Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

PFALZ-NEUBURG

I.

Das Fsm. Pf.-N. wurde durch den Kölner Schiedsspruch Kg. → Maximilians I. 1505 geschaffen. Die Abtrennung von 66 Ämtern aus dem wiedervereinigten Hzm. Bayern zur Gründung eines neuen Fsm.s als Ausgleich für die verwaisten Prinzen Ottheinrich und Philipp, Söhne der Tochter Hzg. Georgs von Landshut mit Ruprecht von der Pfalz, beendete den Landshuter Erbfolgekrieg. Zur Res. wurde Neuburg an der Donau bestimmt, das im 15. Jh. Nebenres. und Verwaltungsmittelpunkt derTeilhzm.er Oberbayern-Ingolstadt und Niederbayern-Landshut gewesen war. Die Wahl N.s entsprach der Strategie Kg. → Maximilians, an der Donau ein Gegengewicht zum Hzm. Bayern zu bilden. Ingolstadt behielt sich jedoch der Münchener Hzg. Albrecht IV. vor. Die Gebiete, die dauerhaft Bestandteil Pf.-N.s, der Jungen Pfalz, blieben, lagen an der Donau um Neuburg, in Schwaben (Lauingen, Höchstätt und Gundelfingen), im Nordgau (Burglengenfeld, Schwandorf und Regenstauf), in der Oberpfalz (Sulzbach und Weiden) undin Franken (Hilpoltstein) und umfaßten ca. 60 Quadratmeilen. Die Fs.en von Neuburg führten wie ihre Vetter in München die Titel Pfgf.en bei Rhein und Hzg.e von Bayern. Pfalz-Neuburg selbst war kein Hzm., auch wenn diese Bezeichnung gelegentl. zu lesen ist. Pfgf. Ottheinrich starb 1559 ohne Erben und überließ Pf.-N. seinem Vetter Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken, der die bis 1742 bestehende Linie Pf.-N. begründete. 1569 wurde Pf.-N. unter drei Söhnen Pfgf. Wolfgangs aufgeteilt und in Sulzbach und Vohenstrauß (Friedrichsburg) eigene Res.en eingerichtet, die aber 1597 bzw. 1604 bereits wiederaufgehoben wurden. 1614 wurde das Erbe erneut geteilt und die Zweige Pfalz-Hilpoltstein (bis 1644) und Pfalz-Sulzbach mit jeweils eigenen Höfen begr. Letzteres erkannte Pf.-N. 1656 als selbständiges Fsm. an. Unter Karl Theodor von Pfalz-Sulzbach wurde es jedoch 1742 mit Pf.-N. wiedervereinigt und 1777/78 mit Bayern in Personalunion verbunden. Zu Pf.-N. hatten seit 1610/14 die Hzm.er Jül. und Berg sowie die Kurpfalz gehört. Mit der Aufhebung der Pfalz-Neuburger Landschaft 1808 (Landschaftshaus in N.) ging das Fsm. endgültig in Bayern auf.

II.

Für die minderjährigen Pfgf.en Ottheinrich und Philipp wurde bald nach dem Kölner Schiedsspruch unter der Vormundschaft ihres Onkels Friedrich von der Pfalz ein zunächst auf die wichtigsten Funktionen beschränkter Hof in N. (zeitw. in Burglengenfeld) eingerichtet. Mit der Volljährigkeit der Prinzen 1522 begann die eigentl. Organisation und der Ausbau des Hofes in N., jedoch mit immer noch auf wirtschaftl. Versorgung ausgerichteten Hofämtern. Rund 70 Personen zählten in der frühen Phase zum Hof im engeren Sinn, über 100 im weiteren Sinn. Dazu kamen über 35Personen des fsl. Marstalls. Die Gesamtkosten hierfür verschlangen ungefähr die Hälfte der Staatseinnahmen von ca. 23 000 Gulden. In den Jahren 1535 bis 1541 mußte das Budget zum Unterhalt von zwei Höfen ausreichen, da für Pfgf. Philipp in Burglengenfeld eine eigene Hofhaltung eingerichtet wurde. Die N.er Res. erhielt bes. Bed. durch die Prachtentfaltung Pfgf. Ottheinrichs in seinen repräsentativen Bauprojekten (N.er Schloß, Hofgarten, Marstall, Schloß Grünau und Gestüt Rohrenfeld; Baumeister neben anderen Hans Knotz) und in den beachtl. Kunst- und Büchersammlungen (Bibliotheca Palatina). DieAufgeschlossenheit Ottheinrichs (Devise »Mit der Zeit«) gegenüber Kunst, Philosophie, Theologie und Wissenschaft (u. a. Astrologie), ließ ihn mit bed. Männern seiner Zeit in Kontakt treten. Seine Sympathie für die Lehre Luthers führte schließl. 1542 zum Übertritt zum evangel. Glauben. Beraten von Andreas Osiander erließ Ottheinrich 1543 eine protestant. Kirchenordnung, die in Nürnberg gedruckt wurde. Wenig später wurde in N. eine eigene Buchdruckerei unter Hans Kilian gegr. Die ambitionierte Hofhaltung Ottheinrichs berücksichtigte die bescheidene Finanzkraft Pf.-N. in keinster Weise und soendete die stetig wachsende Verschuldung 1542 im Staatsbankrott. Die Schuldentilgung der Landstände sicherte den Bestand des Fsm.s und nach vorübergehender ksl. Besetzung im Schmalkaldischen Krieg und nach der Abtretung des Fsm.s an Pfgf. Wolfgang von Zweibrücken, der nicht dauerhaft in N. blieb, richtete dessen Sohn Philipp Ludwig (1547-1614) einen repräsentativen aber sparsamer angelegten Hof in N. ein. Als dezidiert evangel. Fs. errichtete Philipp Ludwig von N. aus ein diplomat. Netz und unterhielt einen eigenen Geheimdienst, um sich vor dem mächtigen kathol. Nachbarn Bayern zu schützen unddie eigenen Ziele einer Erbschaft am Niederrhein zu fördern. Der Hof seines Sohnes Wolfgang Wilhelm (1578-1653) war geprägt vom Ringen um das Jülicher Erbe und von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. Die Res. wurde zunehmend nach Düsseldorf verlagert, in N. wuchsen aber die Kinder der Pfgf.en auf und wurden hier erzogen und ausgebildet. Höchsten Glanz erhielt der Hof in N. unter Pfgf. Philipp Wilhelm (1615-1690), von dessen 17 Kindern die Söhne wichtige Positionen in der Reichskirche einnahmen und die Töchter in die bedeutendsten Königs- und Fürstenhäuser Europaseinheirateten. Sichtbares Zeichen der Machtentfaltung in der 2. Hälfte des 17. Jh.s ist in N. der imposante Ostflügel des Schlosses, der sog. Philipp-Wilhelm-Bau. Das Erbe der Kurpfalz 1685 brachte weiteren Machtgewinn, ließ aber N. noch mehr zur Nebenres. werden. Die folgende Generation mit Johann Wilhelm und Karl Philipp hielt in Düsseldorf, Heidelberg, Mannheim und Schwetzingen Hof.

Die Frühphase des N.er Hofes ab 1522 ist noch geprägt von der ma. engen Verklammerung von Hof und Zentralverwaltung, wobei eine sachl. Unterscheidung bereits erkennbar ist. Selbstverständl. gehörten höchste Amtsträger wie Statthalter, Rentmeister oder Landvögte zum Hof. Wichtigste Person der Hofverwaltung war der Hofmeister. Er nahm nicht nur die Endkontrolle der Rechnungen für die Hofausgaben vor, sondern überwachte die Ordnung am Hof generell, auch unter Ausübung richterl. Funktionen (Hofrichter). Der Hofmeister war auch zugl. Stellvertreter des Landesherren in Regierung und Verwaltung.Die prakt. Organisation des Hofwesens oblag dem Hausvogt (Haushofmeister). Die Kontrolle der Einkäufe und der laufenden Ausgaben und damit einen wesentl. Teil der Finanzverwaltung des Hofes übernahmen Kammermeister und Ausgeber. Beim Kammermeister liefen Rechnungen und Informationen über Bedarf und Vorräte in Küche, Speisekammer, Keller, Hofbäckerei, Silberkammer, Hofschneiderei und Marstall zusammen. Die Rechnungen wurden in den jeweiligen Bereichen entspr. von Küchenschreiber, Mundkoch, Kellner, Silberkämmerer, Hausschneider, Futtermeister und Stallmeister geführt. Zu den Ausgaben des Hofesim weiteren Sinn zählten auch die Aufwendungen für das Jägerhaus, den Wagenstall und für die Kanzlei (mit Boten). Für das 16. und 17. Jh. fehlen eingehende Untersuchungen über die Organisation des Pf.-N.er Hofes.

Die Bewachung von Schloß und Stadt wurde von Torwächtern und Wachsoldaten übernommen. Zusätzl. wurden die Hausinhaber zu Wachdiensten herangezogen, wobei die Stadt in 11 (auch 22) Wachviertel mit Viertelmeistern untergliedert wurde (nachgewiesen seit 1583, Wachverzeichnisse von 1610).

Trotz der Lage an der Donau und an einem Straßenkreuzungspunkt hatte N. kaum überregionale wirtschaftl. Bedeutung. Später als Ingolstadt und Rain bekam N. ein Salzstapelrecht verliehen (1362). Durch die Res. in N. blühte jedoch das Handwerk, nicht zuletzt das Kunsthandwerk in der Stadt auf. Es gab mehrere Gold- und Silberschmiede, eine Geschütz- und Glockengießerei mit den bekannten Meistern Sebald Hirder und Johann Schelchshorn (16. bzw. 17. Jh.) und eine Druckerei (Hans Kilian). Schießpulver wurde in einer nahen Mühle bzw. in der fsl. Saliterfabrik vor der Stadt hergestellt. Die gen.Gießerei befand sich im Gebäudekomplex der alten Vogtei am Westsporn des Stadtberges beim oberen Tor. Dort wurde um 1504 auch eine Münzstätte eingerichtet, in der unter Ottheinrich und Philipp in größerer Zahl Pfennige geschlagen wurden. Auch Anfang des 17. Jh. in der Kipper- und Wipperzeit wurden in N. Münzen geprägt.

Da jedoch nur jeweils für kürzere Phasen Münzprägungen in N. belegt sind, konnte das Münzregal keinen wesentl. Beitrag zum Staatshaushalt leisten. Die Einnahmen Pf.-N.s waren in hohem Maße geprägt von den regulären Kammererträgen aus der Domanialwirtschaft. Im Kerngebiet des Fsm.s um N. gehörten den Pfgf.en mehr als 20% des Grundbesitzes. Die hierfür eingehenden Naturalabgaben der Untertanen wurden im fsl. Hofkasten in unmittelbarer Nähe des Schlosses (heutiges Stadttheater) gesammelt und aufbewahrt und konnten zur Versorgung des Hofes verwendet werden. Wein wurde um N. selbst angebaut, amHörnleberg bei Ried und am Weingarten bei Bittenbrunn ebenso wie bei Bergen und St. Wolfgang. Von auswärts wurde Wein etwa aus der Neckargegend bezogen. Weitere landwirtschaftl. Produkte für die Speisekammer lieferten die fsl. Schwaigen (Herrenschwaige und Rohrenfeld) oder die fst. Fischweiher (bzw. die N.er Fronfischer). Aus einigen Vogelherden mußten die Bauern bestimmter Dörfer bei Bedarf an dieHofküche liefern. Das im Schloß und für die Beamten benötigte Brennholz wurde von Scharwerkspflichtigen aus den alten hzgl. Forsten bei Sinning bzw. vom Heimberg nach N. gebracht. Die Wasserversorgung des Schlosses garantierte seit Philipp Wilhelm ein Leitungssystem, das Wasser von nördl. der Donau über die Brücke in einen Wasserturm beim Schloß führte.

Für den Staatshaushalt spielten neben den landwirtschaftl. Kasteneinnahmen auch Regalien wie der Zoll und Geleit oder der Bergbau eine Rolle. Letzteres v. a. im Nordgau, wo auch die vielen Hammerwerke eine wichtige Einnahmequelle für die Fs.en darstellten.

Die Aufnahme von Krediten durch die Pfgf.en erfolgte über verschiedene Gläubiger, die häufig in den nahen Finanzzentren Augsburg und Regensburg gefunden wurden. Jüd. Hoffaktoren gab es in Pf.-N. nur in der ersten Hälfte des 18. Jh.s (Familie Modl). Überhaupt wurden Juden im Fsm. nur in kurzen Phasen geduldet: In der Gründungsphase bis zur Zeit der ksl. Besetzung N.s im Schmalkaldischen Krieg (Vertreibung 1552/53 bei Ottheinrichs Rückkehr), in der ersten Hälfte des 17. Jh. (bes. in Lauingen) und unter Kfs. Johann Wilhelm ab ca. 1710 (1713 in N.) bis zur erneuten Ausweisung Kfs. Karl Philipps1740. Im MA hatte es in N. bereits im 13. Jh. eine Judengemeinde gegeben. Im abgespaltenen Fsm. Pfalz-Sulzbach entwickelten sich seit der zweiten Hälfte des 17. Jh. blühende jüd. Gemeinden.

Nur wenige Pf.-N.er Räte konnten sich einen Namen über die Landesgrenzen hinaus erwerben. Während ihr Wirken im 16. Jh. weitgehend auf das Fsm. beschränkt war, ergaben sich durch die verstärkten diplomat. Bemühungen im Kampf um das Jülicher Erbe Möglichkeiten, sich an dt. und europ. Höfen zu profilieren. Dies galt u. a. sicherl. für Franz von Gise, Johann von Zeschlin oder Goswin von Spiring. Im Pf.-N.er Staatsdienst Karriere machte auch die aus dem Nordgau stammende Familie Silbermann, die wie später die Freiherrn von Weveld mehrere Adelssitze um N. erwerben konnten. Nikolaus von Müllerschaffte den Sprung vom Schulmeister zum Hofmarksherren und höchsten Finanzbeamten des Fsm.s. Traurige Berühmtheit erlangte der ehem. N.er Statthalter Oberst Adam von Herberstorff durch die Niederschlagung des oberösterreich. Aufstandes von 1626.

Über die Kindererziehung im Haus N. ist nur wenig bekannt, gleichwohl sie bes. im 17. Jh. hohes Ansehen genoß. Aufgrund ihrer guten Ausbildung und wg. der Hoffnung auf zahlr. Nachkommen waren die N.er Prinzessinnen bei kathol. Fürstenhäusern sehr begehrt. Eheverbindungen kamen mit dem Kaiserhaus, mit den Königshäusern von Spanien, Portugal, Polen und mit dem Herzogshause von Parma zustande.

Zur Welt kamen die meisten Kinder der N.er Pfgf.en im Schloß des Stammsitzes N., und dort wurden sie auch erzogen und ausgebildet. Als die Pfgf.en sich im 17. Jh. seltener in N. aufhielten, war der Hof von Frauen und Kindern geprägt. Die Gemahlinnen bekannten sich z. T. zu anderen Konfessionen als die Pfgf.en. Weder vollzog die kathol. Susanna den Konfessionswechsel ihres Gatten Ottheinrich nach, noch Anna von Jülich-Kleve-Berg den ihres Sohnes Wolfgang Wilhelm 1614. Für sie wurde in Schloß Höchstädt ein eigener Wittums-Hof eingerichtet, was zu fortgesetzten Konflikten mit N. führte.

Seit Wolfgang Wilhelm nahmen die Jesuiten als Beichtväter des Fürstenhauses und als theolog. Berater einen wichtigen Platz ein. Zu nennen sind v. a. Jakob Reihing der 1614 zum Aufbau des Jesuitenkollegs und zur Durchführung der Rekatholisierung nach N. geholt wurde, der Beichtvater Anton Welser und der berühmte Dichter und Hofhistoriograph Jakob Balde, »der deutsche Horaz« (1604-1668). In evangel. Zeit spielte der Hofprediger Dr. Jakob Heilbrunner (1548-1618) eine wichtige Rolle, u. a. auch im sog. Regensburger Religionsgespräch. Bei der Einführung der Reformation hatten der NürnbergerReformator Andreas Osiander, der Hofprediger Michael Diller sowie Philipp Melanchton und Wolfgang Meußlin als Berater gedient. Nach der Rekatholisierung im Schmalkaldischen Krieg war Johann Brenz maßgebl. an der Wiederherstellung des Luthertums in N. beteiligt. 1619 hielt sich René Descartes in Neuburg auf und entwarf hier seine Philosophie des »cogito, ergo sum«.

Seit Ottheinrich spielte die Musik in N. eine wichtige Rolle. Die von ihm gegründete Hofkapelle bestand bis 1679/85, mit Unterbrechungen unter Pfgf. Wolfgang und Philipp Ludwig. In N. wirkten zahlr. ital. Musiker, allen voran Biagio Marini und Giacomo Negri, aber auch dt. wie der aus Lauingen stammende Hofkapellmeister Jakob Paix oder der engl. Lautenist Edward Leech. Als fest angestellter Hofmaler wurde v. a. Franz Hagen bekannt. Unter den Leibärzten der N.er Pfgf.en erlangte der Hof- und Stadtmedikus Dr. Michael Raphael Schmutz von Poysdorf († 1679) durch seine Schriften zurWasserheilkunde Berühmtheit. Die Hofapotheke befand sich im Schloß und wurde im 18. Jh. in ein eigenes Gebäude verlegt und mit der Stadtapotheke vereinigt. Die N.er Pfgf.en führten als Wittelsbacher die Vierung von Pfälzer Löwen und bayerischen Rauten sowie den Veldenzer Löwen für die Linie Zweibrücken als Wappen. Im Zuge der Erbschaft am Niederrhein wurde das Hauswappen um die Löwen von Jülich und Berg und die Lilienhaspel von Kleve sowie um die Wappen von Mark, Ravensberg und Moers erweitert. Die Stadt N. trug in ihrem Siegel bis zur Gründung der Jungen Pfalz eine Burg, anfangs mit zwei,später mit einem Turm. 1506 wurde ihr ein neues Wappen verliehen, das zwei Knaben (Ottheinrich und Philipp) mit Steckenpferden vor einem Torbau zeigt. Über dem Tor sitzt der Pfälzer Löwe, die Türme tragen weiß-blaue Rauten. Die Stadtfarben von N. sind weiß-blau-rot (wohl erst seit dem 19. Jh.).

Die N.er Fs.en haben ihre Residenzstadt mit einer Reihe von Ordensstiftungen ausgestattet: Neben der Gründung des Jesuitenkollegs stiftete Pfgf. Wolfgang Wilhelm 1624 das Kl. St. Wolfgang für den Orden der Barmherzigen Brüder. Pfgf. Philipp Wilhelm gründete 1656 ein Franziskanerkl. und 1661 ein Karmeliterinnenkl., Kfs. Johann Wilhelm 1698 ein Ursulinerinnenkl., Kfs.in Elisabeth Maria 1766 ein Kl. der Elisabethinerinnen und schließl. Karl Theodor 1781 die Malteser Großballei N., welche die Güter des aufgehobenen Jesuitenkollegs übernahm. Gymnasium und Seminar, die als Lat. Schule undPräbende im 16. Jh. gegr. worden waren und seit 1616 unter der Leitung der Jesuiten standen, wurden weitergeführt.

Das Hofzeremoniell in N. ist gänzl. unerforscht. Zahlr. Nachrichten und Berichte gibt es dagegen von Festivitäten am N.er Hof, etwa anläßl. der Hochzeit Pfgf. Philipp Ludwigs mit Anna von Kleve, die mit Turnieren, einem großen Festmahl, mit aufwendigen Dekorationen und prachtvollen Kostümen gefeiert wurde. Ebenso festl. begangen wurden die Hochzeitsfeierlichkeiten für Pfgf. Wolfgang Wilhelm und Magdalena von Bayern. Auch die Ankunft der Braut Pfgf. Philipp Wilhelms, Anna Katharina Constantia von Polen, wurde 1642 in N. mit Schauspielen, einem maskierten Umzug, Feuerwerken und einem Mahlunter freiem Himmel in Grünau gefeiert. Feste gab es auch zur Geburt der Thronfolger. Für den Prinzen Johann Wilhelm schrieb Jakob Balde ein Freudengedicht.

Die Begräbnisse der Fs.en wurden prachtvoll mit Leichenzug und Beisetzung in der Gruft der Hofkirche zelebriert. Als bes. Anlaß für eine gebührende Feier empfand man 1605 das Hundertjährige Jubiläum des Fsm.s Pf.-N. Einen lebhaften Eindruck der Lustbarkeiten am N.er Hof, v. a. der heiteren Feste im Jagdschloß Grünau, aber auch der Spiele im großen Saal des Ottheinrichbaus, vermittelt die Reisebeschreibung Philipp Hainhofers aus dem Jahr 1613. v. a. unter den Jesuiten wurden zahlr. Theaterstücke aufgeführt, außer im Schloßsaal auch im Kolleg, in der Hofkirche oder im Hofkasten.

Das Jagdwesen wurde in N. bes. gepflegt. Schon im 15. Jh. befand sich hier das Oberstjägermeisteramt mit eigenen Gebäuden und vielgliedriger Verwaltung. Die umliegenden Wälder und das Donaumoos wurden von den Pfgf.en gerne zur Jagd genutzt. Mit Grünau hatten sie ein repräsentatives Jagdschloß in Stadtnähe und in Riedensheim zudem ein bescheidenes Jagdschlößchen, die beide von Pfgf. Ottheinrich erbaut wurden.

Ottheinrich legte auch den Grundstein für den Reichtum N.s an Kunstschätzen. Neben den Werken der Architektur sind die der Malerei zu nennen: Die Wandmalereien Hans Bocksbergers in der Schloßkapelle und Jörg Breus d. J. in Grünau ebenso wie die Porträtsammlung Ottheinrichs in seiner runden Stube mit Werken von Peter Gertner, Barthel Beham, Hans Baldung, Matthäus Gerung, Lukas Cranach d. Ä.und Albrecht Altdorfer. Auf der Reise Ottheinrichs nach Krakau wurden zahlr. Stadtansichten gemalt, z. T. die frühesten der betr. Städte überhaupt. Ottheinrichs Begeisterung für Teppichwirkereien entsprangen die kostbaren Wandteppiche des Schlosses. Qualitätvolle Kunstwerke entstanden auch in der in N. gegründeten Gießerei (Sebald Hirder) und Druckerei (Hans Kilian). Ottheinrichs Nachfolger Pfgf. Wolfgang gab die bemerkenswerte Sgraffitodekoration am Schloß in Auftrag (Hans Schroer). Philipp Ludwig wirkte ebenfalls als Bauherr,beschäftigte den Münchener Hofmaler Hans Thonauer und beauftragte Christoph Vogel, Matthäus Stang und Friedrich Seefridt mit einem umfangr. Kartenwerk zur Landesaufnahme des Fsm.s. Die reiche Ausstattung der Hofkirche ist v. a. Wolfgang Wilhelm zu verdanken (Pläne von Joseph Heintz, Ausführung durch Hofbaumeister Sigismund Doctor und Maurermeister Gilg Vältin, Stuck von den Brüdern Castelli, Gemälde von P. P. Rubens). Philipp Wilhelm beauftragte seinen Hofbaumeister Jeremias Doctor mit der Neugestaltung des Ostteils des Schlosses, was ab 1665 durch den Ostflügel mit den zwei mächtigenRundtürmen und den Muschelgrotten im Erdgeschoß verwirklicht wurde. Bedeutende Förderer der Kunst waren die Pfgf.en Johann Wilhelm und Karl Philipp. Ihr Wirken konzentrierte sich jedoch auf den Niederrhein und die Pfalz und kaum mehr auf N.

Quellen

Hofordnungen, 2, 1907, S. 162-184. - Reisebilder Pfalzgraf Ottheinrichs, 2001.

475 Jahre Fürstentum Pfalz-Neuburg, 1980, S. 90-100. - Cramer-Fürtig 1995. - Cramer-Fürtig, Michael: Pfalz-Neuburg und sein Nebenland Pfalz-Sulzbach, in: Repertorium der Policeyordnungen der Frühen Neuzeit, hg. von Karl Härter und Michael Stolleis (Ius Commune. Sonderhefte. Studien zur Europäischen Rechtsgeschichte 116), Bd. 3,2: Wittelsbachische Territorien (Kurpfalz, Bayern, Pfalz-Neuburg,Pfalz-Sulzbach, Jülich-Berg, Pfalz-Zweibrücken), hg. v. Lothar Schilling und Gerhard Schuck, Frankfurt am Main 1999, 1017-1162. - Hans Kilian. Buchdrucker im Dienste Ottheinrichs und der Reformation, hg. von Reinhard H. Seitz, Monika Burck-Schneider und Gerhard Robold, Schrobenhausen 1994 (Edition Descartes, 3) - Henker, Michael: Zur Prosopographie der Pfalz-Neuburgischen Zentralbehördenim siebzehnten Jahrhundert, Diss. Univ. München 1984. - Levin, Theodor: Beiträge zur Geschichte der Kunstbestrebungen in dem Hause Pfalz-Neuburg (Aus dem Kgl. bayerischen Geh. Staatsarchiv), Tl. 1-3 (Mit 5 Kunstbeilagen), in: Beiträge zur Geschichte des Niederrheins 19 (1905) S. 97-213; 20 (1905) S. 123-249; 23 (1910) S. 1-185. - Nadwornicek, Franziska: Pfalz-Neuburg, in: Die Territorien des Reichs, 1, 1989, 44-55. - Nebinger, Gerhart: Beiträge zu einem Dienerbuch 1505 - 1700 des Fürstentums Neuburg(Pfalz-Neuburg), in: Blätter des bayerischen Landesvereins für Familienkunde 50 (1987) S. 435-488. - Neuburg, 1955. - Ottheinrich. Gedenkschrift zur vierhundertjährigen Wiederkehr seiner Kurfürstenzeit in der Pfalz (1556-1559), hg. von Georg Poensgen, Heidelberg 1956 (Sonderbd. der Ruperto-Carola. Mitteilungen der Vereinigung der Freunde der Studentenschaft der Universität Heidelberg). - Press, Volker: Fürstentum und Fürstenhaus Pfalz-Neuburg, in: Gustl Lang. Leben für die Heimat, hg. von Konrad Ackermannund Georg Girisch, Weiden 1989, S. 255-278. - Schmidt, Hans: Das Haus Pfalz-Neuburg in der europäischen Politik des 17. Jahrhunderts, in: Mannheimer Hefte 2 (1992) S. 106-120. - Seitz, Reinhard H.: Kippermünzen der pfalz-neuburgischen Münzstätte Neuburg a. d. D., 1621-1622, in: Neuburger Kollektaneenblatt 116 (1963) S. 13-17. - Sturm, Heribert, Das wittelsbachische Herzogtum Sulzbach (Weidner Heimatkundliche Arbeiten 17), Weiden 1980. - Volkert,Wilhelm: Die Juden im Fürstentum Pfalz-Neuburg, in: ZBLG 26 (1963) S. 560-605. - Volkert, Wilhelm: Das Fürstentum Pfalz-Neuburg und seine Nebenlinien vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, in: Handbuch der bayerischen Geschichte, 3,2, 1971, S. 1335-1349 und 3/3, 1995, S. 124-141. - Weiss, Theodor: Die Friedrichsburg zu Vohenstrauß, in: Oberpfälzer Heimat 30 (1986), S. 159-171. - Wiessner, Wolfgang: Hilpoltstein, München 1978 (Historischer Atlas von Bayern. Franken, I,24). - Die Wittelsbacher in Pfalz-Sulzbach.Beiträge zur 400-Jahrfeier der Residenzgründung, Sulzbach-Rosenberg 1982. - Eine umfangr. Bibiliographie im Internet unter der Adr. www.ku-eichstaett.de/GGF/Landgesch/Bibliographie.Pfalz-Neuburg/frames.html.