Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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DOHNA

C. Dohna

I.

Die von einer Windung der Müglitz (Nebenfluß der Elbe) gesicherte Höhenburg war um 1113 vorübergehend Sitz des ksl. Bgf.en Erkembert und dann unter den erblichen Bgf.en des Reiches aus dem Hause Röda Hauptres. der Bgft. D. während der ganzen Dauer ihres Bestehens (1144-1402) (zu Namen und Lage siehe oben Abschn. A. I.).

II.

Die Burg D. kontrollierte den »Kulmer Steig«, den vorrangigen Verkehrsweg aus Meißen nach Böhmen, der hier auf einer Furt die Müglitz überquerte. Die hervorragend geschützte Lage einer Hochfläche auf einem dreiseitig steil abfallenden Granitsporn, vom Fluß in enger Schleife umflossen, hatte schon in der Steinzeit zur Besiedlung eingeladen und in der frühen Bronzezeit zur Anlage einer Adelsburg geführt (Klaus Simon). Die seit dem späten 6. Jh. n. Chr. in das Offenland der Elbtalweitung eindringenden Slawen haben den Platz ebenfalls besiedelt und wohl im 9./10. Jh. befestigt, zumal der Ortsname (Donin = Ort des Don) bereits die Ausbildung einer slawischen Oberschicht erkennen läßt. Als Kg. Heinrich I. nach der Gründung der Burg Meißen mit dem Heer nach Böhmen weiterzog (929), kam ein anderer Weg als der schon vorgeschichtlich, über den Nollendorfer Paß führende, Kulmer Steig nicht in Frage. So nutzte er, nach Simons Vermutung, die Burg D. als Rückendeckung. Nach anderen war D. ein Bollwerk der Hzg.e von Böhmen, ehe die Burg durch Otto I. unter dt. Herrschaft kam. Ihre strategische Bedeutung wird auch bei ihrer Ersterwähnung sichtbar: hier trafen sich 1040 die Heeresabteilungen des Mgf.en von Meißen und des Ebf.s von Mainz, um vereint nach Böhmen zu ziehen.

III.

Über die Burg D. als Bauwerk wissen wir wenig. Nach der Eroberung ließ Mgf. Wilhelm die allzufesten Mauern durch »Berghauer« brechen; Wohngebäude blieben als Sitz für den meißnischen Amtmann verschont. Als dieser dann (Mitte des 15. Jh.s) nach Pirna übersiedelte, setzte unaufhaltsamer Verfall ein. In der romantischen Idee, die Burg wiederaufzubauen, kaufte Heinrich Bgf. und Gf. zu D.-Schlodien, auf Hermsdorf nördlich von Dresden, 1803 das »Freigut« und den »Schloßberg«. Er ließ die von Schutt überdeckten Ruinen freilegen und einen runden Turm rekonstruieren, doch wurde das teure Vorhaben (Kostenanschlag 80 000 Taler) zu Beginn des Befreiungskriegs eingestellt. Dann von der Schützengesellschaft erworben, wurde das Gelände zum Bau eines Schießplatzes eingeebnet und so fast alle Spuren des ma. Baus beseitigt. Immerhin haben es begrenzte Grabungen 1905/06 ermöglicht, einen Grdr. zu erstellen (Abb. bei Schlauch). Von den bildlichen Darstellungen kann uns höchstens die älteste noch Hinweise auf das Aussehen der Burg geben, ein Wandgemälde des 16. Jh.s in Gorknitz, das in einer Nachzeichnung des 18. Jh.s erhalten ist. Wenn es auch den damals bereits ruinösen Zustand mit Phantasie zu einer intakten Burg ergänzt, scheint es doch den Baubestand einigermaßen zutreffend wiederzugeben. Der Lithograph Wendler hat danach ein Bild für das Buch von George Friedrich Möring (D., Stadt und Burg, 1843) gezeichnet, wobei er die gleichsam im Raume schwebenden Teile der Vorlage auf den Burgberg von D. versetzt und zu einer standortgemäßen Rekonstruktion ergänzt. Diese erweist sich dann auch mit dem Grdr. von 1906 vereinbar. Die Oberburg (etwa 180 x 40 m) ist durch eine Quermauer in eine kleinere Hinterburg und eine höhere Vorderburg geteilt (offenbar die urkundlich gen. »beiden Häuser«); vorgelagert ist die tiefer gelegene Vor- oder Unterburg (etwa 60 x 50 m). Diese ist durch einen Spitzgraben vom Burgvorort (der späteren Stadt) getrennt, doch lag in alter Zeit die Kirche noch innerhalb der Großburg, wie die Reste eines Walles zeigen. Der Burgflecken mit großem Marktplatz und Planung verratenden Straßenzügen ist offenbar in der Zeit der Kolonisation angelegt. Als zum castrum gehörendes suburbium war er rechtlich nicht selbständig und erscheint nicht als civitas in den Urk.n. So wurde D., wenn seine Stadtentwicklung auch schon im 13. Jh. abgeschlossen war (Klecker), erst nach dem Ende der Burg »Städtchen« (1445) und später »Stadt« (1525) gen.

D. ist auch ein kirchl. Mittelpunkt. Die Pfarrkirche ist eine der ältesten im Gau Nisan, offenbar eine Kg.skirche. Zu dem ursprgl. Petrus- tritt später ein Marien-Patrozinium. Der große Umfang des Pfarrsprengels weist auf eine Urpfarrei hin. Noch am Vorabend der Reformation sind annähernd 50 Ortschaften hier eingepfarrt. Gründer und Patron kann wg. des Alters der Kirche nur der Kg. gewesen sein, für den erst im späten MA der Mgf. eintrat. Da die Bgf.en hier nicht die Patrone waren, hatten sie ihre Grablege und Memoria im Kl. Altzelle in einer eigenen Kapelle (letzte bezeugte Beisetzung 1415); zeittypisch bevorzugte man eine Seelenmeß-Stiftung in einem Kl. zumal eines Reform-Ordens (Altzelle entsteht, was oft übersehen wird, als ein mit Kg.sgut ausgestattetes Kl., auf dem der Mgf. als Lehnsmann des Kg.s »lediglich Vogt und Schützer« sein soll). Sonst hörte man die Messe in der Burgkapelle. Ohne Quellen-Angabe schreibt der Kantor und Lehrer Georg Spiess in seinem »Dohnischen kurzen Chronikon« (Hs. 1678), Bgf. Otto habe zur Zeit Ks. Friedrichs II. die alte Kirche erbaut. Das ist möglich (im ksl. Auftrag), aber nicht erwiesen. Erstmals gen. wird die Kirche 1272. Bgf. »Otto Wirt« war als Wwe.r Pfarrer in D. (zugl. Domherr in Meißen) und brachte 1357 aus Avignon einen Ablaßbrief mit, der eine Wallfahrt in die Kirche D. begründete; die Wallfahrer konnten im »Hospital« wohnen. Die Pfarrpfründe übernahm später sein Sohn Otto. Nach weitgehender Zerstörung 1402 entstand bis 1489 das heutige Gotteshaus.

Auf dem jenseitigen, dem linken Ufer der Müglitz, 1 km nördlich der Burg D., flankierte eine zweite Wehranlage den Kulmer Steig von der anderen Seite: der auf einer Felszunge gelegene, schon vor- und frühgeschichtlich besiedelte Robisch (oder Robscher), der Reste einer hochma. Befestigung (150 x max. 50 m) erkennen läßt. Nach Spehrs Vermutung lag hier die curtis, der Wirtschaftshof der Burg, der Anfang 13. Jh. anscheinend auf eine nahe, ebenfalls umwehrte, Höhe, das spätere Gamig, verlegt wurde. Der Ort erscheint erst nach dem Fall der Burg (seit 1411) unter einem eigenen Namen, nunmehr im Besitz ehem. D.scher Burgmannen, über ehem. Pertinenzen (Schloßmühle, Fischereirecht) der Burg verfügend. Der ausgedehnte ummauerte Herrschaftshof ist durch eine Doppelkapelle ausgezeichnet, die zwar in der zweiten Hälfte des 16. und im 17. Jh. errichtet sowie im 19. Jh. umgestaltet wurde, aber nur als Wiederaufbau einer hochma. Kapelle vorstellbar ist, da zu dieser Zeit Doppelkapellen nicht gebaut wurden. Ein enger Bezug des Orts zu der, über die Müglitz hinweg in Sichtverbindung stehenden Burg D. ist deutlich. Hier könnte das Bgf.ending gehegt worden sein, hier ist der Haupthof des »Tafelguts« Nisana zu vermuten, der dann allmähl. zum bgfl. Haupt-Wirtschaftshof wurde (das in die enge Bebauung am Markt in D. eingezwängte kleine »Vorwerk« [so Kobuch] kommt dafür nicht in Frage).