Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Vorderösterreich

I.

Unter »Vorderösterreich« werden alle habsburg. Gebiete nördl. von Arlberg und Fernpass ohne Rücksicht auf temporale, polit. oder territoriale Strukturen subsumiert. Die Gesamtheit dieser territorial nicht geschlossenen Gebiete war mit keinem gemeinsamen Rechtstitel verbunden und gliederte sich in die vorderösterr. Lande im engeren Sinne (Elsaß, Sundgau, Breisgau, Schwarzwald) und die schwäb.-österr. Lande. Die gesamten Vorlande standen in enger verwaltungstechn. Verbindung mit → Tirol. Res.en und Verwaltungsmittelpunkte konzentrierten sich im DreieckBrugg (Residenzenschwerpunkt), Baden (Verwaltungsmittelpunkt) mit Stein (Archiv) und Königsfelden (Memoria), während sich parallel zu den territorialen Verlusten (1386, 1415) als neuer Verwaltungsmittelpunkt im 15. Jh. Ensisheim mit dem oberelsäss. Landgericht herauskristallisierte. In Krisensituationen hielten sich die Landesfs.en eher in der Hochrheinregion (v. a. Diessenhofen, Rheinfelden, Waldshut, → Säkkingen) in nächster Nähe der Eidgenossen auf. Elsaß, Sundgau, Breisgau und Schwarzwald unterstanden seit 1507/10 einer vorderöster. Regierung in Ensisheim, die nach Verlust derlinksrhein. Gebiete in Elsaß und Sundgau seit 1651 in Freiburg ihren Sitz hatte, der tirol. Regierung in → Innsbruck unterstand und als deren Außenstelle nur bedingte Selbstständigkeit besaß. Die schwäb.-österr. Lande hatten kein derartiges Verwaltungsorgan und unterstanden direkt der Innsbrucker Kammer. 1752/59 wurde für die gesamten Vorlande eine Provinzialregierung in Freiburg eingerichtet.

II.

Die vorderösterr. Lande erhielten als Herrschaftskomplex mit eigenen Res.en, Witwensitzen und Stellvertreterres.en seit der Neuburger Teilung von 1379 bis zur Zusammenfassung aller habsburg. Länder unter Maximilian 1490/93 eine gewisse Bedeutung, ohne sich jedoch grundsätzl. von den sonstigen habsburg. Höfen zu unterscheiden. In dieser Zeit kann man von einer höf. Präsenz in den Vorlanden ausgehen, die sich insbes. unter Katharina von Burgund mit ihrem Witwensitz in Thann und Belfort (1411-25), dem vorderösterr. Landesfs.en Albrecht VI. (1444-63) in Freiburgund seiner Gattin/Wwe. Mechthild von der Pfalz in Rottenburg a. N. (1452/63-82) ausbildete.

In der zweiten Phase zw. 1565 und 1665 gehörten die Vorlande mit → Tirol zwar zum Herrschaftskomplex einer habsburg. Nebenlinie, doch befand sich der eigentl. Residenzort in → Innsbruck und nicht mehr in den Vorlanden. Nur noch vereinzelt, meist bei Regierungsantritt und zur Entgegennahme der Erbhuldigung, kamen die habsburg. Landesfs.en noch in die Vorlande, wie z. B. die Besuche Ehzg.s Ferdinand II. (1565, 1573), Matthias (1596), Maximilians (1604), Leopolds (1623) zeigen. Nur zw. 1606 und 1618 diente das neu ausgebaute Schloß in Günzburg als Res. für Mgf. Karl vonBurgau, den morganat. Sohn Erzherzogs Ferdinand II. mit Philippine Welser. Ein im 18. Jh. geplantes Residenzschloß in Rottenburg a. N. wurde nicht realisiert. Eine eigenständige höf. Entwicklung konnte daher in VÖ nur bedingt im 15. Jh. erfolgen.

Vom Hof Katharinas zw. 1411 und 1426 ist relativ wenig bekannt, doch scheint er ein typ. Hofstaat vorderösterr. Herkunft mit Marschall, Hofmeister, Küchenschreiber, Lichtkämmerer, Schenk, Barbier, Kaplan und Chirurg, sowie einem Kanzler und mind. zwei Sekretären gewesen zu sein.

Der Hof Albrechts VI. hatte mit etwa 150 Personen Gefolge einen königgleichen Rang, wobei punktuell 300 und 500 Personen gen. und der Hof als sehr prächtig, lebens- und sinnenfroh geschildert wird. An der Spitze seines Hofes, die nach seinem Erscheinen in den vorderösterreich. Landen mit Einheim. besetzt wurde, stand sein Hofmarschall Thüring von Hallwyl, der während der Abwesenheit des Hzg.s als sein Stellvertreter fungierte. Darüber hinaus sind Hofmeister (z. B. Wilhelm von Hochburg, Jacob Truchsess von Waldburg, Wolfgang von Wallsee), Truchsess, Kämmerer, Groß- und Kleinschenk,Kammerschreiber, Kellermeister, mehrere Türhüter und Köche bekannt. Das Amt des Landmeisters war in den Vorlanden nicht übl., die Kanzlei bestand aus einem Kanzler und zwei bis drei Schreibern. Seinen ersten Kanzler, Peter Kotterer, übernahm Albrecht wie einige andere Räte von seinem (Vor-)Vorgänger, sodaß eine gewisse Verwaltungskontinuität bestand. Aus Albrechts Kanzlei scheint auch der erste Landleutzettel von etwa 1445 zu stammen, der ein Vorläufer der ersten landständ. Matrikel ist. Das sonstige Hofpersonal scheint Albrecht in die Vorlande mitgebracht und hier angesiedelt zu haben. NachAlbrechts Weggang aus den vorderösterreich. Landen (1457/58) sind zumindest Höflinge nach → Linz und → Wien gefolgt, darunter Georg von Stein als Kanzler. Leibärzte waren wohl Johannes Hartlieb, Georg Mayr (Mair) von Amberg und Dr. Michael Puff aus Schrick. Der wesentl. kleinere Hof Mechthilds hatte ebenfalls alle typ. Hofämter vom Hofmeister, Schenk, Küchenmeister, Kämmerer, Kammerdiener, Leibarzt usw.

Von Albrecht VI. sind Glücksspielleidenschaft, höf. Spiele und Turniere (u. a. in Freiburg) bekannt, an denen der Hzg. persönl. teilnahm und zumindest in einem Fall verletzt wurde. Bes. Bedeutung ist dem Fest anlässl. des Besuchs Phillipps von Burgund in Freiburg im Juli 1454 beizumessen, für dessen Vorbereitungen auch baul. Umgestaltungen in der Stadt vorgenommen wurden. Bei Albrechts Einzügen oder Selbstinszenierungen werden immer wieder Pfeifer, Trompeter und Pauker gen., aber auch die Tanzfreudigkeit des Herrschers erwähnt. Von Mechthilds Hof wurden ebenfalls ihre höf. Feste undFastnachtsfeiern bes. gerühmt.

In Albrechts Umgebung, der selbst als wenig gebildet aber keinesfalls bildungsfeindl. galt,befanden sich zahlr. gelehrte Räte, darunter Wilhelm vom Stein, Peter Kotterer, Georg vom Stein u. a., ferner Kontakte und Widmungsbeziehungen zu Johannes Hartlieb, Aeneas Silvius, Felix Hemmerlin, Gregor Heimburg und Michel Beheim. Ferner gründete Albrecht 1457 die Universität in Freiburg, die 1460 ihren Lehrbetrieb aufnahm und nach → Wien die zweite habsburg. Universitätsgründung war. Die Ausstrahlung seiner Gattin Mechthild mit ihrer Neigung zu Literatur, Kunst und Wissenschaft bewirkte zahlr. Zueignungen von Werken, diein der Sekundärliteratur zu einer Stilisierung ihres Hofes als »Musenhof« führte. Von Mechthild ist eine nicht mehr erhaltene Bibliothek mit mind. 94 Bänden bezeugt. Mit ihr in Verbindung gebracht werden insbes. Niclas von Wyle, Hermann von Sachsenheim, Jacob Püterich von Reichertshausen, Johannes Vergenhans und Anton von Pforr.

Quellen

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Auer, Erwin: Studien zur Geschichte der Kanzlei Albrechts VI. von Österreich, Wien 1947. - Baum 1987. - Baum, Wilhelm: Die Habsburger in den Vorlanden (1386-1486). Krise und Höhepunkt der habsburgischen Machtstellung in Schwaben am Ausgang des Mittelalters, Wien 1993. - Bischoff 1982. - Bischoff 1997. - Eberhard und Mechthild, 1994. - Kruska, Renate: Mechthild von der Pfalz. Im Spannungsfeldvon Geschichte und Literatur, Frankfurt 1989 (Europäische Hochschulschriften, 1111). - Maier, Germana Maria: Studien zur Geschichte Herzog Albrechts VI. von Österreich (1418-1463), Salzburg 1987. - Martin 1870-72. - Meyer 1933. - Quarthal 1991. - Quarthal, Franz: Vorderösterreich, in: Handbuch der Baden-Württembergischen Geschichte, 1,2, 2000, S. 587-780. - Schwineköper 1974. - Seidel, KarlJosef: Das Oberelsaß vor dem Übergang an Frankreich. Landesherrschaft, Landstände und fürstliche Verwaltung in Alt-Vorderösterreich (1602-1638), Bonn 1980. - Speck 1994. - Speck 1999. - Stolz 1943. - Stouff 1913. - Strauch 1883. - Theil 1983. - Uiblein, Paul: Beziehungen der Wiener Medizin zur Universität Padua im Mittelalter. Mit einem Konzilium des Stadtarztes von Udine Jeremias de Simeonibusfür Herzog Albrecht VI. von Österreich, in: Römische Historische Mitteilungen 23 (1981) S. 271-301. - Vorderösterreich, 2000.