EBERSTEIN
I.
Die Gf.en von E. nannten sich nach der Burg gleichen Namens auf einem das Land beherrschenden Bergkegel (487 m NN) über dem Eingang des Murgtals (Eberstein, 1085; dez althin Eberstein, 1283; E.burg, Stadtkr. Baden-Baden). Ihre Ursprünge jedoch sind in der nördlichen Ortenau zu suchen, um Sinzheim, Bühl und Ottersweier (Lkr. Rastatt). Für die Frühzeit ist eine enge, wiewohl nicht unbedingt agnatische Verwandtschaft mit den Herren von Staufenberg (Durbach, Ortenaukr.) anzunehmen. Eine seit dem 16. Jh. nachgewiesene Tradition will das Haus von einer Tochter Ks. Ottos des Großen abstammen lassen, eine andere Erzählung gleichen Alters führt das ebersteinische Rosen-Wappen auf päpstliche Verleihung zurück. Beide Überlieferungen entspringen offenbar dem Selbstbehauptungswillen der E.er gegenüber den Mgf.en von Baden.
II.
Zunächst untitulierte altfreie Herren, führten die E.er seit dem ausgehenden 12. Jh. den Gf.entitel (1195). Ihre älteste Herrschaft gründete ganz überwiegend auf Eigengut, daneben wahrscheinlich auch auf Vogteirechten über das Benediktinerkl. → Schwarzach am Rhein (Rheinmünster, Lkr. Rastatt). Den Kern der nachmaligen Gft. E. im Ufgau bildeten verstreuter Allodialbesitz um Rastatt aus dem Erbe der Gf.en von Malsch und namentlich die Vogtei über das der Speyrer Kirche gehörige predium Rotenfels im unteren Murgtal (Lkr. Rastatt) sowie – davon ausgehend – im Zuge des hochma. Landesausbaus gewonnenes Land murgaufwärts mit Wildbannrechten in den ausgedehnten Wäldern beiderseits des Flusses. Für das Gebiet von Rotenfels bis Gernsbach (Lkr. Rastatt) konnten die Bf.e von Speyer im 14. Jh. ihre Lehnshoheit durchsetzen; das Rodungsgebiet oberhalb Gernsbachs wurde als Allodialbesitz anerkannt. Lehnsverhältnisse bestanden darüber hinaus zum Reich (Blut- und Wildbann) und seit dem 14. Jh. zu den Pfgf.en bei Rhein (→ Gochsheim); Vasallen der Mgf.en von Baden (→ Neueberstein) und der Hzg.e von Württemberg (→ Gochsheim) waren die E.er erst seit 1505; Lehnsbeziehungen zum Hochstift Straßburg und zur Propstei Weißenburg im Elsaß sind nicht vor dem 17. Jh. bezeugt, dürften aber wesentlich älter sein. Während des hohen MAs begegnen die Gf.en vielfach im Gefolge der Bf.e von Speyer und von Straßburg, am Kg.shof hingegen fast nur, wenn dieser in Oberdeutschland unterwegs war. Hinsichtlich des Besuchs kgl. Hoftage im späten MA gilt entspr. Obgleich die Mgf.en von Baden seit 1504/05 auf mancherlei Wegen ihre Mediatisierung betrieben, gelang es den Gf.en von E. doch, ihre in der Allzeit Neuesten Matrikel von 1521 festgeschriebene Reichsstandschaft bis zu ihrem Aussterben zu bewahren.
Gf. Otto von E. (gest. 1279) bekleidete 1247 das Amt eines ksl. Hauptmanns in Österreich und Steiermark. Vom 14. bis ins 17. Jh. standen E.er Gf.en wiederholt in Diensten der Kurpfalz; Wolf(ram) diente 1380/81 der freien Stadt Speyer als Hauptmann; Hans war 1459 hzgl. bayerischer und 1474 ehzgl. österr. Rat. Die Gf.en Bernhard (gest. 1526) und Wilhelm (gest. 1562) fungierten als Reichskammergerichtspräsidenten, Gf. Philipp (gest. 1589) als ksl. Rat und Landvogt im Oberelsaß. Seit dem 13. Jh. sind nachgeborene Söhne wiederholt als Domherren in Speyer und Straßburg bezeugt, daneben in Passau, Aquileja und Köln; Konrad (gest. 1254) hatte seit 1237 den Bf.sstuhl von Speyer inne.
III.
Das auf einem Siegel von 1207 erstmals nachgewiesene Wappen der Gf.en von E. zeigt in Silber eine blaubesamte fünfblättrige rote Rose mit grünen Kelchblättern. Den Helm ziert ein silbern gekleideter und infulierter Männerrumpf, der mit oder ohne Arme vorkommt; alternativ finden sich auch Büffelhörner, bisweilen beides nebeneinander. Erst seit dem frühen 17. Jh. ist der Schild geviert, wobei auf den Plätzen 1 und 4 das Rosen-Wappen erscheint, auf den Plätzen 2 und 3 in Übernahme von den Mgf.en von Baden (die seit 1584 die E.er Rose im Wappen führten) ein mit Bezug auf → Neueberstein ganz neu kreiertes Wappen: in Gold ein schwarzer Eber auf grünem Berg. Anzutreffen ist das ebersteinische Wappen in seiner älteren Gestalt an Bauwerken und Grabdenkmälern im Umkreis der einstigen Gft. im Nordschwarzwald (v.a. in Gernsbach), im Kraichgau, im einstigen Kl. Rosenthal (Kerzenheim, Donnersbergkr.) sowie in den wappengeschmückten Lehnbüchern der Bf.e von Speyer (1464) und der Kfs.en von der Pfalz (1471, 1538); das vermehrte Wappen begegnet auf → Neueberstein, in → Gochsheim und in → Neuenstadt am Kocher (Lkr. Heilbronn).
Grablegen der E.er waren seit der zweiten Hälfte des 13. Jh. v.a. die von Angehörigen des Hauses selbst gestifteten Kl. Herrenalb (Zisterzienser, um 1150; Lkr. Calw) und Frauenalb (Benediktinerinnen, um 1158/85; Marxzell, Lkr. Karlsruhe) sowie Rosenthal (Zisterzienserinnen, 1241), später auch die Pfarrkirchen zu St. Jakob und zu Unserer Lieben Frau in Gernsbach im Murgtal. Gf. Kasimir (gest. 1660), der letzte E.er Agnat, und seine Erbtochter Albertine Sophie Esther (gest. 1728), vermählte Hzg.in von Württemberg, fanden die letzte Ruhe in der Pfarrkirche von → Gochsheim.
IV.
Wiewohl ihre Herrschaft in der Region um den mittleren Oberrhein älter war als jene der Mgf.en von Baden, gerieten die Gf.en von E. seit dem 13. Jh. immer mehr in deren Schatten. Dazu trugen nicht zuletzt wiederholte Erbteilungen mit daraus resultierendem innerfamiliärem Streit und Einbußen an Herrschaftssubstanz bei. Die erste dieser folgenschweren Teilungen geschah 1219 zwischen den Gf.en Eberhard (→ Sayn; gest. 1263) und Otto (→ Neueberstein; gest. 1279) und führte letztlich zum Verlust der Stammburg Alteberstein samt Zugehörungen an der unteren Murg sowie der Schirmherrschaft über das Kl. Herrenalb. Die nächste Teilung (um 1367) zwischen Wolf(ram) und Wilhelm (gest. 1385) hatte 1387 wg. des von Wolf(ram) durch unglückliche Fehden herbeigeführten Bankrotts den Verkauf seiner Hälfte an die Mgf.en von Baden zur Folge. Der durch die letzte dauerhafte Teilung (1528) zwischen Wilhelm (gest. 1562) und Johann Jakob (gest. 1574) ausgelöste Streit – obendrein verstärkt durch die Konfessionalisierung – zog nach dem Erlöschen der älteren Linie (1589) weitere schwerwiegende Verluste nach sich, so daß die bis 1660 existierende evangelische Linie am Ende nur noch über einen vergleichsweise geringen Rest an herrschaftlichen Gütern verfügte. Das von Gf. Bernhard (gest. 1502) mit seinem Testament errichtete Fideikommiß blieb wirkungslos. Ein fränkischer Zweig (Krautheim) florierte vom späten 13. bis ins späte 14. Jh. nur über drei Generationen und spielte für die Herrschaft am Oberrhein keine Rolle.
Das Konnubium der Gf.en von E. weist im 13. Jh. neben Verbindungen mit Standesgenossen aus der näheren und weiteren Umgebung (→ Sayn, Urach, Krautheim, Saarbrücken, Zweibrücken, Lichtenberg, → Tübingen, → Wertheim) mehrfach solche mit fsl. und fs.engleichen Häusern auf, darunter Andechs-Meranien, Teck und Baden. Seit dem 14. Jh. sind indes nur noch Allianzen mit zumeist obdt. Gf.en und Herren zu verzeichnen – darunter Ziegenhain, → Oettingen, → Hohenlohe, → Erbach, → Eppstein, → Hanau-Lichtenberg, → Leiningen, → Helfenstein, → Zimmern, → Fugger, → Hohenzollern, Völs-Colonna, → Nassau etc. –, ganz vereinzelt auch mit Familien ministerialischer Herkunft (→ Wolkenstein, Fleckenstein). Die letzte Namensträgerin erlangte durch ihre Heirat mit einem Hzg. von Württemberg noch einmal fsl. Würden.
In das Erbe des 1589 erloschenen älteren (katholischen) Zweigs teilten sich die Gf.en von Bronckhorst und Gronsfeld und die Frh.en bzw. Gf.en von → Wolkenstein-Trostburg. Das Erbe des jüngeren (evangelischen) Zweigs fiel an die Hzg.e von Württemberg(-Neuenstadt).
Quellen
Generallandesarchiv Karlsruhe, v.a. Abtt. 37, 44, 66, 67, 72, 74, 110, 144, 203 und 229. – Krieg von Hochfelden, Georg Heinrich: Geschichte der Grafen von Eberstein in Schwaben, Karlsruhe 1836, S. 347-519 (Urkundenbuch). – Krieger, Albert: Ein Salbuch der Grafschaft Eberstein aus dem Jahre 1386, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 74 (1920) S. 125-159 und 262-277. – Regesten der Markgrafen von Baden und Hachberg, bearb. von Richard Fester, Heinrich Witte, Fritz Frankhauser und Albert Krieger, 4 Bde., Innsbruck 1900-1915. – Wirtembergisches Urkundenbuch, hg. von dem Königlichen Staatsarchiv in Stuttgart, Stuttgart 1849-1913.
Literatur
Andermann, Kurt: Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein. Eine Geschichte von der Überlegenheit des Hauses Eberstein, in: Scripturus vitam. Lateinische Biographie von der Antike bis zur Gegenwart. Festgabe für Walter Berschin, hg. von Dorothea Walz, Heidelberg 2002, S. 453-460. – Andermann, Kurt: Vom Eisacktal ins Murgtal. Die Wolkensteiner aus Südtirol als Erben der Grafen von Eberstein in Südwestdeutschland, in: Der weite Blick des Historikers. Einsichten in Kultur-, Landes- und Stadtgeschichte. Peter Johanek zum 65. Geburtstag, hg. von Wilfried Ehbrecht, Angelika Lampen, Franz-Joseph Post und Mechthild Siekmann, Köln u. a. 2002, S. 301-316. – Andermann, Kurt: Die Markgrafen von Baden und der Adel im südlichen Ufgau und in der nördlichen Ortenau, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 151 (2003) S. 93-118. – Andermann, Kurt: Ein furnem und namhafts Geschlecht in unsern Landen. Glanz und Niedergang der Grafen von Eberstein, in: Grafen und Herren in Südwestdeutschland vom 12. bis ins 17. Jahrhundert, hg. von Kurt Andermann und Clemens Joos, Epfendorf 2006 (Kraichtaler Kolloquien, 5), S. 195-215 [mit weiterführenden Literaturangaben]. – Europäische Stammtafeln, hg. von Detlev Schwennicke, NF, Bd. 12: Schwaben, Marburg 1992, Tafel 28 f. – Hennl, Rainer: Die Herren bzw. Grafen von Eberstein. Aufstieg eines Adelsgeschlechts aus der Ortenau zwischen 1085 und 1278/79, in: Ortenau 77 (1997) S. 153-172. – Hennl, Rainer: Gernsbach im Murgtal. Strukturen und Entwicklung einer Stadt der Grafschaft Eberstein bis zum Ende des badisch-ebersteinischen Kondominats im Jahre 1660, Stuttgart 2006 (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, B 165). – Joos, Clemens: Die Rose von Eberstein. Zur Ebersteiner Wappensage, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 152 (2004) S. 145-164. – Krieg von Hochfelden, Georg Heinrich: Geschichte der Grafen von Eberstein in Schwaben, Karlsruhe 1836. – Der Landkreis Rastatt, bearb. von der Außenstelle Karlsruhe der Abteilung Landesforschung und Landesbeschreibung in der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, hg. von der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Rastatt, 2 Bde., Stuttgart 2002 (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). – Schäfer, Alfons: Staufische Reichslandpolitik und hochadlige Herrschaftsbildung im Uf- und Pfinzgau und im Nordschwarzwald vom 11. bis ins 13. Jahrhundert, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 117 (1969) S. 179-244.