Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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DOHNA

C. Grafenstein

I.

Die oberhalb der Lausitzer Neiße gelegene Höhenburg G. (ca. 15 km nordwestlich von Reichenberg [Liberec]) war von etwa 1255 bis 1562 (in der Hussitenzeit unterbrochen 1430-1437) die Hauptres. der älteren Linie der Bgf.en von → Dohna (siehe oben Abschn. A. IV.) als Inhaber der Herrschaft G. (siehe oben die Abschn. A. II. und B. I.). Deren Name war ursprgl. Ulsicz, dann G. (auch Gräfenstein) nach der von den Bgf.en von → Dohna erbauten Burg; die tsch. Namensform Grabštejn ist sekundär (die Rückübersetzung Grabstein ist irreführend).

II.

Die Burg beherrscht die wichtige Fernhandelsstraße von Böhmen zur Ostsee, die im Neißetal zwischen Lausitzer und Iser-Gebirge hindurch führt. Sie dürfte an die Stelle der älteren sorbischen Wallanlage in Grottau an der Neiße (Hrádek nad Nisou) (1,5 km nordwestlich von G.) getreten sein, auf die schon der Name Grottau hinweist. Diesem Niederungs-Bollwerk war sie als Höhenburg wehrtechnisch und in der Repräsentation von Herrschaft überlegen. Sie liegt auf einem felsigen Sporn, der nach drei Seiten steil abfällt und nach N durch einen Zwinger gegen die Hochfläche gesichert ist. Als Ausgangspunkt des Landesausbaus löst sie die (nicht erhaltene) Burg Ostritz (nördlich von Zittau) ab. Die Bgf.en von → Dohna, wie andere siedlungserfahrene Herren von den böhm. Kg.en in die noch unerschlossenen Gebiete ihrer Länder gerufen, haben in den 1230er Jahren die Stadt Ostritz (1241 »Städtchen«, 1295 »Stadt« gen.) gegr. und durch Besiedlung des Umlands eine Herrschaft aufgebaut. Unterstützt wurden sie hier und im folgenden von ihren Ministerialen, die ihnen z.T. aus der Bgft. gefolgt sind, so die von Sürßen und die von Maxen. Wohl bald nach Regierungsantritt (1253) hat Kg. Přemysl Ottokar II. den Herren von Duba die Herrschaft Ulsicz aberkannt und Heinrich (III.), Bgf. von → Dohna, damit zur weiteren Erschließung belehnt. Im Unterschied zum damaligen Böhmen gab es im Zittauer Land Lehen, weil es zum dt. Rechtsgebiet gehörte. Als Zittau 1346 wieder mit den übrigen Städten des Sechsstädtebunds (später »Oberlausitz« gen.) vereinigt wurde, blieb die Herrschaft G. bei Böhmen, indes ohne Veränderung ihres Status. Kirchlich blieb G. im Dekanat Zittau, das seinerseits im Bm. Prag verblieb. Der Schlesier Nikolaus von Keuschberg erhielt nach seiner Heirat mit einer → Dohna den Sitz Kratzau. 1430 bemächtigte er sich auch des G. und schloß sich dann den Hussiten an. 1435 erobert Siegmund von Wartenberg die Burg von den Hussiten. 1437 konnten ihn die Bgf.en zurückerwerben.

Als älteste Stadt im oberen Neißetal legten die → Dohnas Grottau planmäßig an (1288 gen.) und errichteten am Talrand eine Burg (1928 unter dem Barock-Schloß ergraben). Deren Bezeichnung als castrum und Ausstattung mit einer Marienkapelle weisen auf ihre Bedeutung hin, doch ist sie als Sitz eines Mitglieds des Hauses → Dohna nicht vor 1549 (Teilung der Herrschaft) nachgewiesen. Jedenfalls konnte das Städtchen Grottau die meisten Funktionen einer Res.stadt nicht wahrnehmen. Die Verbindung zu Zittau blieb in politischer, wirtschaftlicher, kirchlicher und kultureller Hinsicht wichtig. Wenn Nikolaus (II.) in der großen Handelsstadt ein »splendides Vogelschießen« veranstaltete (1528), so demonstrierte er mit diesem Akt der Generosität sowohl die Freundschaft zur Stadt, als auch seine wirtschaftliche und politische Kraft. In Grottau gab es außerdem noch zwei »Vorwerke«, die auch als Sitze von Lehnsmannen gen. werden. Wohl auch noch in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s erfolgte die regelmäßige Anlage von Kratzau (Chrastava) (7 km oberhalb G. an der Neiße); Stadtrecht erst 1527 überliefert. Die dort gen. »Burg« auf dem steil abfallenden »Burgberg« neben dem »Hof« am Ortsrand erscheint anläßlich ihrer Zerstörung 1433 in der Quelle nur als Possetke (befestigter [Ritter-]Sitz, etwa der böhm. [nicht der dt.] »Veste« [tvrz] entspr.). Kratzau war Ausgangspunkt für den Bergbau in der Herrschaft G., der bei der Nennung Mitte des 14. Jh.s schon als länger bestehend vorausgesetzt wird. Eine Reihe von Bergleuten stammte aus dem Erzgebirge, zwei Namen deuten auf Gottleuba in der Bgft. → Dohna. Gewonnen wurden an verschiedenen Orten Kupfer, Blei und Zinn, aber auch Silber und Eisen sowie Vitriol, Alaun, Schwefel und Kalk (u. a. in Schönbach [Zdislava]). Am Bergbau in Frauenberg (bei Weißkirchen [Bilý Kostel]) waren auch Gewerken (Inhaber von Kuxen) aus Zittauer Ratsfamilien beteiligt. Diesem Ort sowie der »Neustadt« von Engelsberg (Andĕlská Hora) verliehen die → Dohnas die Freiheit einer Bergstadt (Wahl von Bürgermeister, Richtern, Geschworenen usw.), die nur bestehen sollte, solange Bergbau betrieben würde.

III.

Die Burg G. gliederte sich in ein »oberes« und ein nur durch dieses zugängliches »niederes Schloß«, wie es in einem »Teilzettel« der Teilung von 1549 heißt. Altbau war davon nur das »obere« (auf dem nördlichen Teil) sowie der Ostflügel des »niederen Schlosses« (auf dem südlichen Teil des Felsens). In dem, einen Hof mit Brunnen umschließenden, Unterschloß wurden der südliche und westliche Flügel als »Neuhäuser« bezeichnet. Es war offenbar Nikolaus (II.) (Seeliger und Procházka halten ihn und seinen gleichnamigen Vater für eine Person), Alleinbesitzer von 1512 bis 1540, der den, gewiß kostspieligen Ausbau der Burg zum zeitgemäßen Schloß unternahm. Bei einer Begehung des »Hochschlosses« zur Feststellung eines Schadens (1549) wird ein Teil der Räume gen.: die kleine Hofstube, Herrn Friedrichs Kammer, die große Hofstube, das Gewölb, der große Saal, das Frauenzimmer, die Kemeth [Kemenate], das Schnek [Wendeltreppe], der Jungfrauen Zimmer, die mittlere Kemeth, Herrn Albrechts Stüblein, die Kammer dazu, Herrn Janes Stüblein, die Kirche. Außer dem Inhaber der Herrschaft, Albrecht, hatten also zwei abgeteilte Brüder Räume im Schloß. Das untere Schloß mit der vollständigen Wohnung des dritten Bruders, des unvermählten Wenzel, wurde nicht begangen. Die Barbara-Kapelle (Patronin der Bergleute) lag also, wie noch heute, im oberen Schloß, während ältere Quellen (1387 bis 1415) »vor« oder »unter« dem Schloß sagen. Vor dem Schloß und dem Parcham (Zwinger) lag das Backhaus. Eine am Parcham gelegene »Bastei« wird 1439 gen., vermutl. eine Barbakane vor der Zugbrücke. Bald nachdem er G. für 300 000 Gulden gekauft hatte, ließ der Vizekanzler Mehl von Strelicz das Schloß erneuern und umbauen (Inschr. 1569). Die Tochter des letzten → Dohna auf G., Elisabeth, war (seit 1594) mit Mehls Besitz-Nachfolger, dem ksl. Hofkammer-Präsidenten Ferdinand Hoffmann Frh. von Grünbühel, vermählt, den sie auch beerbte. So war noch einmal eine → Dohna die Herrin auf G. (gest. 1611). Vermutlich Anfang 17. Jh. wurde auf dem vom Zwinger gesicherten Burg-Vorhof das Amtshaus mit fünf Stufengiebeln erbaut, aus dem durch Umbau 1818 das heutige »Neue Schloß« entstand. Das gegenüberliegende »Kavalierhaus« war im 20. Jh. Wohnung des Besitzers, des Gf.en von Clam-Gallas. Nach einem Brand 1848 wurde das oberste Geschoß des Hochschlosses abgetragen; der ma. Bergfried blieb erhalten.

Johann, der zweite Sohn des Jerislaus auf G. (siehe oben Abschn. A. IV.), errichtete die große Höhenburg (576 m über NN) Roimunt (verballhornt als »Roinungen«, heute als Ruine »Raimund«) zur Kontrolle der Straße von Gabel über Kratzau nach Schlesien. Der 1347 gegebene Name (roi = Kg., mont = Berg) ist nicht nur aus dem mhd. Epos »Wigalois« entlehnt, sondern spielt auch auf die gerade erfolgte Kg.skrönung Karls IV. an, der wohl den Anstoß (nicht nur die »Erlaubnis«) zum Bau gegeben hatte. Karl lag derzeit im Kampf mit dem Hzg. von Schweidnitz, der als letzter schlesischer Fs. mit Unterstützung von Polen seine Unabhängigkeit von Böhmen zu bewahren suchte. Schon die Söhne Johanns veräußerten die Burg an den Vetter auf G. So wurde die Burg, die ihre strateg. Bedeutung bereits weitgehend verloren hatte, auch als Res. nicht mehr benötigt und ist dann nach der Hussitenzeit allmählich verfallen. Noch 1848 war die 227 m lange innere Ringmauer über 11 m hoch. Die Burg Tzschocha am Queis (hervorragend erhalten), mit der zugehörigen Herrschaft in der Hand von G.er → Dohnas, wurde bereits erwähnt. Die Burg Falkenberg nördlich von Gabel war wohl stets nur der Sitz von Lehnsmannen oder Hauptleuten der → Dohnas. Wg. der Bedeutung der Burg am Lückendorfer Paß, die in die Hand der Hussiten gekommen war, wurde sie nach einem Brand auf Befehl des Ks.s geschleift (1437). Als letzter Außenposten in der Oberlausitz war die von 1420 bis 1519 von den G.er → Dohnas.besessene Herrschaft Radmeritz (Radomierzyce) (6 km nordöstlich von Ostritz am rechten Neißeufer) interessant. Mehrfach war Wenzel (III.), u. a. verbündet mit dem Kfs.en von Sachsen, in Fehden mit den Sechsstädten verwickelt, die 1450 den G. mit »Büchsen« (Geschütz) belagerten und eroberten, aber nicht zerstörten. Im 15. Jh. versuchten die Inhaber von G., ihre Herrschafts-Rechte, bes. Hochgerichtsbarkeit und Steuerfreiheit auf ihre Oberlausitzer Besitzungen auszudehnen. So konnten sie (wohl 1454) von Ladislaus Postumus ein entspr. kgl. Privileg für Radmeritz mit den Rechten einer freien Herrschaft erwirken. Als die Stadt Görlitz aber unter die Hoheit Kg. Matthias' von Ungarn kam, setzte sie ihre territoriale Obergerichtsbarkeit durch und ließ dann den nach der Wiedervereinigung mit Böhmen dort demonstrativ errichteten bgfl. Galgen mit bewaffneter Hand abhauen.

»Memoria, Erinnerung ist das entscheidende Moment, das Adel konstituiert« (Gerhard Oexle). Die liturgische Memoria als Fürbitte für die Verstorbenen hatte für die Bgf.en von → Dohna des Hauses G. ihren festen Ort: Daß die → Dohnas die wahren Gründer der Frauen-Zisterze Marienthal bei Ostritz (siehe oben Abschn A. II.) sind, wissen wir erst seit kurzem dank der Untersuchung von Lars-Arne Dannenberg (2008). Als Ausstellerin der ersten (ein Dorf schenkenden) Urk. für das Kl. (1234) galt die Staufer-Tochter Kunigunde Kgn. von Böhmen bislang als Gründerin; jedoch wurde darin ein schon bestehender, nach den Gewohnheiten des OCist lebender Konvent gen. 1238 nahm dann Kg. Wenzel I. Marienthal in seinen Schutz. Die Stiftung eines Kl.s, der Legitimierung herrschaftlicher Stellung ebenso dienend wie der Vorsorge für das Seelenheil, konnte wie schon im Falle von Altzelle in der Form der Mitstiftung auch hier nur in Anlehnung an die kgl. Macht geschehen. Die Gründungs-Äbt. Adelheid (1234-1267?) »brachte das religiöse Leben der Stiftung zu hoher Blüte«. Nach ihr stehen noch mind. zwei Töchter des Hauses → Dohna auf G. der Abtei vor: Catharina (1288) und Elisabeth (1357-1366). Johann (I.), Mitherr auf G. und Ostritz wird von Kg. Johann mit dem Schutz und Schirm des Kl.s Marienthal beauftragt (1346). Noch heute wird in St. Marienthal (der neben Marienstern einzigen ununterbrochen bestehenden Zisterze in Dtl.) der kgl. »großen Stifter« und der D.s, der »kleinen Stifter«, alljährlich durch ein feierliches Requiem gedacht. Die Begräbnis-Orte der älteren → Dohnas sind unbekannt. Wenn im 15. Jh. einige Glieder des Hauses ihre Grablege im Franziskaner-Kl. in Zittau wählen, deutet das auf religiöse Motive hin. Wird doch den Seelenmessen frommer Bettelmönche eine größere Wirkung zugetraut. Weil diese Kirche inzwischen evangel. ist, wird Nikolaus (II.) in Grottau nach katholischem Ritus beigesetzt. Wieder in der ehem. Franziskaner-Kirche bestatten ließ sich hingegen der nunmehr protestant. jüngste Bruder Christoph (1565).

Quellen

Siehe A. Dohna, sowie: UB, in: Dohna, Die Donin's (zu G. bes. Tl. II, S. 219-245)

Siehe A. Dohna, sowie: Dannenberg, Lars-Arne: Das Kloster St. Marienthal und die Burggrafen von Dohna. Überlegungen zur Gründung des Zisterzienserinnenklosters an der Neiße, in: Neues Lausitzisches Magazin. NF 11 (2008) S. 89-104. – Dannenberg, Lars-Arne: Ostritz – frühstädtische Entwicklungslinien einer oberlausitzischen Kleinstadt, in: Neues Lausitzisches Magazin. NF 9 (2006) S. 173-186. – Dohna, Die Donin's (zu G. bes. Tl II, S. 1-64). – Durdík, Tomáš: Burgen Nordböhmens, Praha 1992. – Seeliger, E.A.: Geschichte des Bezirkes o.O. 1936/1937 (Heimatkunde des Bezirkes Reichenberg in Böhmen, 3).