LURE
I.
Bis 817, dem Jahr, in dem das Konzil von Aachen der Abtei von L. die Ordensregel des hl. Benedikts auferlegte, ist uns die Geschichte dieser Abtei und ihrer Äbte nur durch die »Vita Deicoli« bekannt, die Ende des 10. Jh.s von einem anonymen Mönch verfaßt wurde. Generell nimmt man 613 als das Jahr der Gründung von L. durch den hl. Deicolus an, der mit dem hl. Columban und allen ir. Mönchen auf Befehl des Kg.s Theuderich aus Luxeuil vertrieben worden war (610). Auf dem Weg ins Exil stieß Deicolus auf eine kleine, dem hl. Martin geweihte Kapelle, die auf derFlanke eines Hügels mitten in den Wäldern errichtet worden war. Im Jahr 817 gehörte L. mit 18 weiteren zur dritten Klasse der Abteien: der Klasse, die davon befreit ist, zu den Ausgaben des Reichs einen Beitrag zu leisten.
II.
Im Jahr 959 befahl Otto I. dem Abt Baltram, die vom alten Kl. L. vereinnahmten Güter mit denen des Kl.s Lavensberg zusammenzulegen, das dieser mit seiner Genehmigung verließ; er legte so den Grundstein zum späteren Fsm. von Lure. Der letzte Paragraph seines Diploms begründete außerdem unwiderlegbar die Unabhängigkeit der Abtei gegenüber jeder anderen Autorität außer Ks. und Papst; dieses Privileg schützte den Abt und seine Gemeinschaft vor jegl. geistl. oder weltl. Druck und vor jedem Angriff auf ihre Unabhängigkeit. Heinrich II., Friedrich Barbarossa und→ Rudolf von Habsburg bestätigten dieses Privileg, wie auch Leo IX. i. J. 1051. Der Papst verbot jedem Ks., Kg., Hzg., Gf.en, überhaupt jedem Mächtigen, die Rechte der Abtei zu verletzen.
Im Bewußtsein dieser Autonomie und der Autorität der Gf.en von → Burgund entzogen, wußten die Äbte von L. diese Privilegien auszunutzen, um sich in den Rang souveräner Fs.en zu erheben: nach und nach erwarben sie alle Rechte, die den Kern der Souveränität darstellten, hohe Gerichtsbarkeit, das Recht, Geld zu prägen, Dekrete und Ordonnanzen zu erlassen; sie erreichten ihre Zulassung als Immediatfs.en zum Reichstag. Zum ersten Mal erschien i. J. 1232 in einem Diplom des Ks.s → Friedrich ein als Fs. bezeichneter Abt: es handelt sich um Thiébaut de Faucogney (1215-56),der einer der mächtigsten Familien der Gft. → Burgund entstammte. Er wurde als Rfs. mit allen regal. Rechten, die damit verbunden waren, anerkannt. Die Äbte waren danach v. a. damit beschäftigt, ihre natürl. Oberlehnsherrlichkeit zu bewahren und gegen die natürl. Anziehungskraft zu kämpfen, die die Gft. → Burgund auf ihre Untertanen ausübte. In der Tat bewirkte die Lage von L., das von der Gft. → Burgund umschlossenes Reichsgebiet war, daß weder die Abtei noch die Stadt je Frieden und Prosperität erlebten. Mehrmals versuchten die Gf.en von → Burgund, diesesGebiet durch Gewalt oder Überredung ihren Staaten einzugliedern. Im 12. Jh. übertrugen die Mönche die Schutz ihrer Abtei den Gf.en von Pfirt. Ein Jh. später, i. J. 1290, schloß die Abtei mit Hugo von Burgund, dem Bruder des Gf.en Otto, einen pariage-Vertrag, der diesen zeitlebens an den Einkünften des Kl.s beteiligte. Im Jahr 1303 ließ sich Hugo die Schutzgewalt über L. vom Gf.en von Pfirt übertragen, bevor er in seinem Testament festlegte, daß bei seinem Tod das Gebiet von L. an die Abtei zurückgehen sollte.
Die bestehende Überlieferung gibt ledigl. Aufschlüsse über die Äbte, nicht aber über die übrigen Geistlichen. Bis 1458 entstammten die Äbte den adligen und alteingesessenen Häusern der Gft. → Burgund, die überdies eifersüchtig darauf bedacht waren, ihre Verbindungen mit dem Reich und dem Haus von → Österreich zu bewahren: so bspw. Thiébaut de Faucogney, erstmals 1215 erwähnt; Pierre de Bauffremont, erwähnt 1283, viertes Kind von Liébaut de Bauffremont und Marguerite de Choiseul; Alard de Gouhenans; Foulque de Melincourt (1323); Jacques de Vyt (Abt i. J. 1329;auch 1345 war er noch Abt); Pierre de Montbozon (1379-1401 oder1402), der einen Vertrag mit den Gesandten Margaretes von Flandern aushandelte und so die Streitigkeiten zw. der Abtei von L. und dem Hof von → Burgund zeitweilig beilegte. Jean I. de Baumotte; Verwandter des Vorhergehenden (1401-22); Jean II. de Baumotte (1422-38); Elyon de Lantenne, (1439-56); in seiner Zeit als Abt »erlebte das Kloster große Verluste und große Schäden«; er war zu zahlr. Zugeständnissen gezwungen, um seine Schulden zu begleichen, und i. J. 1449 gab der Abt die Bewohner von Chalonvillars, Frahier,Magny-Vernois, Palante und Frotey unter dem alleinigen Vorbehalt seiner lehnsherrl. Rechte frei; i. J. 1456 wurde er Abt von Bèze.
Die Nachfolge von Claude de Rye (1457-58) führte zu einem Wiedererwachen der burgund. Ansprüche auf L. Jean Jouffroy, damals Bf. von Arras und Berater des Hzg.s Philipps des Guten, intervenierte in Rom und erreichte, daß sein Neffe Jean Bonnet, Geistlicher der Abtei von Luxeuil, zur großen Unzufriedenheit der Mönche den Sitz des Abtes in L. erhielt. Diese ertrugen es nur schlecht, an der Spitze ihrer Gemeinschaft einen Abt zu sehen, der Sohn eines Händlers war, ex ignobilibus mercatoribus natus, und der sich selbst eigenmächtig unter dem Namen Jean de Montureux in denAdelsstand erhoben hatte. Sie weigerten sich auch, die Verletzung ihres Rechts auf freie Wahl des Abtes hinzunehmen, und wählten aus diesem Grund Johann Stoer, Dekan der Abtei von → Murbach, der eine Präbende in L. besaß. Jean Bonnet versuchte, das Kl. in Besitz zu nehmen; er stieß auf den Widerstand der von Johann Stoer zu Hilfe gerufenen Soldaten von Peter von Mörsberg (Pierre de Morimont), bailli von Pfirt, Landvogt des gesamten österr. Elsaß'. Philipp der Guten unterstützte Jean Bonnet und schickte eine entspr. Nachricht an Sigismund von Tirol, in der erin Erinnerung rief, daß Jean Bonnet den Regeln gemäß vom Papst eingesetzt worden war und daß er der Verwandte von dessem Berater sei. Johann Stoer Steremburg (1458-86) weigerte sich dennoch, seinem Konkurrenten seinen Platz zu überlassen, und wurde im Mai 1459 exkommuniziert. Da er sich in L. wenig sicher fühlte, flüchtete er sich ins Schloß von Passavant, von wo aus er sich am 4. Juni 1459 gegen die seinem Konkurrenten zugestandenen Bullen an den Hof von Rom wandte, während 1460 eine Gruppe von burgund. Edelleuten und Kriegsvolk eine Strafexpedition gegen die Stadt L. unternahmen. Nachder Amtszeit der Äbte Jean Virot, als Abt bezeugt i. J. 1487 und † 1510, und Georg von Masmünster (Georges de Masevaux) (1510-42), ist es wiederum ein Stoer, der in der Person des Johann Rudolf von Steremburg (1542-70) Abt von L. wurde.
Quellen
Archives départementales de Haute-Saône, Inventaire sommaire [...] Archives ecclésiastiques, série G und H, von Jacques Dunoyer de Segonzac und Auguste Eckel, Vesoul 1901, davon H 578 bis H 600: Benediktinerabtei von Lure, darunter H 578, Aufzählung der Rechtstitel der Abtei aus dem Jahre 1756 und H 581, Urk. von Otto, dat. auf den 6. April 959, Orig. und Kop.). - Archives départementales du Doubs, Inventaire sommaire des Archives départementales du Doubs antérieures à1790, von Jules Gauthier, Bd. 1 und 2, Besançon 1883, série B, darin: B 443, liasse, 16 Stück Perg., 1 Papier, 5 Siegel und B 507, liasse, 21 Stück Perg., 1 Papier, 10 Siegel. - Archives départementales du Pas de Calais, Inventaire sommaire des Archives départementales du Pas de Calais antérieures à 1790, von Jean-Marie Richard, Bd. 1 und 2 série A, Arras, 1878, darin A 399, liasse, 107 Stück Perg., 38 Siegel und A 70: liasse, 20 Stück Perg., 4 Siegel. - Sources parisiennes, 2001, Nr. 7, 21, 47 , 83, 286, 287, 288, 289,482, 500, 526, 1419, 1475. - BNF, Fonds Moreau, n° 494; nouv.acq.fr. 8719, coll. Joursanvault 75; nouv.acq.fr. 8719, coll. Joursanvault 75 (246); nouv.acq.fr. 8719, coll. Joursanvault 75 (251); nouv.acq.fr. 8722, coll. Joursanvault 78; fonds latin 9129 (16); fonds latin 9129 (18); fonds latin 9129 (22); fonds latin 9129 (33); nouv.acq.fr. 8720, coll. Joursanvault 76 (2).
Literatur
Besson 1846. - Denifle 1, 1897, Nr. 802, 2, 1899, S. 696-701. - De provincia Vesuntionensi, 1860. - Girardot, Jean: L'abbaye et la ville de Lure des origines à 1870, Vesoul, ohne Jahr. - La Haute Saône, Nouveau dictionnaire des communes, Vesoul 1969-1974, 6 Bde., Bd. 3, S. 372. - Histoire de la Franche-Comté, 1-8, 1977-79. - Locatelli, René: Sur les chemins de la perfection, Publications de l'Université de Saint-Etienne, 1992. -Moyse, Gérard: Les origines du monachisme dans le diocèse de Besançon, Vème-Xème siècle, Paris 1973. - Trévillers 1953.