Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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DEGENBERG

B. Degenberg

I.

Das Herrschaftsgebiet der Herren von D. erstreckte sich in ihrem Kernbereich auf den niederbayerischen Raum nördlich der Donau. Die Herkunft ihres »Urbesitzes« am D. liegt im Dunkeln. Nähere Nachrichten dagegen liegen vor zum Gütererwerb innerhalb der auf dem Wege der Verpfändung 1308 an die D.er gekommenen Burg Weißenstein, samt drei dazugehöriger Sölden, inmitten des Bayerischen Waldes. 1320 wurde Hartwig von D., dem Besitzer von Weißenstein, durch Abt Friedrich von Niederaltaich die wirtschaftlich ergiebige, aber auch herrschaftsrechtlich relevante Maut in Zwiesel überlassen. Wenig später, i.J. 1324, erlangt Hartwig auf dem Wege der Verpfändung die vier zum damaligen Zeitpunkt noch relativ jungen Dörfer Langdorf, Schöneck, Kohlnberg und Schwarzach (letzteres nicht zu verwechseln mit dem später zum Res.ort ausgebauten → Schwarzach) samt der damit verbundenen Gerichtsrechte. Als einzige nachweisbare Eigengründung der D.er gründete die Familie etwa zur selben Zeit in einem dünn besiedelten Waldgebiet südwestlich der Stadt Regen den Ort Hartwachsried. Eine umfangr. Rodungstätigkeit war für die D.er schon deshalb nicht mehr möglich gewesen, weil es im 14. Jh. in ihrem Raum keine herrschaftsfreien Rodungsräume mehr gab. Unter Ks. Ludwig den Bayern folgte 1341 die Schenkung eines umfangr. Waldgebietes bei der Frauenau, v.a. aber, mit Urk. vom 5. Okt. 1347, die Belehnung mit dem Zehnt der Pfarreien → Kirchberg und Regen; die beiden Pfarreien bestanden aus dreißig beziehungsweise elf Orten mit abgabepflichtigen Gütern. Bereits zuvor hatte Ludwig der Bayer darauf verzichtet, die Burg Weißenstein in das 1339/40 verfaßte Pfandbuch eintragen zu lassen, was für die D.er faktisch die Allodifizierung der Güter bedeutete. Um 1347 gelangte die Herrschaft Altnußberg, die v.a. mit Gütern in den Schergenämtern Viechtach und Böbrach ausgestattet war, durch Kauf in den Besitz der D.er, vereinzelte Zukäufe weiterer Güter im Viechtreich folgten zur Arrondierung des Besitzstandes.

Eine erste schriftliche Fixierung des D.er Güterbesitzes versuchte das undatierte, wohl zwischen 1434 und 1438 abgefaßte sog. erste Salbuch der D.er: Das Verzeichnis führt für die Herrschaft Weißenstein 43 Ortsnamen mit insgesamt 160 abgabepflichtigen Gütern, darunter die drei Tafernen in Regen, Bischofsmais und Diepoltsmais sowie die obere und niedere Badstube in Regen, auf. Die Herrschaft Altnußberg umfaßte dem Salbuch zufolge 55 Orte mit 187 Gütern. Zu dieser Zeit hatte die D.er Grundherrschaft ihren größten Umfang erreicht, wie sich auch aus einem Vergleich mit dem zweiten, 1518 datierten Salbuch der Familie ersehen läßt. Ein drittes und letztes Salbuch, das ebenfalls wichtige Aufschlüsse über den Besitzstand der D.er bietet, ließ kurz vor seinem Tod 1602 Hans Sigmund von D. i.J. 1596 anfertigen. Am 2. Mai 1518 konnte Hans von D. mit dem Kauf von Schloß Linden (mit Tafern) und den dazugehörigen Gütern und Rechten, darunter die niedere Gerichtsbarkeit, eine letzte bedeutende Besitzerwerbung tätigen; der Komplex wurde als einfache Hofmark der Herrschaft Altnußberg eingegliedert.

II.

Die Geschichtsforschung hat bisher keine Quellen gefunden, die einen ausgeprägten Hof der D.er in ihrer auf dem aussichtsreichen Kegel des D.es gelegenen Stammburg belegen würden; nicht zuletzt aufgrund der stark gewachsenen Bedeutung der D.er muß sie jedoch gerade im 15. Jh. eine überregionale Strahlkraft besessen haben. Im Jahr 1467 zum Beispiel nahm der Wittelsbacher Hzg. Christoph (der Starke), ein Bruder Hzg. Albrechts IV., während des Böcklerkonfliktes Quartier auf dem D. Dies war gleichzeitig dessen letzter gesellschaftlicher Höhepunkt, denn im Zuge dieser Auseinandersetzung ließ Albrecht die Burg erobern und bis auf die Grundmauern zerstören; lediglich die dem Hl. Georg geweihte Burgkapelle, ein vermutlich spätromanischer Bau größeren Ausmaßes, war davon ausgenommen worden; auf späteren Stichen stets mit abgebildet, wurde die Kapelle erst 1809 abgebrochen. Zu einem Wiederaufbau der Burg kam es in der Folgezeit nicht mehr, vielmehr zogen die D.er hinunter in den am Fuße des Berges gelegenen heutigen Markt → Schwarzach, wo sie sich umgehend ein neues Schloß errichten und dieses nach und nach erweitern ließen (s. unten). Zuletzt scheinen sich die D.er bevorzugt auch in ihrer »Stadtresidenz« in Straubing aufgehalten zu haben. Sidonia Katharina, Wwe. des letzten D.ers, zum Beispiel blieb nach dem Tod ihres Gatten in Straubing wohnen und ließ sich im Mai 1603 in die dortige Priesterbruderschaft aufnehmen.

Zur Ausbildung einer eigenen Bauhütte kam es unter den D.ern nicht; die wenigen namentlich bekannten Künstler, die für die Familie tätig waren, stammen, wie etwa der Maler Michael Ersinger oder der Bildhauer Martin Leutner, aus der nahen Stadt Straubing.

Organisation und Aufbau des D.er Hofes waren sowohl in personeller als auch in verwaltungsorganisatorischer Hinsicht bisher nicht Gegenstand der Forschung; über die Existenz einzelner Hofämter können daher keine Aussagen getroffen werden. Die wenigen, bisher bekannten Hinweise auf D.er Pfleger zur Verwaltung der umfangr. Besitzungen (etwa ab 1404 für die Herrschaft Altnußberg oder 1518 für vier Dörfer im Schwarzachtal) beziehungsweise, seit Ende des 16. Jh.s, auf Bräuverwalter für das eigene Brauwesen können an dieser Stelle nicht mehr als eine Aufforderung zu weitergehenden Studien sein; daß der bayerische Hzg. Maximilian I. jedoch nach dem Aussterben der D.er 1602 nicht nur deren drei Weißbierbrauereien (s. unten) in eigene Regie übernommen hatte, sondern mit Leonhard Mair auch deren Bräuverwalter in die eigenen Dienste aufnahm, mag zumindest als Indiz für die qualitative Ausbildung einer D.er »Beamtenschaft« gelten.

Die wirtschaftliche Bedeutung des D.er Brauwesens ist kaum zu überschätzen. Neben drei kleinen Braunbierbrauereien (in Fernsdorf, Böbrach und Bischofsmais) waren es die drei Weißbierbrauereien in Zwiesel, Linden und → Schwarzach, die sich dank des am 3. Aug. 1548 verliehenen hzgl. Privilegs zum alleinigen Brauen und v.a. Verkauf im niederbayerischen Raum zur lukrativsten Einnahmequelle der Familie entwickeln konnten. Innovativen Versuchen auf den Gebieten der Goldwäscherei sowie des Bergbaus (um 1580 Errichtung eines Berg-, Eisen- und Alaunhüttenwerks in der Gegend nördlich von Zwiesel, Schließung dess. bald nach 1590) blieb dagegen der finanzielle Erfolg verwehrt; immerhin zeugen sie jedoch von der hohen Aufgeschlossenheit der Familie modernen Wirtschaftszweigen gegenüber.

Über den Aufenthalt bemerkenswerter Persönlichkeiten am Hofe der D.er gibt es, mit Ausnahme des erwähnten Hzg.s Christoph (der Starke), keine Nachrichten. Lediglich zu den Vergnügungen des Hofes finden sich rare Hinweise: Die Rechnungsbücher des Abtes Ulrich aus der nahen Prämonstratenserabtei Windberg verzeichnen zum Beispiel anläßlich seiner Besuche bei den Herren von D. Trinkgeldausgaben für Gaukler, Flötenspieler und Komödianten.

Als eines der namhaftesten Rittergeschlechter vor und im Bayerischen Wald waren die D.er auf den bedeutenden Ritterturnieren im Reich häufig als aktive Teilnehmer vertreten; nachzuweisen sind sie etwa für die Turniere in Regensburg (1284, 1396, 1412, 1487), Würzburg (1479) oder Heidelberg (1481).

Quellen zu einem bes. kulturellen Wirken der in erster Linie durch ein ausgeprägt wirtschaftliches Denken ausgezeichneten D.er fehlen; daß aber auch sie durchaus einen Sinn für die schönen Künste pflegten, belegen die bemerkenswerten Deckenmalereien, die sie 1596 in einem Nebenraum ihres Schwarzacher Schlosses anbringen ließen und die u. a. auch eine fein gezeichnete Personifikation der Pulchritudo darstellen (s. unten).