ZIMMERN
I.
Wildenstain (1275), castro Wildelstain (1300), Wildensteyn (1395), Wyldenstain (1398). – D, Baden-Württemberg, Reg.bez. → Tübingen, Gmd. Leibertingen, Lkr. Sigmaringen. – Gft. → Zimmern; Gf.en von → Zimmern (Herrschaft Meßkirch), Gft. → Helfenstein-Gundelfingen; Gf.en von → Helfenstein-Gundelfingen, Gft. → Fürstenberg; Gf.en von → Fürstenberg. – Höhenburg in Spornlage, Geschlechtersitz, Nebenres. (13. Jh.-1594), Landesfestung (bis 1806).
II.
Burg W. liegt auf einem nach N hin vorspringenden Felssporn (810 m NN) am Steilabfall zu dem tief in den Weißjura der schwäbischen Alb eingeschnittenen Durchbruchstal, in dem die junge Donau zwischen Immendingen und Scheer verläuft. Die Burg trägt ihren Namen nach dem edelfreien Geschlecht der Wilden von W., die mit Fridericus videlicet de Wildinstein in einer zwischen 1168-1174 zu datierenden Urk. des Kl.s Salem erstmals gen. werden und die Gruppe der W.er Turmburgen über der Donau erbaut haben dürften. Namengebender Sitz war die unweit W.s gelegene Burg Alter W., von der noch geringe Reste erhalten sind. Reichhaltiges Fundmaterial belegt eine Besiedelung von etwa 1100 an bis ins 13. Jh. hinein. Nennungen der Burg in den Grenzbeschreibungen der Fundatio secunda des Kl.s Beuron zum Jahr 1077 (in extremis limitibus castri W.) und der Vogteiurk. von 1253 (in extremis finibus W.) beruhen auf Fälschung. Archäologische Funde legen eine Besiedlung des Platzes für das späte 13. Jh. nahe, sodaß damals vermutlich die Verlagerung an die Stelle der heutigen Burg stattgefunden hat und die erste Burg an der heutigen Stelle durch die Herren von → Justingen errichtet wurde. 1263 gelangte die Burg durch Heirat an Anselm von → Justingen, 1319 an Rudolf von Ramsberg, danach erfolgte eine Aufsplitterung unter mehrere Anteilseigner. 1395 verzichten Burkhard von → Lichtenstein und Wilhelm Schenk von Stauffenberg auf ihre Rechte an der Burg. Daraufhin übergab Ruprecht von der Pfalz die Burg 1398 und 1415 teils amts-, teils lehenweise an Johann d.Ä. von → Zimmern. 1397 und 1425 gelang → Zimmern.der Erwerb weiterer Anteile von den Herren → Hewen und der Stadt Rottweil, 1461 schließlich auch von den Herren von Bodmann. 1462 besaß Werner d.J. von → Zimmern die Burg endgültig »zu freiem und ungeteiltem Genuß«. Die folgenden knapp zwei Jh.e im Besitz der → Zimmern markieren die Hochzeit in der Geschichte der Burg. Ihren Stellenwert für die Familie unterstreicht die Aufnahme des W.er Löwens in die Wappenführung seit 1487. Werner d.J. soll 20 000 fl. in die Burg investiert und u. a. die Zisterne in den Felsen getrieben haben. Während der → Werdenberger Fehde wurde die Burg 1491-1497 vorübergehend an Andreas von Sonnenberg verkauft, anschl. diente sie den → Zimmern als milit. Ausgangspunkt für die gewaltsame Rückeroberung der Herrschaft Meßkirch, wofür sie der Familie ausreichend enthalts geboten habe. Von der Erbteilung 1508 blieb die Burg ausgenommen; sie sollte zu gemeinsamen Händen der Brüder Gottfried Werner und Johann Werner d.J. bleiben, während Wilhelm Werner ein Öffnungsrecht erhielt und ebenfalls die Titulatur »Herr zu W.« führte. 1513 verschaffte sie sich Gottfried Werner (1484-1554) jedoch zu alleinigem Besitz, worüber es zur Fehde mit seinem Bruder Johann Werner kam. Er gestaltete die ma. Burg zu einer neuzeitlichen Renaissancefestung um; nach der Schätzung seines Neffen habe er dabei gut 40 000 fl. verbaut. 1511 hatten die Mörder Gf. Endres von Sonnenbergs hier kurzfristig Zuflucht gefunden. Wg. Unachtsamkeit des Gesindes brannte 1512 die Vorburg. Gottfried Werner zog sich während der Pest 1518/19, des Schmalkaldischen Kriegs 1546/47 und im Fs.enkrieg 1552 hierhin zurück. Während der letztgenannten »gefährlichen Läufte« flüchteten auch benachbarte Herrschaften Archive und Wertsachen nach W. Die Burg diente also hauptsächlich als vorübergehendes Refugium; namentlich die Jahre 1518/19 waren von Mangel gekennzeichnet. 1547 wurde hier Apollonia von → Zimmern geb. Die Verwaltung der Burg oblag einem Amtmann bzw. Burgvogt, bspw. ist 1411 Marquard von Ramsberg in dieser Funktion bezeugt (gest. 1422). Die Chronik der Gf.en von → Zimmern siedelt in der Burg eine ganze Reihe von Anekdoten an, wie die jähzornige Attacke Johann Werners d.Ä. gegen seinen Vater oder der oft zitierte, in seiner Bedeutung aber sicherlich überschätzte Bericht, Gottfried Werner habe 1518/19 auf Anstiften des pfäffle Balthasar von Beuron alte Urk.n zu Leim sieden lassen. Mehr Interesse verdienen die Schilderungen des Lebens auf der Burg, die der Chronist Gf. Froben Christoph, der die Kanzlei seines Onkels versah, nach eigener Anschauung gibt. Nach dem Aussterben des Hauses → Zimmern 1594 kam W. an die Gf.en von → Helfenstein-Gundelfingen und mit dem Tod Gf. Georg Wilhelms 1627 an Wratislaus I. von → Fürstenberg. Bereits unter den Helfensteinern verlor die Anlage an Bedeutung, unter den Fürstenbergern veränderte sich ihr Charakter endgültig von der Nebenres. zu Landesfestung. 1625 befand sich außer zahlr. Geschützen kaum noch Inventar darin, die Burg wurde nurmehr von dem Burgvogt und einem Schäfer bewohnt. 1641 waren erneut zahlr. Wertsachen hierher geflüchtet, alleine 20 Truhen standen auf dem Gang vor der Stube des Burgvogts; die Besatzung der Burg bestand jedoch nur aus einem Kommandanten und vier Mann. 1642 gelang ihre handstreichartige Einnahme durch Hohentwieler Truppen Konrad Widerholds, die sich aber nur rund einen Monat lang darin halten konnten. Bis 1649 blieb die Festung in bayerischer Hand. Nach der Rückstellung erreichten die → Fürstenberger 1658 am Ks.hof die Einstufung der Burg als importanter Platz für das Reich, dessen Instandhaltungs- und Garnisonskosten auf das Amt Meßkirch gelegt wurden. Gleichzeitig wurde sie mit verschiedenen Einrichtungsgegenständen, Bildern und einer Waffensammlung versehen, in der auch verschiedene Schaustücke, darunter eine Antike und ein Elefantenzahn Platz fanden. 1688 erhielt die Burg eine ksl. Besatzung von elf Mann. Im Span. Erbfolgekrieg 1703/04 diente sie noch einmal als Zufluchtsort der Herrschaft. Am 24. Juni 1704 kam es zu einem Feuergefecht mit 150 frz. Soldaten. 1733 wurde die Festung abermals in Kriegsbereitschaft versetzt. Danach verlor sie zunehmend an Bedeutung. Sie diente dem Haus → Fürstenberg als Zeughaus und (bis 1745) Gefängnis. 1742 wurden fast 500 Bücher von W. nach Meßkirch verbracht, 1770 sämtliche Geschütze nach Donaueschingen. 1756 wurde der Giebel der Bastion durch Blitzschlag beschädigt. Am Ende des Alten Reichs erfolgte 1804/06 eine erste Wiederherstellung durch das Haus → Fürstenberg, 1867 wurde die Burgkapelle renoviert, 1911 nach Erdbebenschäden der Turm der Kommandantenwohnung abgetragen. Seit 1921 dient die Burg als Jugendherberge, 1971 ging sie in den Besitz des Dt. Jugendherbergswerks über. 1972-1978 erfolgten durchgreifende Restaurierungsmaßnahmen.
Zur Burg gehörte ein grundherrlicher Hof, der Kirchensatz und das Wittum von Leibertingen. Eine zur Burg gehörende Siedlung läßt eine Urk. des Bf.s von Konstanz von 1275 erkennen, in der von mons Wildenstain cum suburbio, domibus, hominibus ibidem locatis die Rede ist, die den Zehnten nach Beuron gaben. Auch die 1416 erwähnte »Wiese gen. die Statt«, die vor der Burg zu lokalisieren ist, läßt auf eine vorstadtähnliche Burgsiedlung schließen. Die Chronik der Gf.en von → Zimmern bezeugt Pläne Gottfried Werners aus dem Jahr 1519, auf den Wiesen vor der Burg ein Städtlein »Wildenstadt« mit Ringmauern, Ecktürmen und zwei Toren zu errichten. Einw. wären die Maier von Leibertingen geworden. Angeblich hatten die Ritteradligen Dietrich Späth, Rudolf von Ehingen und Konrad Dreisch Bausteuer gegen das Öffnungsrecht und die Einwilligung zur Errichtung eigener Häuser zugesagt. Anstelle dieses Projekts beschränkte sich Gottfried Werner auf die Befestigung des Geländes gegen die Hochebene. Ein Streit zwischen der Propstei Beuron und dem Kirchenrektor von Leibertingen um die Rechte am Berg W. wurde 1275 vom geistlichen Gericht in Konstanz zu Gunsten der Propstei entschieden. 1464, 1479, 1481 und 1482 erwirkten die → Zimmern die bfl. Genehmigung zur Meßfeier auf einem tragbaren Altar. Im Jahr 1600 wurde die Versehung der Kapelle einmal im Monat durch einen Konventualen von Beuron vertraglich festgeschrieben.
III.
Die Burg präsentiert sich heute als kompakte frühneuzeitliche Festungsanlage mit starken Befestigungswerken zur Albhochfläche und einem über dem Tal gelegenen Palas. Dieses Erscheinungsbild erhielt sie durch die Umbauten Gottfried Werner von → Zimmerns in den Jahren 1520-1550. Damals wurden der ma. Bergfried zurückgebaut und die starken Befestigungswerke angelegt. Die Chronik der Gf.en von → Zimmern berichtet überspitzt, was er ein jar ufgericht und erbawen, so es im das nachgendt jar nit gefallen, hat er wider abgebrochen und uf ein ander manier gemacht. Einer persönlichen Vorliebe folgend, ließ Gottfried Werner auch den Felssockel zum Donautal hin abschroten, was dem Chronisten als bedenklich erschien und tatsächlich in neuerer Zeit statische Probleme verursachte. Während sich die dadurch geschaffene, beeindruckende Lage der Burg v.a. von der Talseite aus erschließt, zeigt sie sich von der Bergseite her von ihrer wehrhaften Seite. Zwei künstliche Halsgräben, der zweite 26 m tief, trennen sie von der Hochfläche ab; dazwischen befindet sich eine 74 m lange und über 3 m starke Schildmauer mit gedecktem Wehrgang und halbrunden Flankentürmen zu beiden Seiten. Über zwei Brücken erreicht der Besucher die Kernburg, die sich auf einer Fläche von ca. 60 x 40/22 m auf unregelmäßigem Grdr. erstreckt. Zur Bergseite hin folgt zunächst das Hauptverteidigungswerk (Bastion) mit Mauerstärken von 7 bis 14 m, das nach W hin durch den halbrunden »Kommandantenturm«, auch als hohe »Kräen« bezeichnet, nach O in einer weiteren Halbrundbastion mit Kasematte ausläuft. Es nahm die milit. Funktionsbauten auf: Kasematten, Pulver-, Waffen- und Vorratskammern, Backstube, Verliese, Wachzimmer, einen Exerziersaal und die sog. Soldatenhalle und »Kommandantenwohnung« im obersten Stock des westlichen Turms. In ihm konnten die Reste eines ma., viereckigen Turmstumpfs aus Bruchsteinen, wohl der im 16. Jh. gekappte ma. Bergfried, nachgewiesen werden. Der Dachstuhl des Bollwerks war so konstruiert, daß er im Kriegs- oder Brandfall mithilfe von Schleudern abgeworfen werden konnte. Über eine Rampe erfolgt der Zugang zum Burghof, über dem Tor befindet sich ein stark abgewitterter Wappenstein mit dem Allianzwappen → Zimmern-Henneberg. Der unregelmäßige Innenhof mit 17 m tiefer Zisterne, die das von den Dächern kommende Wasser sammelt, wird von pultdachgedeckten Wehrgängen umschlossen. Den nördlichen Abschluß zum Tal hin bildet der zweistöckige Palas mit Zwerchhaus und Gauben. Sein Kernstück war ein ehem. weitläufiger Rittersaal mit Blick nach O und N. Darüber befanden sich die Wohngemächer Gf. Gottfried Werners; im Erdgeschoß eine Schmiede und (Pferde-)Mühle, im Keller Vorratsräume. Nach O, über dem Felsabsturz, befindet sich die 1524/1525 erbaute Kapelle mit Dreiachtelschluß, Netzgewölbe und freistehendem Sakramentshaus. In das Steinrippengewölbe und seine Konsolen ist ein Wappenzyklus eingearbeitet, eine »heraldische Darstellung des Gesamthauses → Zimmern in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts« (Trugenberger, Wappen, S. 350). Die Kapelle besitzt eine 1525 von Gf. Gottfried Werner gestiftete Glocke. 1625 war noch ein grünes Antependium des Altars mit Allianzwappen → Zimmern-Hennberg vorhanden. Der sog. »W.er Altar« (richtiger: Altar der Zimmern'schen Hausheiligen) des Meisters von Meßkirch wurde dagegen wohl nicht für W., sondern für die Schloßkapelle in Meßkirch gefertigt. Seit 1663 ist der Falkensteiner Altar in W. bezeugt.
Durch Wandmalereien sind bis heute zwei weitere Teile der Burg bes. hervorgehoben. Die »Kommandantenwohnung«, ehem. die Wohn- und Schreibstuben Gf. Gottfried Werners, besitzt an ihren Holzdecken, Wänden und Türen eine Ausstattung aus ornamentaler und figürlicher, grau in grau ausgeführter Malerei, darunter Jagdszenen, ein Triumphzug von Putten, ein Zentaur und ein halblebensgroßer Schalksnarr. Im ehem. Rittersaal, der durch moderne Einbauten der Jugendherberge (Speisesaal und Empfang) stark gestört ist, befindet sich neben Rankwerkmalerei mit Putten und Vögeln aus der Nachfolge des Malers Hans Haggenberg (Anfang 16. Jh.) ein wohl in den 1520er Jahren entstandener al secco gemalter Bildzyklus mit Darstellungen zum »jüngeren Sigenot«. Die auf Buchholzschnitten beruhende Darstellung berücksichtigt bereits die Lesegewohnheiten des Buchdruckzeitalters. Begleitet wird das ursprgl. wohl noch wesentlich größere Ausstattungsprogramm des Raums von einem Zyklus von Wappen des Zimmern'schen Gesamthauses und einzelner vornehmer Vorfahren. Obwohl die Burg v.a. als Refugium genutzt wurde, zeugt diese Bildausstattung von einem Repräsentationswillen, der sich alleine aufgrund seiner Größe und Exponiertheit sicherlich nicht nur an den engeren Kreis der eigenen Familie richtete.