Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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EGGENBERG

C. Eggenberg

I.

E. lag etwa eine gute halbe Stunde Gehzeit westlich der Stadt Graz (heute der Stadtbezirk XIV). Hinter dem Schloß erhebt sich die Hügelkette, die das Grazer Feld westlich begrenzt. Zwischen dem Schloß und der Stadt dehnten sich weitläufige Felder aus (heute verbaut), die zur Grundherrschaft E. gehörten.

II.

Kirchlich gehörte das Gebiet zum Ebm. Salzburg, näherhin zur Pfarre Straßgang, die von 1607 bis zur Reform unter Ks. Joseph II. sogar Sitz des Archidiakons für das Viertel zwischen Mur und Drau war. Politisch war die Herrschaft E. Sitz eines eher kleinräumigen Landgerichtes innerhalb des Hzm.s Steiermark. Im O begrenzte es der Murfluß, an dem die Herrschaft ebenso das Fischrecht besaß, wie am vor dem Fluß von N nach S verlaufenden Mühlgang, der heute noch existiert. An letzterem lagen der Herrschaft gehörende Mühlen, die samt Fischrechten verpachtet waren. Eine uralte Handelstraße führte aus dem ehem. untersteirischen Raum (jetzt Slowenien) von Leibnitz über eggenbergisches Gebiet nach N Richtung Bruck an der Mur und weiter Richtung Wien und Salzburg (sog. Alte Poststraße).

Solange die Familie noch nicht über den steirischen Raum hinausgekommen war, »residierte«, d.h. wohnte sie im alten Schloß E. bzw. im Grazer Haus. Seyfried von E. stellte 1558 den Heiratsbrief seiner Frau in E. aus und verschrieb ihr den Sytz oder Schloß als Witwensitz. Später wohnten sein Sohn und dessen Nachkommen fallweise im Schloß, das – ausgebaut und kostbar eingerichtet – gleichzeitig als politisches und gesellschaftliches Repräsentationsforum diente. Ehzg.in Claudia Felizitas von Tirol und ihre Mutter bewohnten 1673 einen Teil der Schloßräume, bevor die Tochter in der Grazer Jesuitenkirche Ks. Leopold I. heiratete. In der zweiten Hälfte des 18. Jh.s benützte der ksl. Hof E. als Absteigequartier. Zu dieser Zeit war das Geschlecht der Fs.en von → E. im Mannesstamm bereits erloschen.

III.

Nirgendwo ist heute das Kunstmäzenatentum der Fs.en besser zu erkennen als am Beispiel des Schlosses E. Abgesehen von den Baumaßnahmen am Schloß, die sich von 1625 bis um 1655/56 hinziehen und für die der Hofarchitekt Pietro de Pomis (Baumeister, Maler, Medailleur) verantwortlich zeichnete, sind für das 17. Jh. in erster Linie jene Künstler zu nennen, die als e.ische »Hofkünstler« an der Innenausstattung gearbeitet haben: Alessandro Serenio als Stukkateur, Johann Melchior Otto und ganz bes. Hans Adam Weißenkircher als Maler. Letzterer arbeitete jahrzehntelang fast ausschließlich für die Familie E. in deren Schloß (: Planetensaal) und auf den fsl. Patronatskirchen und galt schon bei seinen Zeitgenossen als ad miraculum prope illustre.

E. ist ein Stein gewordenes Programm, das sich äußerlich an den Escorial in Spanien anlehnt, sonst aber einen architektonischen Kalender darstellt: Vier Außentrakte, vier Ecktürme, drei Höfe, 24 Prunkräume im ersten Stock mit zusammen 52 Fenstern und drei zusätzliche Räume von bes. Bedeutung (Planetensaal, alte Kapelle, ehem. Theater), 365 Außenfenster des Schlosses usw. Über den tieferen Sinn der gesamten Anlage, sei es im Äußeren, sei es im Inneren, ist viel geschrieben worden, und schon zur Zeit ihres Entstehens hat der jeweilige Stand der Vollendung Besucher angezogen: Von der »Coincidentia oppositorum« ist die Rede, von Kunst und Weltentwurf im gemalten Zyklus der vielen Deckengemälde im Piano nobile, vom »orbis pictus« und von »Utopia« liest man in den kunstgeschichtlichen Untersuchungen. Kurz und gut, ein Gesamtkunstwerk Principe digna suo. Und das zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges!

An die alte Burgenherrlichkeit sollte in E. der tiefe und breite Hirschengraben um das Schloß und die zwei Steinbrücken darüber erinnern. Ein riesiger freier Platz vor dem Schloß (»Ehrenhof«) diente im späten 18. Jh. sogar als Turnierplatz. Für den davor angelegten, nach dem Geschmack der Zeit sich mehrmals ändernden Hofgarten (heute Park) war ein »Hofgärtner« mit einem oder zwei Gartenjungen zuständig. 1657/58 gab es ein fsl. »Kränzlgärtl«, ein Feigenhaus und der Hofgärtner hatte aus »Wildlingen« Edelrosen zu pelzen und in den Feldern des Gartens vor dem Schloß Kohlpflanzen zu setzen. 1691/92 wurden von der fsl. Herrschaft Haasberg in Krain Pämerantschen und Lemonj Pämblen sowie gewisse Sachen aus Holland für das Pomerantschen Haus bzw. den Hofgarten geliefert.

Neben den bildenden Künsten haben die Fs.en von E. auch den darstellenden ihre bes. Zuneigung gewährt. Sie unterhielten Hofmusikkapellen und Hofschauspieltruppen, deren ausgezeichneter Ruf auch in das Deutsche Reich drang. Leider liegen über das Grazer Musik- und Theaterleben keine Primärquellen vor. Ein Comedihaus entstand gegen Ende des 17. Jh. im Schloß E., an der Stelle der jetzigen Schloßkirche. Anders ist die Sachlage beim Krumauer Hof, dessen Hofstaatsbesoldungen im Gegensatz zum Graz Hof erhalten sind. Doch sind nur die Namen der Krumauer Musiker und Schauspieler, nicht aber deren künstl. Leistungen archiviert. Immerhin gibt der Wechsel der Aufenthaltsorte der Künstler zwischen Graz und → Krumau einige Aufschlüsse über Verbindungen zwischen der Steiermark und Südböhmen.

Über Hans Ulrich von → E.s Beziehungen zur Musik gibt es Hinweise, als Widmungen an ihn von Werken des Wiener Hoforganisten Giovanni Valentini aus Venedig (Missae quatuor, 1621) und des Heinrich Schütz (Cantiones sacrae, 1625) bekannt sind. Fs. Johann Anton und dessen Wwe. unterhielten Hoftrompeter, ebenso Fs. Johann Seyfried. Dieser stellte eine Hofkapelle auf, der die bekannten Musiker Johann Jacob Prinner (gest. in ksl. Diensten Wien 1694), Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704), Johann Joseph Fux (gest. Wien 1741) angehörten. Auch Georg Motz (Augsburg 1653-Tilsit 1733), der beste Canthor Deutschlands wurde von Johann Seyfried während der Zeit, als er in Laibach als Landeshauptmann Hof hielt, in Dienst genommen, später aber nach → Krumau abgeworben und vom älteren Bruder Johann Christian angestellt.

Aus 1688 und 1698 haben sich zwei Textbücher zu Opern erhalten, die Johann Seyfried gewidmet waren und in Schloß E. aufgeführt wurden, doch ist die Musik zu ihnen verschollen. Dirigent dürfte der Komponist, Librettist und Kapellmeister an S. Apollinare in Rom Pietro Romolo Pignatta (gest. 1700) gewesen sein. Neben einigen anderen Musikern stand auch Wolfgang Nicolaus Pertl, Großvater Mozarts, in Johann Seyfrieds Diensten.

Die Opern wurden in einem eigenen Schloßtheater (»Comedi Haus«) aufgeführt, das mind. 40 Jahre existierte, 1737 aber der jetzigen Schloßkirche weichen mußte.

Die Bibliothek Johann Seyfrieds scheint nicht die Bedeutung jener seines Bruders in → Krumau erreicht zu haben. 1754 werden in der Guarderoba im Schloß E. nur 280 span., frz. und ital. alte Bücher erwähnt, die heute nicht mehr existieren.

Schloß E. diente auch nicht ständig als fsl. Wohnsitz. Aufenthalte von Mitgliedern der Familie und ihrer Verwandten und Freunde waren eher seltene, vorübergehende Besuche, u. a. in der wärmeren Jahreszeit. Dazu wurden vorher von einigen »Weibern« die rohen Holzfußböden gerieben. Gewöhnlich wohnten die Fs.en in ihrem Grazer Stadthaus, das aus zwei Häusern bestehend zu einer bequemeren Res. geworden war, als es das repräsentative Schloß sein konnte. Außerdem lag es mitten in der Stadt und nicht ferne von ihr, wie das Schloß, sodaß die fsl. Familie mitten unter dem Hochadel des Landes wohnen und den gesellschaftlichen Anschluß genießen konnte. Nur die Verwalter mit dem Schloßpersonal waren die ständigen Bewohner der fsl. Schlösser. Eine Ausnahme bildete Schloß → Waldstein nördlich von Graz, wo die Fs.inwwe. Anna Maria und dann ihr Sohn Johann Seyfried längere Zeit wohnten.

In jüngster Zeit haben Wanddekorationen im Japanischen Kabinett des Schlosses E. bes. in Japan großes Aufsehen erregt. Die original erhaltenen Bildstreifen aus der zweiten Hälfte des 17. Jh.s zeigen eine detaillierte Ansicht der Stadt Osaka und ihres damaligen Hoflebens. Wie diese Abbildungen nach E. gekommen sind, ist ungeklärt.