Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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CASTELL

C. Rüdenhausen

I.

villa Rudenhusen (um 1266), Rudenhusen (1376) – Dorf bzw. Markt – Gft. → Castell; Gf.en von → Castell – drei spätma. Ritteradelssitze; Res. seit der Mitte des 16. Jh. – D, Bayern, Reg.bez. Unterfranken, Lkr. Kitzingen.

II.

R. (264 m NN) liegt im Altsiedelland, halbwegs zwischen → Castell und Wiesentheid. Die Einw. lebten traditionell vom Getreide-, Obst- und Weinbau sowie von der Viehzucht; am Schirrnbach wurden in älterer Zeit mehrere Mühlen betrieben, auch waren hier in der frühen Neuzeit zahlr. Handwerker ansässig. Bereits im 10. und 11. Jh. soll das Kl. Münsterschwarzach in R. begütert gewesen sein; 1293 erlangten die Zisterzienser von Ebrach durch Schenkung einen Hof, daneben 1268/1314 die Johanniter von Biebelried. Die drei seit dem 13. Jh. nachweisbaren örtlichen Rittersitze – das Alte Schloß, das Haus am See und die Burgfeste bei der Kirche – rührten allesamt von den Gf.en von → Castell zu Lehen und waren zu verschiedenen Zeiten im Besitz der Schelle, Kielholz, Merz, Colle, Seckendorff, Blümlein, Fuchs von Dornheim und Gnodstadt. Letzteren gelang es im Lauf des 15. Jh.s, sämtliche Lehen in ihrer Hand zu vereinigen. Nach dem Tod des letzten Gnodstadter Agnaten (1533) behielt Gf. Wolfgang I. (gest. 1546) die heimgefallenen Lehen ein und nutzte das damals allein noch bestehende Alte Schloß samt den orts- und grundherrlichen Gerechtsamen selbst. Bereits 1534 wurde eine neue Dorfordnung erlassen, aber erst 1555/56 bezog Gf. Georg II. hier seine ständige Res. Bei der Teilung von 1597 fiel R. ins Los der jüngeren, bis 1803 blühenden Linie und wurde für sie namengebend. Bis in die zweite Hälfte des 16. Jh.s gehörte R. zum ehedem castellischen, dann würzburgischen Zent- bzw. Hochgericht Stadtschwarzach, wurde aber mit Rücksicht auf die Eigenständigkeit der Gf.en allmählich dort herausgelöst und erhielt 1662 definitiv sein eigenes Zentgericht, das von beiden Linien des Hauses gemeinschaftlich verwaltet wurde. 1747 verlieh die Herrschaft dem Ort Marktrechte.

Wie → Castell gehörte R. von jeher zur Diöz. Würzburg (Archidiakonat und Landkapitel Iphofen). Die örtliche Pfarrei besteht nachweislich seit 1364, ihr St. Peter und Paul-Patrozinium ist nur erschlossen. Mutterpfarrei war offenbar Kleinlangheim. Das Patronatsrecht hatten, soweit bekannt, stets die Gf.en von → Castell, die nach 1555 auch die Reformation hier einführten. Von 1562 bis in den Beginn des 19. Jh.s diente das Gotteshaus als Grablege der Rüdenhäuser Linie; davor wurden darin Angehörige der ortsansässigen Ritteradelsgeschlechter bestattet.

III.

Das Alte Schloß in R., das den Gf.en und Fs.en zu → Castell seit der Mitte des 16. Jh.s als Res. dient, war ursprgl. ein Wasserschloß, dessen Gräben bis in die zweite Hälfte des 18. Jh. naß waren. Nach dem Heimfall an die → Castell entfaltete sich eine rege Bautätigkeit, aber gleichwohl begnügte man sich stets mit eher bescheidenen Veränderungen, wodurch die Anlage bis heute sehr viel von ihrem spätma. Charakter bewahren konnte. Unter Gf. Georg II. erfolgte ein erster Ausbau, von dem über einer Arkade im Innenhof eine Bauinschrift (1573) mit → Castell-Limpurger Allianzwappen zeugt. 1612 entstand eine Holzbrücke über den Graben in die innere Kemenate, und 1615 baute ein Steinmetz aus Prichsenstadt einen steinernen Treppenturm; auf der gegenüberliegenden Seite des Hofs errichtete ein Zimmermeister aus R. im gleichen Jahr ein neues Gebäude anstelle des alten Viehhauses. Im Dreißigjährigen Krieg (1632) wurde das Schloß geplündert und demoliert, aber offenbar schon bald wieder hergerichtet, denn von 1652 dat. ein Verzeichnis des darin vorhandenen Silbergeschirrs, Getreides, Weins und Viehs. Weitere Baumaßnahmen unbekannten Umfangs, ausgeführt von einem Würzburger Meister, sind von 1697 überliefert, und 1698 wurde im Schloßgarten eine Fontäne angelegt. Ein ganz neues Schloß im Bereich des einstigen Wirtschaftshofs entstand erst 1854/57, wurde jedoch bereits hundertzwanzig Jahre später wieder abgebrochen.

Ein Grdr.plan des Alten Schlosses aus dem Jahr 1615 gibt mehrere unregelmäßig um einen engen Innenhof gruppierte Gebäude zu erkennen, im S und Südosten zwei runde Türme, die aus der Zeit um 1573 stammen, im Unterbau aber gotisch sein dürften. Eine kolorierte Ansicht der Gesamtanlage von 1767 zeigt das verschachtelte, auf polygonalem Grdr. um einen allseits geschlossenen Hof angelegte und von einem Wassergraben umgebene Schloß mit hohem Hauptgebäude im O, mehreren niedrigeren Gebäuden im W und zwei niedrigen runden Mauertürmen mit spitzen, hohen Dächern im S. Im W und S der Anlage gruppieren sich um einen geräumigen Vorhof, der seinerseits teilw. von Wassergräben umgeben ist, stattliche Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude, eines von ihnen mit einer ausladenden Freitreppe; dahinter liegt ein ausgedehnter Zier- und Nutzgarten.

Die Vorgängerin der heutigen Kirche (1708/09) war ein gotischer Bau unbekannter Entstehungszeit. Von ihrer Funktion als gfl. Grablege zeugen zahlr. Grabdenkmäler, deren älteste jedoch erst 1809 aus dem ehem. Kl. auf der Vogelsburg bei Volkach hierher gebracht wurden. Die Reihe der originär Rüdenhäuser Epitaphien beginnt mit dem für Gf. Georg II. (gest. 1597) und seine Familie; es ist bes. prächtig und wurde bereits 1589 geschaffen, nach dem Tod der Gf.in. An der Straße nach Abtswind steht das Gebäude des einstigen Rüdenhäuser Zentgerichts.