Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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WEISSENBURG

I.

Reichsabtei W., Gemeinde W., arr. W., Dep. Bas-Rhin. Leucopolis, Wizenburch, Weissenburg, Cronweissenburg (1530); ad romanam ecclesiam romanumque imperium (pertinen[s]) (Abt Edelin, um 1280); Benediktinerabtei St. Peter und Paul; Ecclesia principalis et exempta Coronae Wissenburgensis (1524). Nach Sebastian Münster in der Neuauflage der lat. »Cosmographia« von 1559 unum ex quatuorRomani Imperii cenobiis, quorum abbates pro principibus habentur mit → Murbach, → Fulda und → Kempten. Diese Bezeichnung erscheint nicht in früheren Ausgaben und auch nicht in Exemplaren, die vor der Quaternionentheorie entstanden sind; allerdings wird sie von Bernhard Hertzog im »Chronicon Alsatiae« (1592) wieder aufgenommen und W. wird dort als »eines der ältesten und mächtigsten Klöster in Deutschland« bezeichnet.

Eine Legende aus der Zeit zwischen 1102 und 1187 schrieb die Gründung des Kl.s Kg. Dagobert I. (623-31) zu, was zu jener Zeit auch durch eine Urk. Friedrich Barbarossas bekräftigt wurde. Im 15. Jh. behaupteten die Mönche, das Grab Irminas, der Tochter des Herrschers, wiedergefunden zu haben, das sich ebenfalls in → Echternach befunden haben sollte. Im 16. Jh. wurde der monumentale Kronleuchter der Abteikirche, der aus der Zeit Abt Samuels (Ende des 11. Jh.s) datiert, ebenfalls Dagobert zugeschrieben, da die Kronenform des Leuchters der Ursprung für den (allerdings selten gebrauchten)Namen Kronweißenburg sein sollte. Eine Statue des Kg.s, die aus dem Lettner (13. Jh.) stammt, wurde 1862 wiedergefunden. In Wirklichkeit geht die Gründung der Klostergemeinschaft zurück auf die Jahre 660-70 und den Speyerer Bf. Dragobod, der auch ihr erster Abt war.

Das Kl. scheint mit Gütern durch die Adelsfamilien den Widoniden und der Etichoniden dotiert worden zu sein; 712 wird der Besitz der heißen Quellen von → Baden durch Kg. Dagobert II. bestätigt. Klostervögte erscheinen ab 802 (als erster gen. Gebold, 830). Kgl. und später ksl. Schutz ist seit 950 belegt, er wird veranschaulicht durch die Bekleidung der Position des Abts durch Bf. Adalbert, dem späteren Ebf. von → Magdeburg (968) und Slavenapostel (966-981), und führt zur Bestätigung der Wahl des Abts durch Otto II. nach dem Beispiel von → Fulda, → Prüm und→ Reichenau (973). 981 entsendet das Kl. 50 berittene Kämpfer nach Italien: das drittgrößte Kontingent nach → Fulda und → Reichenau. W. erhielt Privilegien von den Saliern - Abt Stefan († 1111) war ein Berater Heinrichs V. - und den → Staufern. In einer Urk. Konrads III. (1150) wurde es unter den principes geführt. Die Vogtei war abhängig vom Kg., der den Großvogt ernannte. Dies Funktion wurde zunächst von Friedrich dem Einäugigen, dann von Barbarossa und schließl. von Vasallen ausgeübt.

Am Ende des Interregnums, als die Klosterstadt durch → Konrad IV. belagert wurde (1251), befreite Abt Edelin die Abtei mit Hilfe → Rudolfs I., der sich ein halbes Dutzend mal in W. aufhielt. Die Benediktinergemeinschaft verlor den Großteil ihrer weltl. Ansprüche und überließ einen Teil ihre Befugnisse den Bürgern. Ab 1469 versuchte Pfgf. Friedrich der Siegreiche mit Gewalt die Reform von Bursfeld einzuführen, indem er mit seinem Vogteirecht argumentierte und die Reichsstadt mediatisieren wollte. Ks. → Friedrich III. unterstützte den Abt und die Einw. (1470), konnte aber ihreUnterwerfung in Form eines Kompromisses nicht verhindern (5. Dez. 1417). Die Abtei blieb weiterhin unmittelbar und erschien in der Reichsmatrikel (auf dem Reichstag zu Frankfurt 1486 besetzte sie den vierten Platz nach → Fulda, Hersweg und → Ellwangen und mußte fünf Ritter stellen). 1524 wurde sie in Form eines Kollegiats von zwölf Kanonikern säkularisiert und blieb bis zur frz. Revolution eine gefürstete Probstei, geleitet von einem Probst, ausgestattet mit Mitra und Stab. Der Bf. von → Speyer bekleidete diese Position ab 1564.

Wie aus den »Traditiones Wizenburgenses« (zuerst hg. von Zeuss, 1842, dann von A. Doll, 1979) und durch den »Liber Possessionum« (hg. von Zeuss, dann von Dette, 1987, vgl. die Rezension von Bernhard Metz, in: Revue d'Alsace, 1992, S. 219-222) bekannt, belief sich der Grundbesitz der Abtei W. auf schätzungsweise 22 000 ha, v. a. im Speyergau und im Niederelsaß. Er konzentrierte sich auf den Mundat, ein Gebiet, das der Abtei 993 bestätigtwurde und dem Heinrich II. offiziell 1003 (erneute Bestätigung der Grenzen 1030) Immunität verlieh. Plünderungen fanden 985 während der Minderjährigkeit Kaiser Ottos III. durch Hzg. Otto von Karinthien statt. Der Übergang des Grundbesitzes in die Territorialherrschaft wurde durch die Aktivitäten der Vögte und Vasallen gestört: durch den Bau der Burg Berwartstein 1152 - eine erste Zerstückelung- sowie die Verschuldung der Abtei und die Landbesetzungen, die 1308 beim Papst von Abt Ägidius angezeigt wurden. Die Rückeroberung der Burgen (wie Berwartstein 1347, ksl. Lehen, aber an das Kl.gebunden) erlaubte keine Territorialpolitik. Die Schulden der Abtei gaben Anlaß zu zahlreichen Pfandherrschaften, v. a. unter Abt Philipp Schenck von Erbach. 1453 gestand dieser Pfgf. Friedrich dem Siegreichen das Recht zur Öffnung verschiedener zur Abtei gehöriger Burgen zu (St. Rémi, Berwartstein, Scharfenberg und Edesheim). Ende des 15. Jh.s kam es vermehrt zu Konflikten zw. dem Besitzer der Burg Berwartstein (im Besitz des Pfgf.en seit 1472), Hans von Trott, im Volksmund Hans Trapp, und der Abtei (vgl. RTA).

II.

Durch das Fehlen eines ausreichenden Territorialgerichts und durch die Ferne zu den Zentren der ksl. Macht (→ Speyer, → Worms, Hagenau) stand der Abt nicht im Mittelpunkt eines Hofes. Erst um das 11. und 12. Jh. übt er selber durch die Anwesenheit am ksl. Hof einen gewissen Einfluß aus. Herrscheraufenthalte sind für W. 25mal belegt (Doll 1999, S. 171).

Es gab keine Organisation des Hofes. Der Abt sprach Recht im Mundat und in der Stadt. Ende des 11./Anfang des 12. Jh.s schien er auch die Kontrolle über die Vogtei gehabt zu haben, die ihrerseits Untervögten anvertraut war. Auch Ministerialen werden erwähnt. Sieben Ritter und sieben Einw. des Stadt bildeten ein Hohes Gericht, das für etwa zwanzig Orte zuständig war. Das Kl. und die Stadt wurden durch vier Vorwerke, gen. St. Paul (quadrat. Donjon aus dem 13. Jh.), St. Rémi (im O, Überreste in der Altstadt), St. Germain und St. Pantaleon (beide verschwunden), die alle vier ausbefestigten Prioten entstanden waren, geschützt. Die um die Kirche herum gruppierten Klostergebäude liegen auf einer Lauterinsel, die im 11. Jh. befestigt wurde und die den Stadtkern W.s bildet. Brände werden für die Jahre 985 und 1004 erwähnt. Die Abteikirche, geweiht 803, wurde in mehreren Phasen, v. a. Ende des 11. Jh.s (1047 ?, Samuelturm im W) und in got. Zeit wieder aufgebaut. Eine Weihe ist für das Jahr 1284 überliefert. Ein Fenster, das Abt Edelin zeigt, ist auf 1209 zu datieren. Die Abteikirche war zu dieser Zeit die größte Baustelle nach der Kathedrale von → Straßburg.Der unvollendet gebliebene Kreuzgang aus dem 14. Jh. führt in das Querschiff durch den Kapitelsaal. Dort werden die Grabsteine der Äbte aufbewahrt.

Im Abteibereich befand sich eine Herberge (dat. auf 1604), gen. »Haus der Ritter«, wo die Vasallen untergebracht wurden, die am Rittergericht teilnahmen. Die Gebäude des Kapitels wurden seit 1769 wieder aufgebaut. Das Haus des Dekans beherbergte die Unterpräfektur.

Zusätzl. zu dem bedeutenden Skriptorium aus der Zeit um das Jahr 1000 scheint W. ein wichtiges künstl. Zentrum gewesen zu sein, was sich u. a. an dem berühmten Christusfenster (um 1070, Straßburg, Musée de l'œuvre Notre-Dame) und dem Leuchter von Abt Samuel zeigt, der aus fünf versilberten Metallkronen bestand und 1793 zerstört wurde. Eine falsche Urk. Dagoberts erkannte dem Abt das Münzerecht nach der Art des Geldes von → Speyer zu, aber 1275 präzisierte Kg. Rudolf, daß die Prägung unter Einverständnis der Ministerialen und Bürger der Stadt zu geschehen habe. Bis 1407 gabes vierzehn patriz. Hausgenossen. Später wurde die Münzwerkstatt der Gerichtsbarkeit der Stadt unterstellt.

Außer dem Mönch Otfried, einem Schüler von Hrabanus Maurus (ca. 845-67) und Autor einer dt. Übersetzung der Evangelien (»Krist«), ist noch Abt Samuel hervorzuheben (ca. 1055-97), der auch Abt von → Murbach und von Münster im Gregoriental war. Dieser ließ den Turm der Abteikirche wiederaufbauen und ein Nekrolog anlegen. Schließlich versuchte Abt Edelin (1262-93) das weltl. Gut des Kl.s zu bewahren, indem er das Archiv der Abtei im »Codex Edelini« verzeichnete. Im 15. Jh. stach Philipp von Erbach (1434-67), der nicht am Ort residierte, durch seine zügelloseLebensweise hervor.

Das Wappen der Abtei ist dasselbe wie das der Stadt und zeigt ein Gebäude mit zwei silbernen Türmen auf rotem Feld.

Quellen

Eickart Artzt's Chronik von Weißenburg, Quellen zur Geschichte Friedrich's des Siegreichen, hg. von C. Hofmann, in: Quellen und Erörterungen zur bayrischen und deutschen Geschichte, Bd. 2, München 1862. - Dette, Christoph: Liber possessionum Wizenburgensis, Mainz 1987. - Traditiones Wizenburgenses. Die Urkunden des Klosters Weissenburg 661-864. Eingel. und aus dem Nachlaß von Karl Glöckner hg. von Anton Doll, Darmstadt 1979. -Toussaint, Ingo: Zwei Fragmente des Weißenburger »liber feudorum«, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 79 (1981) S. 155-214. - Zeuss, Caspar: Traditiones possessionesque Wizenburgensis, Speyer 1842.

Kirchen- und Pfründebeschreibung der Pfalz in vorreformatorischer Zeit. Palatia Sacra, hg. von Anton Doll, T. 1: Bistum Speyer; Bd 2: Der Landdekanat Weißenburg (mit Kloster St. Peter in Weißenburg), bearb. von Anton Doll mit Unterstützung von Hans Ammerich, Mainz 1999, S. 98-308. - Tyc, Alexandre: L'immunité de l'abbaye de Wissembourg, Straßburg 1927. - Wehrli, Christoph: Mittelalterliche Überlieferungen von Dagobert I.,Bern u. a. 1991. - Wissembourg. Bd. 1: L'abbaye; Bd. 2: La Ville, Nr. 33 und 34 (1981) der Zeitschrift l'Outre-Forêt (revue trimestrielle), hg. vom Cercle d'histoire et d'archéologie de l'Alsace du Nord (CHAAN).