Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ST. EMMERAM (REGENSBURG)

I.

Benediktinerkl. (Patrozinium: Georg, Petrus und Emmeram), monasterium Sancti Haimhrammi, monasterium Sancti Hemmerammi, monasterium Sancti Emmerami, Anfänge einer geistl. Gemeinschaft am Grabe des Märtyrerbf.s Emmeram an der Wende vom 7. zum 8. Jh., unter dem agilolfing. Hzg. Hubert von Bayern († um 736) erstmals urkundl. bezeugt, 739 vom hl. Bonifatius als Kathedralkl. güterrechtl. und personell mit dem Bm. → Regensburg vereinigt, 975 Erhebung zur selbständigen Abtei und Einführung der lothring. Reform (Ramwold von St. Maximinin → Trier) durch Bf. Wolfgang, um die Mitte des 11. Jh. Urkundenfälschungen, um die Exemtion vom Bf. zu erreichen und die rechtl. Stellung des Kl.s zu verbessern, 1295 Regalienleihe und Aufnahme in den Fürstenstand durch Kg. → Adolf von Nassau nach Vorlage einer kurz zuvor gefälschten Urk. Ludwigs des Kindes, 1326 erfolgreicher Abschluß des Exemtionsprozesses an der röm. Kurie in Avignon, 1452 Einführung der Kastler Reform, danach Verzicht auf die Regalienleihe und auf Führung des Fürstentitels, in der frühen Neuzeit Teilnahme von Vertretern des Abtes auf Reichstagenund Versammlungen des Bayerischen Reichskreises, 1731 erneute Aufnahme in den Fürstenstand durch Ks. Karl VI., 1802 dem neugegründeten Fsm. → Regensburg unter Fürstprimas und Kurerzkanzler Dalberg unterstellt, 1810 dem Kgr. Bayern einverleibt, 1819 Tod des letzten Fürstabtes. - Abgesehen vom eigentl. Klosterbesitz in → Regensburg kein reichsunmittelbares Gebiet, sieht man von der Propstei Vogtareuth bei Rosenheim ab, die seit 1786 reichsunmittelbar war, verstreuter Grundbesitz erhebl. Umfanges unter bayer. Landeshoheit.

II.

Anzeichen einer von der übl. klösterl. Organisation zu trennenden fsl. Hofhaltung sind nicht erkennbar. Die Bedeutung des Kl.s als überragendes Bildungszentrum liegt v. a. im frühen und hohen MA. In der zweiten Hälfte des 9. Jh.s und in der ersten Hälfte des 10. Jh.s diente die Klosterkirche als Grablege für vier Personen aus der Familie der ostfränk. Karolinger (u. a. Kg.in Hemma und Ks. Arnolf). Neben Ludwig dem Deutschen hat v. a. sein Enkel Ks. Arnolf St. E. gefördert und wurde dort als zweiter Stifter gefeiert. Aus seinem Nachlaß gelangten der berühmteCodex Aureus, ein Meisterwerk karoling. Buchkunst aus der Hofschule Karls des Kahlen, und das sog. Arnolfziborium in den Besitz des Kl.s. Die Kronen von drei karoling. Kg.en wurden im 10. Jh. in den Hochaltar der Klosterkirche eingearbeitet. Die von Bf. Wolfgang eingeführte gorz.-trier. Reform bewirkte im 11. Jh. einen enormen Aufschwung. Zwei umfangr. Bibliothekskataloge aus dem Ende des 10. Jh.s vermitteln einen Einblick in eine hervorragende Büchersammlung mit vielen seltenen Titeln. In St. E. entstanden damals Meisterwerke der spätotton. Buchmalerei (Uta-Codex, Sakramentar Heinrichs II.).Der Mönch Hartwic, der längere Zeit in Frankreich bei Bf. Fulbert von Chartres studiert hatte, brachte wichtige Texte aus allen Bereichen des Quadriviums von den frz. Bildungszentren nach → Regensburg; er hat die Vita des hl. Emmeram metr. bearbeitet. Neben dem Geschichtsschreiber und Hagiographen Arnold († vor 1050) und Wilhelm, dem späteren Abt von Hirsau, hat v. a. der Mönch Otloh von St. E. ein umfangr. und originelles literar. Œuvre hinterlassen. Berühmt ist sein autobiograph. »Buch über die Versuchungen eines gewissen Mönches« (»Liber de temptationibus cuisdammonachii«). 1049 traten St. E.er Mönche mit der überraschenden Behauptung an die Öffentlichkeit, den vollständigen Leib des hl. Dionysius zu besitzen, den einst Ks. Arnolf aus Saint-Denis bei Paris entwendet haben sollte; dieser Anspruch wurde mit zwei Translationsberichten und gefälschten Urk. und Inschriften verfochten. Das heute in Krakau aufbewahrte Evangeliar Ks. Heinrichs IV. ist im St. E.er Skriptorium entstanden, ebenso die einzig erhaltene Hs. der Vita dieses sal. Herrschers. Auch im SpätMA gibt es Anzeichen für rege geistige Tätigkeit der Mönche; v. a. dieRegierungszeit des Abtes Albert von Schmidmühlen (1324-58) gilt zurecht als erneute Glanzperiode. Die erhaltenen Rechnungsbücher dieses Abtes belegen seine Sorge um die Vermehrung der Bibliothek; er unterhielt Beziehungen zu den Bildungszentren Paris und Bologna, wo er Bücher beschaffen ließ. Im 18. Jh. wurde St. E. ein Zentrum des »deutschen« Maurinismus. Fürstabt Johann Baptist Kraus (1742-62) hatte zwei Jahre in Saint-Germain-des-Prés in Paris studiert und war dort u. a. von dem berühmten Paläographen und Gräzisten Bernard de Montfaucon († 1741) unterrichtet worden; er hat einumfangr. Schrifttum zur Klostergeschichte hinterlassen. Seinem Amtsnachfolger Frobenius Forster (1762-91) ist eine vierbändige Ausgabe der Werke Alkuins zu verdanken, die bis heute in weiten Bereichen noch nicht ersetzt ist.