Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

ERBACH

C. Erbach

I.

Im MA stets: Erdbach, -pach; Ertbach, -pach; Ertbac; seit dem 16. Jh. zumeist Erpbach und Erbpach; die Schreibweise E. ist erst seit dem Ende des 17. Jh. allg. gebräuchlich. E. ist der Name eines Baches (Erdbach), der von einer Ansiedlung übernommen wurde, dem heutigen Dorf-E. An der mittleren Mümling gelegen, diente die Burg der alten Hauptlinie E. bis zu deren Aussterben 1503 als Sitz. Die namengebende Stammburg wurde auch nach dem Erlöschen der alten Linie zu E. durch Glieder der verbleibenden Linie E.-Reichenberg zu → Fürstenau bewohnt, diente aber erst wieder seit der Entstehung der Linie E.-E. im 18. Jh. kontinuierlich als deren Res.

II.

Die Burg E. und der gleichnamige Ort liegen an der Mümling, die in früheren Zeiten in der sumpfigen Niederung Inseln bildete und so den idealen Platz für eine Wasserburg ergab, zumal sich im Bereich E./→ Michelstadt das Mümlingtal zu einem Kessel weitet und daher genügend Raum für eine Ansiedlung bot.

Der Odenwald war bereits in prähistorischer Zeit besiedelt; jedoch erst seit dem beginnenden MA lassen sich vermehrt Ansiedlungen feststellen. Dabei bot das Mümlingtal den natürlichen Zugang, um von N her das Innere des Odenwaldes zu erreichen. Die Herren von E. entfremdeten als Lorscher Ministeriale der Abtei den hier interessierenden Raum. Nach der Teilung der Familie in der Mitte des 13. Jh.s war E. der Sitz der alten Hauptlinie zu E. bis zu deren Aussterben 1503. Die Burg war zunächst im Alleinbesitz der E.; vor 1303 wurde jedoch die Hälfte an Gerlach von → Breuberg verkauft, was zu einem langwierigen Streit führte, der letztlich erst im dritten Viertel des 14. Jh.s beigelegt wurde, als die Burg zurückgekauft werden konnte. Bereits 1307/11 mußten die Schenken als Ergebnis der Pfälzer Fehde Burg und Stadt E. den Pfgf.en zu Lehen auftragen.

Der Raum E. lag in der Nähe einer wichtigen W-O-Verbindung, die bei → Michelstadt das Mümlingtal querte und als Teil des alten Weges aus dem Worms-Lorscher Raum über Reichelsheim, Steinbach, → Michelstadt, Amorbach nach Miltenberg an den Main führte; von → Michelstadt zweigte nach N eine durch das Mümlintal ziehende Straße ab, die bis nach Obernburg an den Main führte. Die N-S-Verbindung verlief auf den benachbarten Höhenzügen und führte über Beerfelden südlich durch das Gammelsbachtal an den Neckar. So war die verkehrstechnische Anbindung garantiert und der Absatz der erzeugten Waren (v.a. Erze und Waffen) gewährleistet.

E. lag in der Mark → Michelstadt und gehörte kirchl. zum Ebm. Mainz, Archidiakonat St. Peter und Alexander in Aschaffenburg, Landkapitel Montat, Pfarrei → Michelstadt (bis 1498).

Mit der Errichtung der Burg E. ist auch die Entstehung einer befestigten Burgmannensiedlung verbunden. Die eigtl. Ortschaft E. gruppierte sich bereits im MA um Burg und Burgmannensiedlung. Sie bildete die Keimzelle der heutigen Stadt. Die Herren von E. förderten die Ansiedlung; bes. Schenk Erasmus (gest. 1503) betrieb den Ausbau des Ortes, der unter den ersten Gf.en einen weiteren Aufschwung nahm. Eine Kapelle läßt sich in E. erstmals 1341 nachweisen; sie war Filialkirche von → Michelstadt und blieb dies bis 1498. Allerdings erhielt E. 1496 im Brudergrund mit Zustimmung Papst Alexanders VI. einen eigenen Friedhof. Eine formelle Verleihung von Stadtrechten ist nicht belegt. Im Jahr 1545 erhielt E. dann unter Gf. Eberhard XIV. ein eigenes Rathaus, das 1594 erweitert wurde. 1560 verlieh der Gf. der Stadt ein Wappen.

Bereits 1303 sind Burgmannen nachweisbar; 1382 werden sechs Burgmannen gen., die in E. ihren Sitz hatten und deren Namen seit dem Ende des Jh.s belegt sind, unter ihnen die Familien von Brensbach, Echter von Mespelbrunn und von Habern.

Die überwiegende Anzahl der Einw. von E. war rechtl. und wirtschaftl. von den Herren/Gf.en abhängig. Größere Spannungen sind aus den überlieferten Quellen nicht zu belegen.

III.

Ausgangspunkt der Entstehung E. und seiner Entwicklung zur Res. ist die Errichtung der Burg; zunächst in eine unbefestigte Handwerkersiedlung und eine ummauerte Burgmannensiedlung, deren Häuser wohl noch im 13. Jh. Bestandteil von Burglehen zu E. wurden.

Die Burg E. wird 1303 erstmals erwähnt, doch stammt ein Teil des Bergfrieds wohl noch aus dem frühen 13. Jh. Ab dem 15. Jh. sind eine Reihe von Baumaßnahmen an der Burg inschriftlich dokumentiert: 1497 ließ Schenk Erasmus den spätgotischen Turmhelm des Bergfrieds errichten, 1540 bzw. 1550 erbaute Gf. Eberhard XIV. den Kanzlei- und den sog. »Alten Bau«, und in den Jahren 1571, 1579 und 1593 ließ Gf. Georg III. die Wirtschaftsgebäude der Vorburg sowie den Torbau erneuern und ausbauen. Von der ma. Kernburg ist bis auf den Bergfried nichts erhalten; denn diese wurde zwischen 1731 und 1736 mit einem barocken Neubau überbaut. Eine Skizze sowie ein Ölgemälde aus der ersten Hälfte des 17. Jh.s zeigen einen dreigeschossigen Bau mit einem steilen Dach, dessen zweites Obergeschoß aus Fachwerk bestand und der von einem ovalen Wassergraben und einer zinnenbewehrten Mauer umgeben war, die die Vorburg mit einschloß; vermutlich wurde der Umbau der alten ma. Burg zu einem spätgotischen Schloß durch Schenk Erasmus veranlaßt, der schon für den Ausbau des Turms sorgte.

Über die Architekten, Baumeister und Künstler sind keine Nachrichten erhalten geblieben, ebensowenig über die Raumaufteilung und Ausstattung, die in Gänze dem barocken Neubau zum Opfer fielen. Nur die beiden erwähnten Darstellungen erlauben eine knappe äußere Beschreibung der spätma. bzw. frühneuzeitlichen Burg.