] abbatis. Bd. 2: Annalium Hirsaugiensium, St. Gallen 1690. - Koch, Adolf/Wille, Jakob/Oberndorff, Ludwig Graf von: Regesten derPfalzgrafen am Rhein, 2 Bde., Innsbruck 1894, 1912. - Regesten des Archivs der Grafen von Sponheim 1065-1437, bearb. von Johannes Mötsch, 5 Tl.e, Koblenz 1987 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, 41).
Literatur
Becker, Friedrich Karl: Burg und Schloß Alzey, in: Alzeyer Geschichtsblätter 9 (1972) S. 103-119. - Durst, Georg: Die Burg Alzey, in: Heimatjahrbuch Landkreis Alzey. Aus Geschichte, Kultur und Leben des Alzeyer Landes 1 (1961) S. 37-40. - Grathoff, Stefan: Burg und Schloß Alzey. Residenz der Pfalzgrafen bei Rhein, in: Alzeyer Geschichtsblätter 32 (2000) S. 29-72. - Krauss, Karl: Das alte Schloß in Alzey und sein Ausbau für staatliche Zwecke, in:Zeitschrift für Bauwesen 55 (1905) S. 225-254 und 411-414. - Krauss, Karl: Das Alzeyer Schloß, in: Volk und Scholle 5 (1927) S. 176-181. - Schuster, Gertrude Maria: »... bey so gefährliche zeiten«. Die Stadtbefestigung von Alzey, Alzey 1987. - Spiess, Karl-Heinz: Burg, Burggraf und Burgmannschaft im spätmittelalterlichen Alzey, in: Becker, Friedrich Karl: 700 Jahre Stadt Alzey, Alzey 1977, S. 106-115. - Stephan, Ernst: Das Schloß in Alzey, in:Alzeyer Geschichtsblätter 4 (1967) S. 3-43. - Wimmer, Karl: Geschichte der Stadt Alzei, Alzey 1874. - Wimmer, Karl: Die Burg und das Schloß Alzey, in: Archiv für hessische Geschichte und Alterthumskunde 14 (1879) S. 98-117.