Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

EPPSTEIN

C. Eppstein

I.

Burg E. ist eine 1122 erstmals erwähnte Höhenburg in Spornlage. Die früheste Schreibweise lautet Ebbensten, seit dem späten 15. Jh. Epstein. Der Name dürfte auf den Personennamen Eppo=Eberhard zurückgehen. Die Burg war Hauptres. der Herren von E. ab Mitte des 12. Jh.s, ab 1433 ihrer älteren Linie E.-Münzenberg bis zu deren Verzicht 1507/08.

II.

E. liegt östlich von Wiesbaden im Vortaunus im Schwarzbachtal, in das knapp ober- und unterhalb weitere Bäche münden. Die Burg erhebt sich 212 m über NN, die Altstadt liegt 28 m tiefer. Im W führten mehrere ma. Fernwege vom Untermain nach N. Große herrschaftliche und Markwälder umgaben den Ort. In der Nähe fand bereits im HochMA Eisenerzabbau statt.

Die ursprgl. Siedlung (1492: 30 Häuser; 1592: 43 Bürger) umfing den Burgberg südlich und westlich im Halbkreis. Bedeutender als die durch den wenig fruchtbaren Boden benachteiligte Landwirtschaft waren Handwerk und Gewerbe (Eisenverhüttung und -verarbeitung, Lederherstellung, mehrere Mühlen).

Von der Burg aus entstand auf ungünstig beengtem Talgrund die für 1204/23 erstmals bezeugte Siedlung von Burgmannen und Handwerkern. 1318 erhielt Gottfried IV. von E. für den Ort die Stadtrechte nach Frankfurter Vorbild. 1492 verkauften die E.er die Hälfte der Hoheit über die Stadt an Hessen (1567 Hessen- Marburg, 1604 Hessen-Kassel, 1624 Hessen-Darmstadt). Die e.ische Hälfte fiel 1507/8 an die jüngere Linie E.-Königstein, 1535 als Erbe an die Gf.en von → Stolberg und 1581 an Kurmainz. Das 1470 erwähnte Kaufhaus war sicher gleichzeitig Rathaus. Hier tagten unter dem Vorsitz des vom Stadtherrn ernannten Schultheißen als Organ der Verwaltung und Niedergerichtsbarkeit die sieben ebenfalls ernannten (mit Vorschlagsrecht) Schöffen, darunter ein bis zwei Bürgermeister für das Rechnungswesen. Um 1300 besaß die Siedlung eine Badstube, 1505 eine Mehlwaage.

Das »Tal«, nie mehr als eine Minderstadt, war ganz auf die Burg bezogen. Es bildete durch frühe Verteidigungsanlagen und nach 1318 durch die Stadtbefestigung letztlich deren erweiterte Vorburg. In einer Schützenbruderschaft St. Sebastian von 1480 schlossen sich Schützen der Burg und Bürger zusammen. Bürger beteiligten sich an der Strafrechtspflege beim zuständigen e.ischen Hochgericht Häusel und arbeiteten als bezahlte Handwerker für die Burgherren. Von Vorteil dürfte auch das Privileg der Herren 1335 zur Ansiedlung von zehn Juden in der Res.stadt gewesen sein. Konflikte zwischen Herrschaft und Bürgerschaft sind nicht bekannt, doch spricht das Vorhandensein zweier Burgaufgänge – einer in der Stadt, der andere außerhalb beginnend – für die Vorsicht der Burgherren.

III.

Burg E. war zunächst eine Reichsburg Aufgrund ihres Namens und weiterer Anhaltspunkte erscheint möglich, daß sie nicht erst im 11. Jh., sondern bereits von dem 939 gefallenen Konradiner Eberhard, einem Gf.en des Königsundergaus um Wiesbaden, knapp im östlich anschließenden Niddagau gegr. wurde. Etwa 1123 gab vor seinem Tod der letzte Königsundergaugf. Udarich von Idstein-E. die Burg an den Mainzer Ebf. weiter. 1124 schenkte der Ks. die Osthälfte der Burg dem Mainzer Ebf., der Mitte des 12. Jh.s die Herren von Hainhausen mit der ganzen Burg belehnte. Vor dem Verkauf der Westhälfte der Burg an Hessen 1492, im wesentlichen also während ihrer spätma. Res.funktion, besaß sie in ihrem ungefähr rechteckigen Kern eine Ringmauer (um 1300), einen Bergfried (13. Jh.ff.), mehrere Palasbauten (12. Jh.ff., gegen 1300, um 1350 und um 1410), eine Burgkapelle (13. Jh.) sowie zwei Brunnen, ein Badehaus, ein Backhaus und einen Schreibereibau.

Südlich vor die Kernburg legte sich im Spät- MA. eine Vorburg mit zwei Zugängen (der östliche, anscheinend ältere über einen Graben mit Brücke und Wachthaus), westlichem Pförtnerhaus, Burgmannenhaus (später Marstall) und Viehhof. Die Hänge des Burgbergs wurden mit Zwingern und Flankentürmen gesichert. Die Stadt hatte am Burgberg keine eigene Befestigung.

Hessen (Baumeister Michael Eseler 1496) errichtete 1500 noch einen Wohnbau im gemeinsamen Burghof, baute bis Anfang des 17. Jh.s seine Westhälfte schloßartig aus und paßte sie den neuen Verteidigungsanforderungen an. In der ab 1581 kurmainzischen Osthälfte ersetzte Kurmainz 1682 einen älteren Wohnbau durch einen barocken (Baumeister Veit Schneider). Die beiden Burgbesitzer verwalteten von ihren Hälften aus ihre Teile der Herrschaft E.

→ Nassau als neuer Besitzer brach seit 1804 die Bauten der Westhälfte weitgehend ab und verkaufte ein Drittel der Osthälfte an Privatleute, bis einer es 1823 niederlegte. Nur der Wohnbau gegen 1300 (mit einem kleinen Querbau) blieb stehen, da hier seit 1600 (bis 1903) eine katholische Gemeindekirche untergebracht war (heute Stadt- und Burgmuseum). Seit 1929 gehört die ab 1905 erforschte, freigelegte und renovierte Burg der Stadt E. Diese hatte sie übernommen von den Privatbesitzern seit 1869, den Fs.en zu → Stolberg-Wernigerode.

Über die architektonische Feingestaltung und Raumausstattung in der Res.periode ist fast nichts bekannt, da der Abbruch kaum Reste hinterließ und Inventare erst 1559 einsetzen. Aus zahlr. archäologischen Funden ergeben sich aber ein gehobener Wohnkomfort (Kaminwange um 1200, Bodenfliesen 1200 ff., Ofenkacheln 14. Jh.ff.) und eine adlige Lebensweise (Sporen 12. Jh.ff., Steigbügel 13. Jh.ff., Armbrustbolzen SpätMA, Langzinkenkamm 13. Jh., Schmuckbeschlag 14. Jh.).

Unterhalb der Burg löste um 1430 die Pfarrkirche (»Talkirche«) eine ältere Kirche samt Kapelle ab. Die Talkirche diente den Herren auch als Grablege und wurde von mehreren Geistlichen stiftsähnlich versehen. Die Herren gelangten direkt von der Burg aus auf einer Treppe und in einem Stelzengang in die Kirche zu ihrem Sitz auf einem Lettner (1716 beseitigt). Der westliche Burgaufgang begann in der Stadt an einem Viehhof.

Außerhalb der Stadt lagen der Herren- und Baumgarten, die Herrenmühle von 1482, ein Antoniuskl.chen um 1380 und der seit dem 13. Jh. verpachtete Wirtschaftshof Häusel. Burg und Stadt waren durch mehrere Stauseen in den Tälern gesichert, die im 16. Jh. aufgelassen wurden.

Quellen

Siehe auch unter A. und B. Eppstein. – Freies Institut für Bauforschung und Dokumentation Marburg, Förderkreis Denkmalpflege Frankfurt und, überwiegend, Büro für Burgenforschung Dr. Joachim Zeune Eisenberg/Zell: Unveröffentlichte Sanierungs- und baugeschichtliche Gutachten zu Teilen der Burg Eppstein, 1991, 1996 und 2002-2009.

Bethke, Gerd S.: Main-Taunus-Land, Frankfurt 1996 (Rad und Sparren, 26). – Burkhard, Franz: Burg Eppstein, Frankfurt 1918. – Kulturdenkmäler in Hessen. Main-Taunus-Kreis, hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Michael Nitz, Simone Balsam und Sonja Bonin, Stuttgart 2003. – Picard, Bertold: Eppstein im Taunus, Frankfurt 1968. – Picard, Bertold: Zur spätgotischen Ausstattung der Eppsteiner Talkirche: Altäre, Lettner, Herrenstand und -gang, in: Rad und Sparren 14 (1986) S. 12-19. – Picard, Bertold: Geschichte in Eppstein, Frankfurt 1995. – Picard, Bertold: Wohnen auf Burg Eppstein in alter Zeit, in: Zwischen Main und Taunus 8 (2000) S. 43-49. – Picard, Bertold: Menschen auf Burg Eppstein in alter Zeit, in: Zwischen Main und Taunus 10 (2002) S. 41-46. – Picard, Bertold: 1000 Jahre Burg Eppstein, Eppstein 2002. – Renkhoff, Otto: Wiesbaden im Mittelalter, Wiesbaden 1980 (Geschichte der Stadt Wiesbaden, 2). – Schäfer, Regina: Die Herren von Eppstein, Wiesbaden 2000 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 68). – Struck, Wolf-Heino: Eppstein, in: Hessisches Städtebuch, Stuttgart 1957, S. 104-107. – Die eppsteinischen Lehensverzeichnisse und Zinsregister des XIII. Jahrhunderts, hg. von Paul Wagner, Wiesbaden 1927 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 8).