EBERSTEIN
I.
Gozbodesheim (804/14, Kopie 12. Jh.); villa Gochbotesheim (1219, Kopie 1558); Gosbolsheim (1240); opidum Gozbotsheim (1272); Gospolzheim (1334); Gochtzheym (1482); Gochtzen (1538) – Stadt – Gft. → Eberstein; Gf.en von → Eberstein – Schloß – D, Baden-Württemberg, Reg.bez. Karlsruhe, Stadt Kraichtal, Lkr. Karlsruhe.
II.
Die kleine Stadt G. liegt abseits größerer Straßen im südwestlichen Kraichgau, einer von fruchtbarem Löß geprägten Landschaft, auf einem langgezogenen, vom Kraichbach umflossenen, nach O abfallenden Geländesporn (175-148 m NN). Im 9./10. Jh. ein Unterzentrum der Lorscher Kl.grundherrschaft, gelangte der Ort später über die Kraichgaugf.en Zeisolf-Wolfram und die Gf.en von Lauffen im 12. Jh. an die Dynasten von → Eberstein, die um die Mitte des 13. Jh.s unter gänzlicher Aufgabe des alten, in der Kraichbachniederung gelegenen Dorfs die heutige Stadt gründeten. An deren oberem, südwestlichem Ende liegt in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche das ehedem von den Höfen ritteradliger Burgmannen (14.-16. Jh.) umgebene Schloß. 1358 erfolgte die Lehnsauftragung von Schloß und Stadt an Kurpfalz. Im übrigen blieb G. – abgesehen von mehreren, zumeist nur teilweisen und nie länger währenden Verpfändungen – allzeit im Besitz der Gf.en von → Eberstein. Seit 1387 erhobene Ansprüche der Mgf.en von Baden auf die Hälfte der Herrschaft konnten 1399 abgelöst werden. Um die Mitte des 15. Jh.s residierte hier nachweislich Gf. Hans von → Eberstein (gest. 1479). Nach dem Erlöschen des ebersteinischen Mannesstamms i.J. 1660 gelangte G. durch die Erbtochter Albertine Sophie Esther an die Hzg.e von Württemberg(-Neuenstadt) und diente diesen bis ins dritte Jahrzehnt des 18. Jh.s neben → Neuenstadt am Kocher als Res. Im Orléans'schen Krieg wurden Stadt und Schloß am 2. Aug. 1689 vollständig zerstört.
Trotz seines städtischen Charakters, seiner Ummauerung sowie zweier Jahrmärkte und eines Wochenmarkts (1406 bestätigt), war G. immer agrarisch geprägt. Als Grundherren begegnen neben den Gf.en von → Eberstein v.a. Angehörige des Kraichgauer Ritteradels (von Hirschberg, von Nordheim, von Angelloch, von Talheim, von Sickingen, von Mentzingen etc.).
Kirchlich gehörte die Stadt zur Diöz. Speyer (Archidiakonat des Propstes von St. Guido, Landdekanat Bruchsal). Die Pfarrechte waren bis ins ausgehende MA mit der alten Kirche St. Martin in dem aufgelassenen Dorf am Kraichbach verbunden und wurden erst im späten 15. Jh. samt dem Titel auf die bisherige Kapelle in der Stadt übertragen. Das Patronatsrecht über die Pfarrei und drei von ihr abhängige Frühmessen stand bis 1404 den Gf.en von → Eberstein zu, mußte dann aber an die Mgf.en von Baden abgetreten werden, die es 1453 zur Dotation des Kollegiatstifts in Baden(-Baden) verwendeten. Im Anschluß an die Kurpfalz führte Gf. Wilhelm von → Eberstein (gest. 1562) um die Mitte des 16. Jh. die Reformation ein.
III.
Das gfl. Schloß am südwestlichen Ende der Stadt, war gegen S und W – zur Feldseite – geschützt durch steile Abhänge, gegen N und O – zur Stadt – durch Grabenanlagen. Seine früheste Erwähnung in der schriftlichen Überlieferung dat. zwar erst von 1461, aber ganz zweifellos entstand es bereits im 13. Jh. mit der Gründung der Stadt. Nach der Zerstörung von 1689 im frühen 18. Jh. wiederhergestellt, wurde es zu Beginn des 19. Jh.s großenteils abgetragen. Eine detaillierte Bauaufnahme von 1787 zeigt eine langgestreckte Anlage (ca. 110 x 40 m), deren Vor- bzw. Wirtschaftshof vom Kirchplatz her zugänglich war. Das eigtl., um einen inneren Hof gruppierte Schloß erreichte man über eine Zugbrücke und durch die tonnengewölbte Toreinfahrt (Allianzwappen Württemberg-Eberstein) des noch heute bestehenden, von zwei Ecktürmen flankierten Gebäudes (vorderes Schloß). Der innere Hof war talseitig von einem nach außen vorgebauten Brunnenhaus begrenzt, stadtseitig von einer Wehrmauer über dem Graben. Den ältesten Teil und Abschluß gegen W bildete das hintere Schloß, ein großes, über einem verschobenen Rechteck errichtetes Gebäude mit dicken Mauern, das hofseitig zwei Treppentürme aufwies, an seiner nordwestlichen Ecke einen runden Wehrturm. Im inneren Hof gab es auf der Höhe des ersten Obergeschosses eine an den Süd-, Ost- und Nordseiten umlaufende hölzerne Galerie (am vorderen Schloß noch heute erhalten).
Das heute allein noch vorhandene vordere Schloß, ein zweigeschossiger Putzbau mit Eckquaderung über rechteckigem Grdr., entstand, seinen Formen nach zu schließen, im zweiten Drittel des 16. Jh.s, viell. als Witwensitz. Mit den flankierenden Ecktürmen an seiner Frontseite korrespondierten hofseitig zwei Treppentürme. Im Erd- und im Obergeschoß sind zwei Renaissanceportale erhalten. Das Gratgewölbe und die Oberwände im ersten Stock des Nordturms ist mit stuckierten Jagdszenen sowie mit Roll- und Beschlagwerkornamenten geschmückt (um 1600); ansonsten sind die Innenräume seit dem frühen 20. Jh. stark verändert. Links der Toreinfahrt verzeichnet die Bauaufnahme von 1787 zwei ebenerdige Räume als Archivgewölbe. Die einstige Hofküche war an der Nordostecke des untergegangenen hinteren Schlosses in den Graben vorgebaut. Geringe Reste des hinteren Schlosses haben sich in modernen Nachfolgebauten erhalten. Aus dem Rundturm in der Nordwestecke des hinteren Schlosses führte im späten 18. Jh. eine Treppe in den herrschaftlichen Garten; ob dieser bereits vor der Zerstörung von 1689 bestand oder erst danach angelegt wurde, ist unbekannt. Von 1716 bis zu ihrer Verbringung nach Stuttgart 1729 waren die hzgl. Sammlungen aus → Neuenstadt am Kocher im G.er Schloß untergebracht.
Die 1689 untergegangene Stadtkirche, hatte 1617 Heinrich Schickhardt unter Beibehaltung des Eingangsturms von 1499 errichtet; der heutige Bau entstand nach einem neuerlichen verheerenden Stadtbrand 1739 in den Jahren 1742 und 1786. Von den ebersteinischen Bestattungen im Kircheninneren (mind. vier) existieren nur noch die der letzten Ebersteinerin, Albertine Sopie Esther (gest. 1725), und ihres Gemahls Friedrich August von Württemberg (gest. 1716). Sonstige Gebäude mit Bezug zur Res. sind nicht bekannt.