Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

SÄCKINGEN

I.

Monasterium und Abtei, Königskl. (9., 10. Jh.), Kanonissenstift (belegt seit 13. Jh.), Fürstung der Äbtissin 1307.

Umfangr. Fernbesitz ist im 10. Jh. am oberen Zürich- und Walensee sowie im Rheintal nachweisbar, Grundherrschaft und partieller Grundbesitz unbekannten Alters und unklarer Herkunft im Tal Glarus seit dem 12. Jh. 1395 kaufte sich die Talschaft gegen die Zahlung eines ewigen Zinses frei. Nahbesitz hatte das Stift in seiner weiteren Umgebung beiderseits des Rheins im Fricktal und im Hotzenwald, im Markgräflerland, im oberen Wiesen- und im Wutachtal. Verstreuter Besitz befand sich zw. Reuss- und Seetal und im Jura. Durch Verluste im Spät- MA ist Besitz in der Ortenau und am Kaiserstuhlbekannt, letzterer dürfte durch die Äbtissin Richgard an das Stift gelangt sein.

Am Hochrhein vermutl. im 7. Jh. Mission des seit dem späten 10. Jh.s als Gründer verehrten Wandermönchs Fridolin mit merowing. Unterstützung. Gründung einer geistl. Gemeinschaft entweder durch ihn selbst oder an seinem Grab. Im 9. Jh. war es Königskl. wie die → Frauenmünsterabtei in Zürich: vermutl. Berta, die Tochter Kg. Ludwigs des Deutschen und Richgard, die Frau Karls III., standen dem Konvent vor. Durch seinen Besitz hatte es Brückenfunktion in der otton. Italienpolitik; vermutl. war Reginlind, die Frau Hzg. Hermanns I. von Schwaben, ebenfalls Äbtissin Die Umwandlung in einKanonissenstift fand wohl im 11. Jh. statt. 1063 zuerst nachweisbar, übten die Gf.en von Lenzburg bis 1173 die Vogtei aus, danach die Gf.en von → Habsburg bis zur Auflösung 1806. Bes. im 15. Jh. wurden Stift und Stadt zu einem wichtigen Element in der habsburg. Territorialpolitik in Vorderösterreich.

II.

Außer den genannten drei Frauen sind die Äbtissinnen erst seit dem 13. Jh. namentl. bekannt. In dieser Zeit sind auch einzelne Ämtergreifbar. Die Verwaltung des Stiftes wird 1274 durch eine dispensatrix geführt. In ihrer Nachfolge befindet sich das Spichwärteramt in der ersten Hälfte des 14. Jh.s als Lehen in Händen der dienstadligen Familie von Hauenstein, im 15. Jh. ist ein als Schaffner eingesetzter Beamter nachweisbar. Das Bauamt verwaltete im 14. Jh. eine Chorfrau, später wurde es einem Chorherrn und im 16. Jh. einem Beamten übertragen.

Nach der ersten überlieferten Hofordnung von 1428 wurden von den Kanonissen Kellerei, Spenderei und Kämmerei verwaltet. Sie sollten zusammen Siegel und Archiv bewahren. Kanzlei- oder Schreibertätigkeiten sind nicht untersucht. Das mindere Kochamt findet sich 1357 in der Hand des Hartmann von Wieladingen. Die Inhaber des Pfister-, des großen und kleinen Koch- und des Metzgeramtes gehörten im 15. und 16. Jh. zur Säckinger Bürgerschaft. Nach dem 16. Jh. treten diese Ämter nicht mehr auf.

Über den Dinggerichten mit mehreren Instanzen gab es das stift. Gericht unter dem Hohen Bogen, dem Portal des Münsters. Als Schöffen nahmen die Beamten, die Keller, Bannwarte und Fronmüller des Stiftes und der Schultheiß von S. teil. Letzte Instanz bildete die Kammer der Äbtissin. Dort waren nur die Stiftsbeamten und Inhaber der Hofämter anwesend.

Unter den stift. Meiern fallen die Hzg.e von → Österreich auf, die sich 1288 mit dem Glarner Meieramt belehnen ließen. Im Gebiet um S. wurde vermutl. in Folge einer Erbteilung zw. Groß- und Kleinmeier unterschieden. Großmeier waren bis 1350 die Herren vom Stein und in ihrer Nachfolge die Herren von Schönau. Das Amt blieb bis zur Aufhebung des Stiftes im Besitz der Familie. Als Kleinmeier sind seit 1260 die Herren von Wieladingen belegt. Das 1376 vom Stift gekaufte Amt wurde danach nicht wieder vergeben.

Das 10. Jh. war für das Kl. eine Zeit der kulturellen Blüte. Der Verfasser der Fridolinsvita, der im Kl. → St. Gallen erzogene Balther von Säckingen, ist wohl mit dem seit 970 nachweisbaren Bf. Balderich von Speyer identisch. Eine Namensliste im »liber memorialis« von → Remiremont spiegelt die Beziehungen des Konventes. Eine Sammlung von Authentiken zeugt von einer bedeutenden Reliquiensammlung. Die Baumeister wurden auf Zeit bestellt; der des got. Chores soll nach Conrad Justinger's Berner Chronik auch den des Kl.s → Königsfelden und derFranziskanerkirche in Bern errichtet haben.

Mit der Statutenrevision von 1458 war bis zur Auflösung neben den Frauen gfl. und freiherrl. Herkunft ledigl. denen aus ehem. dienstadligen Familien der Eintritt erlaubt. Die Gründung einer Klarissenniederlassung in der Stadt durch einen S.er Bürger 1340 zeigt die erfolgreiche Abgrenzung der Stiftsdamen gegen bürgerl. Einfluß. Unter den seit dem 13. Jh. nachweisbaren, bis in die Neuzeit max. vier Chorherren finden sich dagegen seit dem 16. Jh. solche bürgerlicher Abstammung. Scheint sich die Zahl der Klosterfrauen im FrühMA zw. 20 und 30 bewegt zu haben, so durften ab 1327 nicht mehr als 25Kanonissen eintreten und seit 1556 nur sieben.

Der Kantor der Basler Domkirche Erkenfried war 1274 Chorherr in S. Die im 14. Jh. übl. Vergabe des S.er Kantorenamtes an Laien wurde durch dessen Aufhebung 1380 beendet. Der städt. Schulmeister führte seit dem SpätMA den Organistendienst aus. Im frühen 18. Jh. ist auch die Besorgung der Kantorei durch ihn belegt. Hans Werner von Flachslanden, Förderer der Basler Universität und Basler Dompropst, war 1460-66 Chorherr in S. Auf die Existenz einer Lateinschule deuten 36 S.er Studenten hin, die sich zw. 1418 und 1540 zuerst in → Wien, danach v. a. in → Basel,→ Freiburg, → Tübingen und → Heidelberg an der Universität immatrikulierten.

Das Fest des Klostergründers Fridolin wird am 6. März gefeiert, bis in das 21. Jh. hinein mit Pilgern, die selbst aus dem entfernten Glarus kommen.

Quellen

Bosshart/Gartner /Salzmann 1986. - Die Berner Chronik des Conrad Justinger, hg. von Gottlieb Studer, Bern 1871. - Pörnbacher, Mechthild: Vita Sancti Fridolini. Leben und Wunder des hl. Fridolin von Säckingen, Sigmaringen 1997.

Adel am Ober- und Hochrhein: Beiträge zur Geschichte der Freiherren von Schönau, hg. von Wernher von Schönau-Wehr, Freiburg 2001. - Baeriswyl, Suse: Die Schriftquellen zur Baugeschichte bis 1600, in: Schmaedecke, Felicia: Das Münster Sankt Fridolin in Säckingen. Archäologie und Baugeschichte bis ins 17. Jahrhundert, Stuttgart 1999 (Forschungen und Berichte des Archäologie des Mittelalters in Baden-Württemberg, 24), S. 255-306. - Feller-Fest,Veronika: Säckingen, in: Helvetia Sacra IV,2. - Frühe Kultur in Säckingen, hg. von Walter Berschin, Sigmaringen 1991. - Jehle, Fridolin/Enderle-Jehle, Adelheid: Die Geschichte des Stiftes Säckingen, Aarau 1993 (Beiträge zur Aargauer Geschichte, 4). - Schwörbel, Aenne: Die Burgruine Wieladingen bei Rickenbach im Hotzenwald, Stuttgart 1998 (Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg, 47). - Zettler, Alfons: Fragenzur älteren Geschichte von Kloster Säckingen, in: Mission und Christianisierung am Hoch- und Oberrhein (6.-8. Jahrhundert). Kolloquium in Säckingen 7.-9. März 1997, hg. von Walter Berschin, Dieter Geuenich und Heiko Steuer, Stuttgart 2000 (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland, 10), S. 35-51.