Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ANDLAU

I.

Abtei, später Kanonissenstift). Eleon (880), Andelaha (1192), Andelo (1516), Andlau(w).

Gefürstete Abtey (Lünig, Johann Christian: Teutsches Reichsarchiv. Spicilegium ecclesiasticum, Leipzig 1710-22.), Dominae (1121). Der Titel Fs.in erscheint im Salbuch von 1348; er wurde offiziell zur Zeit der Äbtissin Kungilt von Reinach (1494-1573) benutzt und 1686 von Ludwig XIV. bestätigt. Die Teilnahme am Reichstag ist zw. 1582 und 1598 belegt.

Gegr. durch St. Richarda, Frau Ks. Karls III., ca. 880; seit diesem Datum auch ausdrückl. an den Hl. Stuhl gebunden (unter den Schutzpatronen St. Peter und Paul). Ausgestattet mit Statuten in den Jahren 892/93 und von Otto I. 962 anerkannt, folgte die Abtei der Benediktinerregel und nahm später, um 1318, eine säkulare Lebensweise an. Sie wurde 1499-1502 in ein Kanonissenstift umgewandelt.

Die Reichsunmittelbarkeit gründete sich auf Privilegien, die durch die Ks. seit Heinrich II. zugestanden wurden (1004: jus mercatum ac teloneum [...] in villa Andilahe) sowie auf den Schutz der Hohenstaufen und später die Regalien und Urk.n, die am 17. Juli 1288 durch → Rudolf I. und seine Nachfolger, → Heinrich VII. (1313), → Ludwig den Bayern (1336), → Karl IV. (1347), → Sigismund (1437), → Friedrich III. (1442, 1485?), → Maximilian I. und → Karl V. (1521)bestätigt wurden.

Die weltl. Güter stammten von Ks. Karl III. und vom Gf.en Erchenger, dem Vater der Gründerin; sie umfaßten ursprgl. das hohe Tal des Flusses A., wichtige Waldgebiete in den Vogesen (Dononmassiv) und Grundbesitz im Elsaß (Marlenheim) und im Kaiserstuhl (v. a. Endingen und Kenzingen). Der Besitz wurde zerstückelt durch die wg. der Abteischulden nötigen Veräußerungen (1344: Verkauf des Dinghofes zu Kenzingen), stabilisierte sich aber Mitte des 14. Jh.s nach der Intervention Papst Clemens VI. und der Abfassung eines Salbuches (1348). Die Landeshoheit beschränkte sich auf Zwing und Bann in derAndlauniederung. 1615 erwarb die Abtei die Güter der früheren Abtei von Hugshofen im Weilertal. Der Vogt wurde von der Äbtissin aus der Familie der Gründerin gewählt. Diese Vogtei wurde durch die Gf.en von Nordgau (alias Egisheim) ausgeübt, später dann durch die Gf.en von Metz, durch die Hohenstaufen und die → Habsburger, die sie als Lehen den Herren von der Dicke weitergaben, den Erbauern des nahen Schlosses von Spesburg (Ende 13. Jh.). Nach dem Erlöschen dieses Hauses fiel die Vogtei wieder an die Herren von A. zurück.

II.

Ministeriale sind seit 962 belegt. Sie kamen im 13. Jh. wieder als Lehnsleute in die Vasallität der Abtei, v. a. über die Adelsfamilie der A., die die Funktionen des Vitzthum und des Schultheis des Orte ausübte. Das Lehensbuch von 1362 erwähnt als Vasallen die Mgf.en von Hochberg, die Ribeaupierre/Rappoltstein, die Geroldseck, Üsenberg, A., Dicka, Firdenheim, Greifenstein, Hohenstein, Wanfen, Wasselnheim und Voltz.

Die Struktur des Hofes läßt sich aus dem Salbuch von 1348 erkennen. Ihm stand ein Hofmeister vor (Henin von Ratsamhausen, 1348), eine Ehrenposition, die unter dem Titel des Obristhofmeisters bis ins 18. Jh. fortbestand. Weiterhin gab es einen Küchenmeister, einen Marschalk, einen Schenck und einen Kammerer, die (1348) aus den Reihen der Bürger von A. rekrutiert wurden. Die Verwaltung des Besitzes wurde einem Schaffneranvertraut. Kapläne und vier Stiftsherren waren der klösterl. Gemeinschaft assoziiert.

Die Abtei scheint ihren Reichtum aus der Nutzung des Waldes und dem Weinverkauf (Anfang des 16. Jh.s werden jährl. 1000 Hektoliter verkauft, v. a. nach → Straßburg - die Hälfte -, und nach Schwaben - ein Drittel bis ein Viertel - gezogen zu haben. Ein halbes Dutzend Pfarreien, die ca. 1400 angebunden wurden, sicherten ihr regelmäßige Einkünfte. Die Äbtissinnen hatten weder das Münzrecht (auch wenn sie dies beim Stadelhof von Marlenheim vorgeben) noch Rechte an Minen. Aus Tradition (die 1192 belegt und auch am Ende des 16. Jh.s noch immer befolgt wurde)lieferte sie jährl. dem Papst Abgaben in Form von kostbarem Stoff (25 Ellen Leinen).

Die Abtei war Töchtern aus adligen Familien, v. a. aus dem Elsaß, vorbehalten. Die Zahl von elf Kanonissinnen (die 16 adlige Vorfahren nachweisen mußten), die einer Äbtissin (die als einzige an das Keuschheitsgelübde gebunden war) unterstanden (18. Jh.), ist höher als am Ende des MA (ein halbes Dutzend; keine i. J. 1573). Die mit der Zeit gelockerte Disziplin wurde 1407 wiederhergestellt. Als Persönlichkeiten können Adelaide von Geroldseck (1342-60), Sophie von A. (1412-44), Kunigunde von Reinach (1494-1573) und Maria-Magdalena Rebstock (1573-1609) hervorheben werden.

Die Ks.in Richarda wurde 1049 von Papst Leo IX. kanonisiert. Ihre Gebeine wurden in der Abteikirche aufbewahrt, ein Schrein für ihre Reliquien wurde Anfang des 14. Jh.s hergestellt. Auf diesem ist eine Überlieferung dargestellt (die bereits Reginon von Prüm erwähnt), nach der die Ks.in des Ehebruchs angeklagt und später nach einem Gottesurteil freigesprochen worden sein soll, bevor sie sich in das Klosterleben zurückzog. Eine Legende, der zufolge der Ort dieses Kl.s ihr von einer Bärin gezeigt worden sein soll, gab Anlaß zu verschiedenen Denkmälern: die Abtei besaß eine Käfiganlage, inder gezähmte Bären gehalten wurden.

Die Wallfahrt zur hl. Richarda bezog auch ihre Eltern mit ein (deren Reliquien im Heiligthumbhaus von 1377, nahe dem Kreuzgang, aufbewahrt wurden) und war verbunden mit einer bes. Verehrung des hl. Lazarus. 1353 begab sich Kg. → Karl IV. nach A., um dort eine Reliquie dieses Heiligen zu entnehmen. Das Wappen der Abtei zeigt ein rotes Kreuz auf goldenem Grund, eine Anordnung, die von den Herren von A. und Berckheim, die zu ihren Ministerialen zählten, wieder aufgenommen wurde.

Quellen

Archives départementales du Bas-Rhin, Serie G und H. - Archives départementales du Haut-Rhin, 108 J 4 37-38 (Liste der Äbtissinnen). - Auszug aus dem Salbuch von 1348, hg. von Philippe-André Grandidier, in: Revue d'Alsace (1892) S. 531-540.

Barth 1960, Sp. 65-68. - Becourt, Charles: Premiers développements de l'abbaye d'Andlau, in: Revue d'Alsace (1920) S. 17-19, 161-189; (1921-22) S. 197-221. - Becourt, Charles, L'abbaye, la ville et la famille d'Andlau au XIVe siècle, in: Revue d'Alsace (1926) S. 401-423; (1927) S. 47-58, 180-190, 241-249, 372-393. - Becourt, Charles: L'abbaye d'Andlau au XVe siècle. Les préludes de la Réforme (1415-1537),in: Revue d'Alsace (1929), S. 81-89, 193-206, 352-360; (1930) S. 43-60, 165-172, 289-300, 393-404, 528-538, 639-650. - Becourt, Charles: La Réforme à Andlau (1538-1609), in: Revue d'Alsace (1932) S. 3-12, 109-117, 329-334, 437-447. - Clauss, J.-M.-B: Historisch-Topographisches Wörterbuch des Elsass, Zabern 1895, S. 36-43. - Grandidier 1899, S. 131-138. - Rapp 1974. - Wagner, Georg: Studien zur Geschichte der Abtei Andlau, in: ZGO 66 (1912)S. 445-455.