NIEDERMÜNSTER (REGENSBURG)
I.
Kanonissenstift (Patrozinium: Maria und Erhard), nach archäolog. Befunden wohl agilolfing. Gründung an der nordöstl. Ecke des röm. Legionslagers am Grabe des hl. Erhard († um 700), um 890 erstmals urkundl. als monasterium inferius bezeugt, in der zweiten Hälfte des 10. Jh.s Hauskl. der bayer. Herzogsfamilie (Liudolfinger), 1002 Verleihung das Königsschutzes, der Immunität und des Äbtissinnenwahlrechts durch Heinrich II., 1216 Anerkennung der Reichsunmittelbarkeit und des Fürstenstandes durch → Friedrich II., 1218Befreiung vom Königsdienst, 1347 erste förml. Regalienverleihung durch → Ludwig den Bayern, ab 1495 in den Listen der Reichsstände verzeichnet, in der frühen Neuzeit Teilnahme von Vertretern der Äbtissinnen an Reichstagen und Versammlungen des Bayerischen Reichskreises, 1802 dem neugegründeten Fsm. Regensburg unter dem Fürstprimas und Kurerzkanzler Dalberg unterstellt und 1810 dem Kgr. Bayern einverleibt, 1815 Tod der letzten Fürstäbtissin. Wiederholten Versuchen einer Einschärfung der Benediktinerregel war im MA kein Erfolg beschieden; sie fanden 1635 mit der päpstl. Bestätigung alsKanonissenstift endgültig ihr Ende. Abgesehen vom eigentl. Stiftsbezirk in → Regensburg kein reichsunmittelbares Gebiet, verstreuter Grundbesitz erhebl. Umfanges unter bayer. Landeshoheit.
II.
Anzeichen einer von der übl. kanonikalen Organisation zu trennenden fsl. Hofhaltung sind nicht erkennbar. Die Bedeutung des Stifts für Memoria und Repräsentation führender Familien des Reichs liegt vor der Epoche des fsl. Status der Äbtissin. In der zweiten Hälfte des 10. Jh.s diente die Stiftskirche als Grablege für fünf Personen des bayer. Zweigs der liudolfing. Familie; Hzg.in Judith, die Wwe. Hzg. Heinrichs I. († 955)., trat vermutl. um 973 selbst in N. ein und wurde ab der Wende zum 11. Jh. als wahre Gründerin des Stifts gefeiert. Im 10. und 11. Jh.entwickelte das Stift weitgespannte Beziehungen zum Dynastenadel des süddt. Raums. Nach anfängl. Abkühlung des Verhältnisses zu den sal. Herrschern wurde N. 1052 durch einen Besuch Heinrichs III. und Papst Leos IX. ausgezeichnet, der den frühma. Wanderbf. Erhard feierl. zur Ehre der Altäre erhob. Möglicherw. hielt sich eine der Schwestern Heinrichs IV. im letzten Viertel des 11. Jh. mehrere Jahre hier auf. Den für diese Zeit zu vermutenden sozialen, kulturellen und polit. Rang auf Reichsebene konnte N. im SpätMA nicht halten; ab dem 13. Jh. entstammten die Insassinnen dem bayer., schwäb. undfränk. Adel. Die Zeit vom 10. bis zum 12. Jh. stellt den Höhepunkt der künstl. und intellektuellen Aktivitäten dar. Hervorzuheben ist der berühmte, von einer Äbtissin in → St. Emmeram in Auftrag gegebene Uta-Codex, ein Hauptwerk der spätotton. Buchkunst. Zu Beginn des 11. Jh.s stiftete Kg.in Gisela von Ungarn, eine Schwester Heinrichs II., für das Grab ihrer gleichnamigen Mutter in N. das sog. Giselakreuz, das heute in der Schatzkammer der Münchener Res. aufbewahrt wird. Im 11. und 12. Jh. finden sich Indizien für rege geistige Interessen der Stiftsdamen, aus denen erhellt, daß diesedamals beachtl. Lateinkenntnisse besessen haben müssen. Im SpätMA und in der frühen Neuzeit war N. vorwiegend eine Versorgungsstätte für Adelstöchter; nur die Äbtissin mußte Ehelosigkeit geloben, die Stiftsdamen standen auch nach ihrem Eintritt noch für den standesgemäßen Heiratsmarkt zur Verfügung. Der reichhaltige Archivalienbestand ist insbes. in Bezug auf die innere Organisation und die Verwaltungsgeschichte des Stifts noch nicht ausgewertet.