DASSEL
I.
Die Gf.en von D. besaßen ihr herrschaftliches Zentrum im Solling an der Weser. Dabei war der nördliche Teil in der Gft. → D., dem späteren hildesheimischen Amt Erichsburg, umfaßt, der südliche Teil, der (wahrscheinlich) ein Reichslehen war, in der Gft. → Nienover. Zu dieser Gft. gehörten Weserzölle in Wahmbeck (Gmd. Bodenfelde) und Bodenfelde sowie die Geleitrechte von Adelebsen nach Höxter und von Hannoversch Münden nach Hameln. Zudem besaßen sie bis in die 70er Jahre des 13. Jh.s die südlich der Weser gelegenen Gft.en Schöneberg und Meiser-Schartenberg vom Ebm. Mainz zu Lehen. Für drei Jahre besaß Adolf I. von D. auch die Gft. Ratzeburg, an die er durch seine Ehe mit Gf.in Adelheid von Wassel-Ratzeburg (1189-1244) gelangte und die er 1203 an den dänischen Kg. Waldemar II. im Zuge von Auseinandersetzungen wieder verlor. Ein größerer Besitzkomplex im kölnischen Sauerland mit der Burg Hachen und der Vogtei über das Kl. Grafschaft waren Kölner Lehen, wurde aber zwischen 1204 und 1238 abgestoßen. Die Allode der Gf.en reichten bis an die Mittelweser und die östlich anschließenden Gebiete (vom Steinhuder Meer bis in den Großraum Braunschweig/Helmstedt) sowie Sachsen-Anhalt und Thüringen; einige allodiale Güter haben sich auch am Rhein befunden.
Ab den 70er Jahren des 13. Jh.s begannen die Gf.en von D. ihre Güter gezielt zu veräußern. Als erstes ging vor 1271 Meiser-Schartenberg durch den Verkauf an Bf. Simon von Paderborn verloren (Kruppa, D. Nr. 461); drei Jahre später erfolgte der Verkauf der Gft. Schöneberg (ebd., Nr. 474). Die Veräußerungen → Nienovers begannen 1270 mit einer Resignation an Kg. Richard von Cornwall und einer Belehnung Albrechts von Braunschweig (ebd., Nr. 456 f.). Diese wurde nicht vollzogen. Zwei Jahre später überließ Ludolf V. Albrecht von Braunschweig nochmals den halben Solling (ebd., Nr. 466) und wiederum zwei Jahre später resignierte er die Güter Kg. Rudolf von Habsburg (ebd., Nr. 476 f.). Damit war der Übergang immer noch nicht sichergestellt, denn 1303 verkaufte schließlich für 1800 Mark Silber Gf. Otto I. von → Waldeck, ein Verwandter Simons von D., des Sohnes Ludolfs V., → Nienover und die zugehörige Gft. an Albrecht von Braunschweig (ebd., Nr. 577). Simon von D. beendete die dasselische Herrschaft, indem er 1310 Bf. Heinrich II. von Hildesheim die Gft. → D. für 1900 Mark Silber verkaufte (ebd., Nr. 594 ff.). Die archäologisch nachgewiesenen Brandschichten in → Nienover deuten an, daß die Aufgabe der Herrschaftsrechte nicht ganz freiwillig erfolgte, wer jedoch an den Kämpfen beteiligt war, ist in den Quellen nicht überliefert. Der Hzg. kommt ebenso in Frage wie die Ebf.e von Mainz und – eher unwahrscheinlich – die Bf.e von Paderborn. Vorstellbar ist aber auch eine letztendlich familiäre Auseinadersetzung, durchaus mit Unterstützung von außen, denn zumindest der Verkauf der Gft. Schöneberg seitens Ludolfs VI. erfolgte ohne Zustimmung seines Bruders, Adolfs V., und wahrscheinlich auch ohne die Zustimmung der Edelherren von Schöneberg, die ebenfalls auf dieser Burg residierten und Mainzer Lehnleute waren.
Lehensherren der Gf.en von D. waren neben dem Reich v.a. die benachbarten Hochstifte Mainz, Hildesheim, Paderborn und Minden. Im 12. Jh. waren die Gf.en von D. auch Lehensleute der Gf.en von Northeim, v.a. was die Teil-/Untervogteien der Kl. Corvey und Northeim betraf, sowie später auch der Welfen.
Mehrere Burgen befanden sich – zum Teil nur kurzzeitig – in ihrem Besitz. Die wichtigste war → Nienover; → D. und die Hunnesrück bildeten das ursprgl. Zentrum und waren für die Gf.en immerhin so bedeutsam, daß sie zu den letzten großen Verkäufen gehörten. Hachen (Stadt Sundern), Nieheim (Kr. Höxter), Homburg (Stadtoldendorf) und Gieselwerder (Gmd. Oberweser) kamen sicher hinzu, weitere können angenommen werden, so Grebenstein (Lkr. Kassel), Grubenhagen (Einbeck-Rotenkirchen), Heldenburg (Einbeck-Salzderhelden) und/oder Löwenburg (D.-Lauenburg).
II.
Vom Hof der Gf.en von D. haben sich geringe Spuren erhalten. Einzelne Nachrichten weisen Ministeriale oder Dienstmannen auf, meist in Zeugenreihen. Urk.nausstellungen bekannter und verwandter Adliger und Bf.e in → Nienover deuten auf ein Hofleben hin. Damit wird bereits gezeigt, daß trotz des namengebenden → D., das am längsten im gfl. Besitz verblieben war, → Nienover die Rolle eines Hofes und einer Res. inne hatte. Gegen Ende des 13. und Anfang des 14. Jh.s zogen sich die Gf.en von D. in die umgebenden Städte zurück, so lebte Ludolf V. in seinen letzten Lebensjahren wahrscheinlich in Höxter und Simon sowie seine Frau Sophia in Göttingen. Wo und wie sie dort lebten, ist allerdings nicht mehr zu rekonstruieren.
Auf die Res. in → Nienover weisen einerseits die dortigen Urk.nausstellungen der Gf.en von D. hin. Von allen Ausstellungsorten wird es am häufigsten gen. Dergleichen zeigen auch die Urk.nausstellungen der Gf.en von → Schwalenberg sowie der Bf.e von Minden und Paderborn, Volkwin von → Schwalenberg und Otto von → Rietberg, ein reges Hofleben. Wenn auch von dem ma. Leben auf der Burg und in der Stadt kaum noch sichtbare Spuren erhalten geblieben sind, lassen sich durch archäologische Ausgrabungen Hinweise auf ein städtisches Zentrum mit Produktionen finden, die die Bedeutung → Nienovers betonen.
Auf Hofverwaltung, v.a. in → Nienover, aber auch in Begleitung der Gf.en, deuten die Hofämter hin, wie sie bei den Gf.en von D. seit dem frühen 13. Jh. belegt sind. Mind. elf verschiedene Truchsesse lassen sich für die Gf.en finden, der älteste Nachweis stammt aus dem Jahr 1215. Ferner sind je ein Marschall und ein Kämmerer in den Urk.n des 13. Jh.s zu entdecken. Burgmannschaften wie Ritter oder Bogenschützen, aber auch ein Amtsmann sind ebenfalls in den Quellen belegt. Die Burgbesetzungen, dort v.a. die Ritter unter ihnen, weisen Überschneidungen zu den gfl. Ministerialen auf. Zu den wichtigsten dieser Gruppe gehörten die Herren von Nienover und die Herren von D. Geistliche (plebani und capellani), die Funktionen von Schreibern übernommen haben, sind in → D. und → Nienover ebenso zu finden wie auch in anderen Orten der dasselischen Herrschaft. Ein capellanus in → Nienover wird 1215 erstmals gen., 1307 folgt ein plebanus; in → D. wird um 1230 ein sacerdos und 1296 ein plebanus in dasselischen Urk.n erwähnt. Der Nienoveraner Pleban Hermann bekam 1321 eine Pfarrstelle in Wesse (zw. Mihla und Ebenhausen, Krs. Eisenach), was mit einen endgültigen Niedergang der Stadt → Nienover in Verbindung zu bringen ist. Ferner ist ein gfl. Notar 1259 belegt.
Die Stadtwüstung → Nienover wird seit 1993 archäologisch erforscht. Die dort gemachten Funde weisen auf eine rege wirtschaftliche Tätigkeit hin, Metall(schlacken)- sowie Ofenfunde, Glasschmelzgefäße und Spindeln zeigen vielfältige Produktionsstätten. Weitere Funde wie Schreibgriffel, Feinwaagenfrgm.e, Gewichte und Aquamanilien zeugen von Handel und einem gewissen Wohlstand. Am Auffallendsten ist der Fund einer 6 m langen und 2 m breiten Gußanlage für Buntmetallgroßgüsse, bei der es sich wahrscheinlich um eine Glockengußgrube handelt. Bei den in → Nienover verarbeiteten Metallen handelte es sich sowohl um (lokale) Eisenerze, aus denen wohl Gebrauchsgegenstände hergestellt wurden, sowie Edelmetallverarbeitung. Möglichweise spielte auch Glasherstellung eine gewisse Rolle, nachdem 2002 vier Rippenbecher aus Holzascheglas vom Anfang des 13. Jh.s gefunden wurden. Ein Münzhortfund mit 22 Münzen, v.a. zweiseitig geprägten Denaren, bestätigt die wirtschaftliche Orientierung nach W (Westfalen) und den Oberweserraum sowie den zeitweisen Wohlstand in → Nienover. Ferner spielte möglicherw. Pferdezucht, die in welfischer Zeit in → Nienover belegt ist, bereits zur Zeit der D.er eine gewisse Rolle für die Burg und Wirtschaft in → Nienover.
Zwischen 1180/90 begründet und um/nach 1270 weitgehend wieder verödet, mit zwei Zerstörungsschichten der Zeit um 1220 und 1270, spiegelt → Nienover den rasanten Aufstieg und Fall der Gf.en von D., die hier – zunächst erfolgreich – einen Zentralort mit wirtschaftlicher Kraft anlegten, der aber mit dem Zusammenbruch ihrer Herrschaft in den 1260/70er Jahren (Veräußerungen der Gft.en Meiser-Schartenberg, Schöneberg und Resignation von → Nienover und des südlichen Sollings) ebenso schnell wieder verschwand. Ungünstig erwies sich neben der unklaren Situation 1270/74-1303 die welfische Förderung des nahe gelegenen Uslar und weiterer, günstiger gelegenen Orte wie Lauenförde und Bodenfelde sowie, mit Einschränkungen, Gieselwerder. Dennoch muß die Siedlung nach 1270, viell. in Form einer Vorburgsiedlung, weiterexistiert haben, denn es wird 1318 im ältesten Lehenbuch der Hzg.e von Braunschweig mit dem einzigen ma. civitas-Beleg erwähnt. Im Verlauf des 14. Jh.s muß es endgültig verödet sein. Die Burg wurde von den Welfen weiter gehalten, als Jagdschloß, Witwensitz und Amthaus benutzt. Nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges wurde sie abgerissen und das heutige Schloß erbaut.
Die Hinweise auf Metallverarbeitung in → Nienover bestärken die Vermutung, daß hier auch die Münzprägestätte der Gf.en von D. gelegen war. Drei Brakteaten der Zeit um 1220-1240 sind bekannt, die sich in zwei Typen unterscheiden lassen. Der erste Typus, belegt durch ein Exemplar, zeigt ein zweitürmiges Stadttor, zwischen den Türmen befindet sich die Büste eines Mannes und im Tordurchgang das Wappen der Gf.en, ein achtendiges Hirschgeweih, sowie eine Umschrift ADOLFVS. Die zweite Gruppe zeigt in unterschiedlicher Ausprägungen einen Ritter mit Schild bzw. Lanze. Als begleitende Zeichen sind hier je ein sechsendiges Hirschgeweih (aus Platzgründen?) und entweder ein Sichelmond oder Zierkugeln dargestellt.
Die Versorgung ist schwierig nachzuweisen. Archäologisch sind mehrere Brunnen in der Stadt belegt sowie einer im Schloß, der noch aus der Zeit der Burg stammte. Möglich ist ferner eine Wasserversorgung aus der 2 km entfernter Quelle in Amelith, die im 17. Jh. das Schloß → Nienover nachweislich versorgte. Frühneuzeitliche Fischteiche in der Umgebung, die sicherlich ma. Ursprünge hatten, der Reiherbach, der auf eine Reiherbeize deutet, sowie urkundlich belegte Jagdrechte im Solling weisen auf weitere Versorgungsmöglichkeiten hin. Landwirtschaft ist in der näheren Region ebenfalls zu erwarten, zählen doch die Burg – sowie zahlr. andere Güter der Gf.en im Solling und Reinhardswald – zu den hochma. Rodungsgebieten. Daß die Gf.en gerodet haben, eine Rodungsherrschaft aufbauten, zeigt auch eine Urk. Bf. Bernhards III. von Paderborn von 1210.
Ursprgl. Res.ort war dem Namen nach → D. Spuren einer gfl. Burg aus der Zeit 1100-1150 sind eher marginal am Abhang des Burgberges, südlich der Stadt, erhalten. Eine curia nostra im Ort → D. war sicher vorhanden, ist aber archäologisch oder baukundlich nicht nachgewiesen; möglicherw. lag sie an der heutigen Burgstraße. Auch wenn der Schwerpunkt der Gf.en sich im späten 12. Jh. nach → Nienover verlagert hatte, besaß → D. weiterhin eine große Bedeutung für die Gf.en, weniger sichtbar an der Res., als eher an der Förderung des Ortes. 1308 werden in einer Verpfändungsurk. fabricae in/bei → D. erwähnt. Die Verkaufsurk. von 1310 spricht vom Weichbild → D. (dat Wicbelde to Dasle), was zeigt, daß sich hier – wohl mit Förderung der Gf.en – ein Marktort etabliert hat. Unter der hildesheimischen Herrschaft bekam → D. bald danach, um 1321, das Stadtrecht. Ende des 13. Jh.s oder Anfang des 14. erbauten die Gf.en noch eine neue Burg bei → D., die Hunnesrück, auf der sie wahrscheinlich nicht residiert haben, sondern die eher Schutzfunktionen übernahm. Sie wird erstmalig in der Verkaufsurk. von 1310 erwähnt (dat hus to deme Hundesrůgge).
Quellen
Siehe auch A. Dassel. – Flentje, Bernd/Enrichvark, Frank: Die Lehnbücher der Herzöge von Braunschweig von 1318 und 1344/65, Hildesheim 1982 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 2; Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsens, 27), S. 45 Nr. 167.
Literatur
Siehe auch A. Dassel. – Heine, Hans Wilhelm: Airborne Laserscanning im Weserbergland. Erste Ergebnisse, in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 4 (2009) S. 135-137. – König, Sonja: Die Stadtwüstung Nienover im Solling. Studien zur Sachkultur einer hochmittelalterlichen Gründungsstadt im südlichen Niedersachsen, Rahden 2009 (Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens, 39). – König, Sonja: Eine Gussanlage des 13. Jahrhunderts aus der Stadtwüstung Nienover im Solling, in: Melzer, Walter (Hg.): Archäologie und mittelalterliches Handwerk – eine Standortbestimmung Soest 2008 (Soester Beiträge zur Archäologie, 9), S. 129-140. – Stephan, Hans-Georg: Fundberichte, in: Göttinger Jahrbuch ab 43 (1995). – Stephan, Hans-Georg: Fundchronik, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 66,2 (1997) bzw. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte. Beiheft 1 ff. (1998 ff.) – Stephan, Hans-Georg: Die Stadtwüstung Nienover im Solling im Rahmen der Dasseler Herrschaft an der Oberweser, in: Sollinger Heimatblätter 2 (2004) S. 12-19. – Stephan, Hans-Georg: Fehden um die Landesherrschaft im Solling. Der Untergang der Stadt Nienover, Residenz der Grafen von Dassel-Nienover um 1269-1274 und die Brandschatzung um 1210/20, in: Sollinger Heimatblätter 3 (2004) S. 16-22. – Stephan, Hans-Georg/Reich, Serge Nienover. Forschungen in einer mittelalterlichen Stadtwüstung. Nienover 2003 (überarbeiteter Nachdruck von: Stephan, Hans-Georg: Nienover – Burg und Stadtwüstung im Solling [Südniedersachen], in: Neue Forschungen zur Archäologie des Mittelalters in Schlesien und Niedersachsen, hg. von Dems. und Krzysztof Wachowski, Wrocław 2001 [Monografie archeologiczne, 8], S. 11-70). – Stephan, Hans-Georg: Der Solling im Mittelalter. Archäologie – Landschaft – Geschichte im Weser- und Leinebergland. Siedlungs- und Kulturlandschaftsentwicklung, die Grafen von Dassel und Nienover, Dormagen 20101 (Hallesche Beiträge zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, 1). – Stephan, Hans-Georg/Küntzel, Thomas/Koch, Michael: Ein Münzkomplex des 13. Jh.s aus der Stadtwüstung Nienover im Solling, in: Westfalia Numismatica (2001) S. 63-79.