DASSEL
I.
Namengebend ist der Ort → D. im südlichen Niedersachsen, im Suilbergau, belegt erstmals 1126 bei Reinold I., der seit 1097 in Urk.n gen. wird. Die älteste Urk., eine Fälschung, deren Inhalt durch den sog. Helmarshäuser Traditionscodex bestätigt ist, weist auch auf den Reinhardswälder Raum mit den Orten Obermeiser (Mesheri, Gmd. Calden) und Burguffeln (Astuflon, Gmd. Grebenstein) als frühen Besitzschwerpunkt hin. In dem Codex werden neben der Mutter Cunhild auch der Vater Dietrich und die Schwester Helmburg angeführt. Damit tauchen die Gf.en von D. Ende des 11./Anfang des 12. Jh.s in den Quellen auf, ohne daß ein Spitzenahn oder ein Gründungsmythos bekannt wären; auch eine gesonderte chronikalische Überlieferung ist nicht bekannt.
→ D. selbst ist erstmalig in den älteren Corveyer Traditionen belegt und Güter dort gehörten zu der Gründungsaustattung des St.-Michaelis-Kl.s in Hildesheim, das durch Bf. Bernward kurz nach 1000 gegr. wurde. Auch wenn die Gf.en seit 1126 bis zu ihrem Aussterben 1325 den Namen »D.« als ihren Namen trugen, war ihr Hauptsitz, ihre wichtigste Res., spätestens seit Anfang des 13. Jh.s → Nienover im südlichen Solling, das sie als (Reichs-)Lehen besaßen. »von Nienover« war ab 1210 bei Adolf I. (1179-1224) Alternativname der Gf.en, letztmalig 1289 bei Adolf VII. (1259-1294) belegt. → Nienover, erbaut vor 1144 durch die Gf.en von Northeim, befand sich wahrscheinlich bereits im 12. Jh. im Lehensbesitz der Gf.en von D. Zuerst als mögliches Lehen der Gf.en von Northeim, dann womöglich Heinrichs des Löwen gelangte es 1180 als Reichslehen in den dasselischen Besitz. Hier übernahm es schnell eine Mittelpunktsfunktion, deutlich am Alternativnamen, aber auch an den zahlr. Urk.nausstellungen oder auch als Ort der mutmaßlichen gfl. Münzstätte. Sowohl → Nienover als auch → D. mit den zugehörigen Gft.en wurden Anfang des 14. Jh.s verkauft. Die Gf.en von D. starben 1325 mit dem letzten männlichen Vertreter Simon (1268-1325) aus, der sich Anfang des 14. Jh.s in Göttingen niedergelassen hatte.
II.
Die Gf.en von D. bauten ihre Herrschaft im Solling und Reinhardswald auf, gestützt auf Allode und Lehen. Die Gft. → Nienover, die den südlichen Solling umfaßte, war wahrscheinlich Reichslehen, das deuten die Resignationsurkk. der Jahre 1270-1274 an, in denen Ludolf V. – wohl ohne Zustimmung aller Erbberechtigten – die Burg und Gft. sowie weitere Rechte, die Zoll und Geleitrechte umfaßten, zugunsten Hzg. Albrechts von Braunschweig den Kg.en Richard von Cornwall und Rudolf von Habsburg resignierte. Die Veräußerung wurde aber nicht vollzogen; erst 1303 verkaufte Simons von D. Verwandter Otto I. von → Waldeck die Burg → Nienover mit allem Zubehör an den Braunschweiger. Simon selbst verkaufte → D. und die dazugehörige Gft., die den nördlichen Solling umfaßte, mit der Burg Hunnesrück 1310 an den Bf. von Hildesheim. Dieser Anteil des Sollings war wohl Allod der Gf.en. Die beiden Gft.en im Solling wurden durch zwei südlich der Weser gelegene Gft.en, Meiser-Schartenberg und Schöneberg, ergänzt, die sie von den Ebf.en von Mainz zu Lehen besaßen. Neben dem Reich waren v.a. die umgebenden Hochstifte (Mainz, Paderborn, Minden und Hildesheim) die Lehensherren der Gf.en von D. sowie – in der Frühzeit – die Gf.en von Northeim, später dann die Welfen. Ein größerer Güterkomplex im Sauerland ging vom Ebm. Köln zu Lehen. Streubesitz in Niedersachsen und angrenzenden Gebieten, der zum Teil allodial und zum Teil Lehen war, ergänzte die Gft.en. Eine wichtige Rolle spielten die zahlr. (Teil-)Vogteien von Kl.n wie Corvey, Northeim (beide Lehen der Gf.en von Northeim), Hilwartshausen, Lippoldsberg (beide Mainzer Lehen), Fredelsloh (allodial?) und Grafschaft (Schmallenberg/Sauerland; Kölner Lehen). Auffällig ist, daß die Gf.en in der ersten Hälfte des 13. Jh.s bei Schenkungen und Verkäufen zugunsten von Kl.n v.a. ihren Streubesitz abstießen, während sie ihre Kerngebiete im Solling und an der Weser zuerst nicht anrührten. Ab den 70er Jahren des 13. Jh.s – mit den Resignationen → Nienovers – begann der Ausverkauf der dasselischen Kerngüter, der 1310 in dem Verkauf D.s mündete. Der letzte Gf. von D., Simon, besaß nur noch wenige Güter, hatte das in den Verkäufen erworbene Geld in Renten angelegt und zog sich für seine letzten Lebensjahre nach Göttingen zurück.
Der bekannteste Vertreter der Gf.en von D. war der Hildesheimer und Münsteraner Dompropst, Erzkanzler Friedrich Barbarossas und Ebf. von Köln, Reinold (Rainald) II. von D. (um 1120-1167). Seine Rolle in Köln und im Reich muß hier nicht weiter beleuchtet werden. In Einigem wird er aber auf die »Vorarbeiten« seines mutmaßlichen Onkels, des Fredelsloher Konversen Johannes, der wahrscheinlich ein Bruder seines Vaters Reinold I. war, zurückgegriffen haben. Johannes von Fredelsloh (1143-1153) war als Konverse als Güterverwalter in Fredelsloh tätig – so stellt sich seine Funktion in den Urk.n dar. Daneben war er auch in der Kanzlei Konrads III. als Notar (Arnold G) tätig. Gemeinsam ist ihnen die Freundschaft zu Abt Wibald von Stablo, für dessen Wahl zum Abt von Corvey Johannes Partei ergriff. Gewisse Berühmtheit erlangte auch Reinolds II. Neffe, Adolf I. (1179-1223), der zusammen mit seinem Verwandten Adolf III. von Schaumburg aktiv an den Kämpfen gegen Heinrich den Löwen und die dänischen Kg.e Knut VI. und Waldemar II. teilnahm sowie auf dem 5. Kreuzzug war und eine Livlandfahrt unternahm. Zudem brach er die Staufertreue der Gf.en von D. des 12. Jh.s ab und wechselte zu Ks. Otto IV.
Die Gf.en von D. bevorzugten Domkapitel als Orte für ihre geistlich gewordenen Kinder. Das Domkapitel von Hildesheim war hier herausragend, aus fast jeder Generation ist in ihm ein Gf. von D. belegt; weitere Gf.en von D. begegnen in den Domkapiteln von Magdeburg, Merseburg, Verden und Würzburg. Dagegen sind nur für wenige Töchter Kl.aufenthalte nachgewiesen und diese in eher kleinen Kl.n.
III.
Das Wappen der Gf.en von D. ist auf Siegeln seit 1204 überliefert. Es stellt in der Regel ein achtendiges Hirschgeweih mit Grind dar; Ausnahme sind zwei frühe Siegel Gf. Adolfs I., der ein zehnendiges Hirschgeweih im Wappen führte. Das Hirschgeweih konnte von Zierkugeln umgeben sein, die in unterschiedlicher Anzahl und Gestaltung das Siegelfeld belegen. Ein herausragendes Beispiel für die Farbdarstellung des dasselischen Wappens ist das Bild des linken Ritters auf dem Quedlinburger Wappenkästchen (1208/10). Es zeigt ein achtendiges Hirschgeweih in Silber auf rotem Grund. Gleichzeitig ist mit dieser Darstellung das einzige »Bild« eines Gf.en von D., hier wahrscheinlich Adolfs I., überliefert. Bis heute hat sich das Wappen der Gf.en als Wappen Stadt D.s sowie als Teilwappen bei einigen anderen Städten und Orten des Sollings erhalten; in leicht abweichender Form ist es auch – zusammen mit dem der Herren von Grafschaft – im Wappen des Kl.s Grafschaft aufbewahrt.
IV.
Die Gf.en von D. sind in sieben Generationen, ab dem Ende des 11. Jh.s bis 1325 bzw. 1337/38, sicher belegt. Eine Rückführung zu den Sippen des frühen MAs wäre wünschenswert, ist aber kaum möglich. Wenskus vermutet eine Abstammung – zumindest in congnatischer Linie – von den Haolden, damit letztendlich von den Esikonen, die im Weserraum begütert waren, was nicht auszuschließen ist, aber auch nicht zu beweisen. Ein zeitnaher Gründungsmythos ist für die Gf.en nicht bekannt; Johannes Letzner hat in seiner D.ischen und Einbeckischen Chronica von 1596 die Gf.en von D. bis in das 8. Jh. zu einem heidnischen Walter zurückgeführt. Da aber seine Angaben für die historische Zeit des 12. bis 14. Jh.s problematisch sind, ist dieser Darstellung nur wenig Glauben zu schenken. Von ihrem ersten Vorkommen bis zu ihrem Aussterben sind die Gf.en von D. geogr. auf einen recht engen Raum im Solling und den anschließenden Gebieten belegt. Ausbrüche in andere Regionen wie das Sauerland oder die sich kurzzeitig im Besitz Adolfs I. befindliche Gft. Ratzeburg waren nicht von langer Dauer. Die Konzentration auf den Solling und die Wesergebiete wird auch in anderen Punkten deutlich. Eine klare Linientrennung gab es nicht, dennoch läßt sich beobachten, daß die sog. adolfinische Linie, also die Nachkommen Adolfs I., eher auf den nördlichen Solling besitzrechtlich konzentriert war, während die sog. ludolfinische Linie, die Nachkommen Ludolfs II. (1181-nach 1197), eher im südlichen Solling und jenseits der Weser ihren Schwerpunkt hatte, sichtbar an den beiden Vettern Ludolf V. von → D.-Nienover-Everstein (1232-1299) aus der adolfinischen und Ludolf VI. von → D.-Nienover-Schöneberg (1235-1290) aus der ludolfinischen Linie. → Nienover bildete für alle Gf.en von D. den Mittelpunkt. Weiterhin läßt sich diese Konzentration im Konnubium der Gf.en feststellen, die ihre Ehepartner v.a. bei den benachbarten sächsischen und westfälischen Adligen suchten, von denen die Gf.en von → Everstein mit drei Heiratsverbindungen hervorzuheben sind. Vier Ehen fallen aus diesem recht engen geogr. Rahmen aus, die fränkisch-thüringischen Lobdeburger, die thüringischen Gf.en von → Barby, die südhessischen Edelherren von → Eppstein sowie das dänische Adelsgeschlecht der Hviden.
Quellen
Johannes Letzner, Dasselische und Einbeckische Chronica, Erfurt 1596, ND Hannover 1976 (Beiträge zur Geschichte, Landes und Volkskunde von Niedersachsen und Bremen, Serie A). – Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim und seiner Bischöfe, hg. von Karl Janicke und Hermann Hoogeweg, 6 Bde., Leipzig u. a. 1896-1911 (Publikationen aus den Preußischen Staatsarchiven, 65; Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, 6, 11, 22, 24, 28), ND Osnabrück 1965, hier Bd. 1: bis 1221, ed. von Karl Janicke. – Die alten Mönchslisten und die Traditionen von Corvey, neu hg. von Klemens Honselmann, Tl. 1, Paderborn 1982. Tl. 2: Indices und andere Hilfsmittel, hg. von Leopold Schütte, Paderborn 1992 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, 10; Abhandlungen zur Corveyer Geschichtsschreibung, 6). – Hoffmann, Hartmut: Bücher und Urkunden aus Helmarshausen und Corvey, Hannover 1992 (MGH. Studien und Texte, 4). – Kruppa, Nathalie: Die Grafen von Dassel (1097-1337/38). Familie, Besitz und Regesten, Bielefeld 2002 (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen, 42), S. 351-530 [Regesten mit Archiv- und Drucknachweisen].
Literatur
Ficker, Julius: Reinald von Dassel. Reichskanzler und Erzbischof von Köln 1156-1167, Köln 1850, ND Aalen 1966. – Herkenrath, Rainer Maria: Reinald von Dassel, Reichskanzler und Erzbischof von Köln, Diss. Graz 1962 (masch.). – Kruppa, Nathalie: Die Grafen von Dassel (1097-1337/38). Familie, Besitz und Regesten Bielefeld 2002 (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen, 42). – Kruppa, Nathalie: Neue Gedanken zum Quedlinburger Wappenkästchen, in: Concilium Medii Aevi 4 (2001) S. 153-177. – Schubnell, Bettina Marietta: Das Leben und Wirken des Erzbischofs Rainald von Dassel, Magisterarbeit Freiburg im Breisgau 1999 (masch.). – Stephan, Hans-Georg: Der Solling im Mittelalter. Archäologie – Landschaft – Geschichte im Weser- und Leinebergland. Siedlungs- und Kulturlandschaftsentwicklung, die Grafen von Dassel und Nienover, Dormagen 2010 (Hallesche Beiträge zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, 1). – Wenskus, Reinhard: Sächsischer Stammesadel und fränkischer Reichsadel, Göttingen 1976 (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Philologisch-Historische Klasse. 3. Folge, 93), hier bes. S. 442 ff.