Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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CASTELL

C. Castell

I.

Scastel (816, Verschreibung, Kopie ca. 1320); de Castello (1091, Kopie 12. Jh.); de Kastel (1258, 1406); villa Castele (um 1266); von Chastel (1311); tzu Castell (1414) – Dorf – Gft. C.; Gf.en von C. – frühma. Wallanlage; zwei hoch- und spätma. Burgen bzw. Schlösser; Hauptres. vom hohen MA bis in die Neuzeit – D, Bayern, Reg.bez. Unterfranken, Lkr. Kitzingen.

II.

Das Dorf C. liegt am nordwestlichen Rand des Steigerwalds (317 m NN) zu Füßen einer frühma. bzw. karolinger- und ottonenzeitlichen Wallanlage (insges. 1,8 ha), der es seinen Namen verdankt, sowie zweier nur 100 m voneinander entfernter Burgen hochma. Ursprungs, des Unteren Schlosses auf dem Herrenberg (394 m NN) und des Oberen Schlosses auf dem Schloßberg (397 m NN). Der nördliche Teil der Gemarkung gehört zum Altsiedelland. Neben Ackerbau ist hier seit dem 13. Jh. auch Weinbau bezeugt. Ein Verkehrsweg übergeordneten Ranges tangierte den Ort zu keiner Zeit; die Straße von Prichsenstadt über Wiesentheid, C. und Birklingen nach Markt Bibart und weiter nach Neustadt an der Aisch ist schon immer von regionaler Bedeutung.

Zu Beginn des 9. Jh.s stattete Gf. Megingaud aus der Sippe der Mattonen das von ihm gegr. Kl. Megingaudshausen (später Münsterschwarzach) u. a. mit Gütern zu C. aus. Seit dem hohen MA war der Ort stets Mittelpunkt der gleichnamigen Gft.; an die dazugehörige Hoch- und Blutgerichtsbarkeit (Zent) erinnert noch heute die Gerichtslinde im Sattel zwischen Schloß- und Herrenberg. Seit um 1266 war die Herrschaft in dem sich den Berg hinaufziehenden Dorf geteilt entlang der Straße, que vocatur der reitewec, que via directe transit eadem villam Castele de castro usque ad parvulum pontem. Die westliche Hälfte fiel 1328 zusammen mit dem Unterschloß infolge Verpfändung an die Bgf.en von Nürnberg und blieb in deren Besitz bis 1680/84, die östliche Hälfte (mit der Kirche) war mit Vogtei und Grundherrschaft ununterbrochen castellisch. Dem Dorfgericht gehörten um die Mitte des 15. Jh. neben dem Schultheißen zwölf Schöffen an.

Von alters her gehörte C. zur Diöz. Würzburg (Archidiakonat und Landkapitel Iphofen). Die älteste Kirche war Johannes [dem Täufer] geweiht, was auf ein hohes Alter der Pfarrei schließen lassen könnte; das Patronatsrecht oblag von jeher den Gf.en von C. Nach dem Tod des Gf.en Wolfgang I. (gest. 1546) führten dessen Söhne seit 1559 die Reformation ein und adaptierten 1583 die württ. Kirchenordnung. Neben der Dorfkirche gab es sowohl im Unteren als auch im Oberen Schloß eigene Kapellen.

III.

Die beiden hoch- und spätma. Burgen über C. machten sich die frühma. Wallanlage auf dem in Ost-West-Richtung verlaufenden Rücken des Schloß- bzw. Herrenbergs, die den weit nach W ausgreifenden Bergsporn gegen O hin abriegelte, unmittelbar zunutze; im Grunde waren sie in die ältere Befestigung hineingebaut.

Das Untere Schloß auf dem Herrenberg ist schon aufgrund seiner Lage am äußersten westlichen Ende des Sporns als der ältere der beiden Herrschaftssitze anzusehen; seine Anfänge wird man wohl in salische Zeit datieren dürfen. 1321 als purch ze Kastel bezeichnet, erscheint es auf einer Wildbannkarte von 1497 explizit als Altkastell. Seit seiner Abtretung an die Bgf.en von Nürnberg 1328 stand es als Res. des gfl. Hauses nicht mehr zur Verfügung, diente stattdessen als Sitz eines bgfl., dann mgfl. Amtmanns. In einer Fehde zwischen Mgf. Friedrich IV. und den Guttenberg wurde es 1497 überfallen und beschädigt, danach wieder hergerichtet, im Bauernkrieg 1525 aber neuerlich zerstört und dann nicht mehr aufgebaut. Im späteren 16. und im 17. Jh. diente die Ruine als Steinbruch.

Das Obere Schloß auf dem Schloßberg (um 1266 superius castrum) hatte die Form eines Ovals und dürfte nur unwesentlich jünger gewesen sein als das Untere. Auch es wurde im Bauernkrieg zerstört, von Gf. Wolfgang I. aber sogleich wieder aufgebaut. Anläßlich des zweiten Mgf.enkriegs verstärkte man 1553 die Befestigungen, und aus der 1554 einsetzenden Rechnungsüberlieferung sind bis ins spätere 17. Jh. vielfältige Baumaßnahmen ersichtlich, bei denen zum Teil Abbruchmaterial vom Unteren Schloß zur Verwendung kam. 1607/15 erfolgte nochmals ein großer Um- und Neubau, bei dem ein viergeschossiges Schloß in Winkelhakenform mit einem Wendeltreppenturm entstand. Jedoch hielt sich die Herrschaft nur noch ausnahmsweise an ihrem Stammsitz auf; gewöhnlich amtierten dort Burgvögte. 1626 wurden die Defensionswerke einmal mehr verbessert. Die Jahre 1634/36 und 1640 brachten mehrfach Besetzungen, Plünderungen und Zerstörungen. 1654/55 lebte auf dem Schloß nur noch ein Haus- und Seeknecht, der zugl. als Torwart fungierte; gleichwohl wurde 1669/70 noch einmal ein Garten angelegt und zehn Jahre später sind die letzten größeren Reparaturen bezeugt. Seit 1667 blieb die Herrschaft schließlich ganz aus, und nachdem es 1680/84 gelungen war, die seit 1328 mgfl. Herrschaftsrechte in C. zurückzulösen, ließ Gf. Wolfgang Dietrich 1686/91 von dem Künzelsauer Baumeister Peter Sommer das noch heute stehende Schloß im Dorf errichten. Das Obere Schloß wurde dem allmählichen Verfall preisgegeben und seine Reste im zweiten Jahrzehnt des 19. Jh.s beinahe ganz abgetragen.

Die Nachrichten über das Aussehen des von W her zugänglichen Oberschlosses sind spärlich. In einem Teilungsentwurf von 1520 ist von einer steinernen Kemenate, einem Gefängnisturm und einem alten Turm die Rede. Im Hof gab es einen säustall. 1545 wurde an einem der Türme eine offenbar schon früher vorhandene Uhr wieder angebracht. Im Zuge der Baumaßnahmen von 1553 kamen von den zunächst offenbar vorgesehenen acht Mauertürmen nur vier zur Ausführung. Ansonsten finden im späteren 16. und frühen 17. Jh. bei verschiedenen Gelegenheiten folgende Gebäude und Räumlichkeiten Erwähnung: eine große Kemenate, eine oberste Stube, eine Herrenstube, ein altes Herrengemach, ein Frauenzimmer, eine (innere) Hofstube, eine Schreibstube, eine Kanzlei- und Amtmannsstube, eine Doktorsstube, eine Kapelle bzw. Schloßkirche, eine Schneider- oder Schulstube, eine Backstube, eine Badstube, eine Knechtskammer, eine Reiter- und Torstube, eine Rumpelkammer, eine Hundsküche, ein Eselstall, ein Dinkelboden, ein Haferboden, ein Pulverturm, ein Zeughaus, ein Kutschenstall und 1626 Gewölbe mit Truhen für Silber. Eine (spiegelverkehrte?) Ansicht aus dem frühen 17. Jh. zeigt das vierstöckige Hauptgebäude, dessen oberstes Geschoß Fachwerk aufweist, mit Rollwerkgiebel, haubenbekröntem Treppenturm und laternenartigem Dachreiter. Planzeichnungen für den von O nach W verlaufenden Neubau (1613) zufolge gab es in jedem der vier Stockwerke vier größere Räume an einem breiten Gang, in dem im W nach N abgewinkelten Gebäudeteil je zwei kleinere Räume. Eine 1810 gefertigte schematische Grdr.zeichnung zeigt eine langestreckte, rechtwinklige bis ovale Anlage mit einem Torturm und einem äußeren Hof im Nordwesten, dem vierstöckigen Hauptgebäude und einem zweistöckigen Nebengebäude im S, einem tiefen Brunnen mit Brunnenhaus im O, einem großen Stall- und Küchengebäude im N sowie einem Büttnerhaus im W des inneren Hofs.

Von älteren herrschaftlichen Bauten im Dorf ist nichts bekannt. Eine Ausnahme bildet allein das seit 1399 bezeugte Wildbad, das im 16. Jh. eine Blüte erlebte und für das durch den Baumeister Matthias Haag aus Wiesenbronn 1601 ein stattliches Gebäude errichtet wurde; in seinen Kellergewölben sind die einstigen Badräume noch heute zu sehen. Als im späten 17. Jh. der Badebetrieb nachließ, wurden in dem repräsentativen Haus die gfl. Regierungsbehörden untergebracht, heute birgt es in seinen oberen Geschossen das Fsl. C.'sche Archiv.

Die bis zum Neubau von 1784/92 bestehende Kirche im C.er Oberdorf war vermutlich ein spätgotischer Bau mit älterem Chorturm. Bis 1584 war sie von einem Friedhof umgeben und wg. ihrer Hanglage mit einer starken Ringmauer umfangen, an die sich allerdings keine Gaden, Keller oder Kästen anlehnten. Als herrschaftliche Grablege diente sie erst seit der Mitte des 16. Jh.s. Von den einst zahlr. vorhandenen Epitaphien ist freilich nur eines teilw. erhalten, die anderen fielen sämtlich dem spätbarock-frühklassizistischen Neubau zum Opfer. Die Oberschlösser Kapelle wurde im 16. Jh. als Schloßkirche bezeichnet, hatte demnach wohl etwas größere Dimensionen und nahm offenbar auch die eine oder andere Bestattung auf.