HERSFELD
I.
Benediktinerkl. (Patrozinium: zuerst SS. Simon und Judas Thaddäus, ab 850 auch St. Wigbert) cenobium Herolffesuelt (771), monsatherio [...] Haereulfisfeldi (775). 736 gründete der Bonifatiusschüler Sturmi in H. eine »Einsiedelei«, die er 744 verließ, um sich in → Fulda niederzulassen. Ein weiterer Bonifatiusschüler, Lul, sein Nachfolger als (Erz-)Bf. von → Mainz (754-86), stiftete hier auf bfl. Eigengut 769/75 das Benediktinerkl. H. 775 übergab Lul seine StiftungKarl dem Großen, der sie in seinem und seiner Söhne Schutz nahm. Neben dem Recht der freien Abtswahl verlieh Karl der Abtei die Immunität. Noch Gründer Lul brachte nach 780 die Gebeine des hl. Wigbert von Fritzlar († 732/38 oder 747) nach H., der in der Verehrung bald die beiden Hauptpatrone Simon und Judas Thaddäus verdrängte. Zudem wurde Lul hier bestattet.
Ab dem Wormser Konkordat von 1122 wurde der H.er Abt mit den Regalien vom jeweiligen Kg. belehnt. Ab dem späten MA geriet H. immer mehr unter den Einfluß der Lgf.en von → Hessen, konnte aber bis 1648 selbständig bestehen bleiben. 1432 erfolgte allerdings ein Erbschutzvertrag zw. H. und dem Lgf.en von → Hessen, 1458 und 1490 wurde er erneuert. Das Kl. galt von nun an als zu → Hessen gehörig. 1606 wurde Otto von Hessen Administrator H.s. Während des Dreißigjährigen Krieges gab es Versuche, das Kl. neu zu besiedeln. 1648 Übergang des mittlerweile säkularen Fsm.s H., mitSitz und Stimme im Reichstag, an den Lgf.en von Hessen-Kassel im Westfälischen Frieden.
Ab dem 12. Jh. entwickelte sich ein H.er Territorium mit einer eigenen Herrschaft, zu der die folgenden spätma. Ämter und Gerichte gehörten: Stadt H., Schloß Eichen/Eichhof, Dechaneigericht oder Amt H., Amt (Ober-) Geis, Amt Niederaula, Gericht Johannesberg, Gericht Schildschlag, Gericht Petersberg, Amt Landeck, Vogtei Kreuzberg, Amt Frauensee, Amt Hausbreitenbach (und Berka), Vogtei Blankenheim, Kl. Göllingen und Kollektorei Eisenach. Ein Hochgerichtsbezirk in der Stadt H. ist 1182 belegt; er umfaßte die Klosterfamilien und die Stadt. Die Ausübung der Blutgerichtsbarkeit ging - nach demRückerwerb der Vogtei - an den villicus, den Fronhofmeier des Abtes, über. Im 13. Jh. trennte sich das Stadtgericht, unter dem Vorsitz eines Schultheißen, ab von dem »fürstlichen Hofgericht«, dem »Obersten Gericht« des Abtes. 1142 wird die Stadt H. als Marktort gen., der Markt wurde von der Abtei gegr.
Mehrere Kl. unterstanden H., so die in unmittelbareren Nachbarschaft liegenden Johannesberg und Petersberg, aber auch Kreuzberg an der Werra, Frauensee, Blankenheim und Göllingen (bei Frankenhausen).
II.
Im ersten Jahrzehnt des 9. Jh.s lassen sich 150 Konventsmitglieder (»Brevarium Lulli«) nachweisen, jüngere Angaben liegen nicht vor. Im 10. und 11. Jh. berühmte Schule, die durch Abt Godehard von Niederaltaich, dem späteren Bf. von → Hildesheim, gefördert wurde. Unter dem Mönch Lampert erreichte die H.er Geschichtsschreibung ihren Höhepunkt. Während des Investiturstreites stand das Kl. auf der Seite Heinrichs IV., der es mehrfach als Ausgangspunkt für Kriegszüge gegen → Sachsen nutzte.
Als Vögte in H. sind im frühen und hohen MA verschiedene lokale Adlige, ab der zweiten Hälfte des 11. Jh.s Gf.en nachgewiesen. Seit 1099 war ein Gf. Giso Vogt; im Zuge der »gisonischen Erbschaft« durch die Vermählung Ludwigs I. von Thüringen mit Hedwig von Gudensberg, Tochter Gisos IV., kam die H.er Vogtei an die Lgf.en von Thüringen. Schon ab dem 11. Jh. ist sie in eine Hochvogtei und Untervogteien unterteilt und erblich. Die Hochvogtei ging 1172 an Heinrich Raspe III. über. Nach seinem Tod herrschte zw. dem Abt und Ludwig III. von Thüringen Streit über die Vogtei. Durch einenKompromiß Ks. Friedrichs I. wurde die Vogtei zw. H. und den Thüringern geteilt: H. selber blieb vogtfrei bzw. in der Vogtei des Abtes, die Thüringer besaßen Gütervogteien. 1215 verzichtete Lgf. Hermann auf weitere Vogteien, so über die civitas H., die Propsteien Petersberg und Johannesberg sowie über Aula und Rohrbach.
Die heutige Kirchenruine geht auf den Bau der nach dem Brand von 1038 errichteten und 1144 geweihten Kirche zurück. Sie steht auf vier Vorgängerbauten, die archäolog. belegt sind. Sie bestand aus einer zweitürmigen Westfront und einer dreischiffigen Basilika mit Querschiff und langgezogenem Chor. Unter diesem befand sich eine ebenfalls dreischiffige Krypta. Im S der Kirche schlossen sich der Kreuzgang und die Klostergebäude an. Als einziges ist der Kapitelsaal erhalten, der das Museum birgt. Nordöstl. des Chores steht bis heute der früher mit einerKatharinen-Kapelle verbundene Turm, indem sich die unter Abt Meginher (1036-59) gegossene und 1080 umgegossene Lulus-Glocke befindet. Die Kirche brannte im Siebenjährigen Krieg aus und wurde nicht wieder aufgebaut.
Eichhof: Das Schloß zu den Eichen, der Eichhof (Abbildung siehe Matthäus Merian, Topographia Hassiae), wurde 1328 unter Abt Ludwig von Mansbach begonnen und von Abt Berthold von Völkershausen 1372 fertiggestellt. In den Kämpfen zw. Abt Berthold von Völkershausen und der Stadt H. in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s spielte er eine bedeutende Rolle. Gelegen ist er am südwestl. Rand der heutigen Stadt. Der Eichhof bildete mit zwei Mühlen einen bes. Verwaltungsbezirk unter einem eigenen Vogt. Ursprgl. war das Schloß eine rechteckige Wasserburg mit Binnenhof und von zwei Wassergräben umgeben, die1820 zugeschüttet wurden. An der Südostecke befindet sich ein Bergfried aus dem 14. Jh., in der Nordwestecke der Außenmauern, die ebenfalls noch aus dem 14. Jh. stammen, befindet sich ein Rundturm. Unter Abt Ludwig Landau (1571-88) Umbau in das heutige Schloß mit Renaissancegiebel (Westflügel und Vorbau des Nordflügels) und Fachwerkgeschoß. Eine Inschrifttafel, heute im modernen Treppenhaus angebracht, aus dem 14. Jh. (um 1370), berichtet von dem Bau der Burg. Im Erdgeschoß des Bergfrieds befindet sich das sog. Lutherzimmer, ein überwölbter Raum mit Wandtäfelung und reichen, schönenIntarsien.
Quellen
Lamperti Monachi Hersfeldensis opera accedunt Annales Weissenburgenses, hg. von Oswald Holder-Egger. Hannover 1894 (Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum ex Monumentis Germaniae historicis separatim editi, 38). - Lampert von Hersfeld, Annalen, hg. von Oswald Holder-Egger. Neu übersetzt von Adolf Schmidt, erl. von Wolfgang Dietrich Fritz, 4. Aufl., Darmstadt 2000(Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe; Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, 13). - Urkundenbuch der Reichsabtei Hersfeld, bearb. von Hans Weirich, Marburg 1936 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck, 19).
Literatur
Gensen, Rolf: Der Stiftsbezirk von Hersfeld. Archäologie des mittelalterlichen Klosterbereichs von Bad Hersfeld, Kreis Hersfeld-Rotenburg, Wiesbaden 1985 (Archäologische Denkmäler in Hessen, 45). - Heinemeyer 1991. - Dehio, Kunstdenkmäler, Hessen, 1982. - Struve, Tilmann: Art. »Hersfeld«, in: LexMA IV, 1989, Sp. 2182f. - Ziegler 1939.