Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SPEYER, BF.E VON

I.

Hochstift, dem Oberrheinischen Reichskreis zugehörig, mit Sitz auf der Fürstenbank des Reichstags; seit 1545 in dauernder Personalunion verbunden mit der ebenfalls reichsständ. Propstei → Weißenburg im Elsaß.

Am Ende des MA umfaßte das Hochstift S. etwa hundert Dörfer und kleine Städte und lag beiderseits des nördl. Oberrheins im Gemenge mit Gebieten der → Kurpfalz, der Gft. Leiningen, des Hzm.s → Pfalz-Zweibrücken und des Ritteradels sowie der Frei- bzw. Reichsstädte Speyer, Weißenburg und Landau (letztere 1324-1511 in bfl. Pfandbesitz); unmittelbar benachbart war darüber hinaus die Mgft. → Baden(-Durlach). Während der kleinere rechtsrhein. Teil des Territoriums eine relative Geschlossenheit aufwies, war der insgesamt größere linksrhein. Teil mit denZentralorten Lauterburg, Kirrweiler und Deidesheim stark zersplittert.

Die erste Erwähnung eines Bf.s von S. fällt ins Jahr 343, indes ist eine Kontinuität zw. diesem Datum und der 614 einsetzenden Bischofsreihe mehr als zweifelhaft; die Diöz. gehörte zur Kirchenprovinz von → Mainz und grenzte an die Bm.er → Worms, → Würzburg, → Augsburg, → Konstanz, → Straßburg und → Metz.

Immunitätsrechte über die Kathedralstadt und ihre Mark wurden den Bf.en 969/89 erteilt, ihre rfsl. Stellung war in der Folge unbestritten; der Dombau Ks. Konrads II. und die sich alsbald entwickelnde Königsgrablege bewirkten einen Aufschwung von Bm. und Hochstift. Von der Mitte des 12. bis ins frühe 15. Jh. bekleideten S.er Bf.e wiederholt das Amt eines kgl. Kanzlers. Der 1294/1302 von der Stadtgemeinde erzwungene Auszug des Bf.s aus seiner Kathedralstadt stürzte das Hochstift in eine lang anhaltende Krise, deren Überwindung im späteren 14. Jh. mit einem wachsenden, bald bedrohl. PfälzerEinfluß erkauft wurde; die Abhängigkeit von → Kurpfalz kulminierte in den Pontifikaten der Bf.e Matthias Ramung (1464-78) und Pfgf. Georg (1513-29) und fand ihr Ende nicht zuletzt infolge der Reformation. Nach der Mitte des 16. Jh.s orientierte sich das Domstift und mit ihm das Hochstift überwiegend zum Mittelrhein, was seit 1623 zu wiederholten Personalunionen mit → Mainz (1673-75), → Worms (1673-75) und → Trier (1623-52, 1676-1711) führte.

II.

Ein Hof der Bf.e von S. ist seit der Mitte des 12. Jh.s anhand der Zeugenreihen bfl. Urk.n wie auch der ebenfalls seither bezeugten vier klass. Hofämter zu fassen. An ihm verkehrten neben dem Diözesanklerus und den bfl. Ministerialen, die teilw. auch in kgl. Diensten Verwendung fanden, alle wichtigen Dynasten und Gf.en der näheren und weiteren Umgebung (darunter Leiningen, → Zweibrücken, Lichtenberg, Ochsenstein, Eberstein, Calw, Vaihingen, → Württemberg, Sponheim, Katzenelnbogen) sowie die → Pfgf.en bei Rhein und die Mgf.envon → Baden; entspr. war die Zusammensetzung des seit Mitte des 14. Jh.s dokumentierten bfl. Lehnhofs. Dominierte am Domstift und im Gefolge des Bf.s zunächst der Ritteradel aus dem links des Rheins gelegenen Speyergau, so gewann seit der ersten Hälfte des 14. Jh.s mit dem Kraichgauer Adel die kurpfälz. Klientel die Oberhand. Bis in die 1520er Jahre blieben das Domkapitel eine Domäne der Kraichgauer Ritterschaft und der bfl. Hof ein Annex bzw. Filialhof von → Heidelberg. Hernach wurden Dom- und Hochstift zunehmend in das System des »Rheinischen Stiftsadels«einbezogen.

Bis 1294/1302 haben die Bf.e vornehml. in ihrer Kathedralstadt residiert. Während des für das Hochstift krit. 14. Jh.s ist eine »feste« Res. nicht zu erkennen und war wg. häufiger Abwesenheit mehrerer Bf.e (Lambert von Born, 1364-71; Adolf von Nassau, 1371-79/90) zeitw. entbehrlich. Ggf. weilte man hier und dort, zeigte aber eine gewisse Vorliebe für die linksrhein. Kestenburg (Hambacher Schloß) und das rechtsrhein. Udenheim (Bf. Adolf von Nassau); Bf. Gerhard von Ehrenberg (1336-63) scheint die Burg in Bruchsal bevorzugt zu haben. Seit den Anfängen Bf. Raban von Helmstatts(1396-1430/39) war Udenheim (Philippsburg) prakt. ständige Res.; es hat diese Funktion erst im Dreißigjährigen Krieg wieder eingebüßt. Daneben erscheinen die Schlösser von Lauterburg, Kirrweiler und Deidesheim als gelegentl. Aufenthaltsorte; in seiner Eigenschaft als kurpfälz. Kanzler hielt Bf. Matthias Ramung sich überwiegend in → Heidelberg, im dortigen Anwesen seiner Familie, auf.

Grablegen der Bf.e waren bis ins 13. Jh. vorzugsweise die Nebenstifte in der Bischofsstadt, sodann Stifte und Kl. (v. a. Zisterzienser) in der Diöz.; erst nach dem Auszug aus S. diente zur letzten Ruhe von wenigen Ausnahmen abgesehen die Bischofskirche. Gelegentl. Intestinatbeisetzungen (v. a. in Udenheim) sind erst seit dem 16. Jh. bekannt.

An Verwaltungs- bzw. Regierungsämtern sind die des Kanzlers (1255), des Hofmeisters (1340; im 17. Jh. Großhofmeister), des Protonotars (1425) und des Landschreibers (1425) bezeugt; ein Kammeramt erscheint 1395. Die vier klass. Hofämter, die wohl bereits im 12. Jh. erbl. waren, haben im 13. Jh. an Bedeutung verloren und sind mit dem vorübergehenden Verlust einer festen Res. nahezu erloschen; um die Mitte des 14. Jh.s wurden sie im Zuge einer umfassenden Reorganisation des Hochstifts unterVerzicht auf die Erblichkeit erneuert, hatten aber danach wieder keinen Bestand. Ministerial. Unteramt und dynast. Oberamt sind allein für das Kämmereramt nachzuweisen; das Oberamt war als erbl. Lehen im Besitz der Gf.en von Leiningen-Hardenburg und wurde offenbar 1611 letztmals ausgeübt. Die älteste bekannte Amtleuteordnung dat. von 1470, ein Schlösserinventar von 1464/65, eine Küchen- bzw. Speiseordnung von 1464/70 (GLA Karlsruhe 67/296). Gelegenheit zur glanzvollen Repräsentation des bfl. Hofes bot namentl. im 15. und 16. Jh. das erstefsl. Einreiten eines neuen Bf.s in seiner Kathedralstadt, an dem gewöhnl. Fs.en, Gf.en, Herren und Ritter der näheren und weiteren Umgebung teilgenommen haben, dgl. die Beisetzungen der Bf.e.

Aus den Jahren 1469/70 und 1530 liegen detaillierte Verzeichnisse des »täglichen Hofgesindes« vor. Um 1470 (GLA Karlsruhe 67/296) bestand das Personal der Res. Udenheim zum einen aus einigen Adligen, einem Kaplan, je einem Schreiber, Schenken, Barbier und Schneider, einem Schmied, einem Boten, einem Koch, einem Jägermeister sowie mehreren Knechten (u. a. für Hunde), Mägden und Buben, zum anderen aus dem Faut (Amtmann), dem Zollschreiber, dem Keller, dem Landschreiber, einem Schreiber, dem Hühnerfaut, einem Koch, zwei Wächtern, einem Schmied, einem Pförtner und einem Schreinermeistersowie Knechten (u. a. Wagen-) und Buben (insg. 35 Personen). 1530 (GLA Karlsruhe 67/314) erscheinen der Hofmeister, der Faut (Amtmann) und ein weiterer Adliger, der Kanzler (Dr. iur., so auch später), zwei Kapläne, der Landschreiber, vier Edelknaben, fünf Kanzleibedienstete, drei Kammerknechte (u. a. ein Hofschneider), fünf einspännige Knechte, zwei Zollschreiber, ein Hühnerfaut, ein Fauteischreiber, ein Wildhetzer, ein Vogler, acht Küchenbedienstete (u. a. ein Mundkoch, ein Hauskoch, ein Metzger), ein Keller und ein Unterkeller, ein Bäcker, ein Schmied, ein Sattler, ein Fischer, zwei Wächter,ein Torwärter, zwei Nachgänger, ein Zimmermann, ein Scheuermeister, ein Garten- und ein Hofnarr sowie zahlr. Knechte und Buben; insgesamt wurden 1530 am bfl. Hof achtzig Personen gespeist.

Die Amtsbuchüberlieferung des Hochstifts (GLA Karlsruhe Abt. 67) beginnt im frühen 14. Jh. (LA Speyer F1/63); seit der Wende zum 15. Jh. treten an die Stelle der älteren Mischbücher nach und nach Lehnbücher, Vertragsbücher, Libri spiritualium, Urbare und Dienerbücher. Die älteste erhaltene (Landschreiber-)Rechnung datiert von 1453, jedoch dürfte die bfl. Rechnungsführung weiter zurückreichen. Das Archiv des Hochstifts wurde zunächst zweifellos beim Dom in S. verwahrt; um 1400 lag es auf der Kestenburg über Hambach, am Ende des 15. Jh. in Udenheim und um 1545 in einem eigens geschaffenenGewölbe auf der Madenburg (südl. von Landau).

Die Besoldung der Hofbediensteten bestand im 15. Jh. aus Geld in Verbindung mit Naturaldeputaten sowie je einem Hofkleid für den Sommer und den Winter.

Neben vielerlei landes- und grundherrl. Einkünften finanzierte sich der Hof nicht zuletzt aus einem Rheinzoll bei Udenheim. Unter den Gläubigern des Bf.s spielte im späteren 15. und beginnenden 16. Jh. der Ritteradel eine herausragende Rolle. Seine tägl. Bedürfnisse deckte der Hof am Residenzort bzw. in dessen unmittelbarer Umgebung; Dinge des gehobenen Bedarfs (u. a. Papier, Schreibutensilien, Medikamente) und Kunstgewerbliches wurde gewöhnl. aus S., → Heidelberg und → Neustadt bezogen; im späteren 15. Jh. besuchte man regelmäßig die Frankfurter Messen. Bei festl.Anlässen in Udenheim spielten Pfeifer aus → Heidelberg auf.

Wappen: in Blau ein silbernes Kreuz; seit 1545 im gevierten (oder gespaltenen) Schild 1 und 4 (oder vorne) wie vorstehend, 2 und 3 (oder hinten) → Weißenburg (in Rot eine zweitürmige gemauerte silberne Burg mit offenem Tor, belegt mit einem schrägrechts liegenden goldenen Abtsstab, darüber schwebend eine dreizackige goldene Krone); als Herzschild gewöhnl. das Stammwappen des Bf.s.

Quellen

Zentrale Überlieferung (Urk.n, Amtsbücher, Rechnungen etc.) im GLA Karlsruhe, daneben im LA S. und im Diözesanarchiv S. - Urkundenbuch zur Geschichte der Bischöfe zu Speyer, 2 Bde., hg. von Franz Xaver Remling, Mainz 1852-53. ND Aalen 1970.

Andermann 1987. - Andermann, Kurt: Burgen und Residenzen des Hochstifts Speyer im Spiegel der Hausratsverzeichnisse von 1464/65, in: Residenzenfrage, 1990, S. 101-120. - Andermann, Kurt: Zeremoniell und Brauchtum beim Begräbnis und beim Regierungsantritt Speyerer Bischöfe, in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 42 (1990) S. 125-177. - Andermann, Kurt: Die Hofämter der Bischöfe von Speyer, in: ZGO 140 (1992) S. 127-187. -Andermann 1992. - Andermann, Kurt: Die Städte der Bischöfe von Speyer um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, in: Landesherrliche Städte, 1994, S. 67-88. - Andermann, Kurt: Hochstift Speyer, in: Handbuch der baden-württembergischen Geschichte, 2, 1995, S. 481-490. - Fouquet, Gerhard: Das Speyerer Domkapitel im späten Mittelalter (ca. 1350-1540). Adlige Freundschaft, fürstliche Patronage und päpstliche Klientel, 2 Bde., Mainz 1987 (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischenKirchengeschichte, 57). - Fouquet, Gerhard: »Wie die kuchenspise sin solle«. Essen und Trinken am Hof des Speyerer Bischofs Matthias von Ramung, in: Pfälzer Heimat 39 (1988) S. 12-27. - Schaab 1971.