Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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VERDEN, BF.E VON

I.

Bf.e von V. seit Beginn des 9. Jh.s. mit Bistumssitz in V. und Res. auf der Rotenburg (seit dem 13. Jh.). - Das Hochstift V. umfaßte neben der Stadt V. nur ein geringes Territorium, das zudem weit verstreut lag.

II.

Während das Bm. V. in karoling. Zeit noch von überregionaler Bedeutung war und die Bf.e des HochMA, v. a. im 12. Jh., enge ksl. Beziehungen hatten, nahm seine polit. Stellung zunehmend ab und es sank in der Folgezeit zu einem der ärmsten Bm.er der Reichskirche herab. Zwar umfaßte die Diöz. ein recht großes Gebiet, aber der Bischofssitz lag ungünstig weit im W und zudem in unmittelbarer Nähe zum Sitz des Ebm. → Bremen, mit dem es immer wieder zu Auseinandersetzungen über Einflußbereich und Territorium kam. Das Territorium des Hochstifts ging bis zuBeginn des 13. Jh.s kaum über die Stadt V. hinaus und konnte erst unter den Bf.en Iso (1205-31) und Konrad (1269-1300) vergrößert werden. Die finanzielle Situation war über weite Teile des SpätMA kritisch,immer wieder wurde die Hauptres., die Burg Rotenburg, verpfändet. Ein Versuch, den Bistumssitz zu Beginn des 15. Jh.s von V. in die größte und einflußreichste Stadt der Diöz., nach Lüneburg, zu verlegen scheiterte am Widerstand der Stadt selbst und dem Stadtherren, dem → welf. Herzoghaus.

Bereits recht früh haben die V.er Bf.e versucht, die materielle Basis ihres Bm.s zu verbessern, indem sie ihre eigenen Güter zur Verfügung stellten, wie etwa Bf. Richbert (1060-76/84), östl. fremde Territorien erwarben. Zu Beginn des 11. Jh.s. ist die erste Phase der Bistumsgeschichte mit der Konsolidierung von Diöz. und Stift abgeschlossen. Wie bereits zuvor wird auch in den folgenden Jh.en die Geschichte des Stifts vorwiegend von Adelshäusern der Region, allen voran den Welfen beeinflußt. Die Billunger, die zuvor eine Reihe von Bf.en gestellt hatten sterben 1106 in der männl. Linie aus,wodurch die von ihnen gehaltenen Vogtei des Bm.s V. an Lothar von Süpplingenburg fällt und später an Heinrich den Löwen geht.

Im 12. Jh. folgt eine längere Phase auswärtiger Bf.e, die auf Veranlassung des Ks.s das Bm. V. erhalten. Sie bleiben der Diöz. häufig längere Zeit fern, was zu einer Stärkung des in ihrer Abwesenheit regierenden Domkapitels führt. Die Quellenlage ist hier allerdings recht dürftig. Unter Bf. Rudolf (1188/89-1205) entstand die Burg Rotenburg, die bereits zu Beginn des 13. Jh.s zu dauerhaften Res. der V.er Bf.e wurde. Der Rückzug aus V. entspricht der Entwicklung in anderen Bischofsstädten, wenn auch in den anderen Nordwestdt. Bm.ern diese Residenzverlegung erst etwa ein Jh. späterstattfand.

Iso, Gf. von Wölpe, Bf. von V. (1205-31) gelingt der Erwerb weiterer wichtiger Vogteirechte, wie 1222 die Vogtei der Stadt V. und die der Besitzungen von Bf. und Domkapitel, die zuvor in der Hand Konrad von Wahnebergens lagen. Er gilt als der erste geistl. Territorialfs. des Bm.s. Durch seine Wahlkapitulation, eine der frühesten im gesamten Reich, sind wir erstmalig über die Archidiakonate informiert, die in größerer Zahl von Domherren besetzt werden sollten. Die sieben Archidiakonate liegen in Sottrum, Scheeßel, Hollenstedt, Hittfeld, Salzhausen, Bevensen und Modestorf(-Lüneburg).

Auch Isos Nachfolger, Konrad von V. (1269-1300), konnte das Stiftsgebiet weiter ausbauen. Seine Abstammung aus dem → welf. Herzoghaus brachten das Bm. auf eine gemeinsame Linie mit der welf. Politik, ohne die Eigenständigkeit des Bm.s zu gefährden. Konrad war zudem auch verantwortl. für den repräsentativen Dombau.

Die Wahl auswärtiger Kandidaten auf den V.er Bischofsstuhl im 14. Jh. und die gleichzeitig immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen mit dem Erzstift → Bremen und den Landesherren der umliegenden Territorien wie den → Welfen, führten zur häufigen Abwesenheit der Bf.e und schweren Krisen auch finanzieller Art. Während des Pontifikats Heinrichs von Langlingen (1367-81) wurde die Res der V.er Bf.e, die Burg Rotenburg an die Familie Mandelsloh verpfändet und konnte erst unter Johannes von Zesterfleth (1381-88) zurückerworben werden. So mußten sich auch die aus demBm. stammenden Bf.e der zweiten Hälfte des 14. Jh.s häufig außerhalb ihres Territoriums aufhalten, was eine Entwicklung des fbfl. Hofes weitestgehend verhinderte.

Nach dem Pontifikat Ottos von Braunschweig-Lüneburg (1388-95), das als einer der Tiefpunkte der V.er Bistumsgeschichte gilt, folgte wiederum eine Reihe auswärtiger Kandidaten, die sich im Bm. kaum durchsetzen konnten, zumal Otto von Braunschweig-Lüneburg, nunmehr Erzbf. von → Bremen, seinem Nachfolger die Burgen im Stift, allen voran die Rotenburg vorenthielt. Zusätzl. Schwierigkeiten entstanden durch die Wahl von Gegenkandidaten zu Beginn des 15. Jh.s. Als erster konnte sich Konrad von Soltau (1399-1400, 1402-07) durchsetzen, der schließl. auch 1401 vom Bremer Ebf. die V.erBurgen zurückerhielt, die sich allerdings in einem desolaten Zustand befanden, weshalb er sie umgehend den Hzg.en von → Braunschweig-Lüneburg unterstellte, gegen eine Verpflichtung zur Verteidigung des Stifts V. Nach Konrads Tod kam es zum V.er Schisma, das erst 1417 mit dem Tod des Gegenbf.s Ulrich von Asel beendet wurde.

Die prekäre Situation des Bm.s zu Beginn des 15. Jh.s zeigt sich auch in dem - letztl. gescheiterten - Versuch Konrads von Soltau, den Bischofssitz von V. nach Lüneburg zu verlegen, das urbane Zentrum des Sprengels. Die Motivation für die Verlegungsabsicht erscheint einleuchtend: V. lag in ungünstiger Position innerhalb der Diöz. und konnte bezügl. der urbanen Qualitäten, die auch der wirtschaftl. Situation der Bf.e zu gute kommen würden, mit Lüneburg nicht konkurrieren, die Res. der Bf.e lag bereits an anderer Stelle, näml. auf der Rotenburg, so daß in V. kein repräsentativerBischofspalast zur Verfügung stand. Ist also die Absicht Konrads klar zu erkennen, so war die prakt. Umsetzung der Sedesverlegung doch durch verschiedene Umstände zum Scheitern verurteilt. Die Stadtgemeinde Lüneburgs war bereits eine eigenständige polit. Größe, durch die Saline besaß die Stadt eine große wirtschaftl. Potenz, die sie zum Machtfaktor im Bm. werden ließ. Gleichzeitig gab es mit den Hzg.en von → Braunschweig-Lüneburg bereits einen Stadtherren, dem die Anwesenheit des Bf.s verständlicherweise ungünstig erscheinen mußte. Zwar erhielt der Bf. dafür 1401 die Zustimmung PapstBonifaz' IX., heftiger Widerstand der → welf. Hzg.e und der Stadt selbst ließen jedoch bald die Chancenlosigkeit des Unterfangens deutl. werden. Bereits 1402 nahm der Papst seine Zustimmung auf Betreiben Konrads selbst wieder zurück.

Die Amtszeit Johanns von Asel (1426-70) bringt eine Erholung für die desolaten Verhältnisse im Stift. Es gelingt ihm während seines langen Pontifikats durch An- und Verkäufe die weit verstreuten Besitzungen im engeren Stiftsbesitz zu konzentrieren und dadurch auch die Herrschaft im Stifts wieder herzustellen.

Sein Nachfolger, Bertold von Landsberg (1470-1502), war seit 1481 auch Bf. von → Hildesheim und regierte das Bm. V. in dieser Zeit nur als ein Nebenland während er sich auf die Verwaltung des → Hildesheimer Bm.s konzentrierte. Er residierte auf der hildesheim. Burg → Steuerwald, was seine Schwerpunktsetzung deutl. macht.

Das Pontifikat Christophs von Braunschweig-Lüneburgs (1502-58) war von Auseinandersetzungen im Zuge der vordringenden Reformation geprägt. Zudem war er aufgrund seines aufwendigen Lebensstils gezwungen, gegen den Willen des Domkapitels ein weiteres Mal Besitzungen des Stifts zu verpfänden. Auch er war gleichzeitig Ebf. von → Hildesheim, wo seine Hauptres. lag. Seine Nachfolge trat sein jüngerer Bruder Georg von Braunschweig-Lüneburg (1558-66) an, der keine eindeutige Position in Glaubensfragen zu verfolgen schien. Ihm folgte der protestant. Eberhard von Holle (1566-86), derbereits Bf. von → Lübeck war und die Einführung der Reformation im Bm. V. vorantrieb. Mit Philipp von Braunschweig-Lüneburg (1586-1623) tritt erstmals eine gezielte Ausgestaltung der Hofführung zutage, wie etwa aus der Bautätigkeit an der Res. Rotenburg sichtbar wird, wo Bf. Philipp 1597 einen Bau im Stil der Weserrenaissance errichten läßt, der heute allerdings nicht mehr erhalten ist. Hinweise auf seinen Hof in → Osnabrück, wo er seit 1591 ebenfalls Bf. war, lassen erkennen, daß er an der Gestaltung eines fsl. Hofes mit entspr. Repräsentationsmöglichkeiteninteressiert war. In beiden Bm.ern war die finanzielle Situation allerdings zu geschwächt, als daß er seine Pläne hätte umsetzen können. Nach dem Tod Philipps von Braunschweig-Lüneburg geriet das Bm. an das dän. Königshaus. Für die gesamte restl. Zeit des Dreißigjährigen Krieges gab es keine effektive Landesherrschaft mehr im Stift V.

Das Domkapitel war seit der ersten Wahlkapitulation Bf. Isos von Wölpe 1205 ein polit. wichtiger Faktor im Stift geworden. Diese Machtposition konnte in den nächsten Jh.en beständig ausgebaut werden, da die häufige Abwesenheit, die Schismen des 15. Jh.s und die durch die Wahlkapitulationen zugestandenen Rechte den Domherren, die zudem häufig aus dem Adel des Elbe-Weser-Gebietes stammten, einen immer größeren Spielraum gewährten, der sich auch auf die Jurisdiktion erstreckte. Während des Dreißigjährigen Krieges entglitt dem Domkapitel jedoch die Kontrolle, auch die Domherren konnten das imStift entstandene Machtvakuum nicht füllen.

Der Hof der Bf.e von V. ist bisher von der Forschung weitestgehend unbeachtet geblieben. Dies erklärt sich in Teilen sicherl. durch die schlechte Quellenlage, aber auch durch die nur schwach ausgebildete Hofführung einzelner Bf.e, die im 14. und 15. Jh. mit großen finanzi-ellen und polit. Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und als Folge häufig außerhalb des Stiftes residierten, wenn sie nicht von vorneherein von auswärts stammend ihre Diöz. ohnehin aus der Distanz regierten. Im 16. und 17. Jh. wurde das Bm. V. wie andere nordwestdt. Bm.er häufig von Bf.en regiert, die gleichzeitig auch andere Diöz.n verwalteten und regierten. Sie sahen in V. meist nur ein Nebenland und residierten in ihren anderen Territorien. Dies hätte zu einem verstärkten Ausbau der Verwaltungsbehörden des Stifts führen müssen, um dieAbwesenheit des Landesfs.en im administrativen Bereich ausgleichen zu können. Aber auch hier liegen bisher keine Untersuchungen vor.

Quellen

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