Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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LORSCH

I.

Rest der weltl. Herrschaft der aufgehobenen Reichsabtei L., aufgeteilt zw. Kfsm. → Mainz und → Pfalz.

Das 764 gegründete Kl. L. erwarb bereits in der Karolingerzeit einen riesigen, weit gestreuten Grundbesitz, von der Gegend südl. von → Utrecht bis ins Elsaß und nach Schwaben reichend. 765 erhielt es Reliquien des hl. Nazarius, 772 den Status eines Reichskl.s, 774 einen großen Neubau, galt 999 als seit alters exemt. 981 wurde L. als Kl. mit der Stellung von 50 Panzerreitern für Otto II. nur von → Fulda und → Reichenau (mit 60 Panzerreitern) übertroffen. Im 10.-11. Jh. baute es ein starkes Wirtschaftsnetz mit den Marktorten Oppenheim, Stein, Bensheim, L.,Weinheim, Wiesloch und Brumath auf, schützte sich in unmittelbarer Nähe durch die 1065 errichtete Starkenburg. Der Niedergang setzte im Investiturstreit ein, als Äbte unter dem Deckmantel der Kirchenreform Verwandte und Freunde großzügig mit Lehen versorgten. Den stärksten Einbruch erzielte so Pfgf. Gottfried von Calw (1113-31), der mit der Vogtei sieben der zwölf Hauptlehen der Abtei erlangte. In einem komplizierten Erbgang kam die Vogtei mit den mit ihr verbundenen Lehen an Pfgf. Konrad von Staufen (1156-95) und damit definitiv an die Pfgft. 1147 mußte Abt Folknand, da er das jährl.Servitium von 100 Pfund Silber für das Reich nicht mehr leisten konnte, die Höfe Oppenheim, Gingen und Wieblingen an Konrad III. abtreten, wobei ihm aber die dort ansässigen Ministerialen erhalten blieben. Andererseits setzte das Kl., gestützt auf seine große Grundherrschaft in Gernsheim, gegen das Bm. → Worms noch vor 1183/95 sein Wildbannrecht im Forst Forehahi durch. Gregor IX. übertrug das Kl. 1232 dem Mainzer Ebf. Siegfried III. von Eppstein und ersetzte die Benediktiner zunächst durch Zisterzienser, 1248 endgültig durch eine Prämonstratenserpropstei. Letztere mußte zugunstendes Ebf. auf das Fsm. L. ver-zichten, und verlor so die Privilegien der Reichsunmittelbarkeit und der Exemtion. Der Ebf. bestätigte dann den jeweiligen Propst. Aber auch die Pfalz, seit 1228 beim Hause → Wittelsbach, zuerst erfolglos um die Erhaltung der Benediktiner bemüht, war aufgrund ihrer Vogtei, die nur nach dem Tod von Pfgf. Konrad zw. 1196 und 1228 vom Kg. selbst beansprucht worden war, am Erbe der Reichsabtei beteiligt. Streitigkeiten um die genaue Aufteilung zogen sich ins 15. Jh. hinein. Im 14. Jh. schien → Kurmainz diebesseren Karten zu besitzen, errichtete neben den Befestigungen Starkenburg und Weinheim die neue Burg Fürstenau, erhielt Stadtrechte für Bensheim, Gernsheim und Heppenheim, verlor jedoch Weinheim schon 1344. Von 1461/63 bis 1623 war sogar das ganze mainz. Amt Starkenburg mit L. an die → Kurpfalz verpfändet. So konnte Kf. Ottheinrich 1555 die Propstei säkularisieren, die berühmte Bibliothek nach → Heidelberg schaffen. Während des Dreißigjährigen Krieges gab es Versuche der Wiedererrichtung der Propstei, die jedoch scheiterten. Die Eroberer → Heidelbergs schenkten1623 die Lorscher Bibliothek der Vaticana, wodurch sie der Zerstörung der Stadt 1689 entging. Von 1647 bis zur Säkularisation blieb die aus dem Fsm. L. hervorgegangene Bergstraße mit ihren Ämtern und Centen (→ Kurpfalz behielt nur das Amt Schauenburg) bei → Kurmainz, das sich im 17. und 18. Jh. deswg. wiederholt um einen Sitz im Reichsfürstenrat bemühte, jedoch ohne Erfolg. Im Reichsdeputationshauptschluß 1803, kurz vor dem Ende des Hl. Röm. Reiches, erhielt schließl. Hessen-Darmstadt vermöge der an es gefallenen Provinz Starkenburg diese Fürstenstimme.

II.

Im 12. und 13. Jh. besaßen die Äbte von L. keine ausgebildete Hofhaltung. Wenn sie Zeugen für ihre Urk.n heranzogen, griffen sie auf ihren Lehnshof (Freie und Ministerialen) sowie auf ihre Mönche zurück. Dabei spielte der Pfgf. als oberster Vogt die Hauptrolle. Mit dem Fsm. L. übernahm der → Mainzer Ebf. 1248 auch den L.er Lehnshof; die L.er Lehen wurden bis zum Ende des Kurstaats von den übrigen sorgfältig unterschieden. Es gab für die Inhaber dieser Lehen jedoch weder Hof noch Lehengericht in L., sondern nur am Hof des Ebf. Seit 1267 bis ins17. Jh. residierte ein adeliger Bgf. (Amtmann) auf der Starkenburg, dann in Heppenheim. 1652 erhielt das zugehörige, aber vom Bgf.en unabhängige Forstamt, bis dahin in Bensheim, seinen Sitz in L. Im weiteren Verlauf des 17. und im 18. Jh. wurde die Forst- und Jagdorganisation für die Jagdaufenthalte des → Mainzer Kfs. personell weiter ausgebaut. Die L.er Forstmeister, seit 1679 Oberforstmeister, waren bis auf eine Ausnahme adelig; der letzte, Friedrich Carl Anselm Joseph von Hausen, wurde 1802 von Wilderern erschossen.

Quellen

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