ST. ODILIENBERG-HOHENBURG
I.
Locum [...] cui nomen ob altitudinem urbium Hoenburg erat (Vita Odilie, 10. Jh.), Hohenburg Odilienberg (1473). Der Name Altitona ist eine Erfindung der Chronik von Ebersmünster (12. Jh.).
Das Frauenkl., gegr. Ende des 7. Jh.s durch Hzg. Eticho (Attic, Adalrich) auf einem die elsäss. Hochebene dominierenden 763 m hohen Berg, ist seit 783 urkundl. belegt und wurde 837 unter den Schutz Ludwigs des Frommen gestellt; die Schwesterabtei Niedermünster liegt am Fuße des Berges. Im 12. Jh. wurde das Kl. zum Augustiner-Kanonissenstift, das weiterhin unter der Leitung einer Äbtissin stand (frei gewählt lt. einer Bulle Leos IX. von 1050). Die Wallfahrt zu den Reliquien der Gründerin und zur Kreuzreliquie von Niedermünster war im ganzen Hl. Röm. Reich bekannt, und Kg. → KarlIV. nahm 1354 daran teil.
Da die Abtei v. a. Ordensleute aus der hohen Reichsaristokratie versammelte (was Papst Honorius III. 1226 kritisierte), profitierte sie von der Fürsorge der → Staufer, die im 12. Jh. und in der ersten Hälfte des 13. Jh.s ihre Klostervögte stellten. Friedrich I. Barbarossa besuchte H. im Juli 1153; wahrscheinl. ebenso der engl. Kg. Richard Löwenherz 1194; die Kg.in Sybille von Sizilien, Wwe. Tankreds von Lecce, lebte dort im Exil von 1195 bis 1198.
Das Vermögen der Abtei bestand aus über die gesamte Region verteiltem Grundbesitz, bes. in dem nahegelegenen Waldgebiet. Erst spät wurden ksl. Privilegien gewährt (Befreiung von der Steuer durch → Heinrich VII. 1224). Um 1250 (1246 oder 1249) wurde die Äbtissin zum ersten Mal als Prinzessin tituliert (sie benutzte den Ausdruck jedoch selbst nicht). Das weltl. Gut wurde 1273, 1277 und 1280 bestätigt.
H. besaß keine Territorialherrschaft, obwohl die Abtei sehr reich war und Ministerialen hatte. Die Domänen erlaubten die Entstehung vieler Dinghöfe (v. a. der Salhof in Obernai, der Freihof in Rosheim, Blaesheim und Sundhouse). Ein Salbuch wurde von der Äbtissin Katherina von Stauffenberg (1304-ca. 1311) geführt und gewährt Einblick über die Zusammensetzung der Abtei. Die durch Laien ausgeübte Vogtei rief die Entstehung von Burgen auf diesen Domänen hervor, v. a. auf dem Landsberg, erwähnt 1200, in der Nähe von Niedermünster, sowie die Inbesitznahme von Ländereien, die häufig als Lehenüberlassen worden waren. Aufgrund von Zufällen (Brände in den Jahren 1277, 1301 und um 1409) und anderen Ereignissen (Angriffe von durchziehenden Soldaten im Hundertjährigen Krieg 1365 oder 1375) und trotz Aufrechterhaltung der Wallfahrten war die Existenz der Abtei am Ende des MA bedroht. Die Disziplin, die bereits 1358 durch Eingreifen des Ks.s wiederhergestellt werden mußte, war 1444 erneut Gegenstand von Ermahnungen durch den Bf. von → Straßburg. Am 24. März 1546 brannten die Konventsgebäude ab. Die auf eine handvoll Nonnen geschrumpfte Gemeinschaft (fünf Schwestern 1490 imGegensatz zu etwa 60 am Ende des 12. Jshrhunderts), wurde aufgelöst, und ihre weltl. Güter fielen an den Bf. von → Straßburg.
II.
H. beherbergte keinen richtigen Hof. Dennoch war die Abtei aus einer Res. des Hohen MA entstanden, da der Gipfel, eingeschlossen durch einen 12 km langen kolossalen Wall (Heidenmauer, Murus gentilis), der vor kurzem durch Dendrochronologie auf das 7. Jh. dat. wurde, unbestreitbar der Sitz eines fränk. Hzg.swar. In der zweiten Hälfte des 15. Jh.s erinnerte der Jurist Peter von Andlau an diesen Mann, der in nobili castro Hohenburg lebte. Die erhaltenen Gebäude stammen hauptsächl. aus dem 17. Jh., aus der Zeit als die Wallfahrt durch die Prämonstratenser abgehalten wurde.
Die Blütezeit der Abtei lag im 12. Jh. unter den Äbtissinnen Relinde (ca. 1152-76), Reformerin der Gemeinschaft, und Herrad (ca. 1178 bis ca. 1190), ihrer Nachfolgerin, die das Ms. des »Hortus deliciarum« verfaßte, einer illuminierten theolog. Enzyklopädie, die i. J. 1870 verbrannte.
Was die Wallfahrten betrifft, sollte man ehrenvolle Besuche wie den Kg. → Karls IV. (4. Mai 1354) oder Christians IV. von Dänemark mit seinem Gefolge von 130 Personen erwähnen.
Quellen
Albrecht (Dionysius): History vom Hohenburg oder St Odilien-berg, Schlettstadt 1751. - Gebwiler (Hieronymus): Ein schöne warhafftig und hievor unangehörte hystorie des fürstlichen stammens und herkommens der heiligen junckfrawen Otilie, irer eltern, vater, muter, brudern, schwestern auch vettern so hertzogen, graven und herren seind gewesen in Schwaben, Elsass und Breysgaw, Straßburg 1521. - Herrad of Hohenburg, Hortus Deliciarum, hg. von Rosalie Green, Leiden 1983.
Literatur
Barth, Médard: Die heilige Odilia, 2 Bde., Straßburg 1938. - Clauss, Joseph M. B.: Historisch-topographisches Wörterbuch des Elsass, S. 813. - Fischer, Marie-Thérèse: Treize siècles d'Histoire au Mont Sainte-Odile, Eckbolsheim 2001. - Grandidier 1899. - Fukkel, Marie-Anne: Droits d'usage dans la forêt de Barr, in: Annuaire de la société d'Histoire de Dambach (1996) S. 35-46. - Le Mont Sainte-Odile, haut lieu del'Alsace. Archéologie, Histoire, Traditions, Musées de Straßburg 2002. - Wagner, Georg: Untersuchungen über die Standesverhâltnisse Elsässischer KIöster, Straßburg 1911. - Wilsdorf, Christian: Les très anciennes forteresses du Mont Sainte-Odile et de la Frankenbourg dans les textes du Moyen Age, in: Cahiers alsaciens d'Archéologie, d'Art et d'Histoire 36 (1993) S. 207-210. - Will, Robert/Petry, François: Le Mont Sainte-Odile. Guides archéologiques de la France,Paris 1988. - Will, Robert: L'architecture et la topographie du monastère de Ste Odile au Moyen Age, in: Annuaire de la société d'Histoire de Dambach (1980) S. 7-42.