Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ERBACH

C. Michelstadt

I.

811: Michlinstat; 819: Michlenstat; im weiteren MA auch Michilunstat und Michelstat; die heute gebräuchliche Schreibweise M. ist schon in einer Urk. von 1307 verwendet, setzte sich aber erst in der beginnenden Neuzeit durch. Der Ortsname leitet sich von dem Adjektiv ›michel‹ (groß) ab; der Erzengel Michael war wohl nicht Namensgeber, selbst wenn die Pfarrkirche neben dem Hl. Kilian auch ihm geweiht war. An der mittleren Mümling gelegen, diente die Burg der alten Hauptlinie Reichenberg zu → Fürstenau und der davon abgespaltenen Linie zu M. bis zu deren Aussterben 1531 als Sitz. Späterhin war die Burg, die dann sog. Kellerei, Verwaltung der Gf.en → Erbach-Fürstenau und Wwe.nsitz v.a. für Gf.innen aus dieser Linie.

II.

Die Burg M. und der gleichnamige Ort liegen östlich der Mümling am Kreuzungspunkt zweier Altstraßen. Hier weitet sich das Mümlingtal zu einem Kessel, der schon frühzeitig genügend Raum für eine Ansiedlung bot, die auf einem flachen Hügel oberhalb der Mümlingniederung hochwassersicher lag.

Der Odenwald war bereits in prähistorischer Zeit besiedelt; jedoch erst seit dem beginnenden MA lassen sich vermehrt Ansiedlungen feststellen. Dabei bot das Mümlingtal den natürlichen Zugang, um von N her das Innere des Odenwaldes zu erreichen. M. ist wahrscheinlich aus einer römischen Niederlassung im Schutze des nahen Odenwald-Limes hervorgegangen. 741 wurde M. von Karlmann an Bf. Burkard von Würzburg übertragen. 815 erhielt Einhard auf eigenen Wunsch die Mark M. von Ludwig dem Deutschen zum Geschenk; Einhard tradierte seinen Besitz bereits 819 an die Reichsabtei Lorsch unter dem Vorbehalt der Prekarie. Die Herren von E. entfremdeten als Lorscher Ministeriale der Abtei den hier interessierenden Raum und nutzten wohl das vom Lorscher Abt Gerbod (951-972) errichtete castellum, viell. ein ehem. fränkischer Kg.shof, und bauten es zu ihrem Sitz aus. Bereits beim Übergang von Lorsch an Kurmainz 1232 waren die Herren von E. Gerichts- und Landesherren. Nach der Teilung der Familie in der Mitte des 13. Jh.s war M. der Sitz der alten Hauptlinie Reichenberg zu → Fürstenau bzw. zu M. bis zu deren Aussterben 1531. Burg und Stadt waren zunächst Allodialbesitz der → Erbacher; 1307/11 mußten die Schenken als Ergebnis der Pfälzer Fehde M. den Pfgf.en zu Lehen auftragen.

Burg und Stadt lagen an einer wichtigen W-O-Verbindung, die hier das Mümlingtal querte und als Teil des alten Weges aus dem Worms-Lorscher Raum über Reichelsheim, Steinbach, Amorbach nach Miltenberg an den Main führte; von M. zweigte nach N eine durch das Mümlingtal ziehende Straße ab, die bis nach Obernburg an den Main führte. Die N-S-Verbindung verlief auf den benachbarten Höhenzügen und führte über Beerfelden südlich durch das Gammelsbachtal an den Neckar. So war die verkehrstechnische Anbindung garantiert und der Absatz der erzeugten Waren (v.a. Erze und Waffen) gewährleistet.

M. lag in der gleichnamigen Mark und gehörte kirchl. zum Ebm. Mainz, Archidiakonat St. Peter und Alexander in Aschaffenburg, Landkapitel Montat, und bildete eine eigene Pfarrei. Unter den Gf.en Eberhard XIII. (gest. 1539) und Eberhard XIV. (gest. 1564), seinem Sohn, wurde die Reformation eingeführt; eine erste erbachische Kirchenordnung wurde zusammen mit Melanchthon erarbeitet. Im 16. Jh. lebten jüdische Familien in M., die jährl. ein Schutzgeld entrichten mußten. Der Bau einer Synagoge ist freilich erst für das Jahr 1791 bezeugt.

Mit dem Ausbau zur Erbacher Res. ist auch der Ausbau des Ortes M. verbunden; gleichzeitig siedelten sich Burgmannen dort an. Die eigtl. Ortschaft M. gruppierte sich bereits im MA nördlich der Burg sowie um die dortige Kirche. Die Herren von → Erbach setzten die Förderung der Ansiedlung fort, die als Verwaltungsmittelpunkt der Herrschaft/Gft. → Erbach ihren weiteren Aufschwung nahm. Eine Kirche (basilica lignea) läßt sich in M. erstmals 815 nachweisen; sie war wohl früh mit Pfarrechten ausgestattet, ein plebanus Johannes ist für 1280 bezeugt. Sie wurde mehrfach überbaut; an ihrer Stelle steht heute die spätgotische Stadtpfarrkirche. Eine formelle Verleihung von Stadtrechten ist nicht belegt; 1307 spricht Schenk Eberhard von possessionem oppidi mei in M. Im Jahr 1484 wurde das heute noch bestehende Rathaus errichtet. 1541 verlieh Gf. Georg I. der Stadt ein Wappen.

Seit dem 14. Jh. sind in M. Burgmannen nachweisbar; unter ihnen waren die Familien der Echter von Mespelbrunn, von Habern, von Rodenstein, von Rosenbach sowie der Starkerad von → Breuberg.

Die überwiegende Anzahl der Einw. von M. war rechtl. und wirtschaftl. von den Herren/Gf.en abhängig. Größere Spannungen sind aus den überlieferten Quellen nicht zu belegen.

III.

M. hat seinen Aufstieg zur Res. der Herren von Erbach seiner Eigenschaft als Zentralort der Lorscher Mark M. zu verdanken. Bereits seit der zweiten Hälfte des 12. Jh.s ist die Entfremdung des Ortes durch die Herren von → Erbach und damit seine allmähliche Allodisierung zu beobachten. Die → Erbach nutzten das vorhandene castellum der Reichsabtei und bauten es zu einer herrschaftlichen Burg aus. Eine abgegrenzte Burgmannensiedlung wie in → Erbach gab es wohl in M. nicht; gleichwohl waren die Häuser der Burgmannen Bestandteile der an sie verliehenen Burglehen.

1307 wird die (erste) Burg M. durch Pfgf. Rudolf I. in der Pfälzer Fehde zerstört; ihre genaue Lage innerhalb der Stadt und ihr Aussehen sind nicht bekannt. Nach der Zerstörung erteilte der Pfgf. die Erlaubnis zum Neubau einer Burg, die spätestens 1344 vollendet war. Von dieser zweiten Burg gibt es nur noch Reste, die sog. Kellerei, ursprgl. wohl die Vorburg. Ab dem 15. Jh. sind Baumaßnahmen an der Burg inschriftlich dokumentiert: So ließ Schenk Otto 1445 den Torbau der Burg erneuern. Von dieser ma. Kernburg ist bis auf das im S-W-Flügel der heutigen Kellerei verbaute Zugangstor nichts erhalten. Schenk Otto wohnte noch 1466 in der Burg; sein Neffe zog 1515 in die Burg → Erbach, und danach hat man die Kernburg offenbar abgerissen und an ihrer Stelle die Gräben der Stadtbefestigung vervollständigt. Nur die Vorburg blieb erhalten und wurde zur Kellerei, zum Wirtschaftshof und Verwaltungssitz, umgebaut; sie liegt in der S-O-Ecke der Stadtmauer um einen trapezförmigen Hof, der von Gebäuden des 16., 17. und 18. Jh.s umgeben ist. Ihr ältester datierter Bauteil ist der mächtige steinere Speicherbau von 1517 im W, der 1539 durch Gf. Georg und seine Frau Elisabeth von der Pfalz eine Freitreppe mit überdachtem Podest erhielt (Allianzwappen → Erbach/Pfalz).

Über die Architekten, Baumeister und Künstler der Burg sind keine Nachrichten erhalten geblieben, ebensowenig über die Raumaufteilung und Ausstattung. Auch für das heute noch bestehende Gebäudeensemble der Vorburg lassen sich keine Aussagen über die urprüngliche Raumaufteilung und Ausstattung machen, weil durch die Jh.e vielfach Umbauten und Umnutzungen vorgenommen wurden.

Die nördlich der Kellerei liegende, in mehreren Bauphasen zwischen 1461 und 1537/43 errichtete spätgotische Stadtpfarrkirche sowie ihr Vorgängerbau dienten seit 1387 als Grablege der Herren/Gf.en von → Erbach (erste Bestattung: Schenk Heinrich aus der M. Linie). Die Kapelle an der Nordseite des Chores ist seit 1678 Familiengruft des Hauses Erbach. Am Bau der spätgotischen Kirche waren Mitglieder der Eseler-Familie sowie der pfälzische Baumeister Moritz Lechler aus Heidelberg beteiligt. Im Obergeschoß des Kirchturms war die 1499 von dem aus M. stammenden Theologieprofessor Nikolaus Matz gestiftete, ursprgl. 117 Bände umfassende Bibliothek untergebracht, die später durch Schenkungen der Gf.en von → Erbach ausgebaut wurde. Sie befindet sich heute in der Obhut der Stadt.