Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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DASSEL

C. Nienover

I.

Nienůverre (1144/vor 1199), Nienovere (1210), Nihenovere (1215), Nienowere (1247), Nienoverer (1250), Nyennovere (1270), Nygenovere (1273), Nyenouere (1274), Nygenhouere (1289), Nygenouer (1318), Nygenůffir (1381), Nuwenobir (1419-1435), Nigenower (1532), Nigenober (1542), Neuenober (1588), Newenover (um 1616), Niennover (1623), Nienover (1715). Der Name des heutigen Schlosses, der früheren Burg und der vorgelagerten Siedlung bedeutet wohl ›Neue Anhöhe‹ und ist u.U. auf eine ältere lokale Burg oder Ansiedlung der Gf.en von Northeim zu beziehen, deren genauere Definition und Lage nicht bekannt sind. Möglicherw. ist der Bezug auch allg. auf die älteren Burgen der Gf.en von Northeim zu suchen. Eine weitere Möglichkeit wäre, in den dem Wald namengebenden ottonischen Kg.shof Sohlingen und damit dem ehem. Vorort des Gebietes den Bezugsort zu suchen. Mit N. war die den südichen Solling umfassende Gft. verbunden, die 1303 an die Welfen verkauft wurde.

II.

Das heutige Schloß, das auf den Grundmauern der ma. Burg beruht, liegt auf einem im Vergleich zu den umgebenden Anhöhen relativ niedrigen und nur mäßig exponierten Plateau, das einen von zwei Seiten durch Felsabbrüche geschützten Sporn in ca. 210 m NN bildet. Diese Lage spricht für eine Anlage der Burg bereits im 11. Jh. Belegt ist sie erstmals an achter Stelle im sog. Allodienverzeichnis des Gf.en Siegfried IV. von Northeim, der 1144 starb. Die Burg wurde demnach vor seinem Tod erbaut. Wie die Besitzgeschichte der Burg weiter verlief, d.h. ob sie über Hermann II. von Winzenburg an Heinrich den Löwen gelangte, ist quellenmäßig nicht belegt, aber wahrscheinlich; 1180 zählte sie wohl zu den durch Friedrich Barbarossa eingezogenen Allodien des welfischen Hzg.s. Als sicher ist anzunehmen, daß spätestens 1180 die Gf.en von → Dassel sich hier niederließen, 1210 ist ihr Besitz N.s belegt. Zwischen 1270 und 1274 folgten erste Veräußerungsversuche, die zeigen, daß die Burg und die zugehörige Gft. Reichlehen waren. Endgültig verkauft wurde N. 1303 durch Gf. Otto I. von → Waldeck an die Welfen, die hier ein Jagdschloß, einen Wwe.n- und Amtssitz einrichteten.

In der Nähe der Burg verliefen die »Königsstraße« sowie weitere Ost-Westverbindungen. Zu den Gütern, die zu der Gft. gehörten, zählten die Geleitrechte an zwei dieser Straßen, namentlich von Adelebsen nach Höxter und von Hann. Münden nach Hameln sowie der Zoll über die Weser in Wahmbeck und in Bodenfelde (Kruppa, Dassel, Nr. 456). Aus einer weiteren Veräußerungsurk. von 1272 gehen einige Orte hervor, die zur Gft. gehörten: Lippoldsberg, Bodenfelde mit zugehörigen Gericht, Gotmarsen, Wahmbeck (Flecken Bodenfelde), Seefeld, Würgassen (Stadt Beverungen), Fesingk, Nortberg, Eilerdessen, Rodenbeck und Meinbrexen (Gmd. Lauenförde) (Kruppa, Dassel, Nr. 466). Diese nahm Ludolf V. von → Dassel aus dem Verkauf an Albrecht von Braunschweig heraus. Weiteres wird nochmals 1303 sichtbar, als Otto von → Waldeck die Burg und Gft. verkaufte: Wahmbeck und die Hälfte der villa Smedersen werden als Leibding der Gf.in Ermengard von Dassel (1282-1303) herausgenommen und sollen erst nach ihrem Tod an Albrecht von Braunschweig fallen. Eine Verpfändungsurk. Albrechts und Wilhelms von Braunschweig des Jahres 1288 zeigt nochmals drei der Orte (Lippoldsberg, Bodenfelde und Gotmarsen), nun im dasselischen Lehensbesitz (Kruppa, Dassel, Nr. 534). Da diese Urk. eigentlich die Burg Gieselwerder und ihre Besitzungen umfaßt, kann hier nochmals eine Abgrenzung zur Gft. N. getroffen werden; die Grenze bildete wohl – mit Ausnahme Lippoldsbergs – die Schwülme. Weitere Details werden aus den Urk.n nicht deutlich, erkennbar ist aber, daß die gen. Orte, bis auf N. selbst, an der Weser liegen und somit wohl den südlichen, südwestlichen und südöstlichen Abschluß der Gft. bildeten. Im N muß die Gft. N. auf die Gft. → Dassel gestoßen sein, was zur Folge hatte, daß die Gf.en von → Dassel auf diese Weise den ganzen Solling in ihrem Besitz gehabt hatten – als Reichslehen den S, als Allod den N. Wenn man noch den zwischenzeitigen Lehensbesitz Gieselwerdes sowie der Gft.en Schöneberg und Meiser-Schartenberg (Mainzer Lehen) in Betracht zieht, wird die Konzentration der → Dasseler Besitzungen auf die Gebiete nördlich und südlich der Weser deutlich.

N. ist im südlichen Solling im oberen Weserbergland auf einem nur mäßig erhobenen Plateau gelegen, in dessen schmalem Tal der Reiherbach floß. Wenn auch die Verkehrslage im Solling schwierig war, die meisten Altstraßen lagen – wie heute – im Wesertal, führten doch einige Straßen durch die Bergwelt. Zumindest eine der beiden Straßen, deren Geleitrechte zur Gft. gehörten, von Adelebsen nach Höxter, führte durch den Solling, vermutlich durch Uslar, und damit in der Nähe N.s. Möglicherw. ›sparte‹ die zweite Straße, von Hannoversch Münden nach Hameln, sich den Weserbogen und führte ebenfalls durch den südlichen Solling nach Hameln. In Uslar selbst zweigte eine Straße nach Lauenförde an der Weser ab, die direkt durch N. führte. Andere Straßen lagen in der Nähe, der »Verkehrsknoten« des südlich Sollings war Uslar (vgl. Karte in Streich, Blatt Höxter, und S. 157 ff.).

N. lag in Augau, allerdings ist es erst so spät belegt, als die frühma. Gaueinteilung gar keine Rolle mehr spielte, nicht einmal mehr als Landschaftsbezeichnung. Wichtiger wird im 13. Jh. die kirchliche Einteilung. Nach dieser lag N. lt. des ältesten Paderborner Archidiakonatsverzeichnisses von 1231 in der Diöz. Paderborn im Archidiakonat Höxter. Diese Nennung sowie der ab 1307 in Quellen vorkommende Conradus plebanus in Nigennove deuten auf eine Pfarrkirche in N. hin. Wo sie gelegen hat, ist allerdings unbekannt. Eine Identität mit der Burgkapelle ist eher unwahrscheinlich. Anzunehmen ist eher eine Kirche in den archäologisch nicht erforschten Teilen der Stadt. Im Inventar des Schlosses von 1535 wird die Burgkapelle als »Kirche« bezeichnet; auf der großen Sollingkarte des Johannes Krabbe von 1603 ist bei N. eine zweitürmige Kirche eingezeichnet, bei der es sich wohl kaum um die Burgkapelle gehandelt haben wird. Den Quellen ist nicht zu entnehmen, ob der Burgkaplan, der erste wird 1215 in einer Urk. der Gf.en Adolf I. und Adolf III. gen., und der Pfarrer der Stadt dies. Person waren, oder ob in N. mind. zwei Geistliche angesiedelt waren, was wahrscheinlicher ist.

Die Burg N. wurde von den Gf.en von Northeim, entweder von Siegfried IV. (gest. 1144) oder seinen Vorfahren im 11. Jh. (zweite Hälfte?) erbaut. Sie lag sicherlich an ders. Stelle wie das heutige Schloß und wies vermutlich einen ähnlichen Grdr. auf. Nur wenige Stellen lassen die ma. Burg erkennen, so Teile des steinernen Unterbaus; in der nördlich Umfassungsmauer hat sich ein kleines romanisches Fenster erhalten. Die Umfassungsmauern weisen eine Breite 1,2-1,5 m auf, von S und O eine Höhe von bis zu 11,5 m. An der nördlichen Außenmauer ist eine Baunaht zu erkennen, die auf einen Erweiterungsbau hinweist. Die Kapelle, im W der Burg gelegen, hat ihre Stelle wohl nicht gewechselt, wenn auch sie um- bzw. neuerbaut wurde. Sollten die Befunde stimmen, war sie ursprgl. mind. 18m lang und 7,5 m breit. Der Brunnen in der ehem. Küche wurde in den 60er Jahren des 20. Jh.s entdeckt und ab 2000 archäologisch untersucht. Bisher weist er eine Tiefe von 30 m auf und einen oberen Durchmesser von 3,60 m; die Funde stammen bislang aus dem 18./19. Jh., weitere Forschungen wären wünschenswert. Die Lage des Bergfrieds (Durchmesser 11,6 m, Innendurchmesser 2,8 m, Mauerstärke ca. 4,4 m) ist ebenfalls bekannt, er befand sich nordwestlich der Kapelle, westlich des heutigen Tores. Der Palas befand sich wohl im S oder O der Burg, die im S gelegene neuzeitliche Küche und ihre im Kern wohl noch ma. Bausubstanz weisen in dies. Richtung.

Die Burg, die sicherlich seit ihrer Errichtung immer wieder umgebaut, modernisiert wurde, trug im Dreißigjährigen Krieg (1623 und 1626) schwere Schäden davon, so daß sie 1640-1656 weitgehend abgerissen und das heutige Schloß von Albrecht Anton Meldau erbaut wurde. Dabei wurde der Bergfried abgebrochen und die Kapelle verkürzt. Die Grundmauern blieben v.a. im Nordbereich des Schlosses erhalten. Eine Dokumentation des Baubestandes wäre wünschenswert. Heute bildet das Schloß ein Geviert um einen Hof, die unteren Stockwerke sind aus Mauer-, die oberen aus Fachwerk. Die Renaissancegewände stammen aus dem abgebrochenen welfischen Schloß Freudenthal in Uslar. Der Bau des Schlosses ist auf dem Merianstich von 1654 zu sehen, auf dem leider keine Spuren der ma. Burg zu erkennen sind.

Nach dem Tod des Gf.en Siegfried IV. kam N. wahrscheinlich zusammen mit dem Northeimer Besitz durch Kauf an Gf. Hermann II. von Winzenburg, nach dessen Tod zählte es wohl zu den Gütern, die an Heinrich den Löwen gelangten. In seinem Besitz verblieb es bis 1180; dann gehörte N. wahrscheinlich zu den von Friedrich I. eingezogenen Gütern des Welfen und gelangte als Reichslehen an die Gf.en von → Dassel. Diese waren aber vermutlich bereits vorher hier ansässig, denn sie sind als Lehensleute der Gf.en von Northeim belegt und als Heinrichs des Löwen anzunehmen. Seit 1180 entwickelte N. sich zu der Hauptres. der Gf.en, die auch ihre meiste Aufmerksamkeit bekam. Deutlich wird dies anhand der bei der Burg/dem Schloß archäologisch nachgewiesenen Siedlung städtischer Prägung des 13. Jh.s, für die zu Beginn des 14. Jh.s ein civitas-Beleg größere Dimensionen nahelegt. Die Funde in der civitas weisen auf Metallverarbeitung und andere handwerkliche Tätigkeiten in der Stadt hin. Mit der unsicheren rechtlichen Lage seit den 1270er Jahren, die schließlich in dem Verkauf von 1303 mündete, der Bevorzugung des günstiger gelegenen Uslars sowie der selbst angelegten Weserstädten durch die Welfen verlor N. seine Anziehungskraft und Bedeutung, so daß die Stadt im Verlaufe des 14. Jh.s verödete, siehe → B. Dassel, Gf.en. von. Die Burg blieb als Amt- und Witwensitz erhalten, diente daneben auch als Jagdschloß und hatte, wie zahlr. andere Burgen im SpätMA, die Funktion einer Geldbeschaffungsstätte, was sich an den häufigen Verpfändungen, so an die von → Plesse, die von Hardenberg oder die von Wettbergen, widerspiegelte. Im späten 15., im 16. und frühen 17. Jh. war N. wieder (Sommer- bzw. Jagd-) Res., Hzg. Wilhelm d.Ä. von Braunschweig hielt sich gern hier auf. Nach seinem Tod gelangte N. an Calenberg. Erich I. von Calenberg hielt sich hier häufiger auf, seine Frau Elisabeth erhielt Schloß und Amt zur Morgengabe. Aus dem Jahr 1535 ist ein Inventar erhalten (Weise, N., S. 185-189).

Leider sind keine Belege erhalten, die Aussagen zum Verhältnis zwischen den Burg- sowie Stadtherren und der Bevölkerung erlauben. Die schnelle Verödung im 14. Jh. zeigt jedoch eine große Abhängigkeit von den Gf.en von → Dassel, die – nachdem deren Herrschaft zusammengebrochen ist – zu einer Flucht oder Umsiedlung der Bewohner führte, sei es gelenkt durch die neuen Herren, sei es durch die Erkenntnis eines letztendlich doch abgelegenen ehem. Zentrums N.

Quellen

Siehe auch unter A. Dassel. – Bauermann, Johannes: Die Anfänge der Prämonstratenserklöster Scheda und St. Wiperti-Quedlinburg, in: ders., Von der Elbe bis zum Rhein. Aus der Landesgeschichte Ostsachsens und Westfalens. Gesammelte Studien, Münster 1968 (Neue Münstersche Beiträge zur Geschichtsforschung, 11), S. 301-358 [bes. Beilage: Das sog. Allodienverzeichnis des Grafen Siegfried von Boyneburg, S. 354-358]. – Johannes Krabbe: Karte des Sollings von 1603, hg. und eingel. von Hans-Martin Arnoldt, Kirstin Casemir und Uwe Ohainski, Hannover 2004 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 225). – Die Urkunden des Bisthums Paderborn vom J. 1201-1300, bearb. von Roger Wilmans Münster 1894 (Westfälisches Urkundenbuch, 4), S. 133 ff., Nr. 204.

Siehe A. Dassel und B. Dassel. – Casemir, Kirstin/Menzel, Franziska/Ohainski, Uwe: Die Ortsnamen des Landkreises Northeim, Bielefeld 2005 (Niedersächsisches Ortsnamenbuch, 5; Veröffentlichungen des Instituts für historische Landesforschung der Universität Göttingen, 47), S. 275 ff. – Heine, Hans Wilhelm: Airborne Laserscanning im Weserbergland. Erste Ergebnisse, in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 4 (2009) S. 135-137. – Historisch-landeskundliche Exkursionskarte von Niedersachsen, Tl. 13: Blatt Höxter, hg. von Gerhard Streich, Bielefeld 1996 (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen, 2,13). – Historisch-landeskundliche Exkursionskarte von Niedersachsen, Tl. 15: Blatt Holzminden, hg. von Gerhard Streich, Bielefeld 1997 (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen 2,15). – König, Sonja: Die Stadtwüstung Nienover im Solling. Studien zur Sachkultur einer hochmittelalterlichen Gründungsstadt im südlichen Niedersachsen, Rahden 2009 (Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens, 39. – Küntzel, Thomas: Die Stadtwüstung Nienover im Solling. Auswertung der Befunde zur Stadttopographie, Hausbau und Stadtbefestigung im 13. Jahrhundert (Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens, 40), Rahden 2010. – Stephan, Hans-Georg: Burg, Stadtwüstung und Schloß Nienover im Solling. Interdisziplinäre archäologische Forschungen zu einer gräflichen und herzoglichen Residenz und ihrem ländlichen Umfeld im deutschen Binnenland, in: Palatium, castle, residence, hg. von Wojciech Falkowski, Warszawa 2008 (Quaestiones medii aevi novae, 13), S. 5-44. – Stephan, Hans-Georg: Der Solling im Mittelalter. Archäologie – Landschaft – Geschichte im Weser- und Leinebergland. Siedlungs- und Kulturlandschaftsentwicklung, die Grafen von Dassel und Nienover, Dormagen 20101 (Hallesche Beiträge zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, 1). – Weise, Erich: Geschichte von Schloß Nienover im Solling, Hildesheim 1989 (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen, 27).