FALKENSTEIN
I.
Leoche (790); Lichen (1239); Liech (1420). Im N der Wetterau an der Wetter gelegen. Nach dem Aussterben der Herren von Münzenberg (1255) gelangte L. an die Herren von → Falkenstein, die dort eine Burg errichteten (Stadtrechtsverleihung 1300). Hauptres. der Linie → Falkenstein-L. Nach 1418 (Aussterben der Falkensteiner) fiel L. an die Herren (später Gf.en) von → Solms. 1718 starb die Linie → Solms.L. aus, der Ort war fortan Res. der Gf.en von → Solms.Hohensolms-L. (1806 durch Hessen-Darmstadt mediatisiert).
II.
L. liegt an einem Wetterübergang (Kreuzungspunkt mehrerer Straßen). Der Ortsname wird erstmals 790 in einer Lorscher Traditionsnotiz urkundlich erwähnt. Nachweisbar ist zunächst v.a. geistlicher Besitz (z. B. des Kl.s Fulda), später erscheinen die Ministerialen von Hagen/Münzenberg als Ortsherren. Nach deren Aussterben (1255) gelangte L. an die Herren von → Falkenstein. Bei der Herrschaftsteilung unter den Söhnen Philipps I. von → Falkenstein (gest. 1270/72) fiel L. an Werner I. (gest. 1298/1300, Begründer der Linie zu L.). 1290 und 1297 wird L. als oppidum bezeichnet (1295 allerdings als villa). Philipp III. von → Falkenstein (gest. frühestens 1322), der sich bereits 1283 judex universalis et domnus ipsius ville nannte, konnte 1295 die Vogteirechte des Stifts Wetter über dessen L.er Besitzungen erwerben. Im Jahr 1300 erwirkte Philipp III. bei Kg. Albrecht I. die Verleihung des Frankfurter Stadtrechts. 1318 ist ein Tor erwähnt, 1322 die Stadtmauer. Während des Reichskrieges gegen Philipp VI. von → Falkenstein (gest. 1374) wurde L. 1365 eingenommen (bis 1366 durch Ulrich III. von → Hanau besetzt). Zu den Fehdekosten trug die Stadt L. mit 1500 Gulden bei, wofür Philipp VI. ihr 1366 Bede und Schatzung auf sechs Jahre erließ – Zeichen auch für die Wirtschaftskraft der Stadt innerhalb der → Falkensteiner Herrschaft. Nach dem Aussterben der → Falkensteiner in männlicher Linie fiel die Stadt an die Herren von → Solms.
Bereits im 13. Jh. gab es in L. ein Schöffengericht. 1290 wird der herrschaftliche Vertreter villicus gen., 1318 erscheint er als Schultheiß. Außerdem gab es einen Amtmann. 1334 fungierte Johann von Bellersheim als Schultheiß und Amtmann zu L., 1338 nahm er nur noch die Geschäfte eines Amtmanns wahr, während sein Verwandter Kraft von Bellersheim als Schultheiß bezeichnet ist. Die Amtmannschaft war im 14. Jh. wahrscheinlich als erbliches Lehen an die Bellersheim vergeben. Weitere herrschaftliche Funktionsträger waren der Keller (1336, 1342) und der Zentgf. 1350 amtierten zwei Bürgermeister. 1368 wird neben Bürgermeistern und Schöffen der Rat erwähnt. Ein städtisches Siegel war bereits 1306 vorhanden. Bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s finden vereinzelt Handwerker Erwähnung (Steinmetz, Bäcker, Fleischer, Schmied). 1239 läßt sich die (offenbar deutlich ältere) Pfarrei nachweisen (Mainzer Archidiakonat Mariengreden). 1315 war ein Stiefsohn Philipps III. von → Falkenstein, Otto von Ziegenhain, Pfarrer in L.
III.
In der Nähe des Wetterüberganges, südlich des Siedlungskernes, ließen die → Falkensteiner in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s eine Wasserburg errichten. In der Solmser Zeit erfolgte nach und nach eine weitgehende Umgestaltung der Anlage, deren heutige Erscheinung insbes. durch Bauten der Jahre 1764 bis 1766 geprägt wird. – Anläßlich der Gewährung eines Ablasses wird 1316 eine Burgkapelle erwähnt.
Zur Ausgestaltung des Res.ortes zählte die Gründung des Marienstiftes durch Philipp III. von → Falkenstein (1316/17, Kollegiatstift mit zehn Präbenden). Im Zusammenhang damit wurde eine neue Kirche (zugl. Pfarrkirche) errichtet (Weihe 1320, Hallenkirche mit langgestrecktem Stiftschor). Das Stift stand in enger Beziehung zu den Herren von → Falkenstein, die es z. B. durch Zustiftungen und die Inkorporation von Pfarreien förderten, aber auch Einflußmöglichkeiten in inneren Angelegenheiten besaßen (1349 Konsens Philipps VI. für die neuen Stiftsstatuten). Die Stiftskirche diente zumindest zeitw. als Grablege der Herren von → Falkenstein-L. In der heutigen Kirche, einem im Auftrag der → Solmser Gf.en zwischen 1511 und 1537 ausgeführten Neubau, finden sich noch Grabdenkmäler für Philipp III. von → Falkenstein (gest. 1322, wahrscheinliche Identifizierung) sowie für Kuno II. von → Falkenstein (gest. 1333) und dessen Gemahlin Anna von → Nassau (gest. 1325/31).
Quellen
Löffler, Herren und Grafen von Falkenstein (siehe unter Literatur), hier Bd. 2: Regesten.
Literatur
Küther, Waldemar: Das Marienstift Lich im Mittelalter, Lich 1977. – Kulturdenkmäler in Hessen, Landkreis Gießen I: Hungen, Laubach, Lich, Reiskirchen, bearb. von Karlheinz Lang, Reinhold Schneider und Martina Weissenmayer, Stuttgart 2008 (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, 7/30/1). – Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen, Bd. 3: Südlicher Teil ohne Arnsburg, bearb. von Heinrich Walbe (geschichtlicher Teil von Karl Ebel, vorgeschichtliche Bemerkungen von Paul Helmke), Darmstadt 1933 (Die Kunstdenkmäler im Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen). – Löffler, Anette: Die Herren und Grafen von Falkenstein (Taunus). Studien zur Territorial- und Besitzgeschichte, zur reichspolitischen Stellung und zur Genealogie eines führenden Ministerialengeschlechts 1255-1418, 2 Bde., Darmstadt u. a. 1994 (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte, 99).