Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

ZIMMERN

C. Seedorf

I.

Sedorof (786), Sedorf (797), Sedorf (1007). – D, Baden-Württemberg, Reg.bez. Freiburg, Lkr. Rottweil, S., Gmd. Dunningen. – Gft. → Zimmern; Gf.en von → Zimmern (Herrschaft vor Wald). – Geschlechtersitz, Wasserschloß. – Nebenres., Wwe.nsitz (14. Jh.-1549).

II.

S. liegt in der Gäulandschaft am oberen Neckar, in einer Schlinge der Eschach, die vom Ostabhang des Schwarzwaldes kommend in zahlr. Windungen die Hochebene zwischen Schiltach und Neckar durchzieht und südlich von Rottweil in den Neckar mündet. Nach römischen Siedlungsspuren weisen alemannische Reihengräber auf eine Siedlungsentstehung in der frühalemannischen Ausbauzeit. Der Name leitet sich wohl von örtlichen, später trocken gelegten Karstseen ab. In Güterschenkungen des Gf.en Gerold und einer gewissen Ata 786 und 797 an das Kl. St. Gallen tritt der Ort früh ins Licht der schriftlichen Überlieferung (Sedorof, Sedorf). Die Existenz von Kg.sgut wird 1007 erkennbar, als Ks. Heinrich II. Besitz in S. zur Ausstattung des von ihm gegr. Bm.s Bamberg schenkte. Mit Eberhard von Sedorph, der als Gönner des Kl.s St. Georgen auftrat, begegnet 1084 erstmals Ortsadel. 1277, 1281 folgen Friedrich von S. und sein Großvater Ritter Burkhard, gen. Schenk von S., zu Beginn des 14. Jh.s Ulrich und seine Söhne Aigelwart, Ulrich, Friedrich und Konrad. Sie sind als Ritter der Herren von Falkenstein bezeugt, die im 14. und 15. Jh. ebenfalls in größerem Umfang in S. begütert waren. Durch die Ehe Werner von Zimmerns mit Anna von Falkenstein 1288 treten die Herren von → Zimmern, deren Stammburg sich im unweit gelegenen Herrenzimmern befand, erstmals in S. in Erscheinung. In den folgenden Jh.en entwickelte sich S. zum zweiten Hauptort ihrer Herrschaft »vor Wald«. Werner und Johann d.Ä. von → Zimmern gelang der sukzessive Zuerwerb von Besitzungen in und um S., darunter 1427 und 1431 der Bamberger Besitzungen, nun als Eigen, und Teilen am großen und kleinen Zehnten. Langfristig erlangten die → Zimmern beträchtliche Anteile an der Grund-, Zehnt- und Leibherrschaft und konnten diese zur Ortsherrschaft verdichten, ohne jedoch über sämtliche Herrschaftsrechte zu verfügen: Weiterer Besitz lag in der Hand von Bürgern und verschiedener kirchlicher Einrichtungen Rottweils, der Kl. Rottenmünster, Wittichen, Gengenbach, der Oberndorfer Augustinerinnen etc. Kirchlich war S. Filiale von Dunningen. Wie in Herrenzimmern betrieb die Herrschaft einen langsamen Ablösungsprozeß, der bis in die Neuzeit hinein fortdauerte, ohne aber die Bindung an die Mutterkirche vollständig aufzulösen: Nach einer Vereinbarung Werner von Zimmerns mit dem Dunninger Kirchherrn von 1363 sollte sonntags im Wechsel in → Herrenzimmern und S. die Messe gelesen werden. 1473 erhielt der Burgkaplan die Erlaubnis zur Sakramentenspendung im Ort, 1478 folgte die Stiftung einer Kaplaneipfründe mit Predigterlaubnis.

Die Burg S. ging offensichtlich noch auf die Herren von S. zurück. 1312 ist sie als Wwe.ngut Anna von Falkensteins bezeugt. Diese Funktion als Wwe.nsitz sollte ihr in den folgenden Jh.en noch öfter zukommen: Nach dem Tod Werner von Zimmerns 1384 zog seine Gemahlin Brigitta von Gundelfingen nach S., wo sie auch verstarb. Zwei in S. ausgestellte Urk.n bezeugen, daß sie hier auch Rechtsgeschäfte tätigte. In der folgenden Generation bezogen Johann d.Ä. und Kunigunde, geb. von → Werdenberg-Sargans, die S.er Burg, dahin sie baide ain rechte liebe und ain besondern genaigten willen hetten und die Kunigunde als Wwe.nsitz zugewiesen war. Im 15. Jh. bewohnte sie Gottfried von → Zimmern, der S. den Vorzug vor Herrenzimmern gab. Bei einem Besuch starb hier seine Schwester Anna. Während der Reichsacht Johann Werners d.Ä. 1488-1504 fand seine Frau Margarethe, geb. Gf.in von → Oettingen, in S. Zuflucht. Bei der Herrschaftsteilung in der darauffolgenden Generation fiel S. zunächst an Gottfried Werner, dann an Johann Werner d.J., der 1513 zusammen mit seiner Frau Katharina Schenkin von → Erbach seine Haushaltung hierher verlegte, teilw. aber auch Schloß Schenkenzell und ein Haus in → Meßkirch bewohnte. 1524 kam hier sein Sohn Gottfried Christoph zur Welt. Nachdem er mehrere Jahre auf Schloß → Falkenstein über dem Donautal gelebt hatte, verlegte er 1547, weil er sich Linderung seiner Leiden von einer Schwefelquelle versprach, seine Haushaltung erneut nach S., wo er 1548 auch starb. Die Burg diente nun noch für rund ein Jahr als Wwe.nsitz Katharina von → Erbachs. Nach ihrem Tod 1549 wurde die Burg aufgegeben. Trotz des sukzessiven Ausverkaufs von → Zimmern'schem Besitz in der Herrschaft »vor Wald« an die Reichsstadt Rottweil, blieb S. davon bis zum Aussterben der Gf.en 1594 ausgenommen, abgesehen von einem kurzzeitigen Verkauf auf Rückkauf während der Reichsacht 1495. Erst mit dem endgültigen Verkauf der Herrschaft »vor Wald« durch die Zimmern'schen Erben 1595 kam S. mit allen Herrschaftsrechten, großem und kleinem Zehnt, Kollatur und Kirchensatz an Rottweil, zu dessen Territorium es bis zur Mediatisierung 1802/1803 gehörte.

S. ist ein unregelmäßiges Straßendorf mit einer Haupt- und mehreren Querstraßen. Zur Herrschaft gehörte die Verleihung einer Mahl- und Sägemühle. 1418/19 ist erstmals ein dörflicher Schultheiß belegt. In Rottweiler Zeit wurde S. einem Obervogteiamt zugeteilt, die Dorfverwaltung nahmen der Schultheiß, ein Untervogt und das Dorfgericht wahr, die ihrerseits verschiedene Funktionsträger bestellten (Büttel, Gemeindepfleger, Heiligenpfleger, Feuerschauer, Waisenpfleger, Mesner, Hebamme, Nachwächter, Hirten etc.). Im 16. Jh. kam es mehrfach zu bäuerlichem Widerstand. Während Gottfried von → Zimmern nach Meinung seines Enkels seinen Untertanen ain gütiger, barmherziger herr war, verschlechterte sich das Verhältnis infolge zunehmenden Abgabendrucks unter Johann Werner d.J. Im Bauernkrieg waren die S.er Bauern die aller abenteurigisten wider die herrschaft. Hatten die Dorfbewohner zur Geburt Gottfried Christophs 1524 noch eine Wallfahrt unternommen, so floh die Herrschaft ein Jahr später unter dem Hohn der Dorfbewohner, die unverhohlen mit dem Totschlag der Stammhalter drohten. Bei der Erbhuldigung 1548 kam es erneut zu Widersetzlichkeiten, die den zögerlichen Gf.en Froben Christoph zusammen mit Jos Niklas von Zollern einen gewaltsamen Handstreich planen ließen, dann jedoch auf friedliche Weise, freilich zu Lasten der Bauern, beigelegt wurden.

III.

Die Burg von S. ist heute bis auf wenige Spuren im Gelände vollständig verschwunden. Sie befand sich zwischen Schule und Rathaus anstelle des heutigen Gasthauses »Zum Lamm«. Beim Bau einer Wasserleitung zu Beginn des 20. Jh.s wurde ein aus Buntsandstein gemauertes Gewölbe angeschnitten, das der Burg zugeordnet wurde. Ferner waren zu diesem Zeitpunkt noch Spuren von Wällen und Gräben im Gelände zu erkennen. Der ehem. Herrenweiher wurde auf der Pfarrwiese lokalisiert. Von den Wirtschaftsgebäuden war damals noch die Schloßmühle mit entspr. Wehren erhalten.

Für das Aussehen der Burg bleibt man deshalb auf die Aussagen des Chronisten Froben Christoph von → Zimmern angewiesen, der sie noch aus eigener Anschauung kannte: Die anrührende Bemerkung, der todkranke Veit Werner (gest. 1499) von → Zimmern habe von Stuttgart nach S. kommen wollen, dahin er ain besonders verlangen, und [meinte, wenn er] den bach alda hörte rauschen, so wurden seine sachen sich zu fürderlicher pesserung schicken, spricht ebenso wie die Beschreibung, das S. in eim sumpf gelegen, mit weihern allenthalben umbgeben für ein Wasserschloß. Burgstall und Wassergräben werden 1495 nochmals eigens erwähnt. Dazu besaß es offensichtlich runde Wehrtürme, denn Johann Werner ließ in die runden thürn am schloß schutzlecher brechen, erschelt und verdärbt aber damit die mauren, das sie gespalten und von ainandern gangen und entlichen verursacht haben, das solch schloß in nachgenden jharen abgangen und zu ainem burgstal worden. Offensichtlich hatten Alter und Feuchtigkeit dem Bauwerk zugesetzt: Zum Jahr 1547 heißt es, das schloß daselbst [sei] ein alts gebew, auch in grosem abgang. Nach der Erbteilung 1549 wurde die Wohnnutzung deshalb aufgegeben, der hölzerne Dachstuhl abgetragen und das Mauerwerk dem Verfall und der Sekundärverwendung überlassen. In diesem Zustand ist das Gebäude auf der Rottweiler Pürschgerichtskarte von 1564 eingezeichnet.

Die Burg besaß eine Burgkapelle, die offensichtlich auf Kunigunde von → Werdenberg-Sargans zurückging, die Schloß S. fast widerumb, nach dem es bawfellig gewesen, von newem erbawen, insonderhait ain capellen, in welchem sie ain aigne caplonei und ain eewig liecht verordnet. Das Präsentationsrecht auf die Kaplanei blieb bei der Familie. Nach ihrem Tod stiftete Johann d.Ä., – gleichzeitig mit einer Kaplaneipfründe in der Burgkapelle von Herrenzimmern – eine ewige Messe in der S.er Burgkapelle. Dabei werden Maria, die Hl. Dreikönige und die Hl. Kunigunde als Patrone des Altars gen. 1473 erhielt der Burgkaplan die bfl. Erlaubnis zur Sakramentenspendung in der Dorfkirche.

Die Burg besaß das übliche Inventar, das in der Chronik einmal summarisch angedeutet wird, da sich Anna von → Zimmern, verh. Gf.in von → Werdenberg, 1431 daran vergriffen habe: Nach dem Tod ihrer Mutter habe sie mehrere Wagen nach S. führen lassen. Damit lude sie und fürte hinweg allen den husrath, so verhanden was, bet, betgewat, silbergeschir und alles, was farende hab gehaißen wurdt. Das schickt sie als über sich hinauf geen Dietfurt [Vilsingen, Gmd. Inzigkofen, Ldkr. Sigmaringen], da was ir sitz. Also ließ sie das schlos Shedorf leer und geplindert auf iren herrn vatter warten. Deshalb habe Johann d.Ä. bei Aufenthalten in S. in einem Bauernhaus übernachtet. Nach Aufgabe der Burg diente das Haus des Dorfvogts der Herrschaft als Unterkunft. Damit endete die ohnedies offenbar weder repräsentative noch bequeme Res. S.