Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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CASTELL

C. Remlingen

I.

villa Rominigas, villa Reminingen (839); Remelingen (1348); Remlingen (1351, 1487) – Dorf bzw. Markt – Gft. → Castell und Gft. → Löwenstein-Wertheim; Gf.en von → Castell und Gf.en von → Löwenstein-Wertheim – zwei Schlösser; Res. seit dem letzten Viertel des 16. Jh.s – D, Bayern, Reg.bez. Unterfranken, Kr. Würzburg.

II.

R. (261 m NN) liegt an einer alten, von Frankfurt über Miltenberg, → Wertheim und Würzburg weiter nach O führenden Geleitstraße und Postroute. Frühma. Kg.sgut gelangte später als fuldisches Lehen in den Besitz der Gf.en von → Wertheim. Bereits während des späten MAs hatten die Gf.en von → Castell in der Umgebung bescheidene grundherrliche Gerechtsame, die aber allesamt an Ritteradel verlehnt waren. Mit dem Erlöschen des Wertheimer Mannesstamms schließlich fiel der Marktflekken 1558 je zur Hälfte an die Gf.en von → Erbach und von → Castell. Die → Erbacher traten ihren Anteil 1563 an die Gf.en von → Stolberg-Wertheim ab, woraufhin seit 1564 die Äbte von Fulda die Gf.en von → Stolberg bzw. → Löwenstein-Wertheim (sog. Würzburger Schloß oder Wasserhaus) und die Gf.en von → Castell.zu gesamter Hand mit dem Ort belehnten. 1562/78 ließ Gf. Heinrich IV. von → Castell.in R. ein neues Schloß errichten, das zugl. als Verwaltungssitz (Amt R.) für die castellischen Vogteiorte Urspringen (Kr. Main-Spessart), Umpfenbach (Neunkirchen, Kr. Miltenberg) und Steinbach (Kr. Würzburg) und die mit dem Hochstift Würzburg gemeinsame Zentherrschaft (Würzburger Lehen) in R., Ober- und Unteraltertheim (Kr. Würzburg), Duttenbrunn (Zellingen, Kr. Main-Spessart) sowie Billingshausen (Birkenfeld, Kr. Main-Spessart) diente. Daneben bestanden am Ort ein löwenstein-wertheimisches Amt und ein würzburgisches Zentamt.

Die Remlinger Pfarrei St. Andreas gehörte zur alten Diöz. Würzburg (Archidiakonat und Landkapitel Karlstadt). Das Patronatsrecht lag beim Gesamthaus → Löwenstein-Wertheim, wurde jedoch von → Castell, das ein ius co-episcopale beanspruchte, bestritten. Die Reformation fand wie in der ganzen Gft. → Wertheim seit 1524 Eingang.

III.

Für den 1578 vollendeten Bau des im N über dem Ort gelegenen Casteller Schlosses mußten mehrere Hofreiten zusammengekauft, eine große Terrasse angelegt und die benachbarte Kichhofmauer abgebrochen werden. Der stattliche, von einer Mauer umschlossene Gebäudekomplex bestand aus dem Hauptgebäude (Weißer Bau), dem sog. Roten Bau sowie diversen Amts- und Wirtschaftsgebäuden. Zwischen Weißem und Rotem Bau wurde 1683 ein dreißig Schuh langer steinerner Verbindungsbau errichtet. Der Weiße Bau ist ein einfaches, dreigeschossiges Giebelhaus auf rechteckigem Grdr. Neben seinem Portal berichtet eine längere Inschrift von dem Bauherrn Heinrich von → Castell (gest. 1595) und seiner Gemahlin Elisabeth (gest. 1584) die dieses Haus 1563 als Wohnung und Witwensitz errichten ließen. Die Innenräume sind schmucklos. Der Rote Bau – aus rotem Sandstein – ist gleichfalls dreigeschossig und hat an seiner südlichen Längsseite einen runden Treppenturm. In diesem Schloß erwuchs die bedeutende, heute in → Castell verwahrte Büchersammlung des Gf.en Heinrich. Seine Funktion als Res. der Linie → Castell-R. erfüllte das Schloß nur bis ins ausgehende 17. Jh., bis zum Ende des castell-ansbachischen Kondominats (1680/84) und dem Bau eines neuen Res.schlosses in → Castell (1686/91).

Die nach einem verheerenden Brand i.J. 1710 neugebaute Pfarrkirche birgt im Turmuntergeschoß (Chorturm) und in der Sakristei Reste des ma. Vorgängerbaus. Nach Gf. Heinrich IV. und seiner Gemahlin fanden in ihr bis zur Mitte des 17. Jh.s mehrere Angehörige der Linie → Castell-R. die letzte Ruhe. Die entspr. Grabdenkmäler sind im Brand von 1710 untergegangen.