NIVELLES
I.
Kgl. Abtei in der karoling.-otton. Zeit (gegr. im 7. Jh.); die Reichsunmittelbarkeit ist umstritten seit dem 13. Jh.
Das Kapitel von Sainte-Gertrude von N. ist an der Wende vom 12. zum 13. Jh. aus der Säkularisation eines Doppelklosters, das im 7. Jh. in einer pippinid. Villa gegr. worden war (colombano-benediktin. Ordensregel, dann benediktin., schließl. die kanon. Regel von Aachen), hervorgegangen.
Die Reichsunmittelbarkeit der Äbtissin, die sich aus dem kgl. Statut der Abtei aus der karoling. und otton. Zeit herleitet, ist seit dem 13. Jh. infolge der polit. Beschlagnahme der Stadt N. durch den Hzg. von → Brabant - ihres Klo-stervogts - Gegenstand eines Konflikts. Die Äbtissin erhielt im Prinzip ihre Regalien vom Kg. des Hl. Röm. Reiches (vgl. 1230, 1293, 1418, 1490?, von → Karl V. in den Jahren 1520 und 1549), aber auf dessen Befehl mußte sie sie mehrmals vom Hzg. von → Brabant entgegennehmen (1344, 1351, 1381, 1435, 1444, 1474 sowie ab 1561), obwohl ihr Kapitel dagegen protestierte: diese widersprüchl. Entscheidungen stehen in Zusammenhang mit der Entwicklung der polit. Beziehungen zw. dem Ks. und demHzg. von → Brabant. Die Vereinigung von Herzogs- und Kaisertitel in der Person → Karls V. Anfang des 16. Jh.s schwächte in diesem Punkt die Position der Äbtissin und führte zu dem Versuch, → Karl V. zum Laien-Abt zu ernennen, als der Abtstuhl unbesetzt war. Dieser Versuch scheiterte jedoch. Bis zum Ende des Ancien Régime (1795-98) trugen die Äbtissinnen weiter den Titel einer »Prinzessin des Reiches und von Nivelles«, auch wenn dieser von der Regierung der habsburg. Niederlande bestritten wurde (dennoch wurde er 1669 vom Rat von → Brabantanerkannt).
Ihre Machtbefugnis war allerdings verhältnismäßig begrenzt und blieb ihrem Wesen nach eher lehensherrl. als fsl. Die Besitzungen der Abtei haben in der Tat niemals ein (geschlossenes) Gebiet dargestellt, was auf ihre weite geograph. Verstreuung (Zeeland, Rheinland, → Brabant, unmittelbare Umgebung von N.) und ihren rechtl. Status (gemäß der divisio des 9. Jh.s zw. mensa abbatialis und mensa capitularis unterstanden die alten Besitzungen entweder der Äbtissin oder aber dem Kapitel; letztere fielen also aus derVerfügungsgewalt der Äbtissin heraus) zurückzuführen ist. In N. selbst stieß die Äbtissin seit dem 11. Jh. auf den Widerstand ihres Klostervogts (der Gf. von Löwen, dann Hzg. von → Brabant) und seit Ende des 12. Jh.s auch auf den der Bürger (kurzlebiges Bündnis von 1240 bis 1265 gegen die Äbtissin); die Stadt blieb unter der Herrschaft der Äbtissin und wurde von der zweiten Hälfte des 13. Jh.s an polit. dem Hzm. von → Brabant eingegliedert.
II.
Die Äbtissinnen des späten MA gehörten alle dem regionalen Adel an (Prosopographie in Hoebanx 1964, S. 278-303). Hervorzuheben ist das völlige Fehlen von Forschungen über die Umgebung der Äbtissin (bekannt ist ausschließl., daß sie ihre eigenen Kaplane hatte); es scheint jedoch übertrieben, von einem Hof im Sinne von »Fürstenhof« zu sprechen. v. a. ist festzustellen, daß das Kapitel (40 adlige Stiftsdamen und 30 Stiftsherren) eine eigene Körperschaft bildete, aus der die Äbtissin ausgeschlossen war und mit der sie sich oftim Konflikt befand. Dieses Kapitel wurde von einer Pröpstin geleitet, die sowohl den Stiftsdamen als auch den Stiftsherren übergeordnet war, und zählte mehrere weitere Würdenträger (v. a. den Dekan und die Pröpste, bei denen es sich um Männer handelt). Mehrere Stiftsherren scheinen nicht in N. residiert zu haben (einige waren im 15. Jh. Sekretär der Stadt Löwen, Pensionäre der Stadt → Brüssel, Generalvikar von → Cambrai oder auch Offiziale dieses Bm.s). Im übrigen gingen die künstl. Aufträge, die für N. bekannt sind (v. a. im 15. Jh. in Brüssel an Rogier van der Weydenund Jan Borreman sowie für den Reliquienschrein der hl. Gertrude im 13. Jh.), auf das Kapitel zurück und nicht auf die Äbtissin.
Die Reliquien der ersten Äbtissin, der hl. Gertrude, Großtante Karls des Großen, werden in N. in der Stiftskirche Sainte-Gertrude aufbewahrt und gaben Anstoß zu zahlr. Pilgerfahrten. Ihre Eltern sind in der gleichen Kirche beerdigt, ebenso wie die karoling. Prinzessin Gerberge und drei Gf.en von Löwen, ihre Nachkommen (11. Jh.) und Ahnen des Herzogshauses von → Brabant (Stein 1995). Der gegenwärtige Stand der Forschungen erlaubt keine klare Aussage darüber, ob das Haus Löwen/→ Brabant aus seiner Verwandtschaft mit der ersten Äbtissin Vorteilezog, um seine polit. Ansprüche auf N. zu begründen. Die Reliquien der hl. Gertrude wurden seit dem 13. Jh. jedes Jahr in einer Prozession extra muros getragen (»Tour Sainte-Gertrude«), die ein wichtiges religiöses und polit. Ritual darstellte: die verschiedenen Persönlichkeiten des öffentl. Lebens von N. (Äbtissin, Kapitel, Bürger, hzgl. Vertreter) bestätigten hier ihren Zusammenhalt, indem sie ihre sich widerstreitenden Ansprüche zum Ausgleich brachten (Collet 1985).
Quellen
Verschiedene erzählende Quellen und Brüssel, Archives générales du Royaume, siehe dazu Hoebanx, Jean-Jacques: Abbaye de Nivelles, in: Monasticon belge, Bd. 4/1, Lüttich 1964, S. 269-303, hier S. 269-275, und Tourneur-Nicodème, Mariette: Les archives du chapitre de Nivelles, in: Archives et bibliothèques de Belgique 3 (1926) S. 49-58. - Wien, HHSA, Belgien, DD/B 236 (rot), e, fol. 19-63.
Literatur
Collet, Emmanuel: Sainte Gertrude de Nivelles. Culte, histoire, tradition, Nivelles 1985. - Despy, Georges: Les chapitres de chanoinesses nobles en Belgique au Moyen Age, in: Annales de la Fédération archéologique et historique de Belgique. 36e Congrès, Bd. 2, Gent 1956, S. 169-179. - Douxchamps, José: Chanoinesses et chanoines nobles dans les Pays-Bas et la Principauté de Liège, 4. Aufl., Namur 1996 [prosopograph. Repertorium]. -Hoebanx, Jean-Jacques: Les vicissitudes du Chapitre noble de Nivelles à la fin de l'Ancien Régime, in: Annales de la Société d'Archéologie, d'Histoire et de Folklore de Nivelles et du Brabant wallon 13 (1942-43) S. 209-282. - Hoebanx, Jean-Jacques: L'abbaye de Nivelles des origines au XIVe siècle, Brüssel 1952 (Mémoires de l'Académie royale de Belgique. Classe des Lettres, XLVI/4). - Hoebanx, Jean-Jacques: Nivelles est-elle brabançonne à la fin du moyen âge, in:Revue belge de philologie et d'histoire 41 (1963) S. 361-396. - Hoebanx, Jean-Jacques: Abbaye de Nivelles, in: Monasticon belge, Bd. IV/1, Lüttich 1964, S. 269-303. - Schatz aus der Trümmern. Der Silberschrein von Nivelles und die europäische Hochgotik, hg. von Hiltrud Westermann-Angerhausen, Köln 1995. - Stein 1994, S. 101-124. - Stein 1995, hier S. 344-345. - Tarlier, Jules/Wauters, Alphonse:La Belgique ancienne et moderne. Géographie et histoire des communes belges, Bd. 3, Brüssel 1862, S. 43-44.