OBERMÜNSTER (REGENSBURG)
I.
Kanonissenstift (Marienpatrozinium), in der Südwestecke des ehemaligen röm. Legionslagers viell. im 8. Jh. gegr., 866 erstmals urkundl. als monasterium superius bezeugt, 1029 Verleihung von drei Stiftspfründen an Konrad II., seine Gemahlin Gisela und den künftigen Heinrich III., 1216 Anerkennung der Reichsunmittelbarkeit und des Fürstenstandes durch → Friedrich II., 1218 Befreiung vom Königsdienst, 1315 erste förml. Regalienleihe durch → Ludwig den Bayern, ab 1495 in den Listen der Reichsständeverzeichnet, in der frühen Neuzeit Teilnahme von Vertretern der Äbtissinnen an Reichstagen und Versammlungen des Bayerischen Reichskreises, langwierige Rangstreitigkeiten mit → Niedermünster (16.-18. Jh.), 1802 dem neugegründeten Fsm. Regensburg unter dem Fürstprimas und Kurerzkanzler Dalberg unterstellt und 1810 dem Kgr. Bayern einverleibt, 1822 Tod der letzten Fürstäbtissin. - Wiederholte Versuche einer Einschärfung der Benediktinerregel fanden 1484 mit der päpstl. Bestätigung als Kanonissenstift endgültig ihr Ende. Abgesehen vom eigentl. Stiftsbezirk in Regensburg keinreichsunmittelbares Gebiet, verstreuter Grundbesitz v. a. in Niederbayern unter bayer. Landeshoheit.
II.
Anzeichen einer von der übl. kanonikalen Organisation zu trennenden fsl. Hofhaltung sind nicht erkennbar. O. pflegte seit dem 12. Jh. eine bes. Memorialtradition für Angehörige der karoling. Herrscherfamilie, doch ist umstritten, ob Kg.in Hemma († 876), die Gemahlin Ludwigs des Deutschen, zu Recht als Stifterin von der Haustradition in Anspruch genommen wurde, wie es zwei im 11. Jh. gefälschte Karolingerdiplome nahelegen. 1010 erwähnte Heinrich II. in einer Urk. eine Weihe des Stifts in seiner Anwesenheit, aber er verlieh keines der begehrten Schutzprivilegien,so daß die Position O. gegenüber Bf. und Kg. als relativ ungesichert gelten muß. Auch Konrad II. ließ sich bei seinem Besuch 1029 nicht zu einer Privilegienverleihung herbei; er übergab vielmehr der Äbtissin sein Königsszepter, das er als Investitursymbol verwendet hatte. Das Szepter wurde später in das Wappen O. eingefügt, galt noch 1753 als Sehenswürdigkeit und wurde auf einem Porträt der letzten Fürstäbtissin dargestellt; seit Beginn des 19. Jh. ist es verschollen. Während sich O. im Früh- und HochMA in der künstl. Repräsentation wohl nicht mit Niedermünster messen konnte, finden sichverstreute Hinweise, daß es zumindest im Bildungsniveau zw. beiden Stiften kaum Unterschiede gab. Ähnl. wie bei → Niedermünster schien der Zenit der Bedeutung in sozialer, kultureller und polit. Hinsicht mitdem 13: Jh. überschritten, aber anders als dort wirft der von den bayer. Hzg.en im 15. Jh. initiierte Reformversuch ein helles Licht auf die Beziehungen und Tatkraft der Stiftsdamen. Briefl. und persönl. Kontakte zu Kard. Francesco Todeschini-Piccolomini, der 1471 in → Regensburg zu Gast war, trugen ebenso wie der Einsatz einer Gruppe humanist. interessierter Domherren dazu bei, daß O. ein freiweltl. Damenstift blieb. Der Lebensstandard der in eigenen Wohnungen mit Dienstpersonal lebenden Kanonissen läßt sichim Übergang vom 15. zum 16. Jh. aus Inventaren und Rechnungen belegen. Wie → Niedermünster war O. im SpätMA und in der frühen Neuzeit eine Versorgungsstätte für die Töchter des bayer., fränk. und schwäb. Adels. Proteste der jüngeren Stiftsdamen am Ende des 18. Jh. gegen Einschränkungen ihrer Lebensgestaltung zeigen, daß die Insassinnen rege am gesellschaftl. Leben der Reichsstadt → Regensburg teilnahmen.