Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ZIMMERN

C. Meßkirch

I.

Messankirche (1080), Meschilchi (1202), Meskirch (1241, 1289), Meskilche (1242), Missechilchen (1274), Meskilch (1275), Messekilch (1312, 1324), Meskylch (1374), Meskirch (1441), Messekilk, Meißkirch, Mösskierch (1554). – D, Baden-Württemberg, Reg.bez. Tübingen, Lkr. Sigmaringen. – Gft. → Zimmern; Gf.en von → Zimmern (Herrschaft M.), Gft. → Helfenstein-Gundelfingen; Gf.en von → Helfenstein-Gundelfingen, Gft. → Fürstenberg; Gf.en von → Fürstenberg. – Stadtburg, Schloß. – Res. (um 1384-1744), Wwe.nsitz (1762-1808).

II.

M. (616 m NN) liegt auf der sanft gewellten Hochebene des (großen) Heubergs, einem nach S, zum Bodensee hin abfallenden Ausläufer der Schwäbischen Alb, links der Ablach. Etwa 15 km nördlich verläuft das scharf in den Weißjura der Albhochfläche eingeschnittene Durchbruchstal der jungen Donau. Die Ablach, die von der Mindersdorfer Aach nach NO zur Donau hin fließt, in die sie bei Mengen-Blochingen einmündet, folgt einer Schmelzwasserrinne der letzten Eiszeit. Das Stadtgebiet liegt am Übergang zum Altmoränenland, der den Eisrand der Rißeiszeit markiert. Bei M. kreuzen sich die alten Verbindungsstraßen Stockach-Sigmaringen und Tuttlingen-Ulm (heute L 311, 313). Das erhöht gelegene Ensemble der dreiflügeligen Schloßanlage und der benachbarten Pfarrkirche verleiht der Stadt bis heute ein herrschaftliches Gepräge.

1977 wurde etwas westlich der Stadt ein ins 2. Jh. n. Chr. datierender römischer Gutshof aufgedeckt. Benachbarte -ingen-Orte zeugen von merowingerzeitlicher Besiedlung. M. war Urpfarrei; auf die kirchliche Zentralfunktion (nicht etwa auf einen vermeintlichen Kirchengründer Messo) bezieht sich auch der Name »Meß-Kirch«: eine Kirche, in der von alters her Messe gefeiert wurde. Die Einrichtung der Pfarrorganisation um 750 und das Martinspatrozinium der Kirche geben den Ort als fränkische Gründung, wohl unter Beteiligung der Abtei Reichenau, aus. Nach 1216 ist erstmals ein Dekan de Messekirche bezeugt, seither blieb M. bis in die jüngste Zeit hinein (2008) Dekanatssitz. Die Mitglieder des Landkapitels bildeten eine als »Notbrüder« oder »Chorbrüder« bezeichnete Gebetsgemeinschaft. Zur Pfarrkirche St. Martin kam 1356 die Liebfrauenkapelle an der Ablach vor den Mauern der Stadt hinzu. Ferner bestanden eine seit 1466 bezeugte Friedhofskapelle mit Beinhaus und eine Eulogius- (Leonhard-)Kapelle. 1372 wird eine Beginen-Niederlassung erwähnt. In der Neuzeit ergänzten Fs. Franz Christoph von → Fürstenberg und seine Gemahlin Maria Theresia geb. Hzg.in von → Arenberg die M.er Sakraltopographie um ein 1661-1665 gestiftetes Kapuzinerkl. in der Vorstadt vor dem oberen Tor, zu dem 1676/77 noch eine Lorettokapelle hinzukam. Ein 1660 gegr. Ursulinenkl. hatte nur kurzen Bestand (1668 nach Landshut verlegt).

Das Heuberggebiet zählte im FrühMA zu der nicht genauer umschreibbaren Goldineshuntare. Im HochMA gehörte M. zur Herrschaft der Gf.en von Rohrdorf, die, ohne über eigtl. Gf.enrechte zu verfügen, als Bezirksvögte des Kl.s Reichenau amtierten. Der von ihnen verwaltete Herrschaftsbereich, der sich mit der Pfarrei M. deckte, zeichnete die spätere »Herrschaft M.« vor. Seinen Mittelpunkt bildete die Burg Benzenberg (abgeg. bei Rohrdorf, heute Stadt M.), während ein Dienstmannengeschlecht »von M.« wohl die älteste hiesige Burg verwaltete. Auf die Rohrdorfer folgten die Herren von Neuffen, dann die Truchsessen von → Waldburg, die einen eigenen Zweig der Truchsessen von Rohrdorf begründeten und bereits nach M. tendierten. Durch Heirat der letzten Truchsessin von Rohrdorf Anna mit Werner d.Ä. von → Zimmern 1319 kam die Herrschaft an die Herren und nachmaligen Gf.en von → Zimmern, bei denen sie bis zum Aussterben im Mannesstamm 1594 verblieb, abgesehen von einem Intermezzo der Gf.en von → Werdenberg während der → Zimmern'schen Reichsacht in den Jahren 1488-1496. Mit der Verlegung ihres Herrschaftsschwerpunkts vom oberen Neckar nach M. förderten die → Zimmern die Zentralität des Ortes im 14. Jh. weiter und bestimmten die Entwicklung der Stadt bis ins ausgehende 16. Jh. hinein nachhaltig. 1595 fiel M. an die Gf.en Georg und Froben von → Helfenstein, die ihre Res. von Neufra hierher verlegten, und eine Generation später über Johanna Eleonore von → Helfenstein an Gf. Wratislaus II. von → Fürstenberg (1600-1642). Er begründete eine eigene Linie → Fürstenberg-M.; schon die Beisetzung Johanna Eleonores in M. anstatt Neudingen 1627 bedeutete ein Bekenntnis zur Res.stadt M. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erfolgte eine wirtschaftliche Konsolidierung unter Franz Christoph von → Fürstenberg (1625-1671) und Maria-Therese, geb. Gf.in von → Arenberg (1660-1705), die ihren Mann um mehr als dreißig Jahre überlebte. Unter dem gebildeten Froben Ferdinand (1664-1741), der »wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen der typische Vertreter des Landesfsm.s süddeutscher Prägung vor dem Zeitalter des eigtl. Absolutismus« war (Bader, Herrschaft M., S. 53), folgten eine von patriarchalischer Fürsorge geprägte Ära und eine kulturelle Blütezeit. Seine Rückkehr nach zehnjähriger Tätigkeit als ksl. Prinzipalkommissar beim Regensburger Reichstag 1735 war Anlaß zu ausgedehnten Feierlichkeiten. Mit dem früh verstorbenen Karl Friedrich erlosch die M.er Linie 1744, ihr Erbe trat die Linie → Fürstenberg-Stühlingen an. Als Wwe.nsitz von Maria Anna von → Fürstenberg, geb. von der Wahl, in den Jahren 1762-1808 erhielt M. nochmals Res.funktion.

Erste schriftliche Erwähnung findet M. in der 1085-1090 von Ekkebert von Hersfeld verfaßten Vita des Hl. Haimrad, die als Herkunftsort des Heiligen de loco qui dicitur Messankirche angibt. Nennungen eines eigenen Kornmaßes (avenae Messkilchis mensurae, 1210), eines Maßes (ponderis Meschilchensis, 1282) und eines Marktes (Burchardus in foro, 1241) lassen die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung des Orts erkennen; die gleichzeitig bezeugten Bürger (civium in Missekilch, 1241) verweisen auf einen Stadtwerdungsprozeß, der 1261 auch begrifflich abgeschlossen war (apud civitatem Messekilch). Förderer dieses Prozesses waren die Truchsessen von Rohrdorf, deren Wappen 1351 auch das städtische Siegelbild abgab (später der → Zimmern'sche Löwe). Ein frühma. Siedlungskern wird auf dem Höhenzug im Umfeld des heutigen Schlosses vermutet. Die ma. Stadt wurde von einer einzigen Hauptstraße durchzogen, die sich in der Mitte zu einem Marktplatz erweiterte. Die 1287 erstmals bezeugte Stadtmauer mit vorgelagertem Graben und vier Toren (oberes oder Angertor, unteres oder Frauentor, Burgtor, Zitplomentor) bildete die Befestigung; eine Zwingeranlage wurde im 16. Jh. abgebrochen. 1550 wurde die Kernstadt von Gf. Froben Christoph von → Zimmern um eine Vorstadt vor dem Angertor erweitert, die jedoch zunächst dem Hochgerichtsbezirk der Gft. → Sigmaringen unterworfen blieb. Um dies. Zeit entstanden ein herrschaftlicher Fruchtspeicher (»Weißenburg«) und ein »neues« Spital außerhalb der Stadt. Neben dem üblichen Gewerbe war die Stadt Umschlagplatz für Vieh und Getreide. Mühlen, Badstuben, eine Ziegelhütte und verschiedene Läden am Markt wurden von den → Zimmern als Erblehen vergeben. Die Stadt besaß zwei, später vier Jahrmärkte. Im Zusammenhang mit der von Franz Christoph von → Fürstenberg betriebenen Eisenerzgewinnung entstand in M. im 17. Jh. ein Eisenmagazin für den Handel mit der Bodenseegegend und Nordostschweiz.

Der kommunalen Selbstverwaltung blieben bis ins 18. Jh. hinein enge Grenzen gesetzt. An der Spitze der Stadt standen ein herrschaftlicher Ammann, ein Richter und ein zwölfköpfiger Rat, der seit 1525 ebenso wie die höheren Gemeindeämter von der Herrschaft ernannt wurde. Die Rechtsstellung der Einw. war noch 1457 äußerst heterogen. Namentlich unter den → Zimmern war das Verhältnis von Herrschaft und Gmd. nicht frei von Spannungen. 1379 kam es über das Ausmaß der gemeindlichen Rechte zu ersten Konflikten. Nachdem sich einzelne Bürger in den Schutz der Reichsstadt Überlingen begeben hatten, wurde noch im gleichen Jahr ein Schiedsvertrag geschlossen. Eine Generation später erzwang Johann d.Ä. 1457 durch einen handstreichartigen Überfall auf M. eine Erbhuldigung zu schlechterem Recht. Das damals geführte seidene Sturmfähnlein mit dem Zimmern'schen Löwen verblieb als Memorial- und Warnzeichen in der Kirche. Das weitere Verhältnis zwischen Bürgerschaft und Stadtherr regelten Verträge von 1523, 1525 und 1573. Mit einem heraldischen Scheibenzyklus im Rathaus und Wappenstein (→ Zimmern-Henneberg) von 1518, der sich ursprgl. am unteren Tor befand, war die Herrschaft auch optisch in der Stadt präsent. Reformation und Täufertum fungierten nochmals als Katalysatoren städtischen Autonomiestrebens, trafen aber auf die entschiedene Gegenwehr Gf. Gottfried Werners, der ein paternalistisches Regiment über die Stadt führte. Ein nächtlicher Lärmzug, zu dem er seinen Neffen Froben Christoph anstiftete, kann als bewußte Provokation des Ammanns und symbolische Machtdemonstration über die Stadt verstanden werden. Bezeichnend ist die Bemerkung seines Neffen, daß die Untertanen auch nach seinem Tod noch den Hut vor seinem Fenster gezogen hätten. Gf. Froben Christoph von → Zimmern verlegte die Erbhuldigung 1554 von der Stadt in den Schloßhof und damit in einen betont herrschaftlichen Kontext. Eine tiefe Abneigung gegen stadtbürgerliche Freiheiten (»Ungehorsam«) ist seiner Chronik deutlich anzumerken. Eine Erbhuldigungsurk. in gemeindlicher Überlieferung ist erst wieder mit Datum vom 22. Aug. 1595 – nach dem Aussterben der → Zimmern – erhalten.

III.

Schloß M. erstreckt sich in erhöhter Lage in der sog. Oberstadt, auf einer Altmoränenzunge, die von der Ablach und dem Metten- bzw. Grabenbach – der Name deutet bereits auf die Funktion – umflossen ist. In Spornlage neben dem Schloß ist die Kirche St. Martin gelegen. Das Schloß präsentiert sich als regelmäßige, dreiflügelige Renaissanceanlage, auf der rückwärtigen Seite befindet sich, anstelle des vierten Flügels und gegenüber dem Neubau schräg gestellt der Vorgängerbau, das sog. »Schlößle«. Das architektonische Konzept geht im wesentlichen auf den Baumeister Georg Schwartzenberger aus Landsberg am Lech zurück.

Ein erster, hochma. Herrschaftssitz der Ortsherrschaft dürfte im 14. Jh. durch Brand zerstört worden sein. Spuren davon wurden möglicherw. 2007 bei Grabungen nordöstlich des Schlosses angeschnitten. Eine erste Zimmern'sche Burg wurde unmittelbar nach 1384 durch Johann d.Ä. errichtet, der auch eine Familiengrablege in der benachbarten Stadtkirche begründete. Der Bericht der Familienchronik, er habe die Steine der Burg Benzenberg zum Bau der Stadtburg nach M. führen lassen, ist nicht zu verifizieren, reflektiert aber die Herrschaftsverlagerung von Rohrdorf nach M. und damit die eigtl. Res.gründung mit den Elementen Burg, Stadt und Grablege. Ein Brunnenschacht und Substruktionen im Umfeld des »Schlößle« sowie kürzlich ergrabene Wirtschaftsgebäude können der spätma. Burg zugeordnet werden. Während ihrer Herrschaft über M. (1488-1496) erbauten die Gf.en von → Werdenberg ein neues steinernes Haus, dessen Außenbau nach Dendrodaten vom Dachstuhl 1492 fertiggestellt war. Der Innenausbau erfolgte jedoch erst nach 1538 unter Gottfried Werner von → Zimmern. Aufgrund baugeschichtlicher Befunde sind diese Baumaßnahmen relativ gut nachvollziehbar.

Auf die herrschaftliche Burg waren mehrere Dienstmannensitze in der Stadt bezogen, die das Erscheinungsbild der ältesten Res. komplettierten: Bekannt sind der Isenharter Hof zwischen Kirchhof und Burgtor, der Wülflinger Hof zwischen Burg und Stadtmauer, die beide später in den Besitz der Herrschaft übergingen. Der »obere Hof« war Reichenauer Lehen und zeitw. an Albert von Rain weitergegeben. Der jungkfrow Metzen hove wurde von Bertold Truchseß von Rohrdorf und Johann d.Ä. von → Zimmern bewohnt. Später diente ein Haus bei der Pfarrkirche Margaretha von → Oettingen als Wwe.nsitz. Ihr Sohn Johann Werner d.J. bewohnte den »unteren Hof« an der Stadtmauer (zwischen Grabenbach- und Hauptstraße, später Sitz des Ursulinenkl.s, 1945 zerstört); ferner das Pfründhaus »bei dem Tor vor dem Schloß« und schließlich ein Haus am Markt gegenüber dem Rathaus. Auch seine Gemahlin Katharina Schenkin von → Erbach wohnte bis zu seinem Tod 1548 im »unteren Hof«. In dem gen. Pfründhaus lebte um 1500 eine Gf.in von → Tengen.

Mit dem vor das »Schlößle« gestellten Renaissanceschloß begann Froben Christoph von → Zimmern einen Neubau, der sich vollständig von der Vorgängerbebauung löste. Das Schloß gehört dem ital. Kastelltypus (regelmäßige Vierturmanlage) an. Die Konzeption kann auf das architekturtheoretische Werk Sebastian Serlios (1475-1554) zurückgeführt werden. M. ist nicht nur der erste Vertreter dieses Bautypus nördlich der Alpen, dem die Schloßbauten von Hohenems (1561/62), Wolfegg (ab 1580), Zeil (1599-1614) und Heiligenberg (ca. 1560-1607) folgten, sondern auch ein frühes Beispiel für den Renaissancebau im dt. SW überhaupt: Die Grundsteinlegung erfolgte am 9. Mai 1557, ein Jahr nach dem Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses. Die Baumaßnahmen zogen sich bis zum Tod Froben Christophs 1567 hin. Die Vollendung durch einen vierten Flügel nach NW, anstelle des »Schlößles« unterblieb aus Pietäts- oder Kostengründen, statt dessen wurde der ältere Bau durch einen Verbindungsgang angeschlossen. Unter Gf. Wilhelm von → Zimmern erfolgten der Abschluß und der Innenausbau. Nach der Erhebung in den Reichsfs.enstand 1716 veranlaßte Froben Ferdinand von → Fürstenberg eine Modernisierung und Erweiterung durch den Einbau eines dem zeitgemäßen Zeremoniell entspr. Stiegenhauses und die Barokkisierung der Schloßkapelle (Ausmalung durch Josef Ignaz Wegscheider) und mehrerer Zimmer (Leitung Johann Georg Brix). Damals entstand auch der bemerkenswerte barocke Bibliothekssaal, der 1768 ausgebaut und komplett – Stellagen, Arbeitstische, samt Türen und Türfassungen – nach Donaueschingen transferiert wurde (Max Egon-Saal im Archivgebäude). Nach dem Ende der Res. für Amts-, Wohn- und schließlich Schulzwecke genutzt, ging das Schloß 1961 in den Besitz der Stadt M. über, wurde seit 1986 durchgreifend renoviert und einer öffentlichen Nutzung zugänglich gemacht.

Das »Schlößle« präsentiert sich heute als langgestreckter, dreigeschossiger Massivbau mit steilem Satteldach und einem an die Nordostecke angefügten quadratischen Eckturm. Ein Treppenturm und der gesamte westliche Gebäudeteil wurden im 19. Jh. bis auf die Gewölbekeller abgebrochen, so daß der Baubestand (Grundfläche etwa 13 x 27 m) nur noch zu Teilen die ursprgl. Anlage repräsentiert. Das Äußere des Renaissanceschlosses wird bestimmt durch die langgestreckten, zweistöckigen Flügelbauten mit Satteldächern und die um ein Stockwerk erhöhten Ecktürme mit Zeltdächern. Lediglich das aus der Achse herausgeschobene Portal und das 1735/36 vorgebaute Stiegenhaus durchbrechen im Stadtflügel die Symmetrie; bei den beiden anderen Flügeln ergeben sich Abweichungen durch den Geländeabfall und die Stellung des Nordturms zum Innenhof. Die Fassaden sind nach außen hin durch Gurtgesimse, zum Hof hin durch ein Doppelgesimsband mit Karniesprofil und Okuli gegliedert, die Türme weisen ein mit Konsolfries versehenes kräftiges Kranzgesims auf. Weitere Gliederungselemente bilden die drei Zugangsportale aus Rohrschacher Sandstein sowie plastischer Wappenschmuck mit den Wappen → Zimmern- → Erbach (für die Eltern Gf. Froben Christophs), → Zimmern-Henneberg (für Gottfried Werner und Apollonia von Henneberg) und schließlich, auf 1611 dat., → Helfenstein-Gundelfingen. Im Inneren des Schlosses ist v.a. der Festssaal in der Mitte des Stadtflügels hervorzuheben, der bei der letzten Renovierung unter weitgehender Nutzung der Originalsubstanz wiederhergestellt werden konnte: Mit einer Fläche von etwa 10 x 31 m nimmt er die gesamte Gebäudebreite ein. Den Raumeindruck prägen die Wandgliederung mit neun rundbogigen Fensternischen an der Längs- und zwei Steinkaminen an den Stirnseiten sowie eine dunkle, ornamentierte Holzkassettendecke mit abhängenden, goldenen Blattzapfen an den Schnittpunkten. Dendrochronologisch auf 1563 dat., geht er dem Rittersaal von Schloß Heiligenberg zeitlich voraus und gehört überhaupt zu den frühesten erhaltenen Zeugnissen derartiger Säle in Dtl. Die übrige Einrichtung des Schlosses verschwand mit der Auflösung der Res. weitgehend, eine Kreuzigungsgruppe von Johann Joseph Christian (um 1739) aus der im 19. Jh. profanierten Kapelle befindet sich in der Pfarrkirche Emmingen ob Egg. Die Hofstube unter dem Saal, eine Küche im Kellergeschoß des Ostturms, das Musikzimmer und die Kapelle mit anschließendem Archivraum im Parkflügel lassen ihre ursprgl. Funktion noch erkennen.

Einblick in die Res. des 17. Jh.s und ihre funktionale Differenzierung gewährt ein Inventar aus dem Jahr 1642. Damals existierten neben mehreren unbezeichneten Gemächern, Stuben, Kammern, und Kellerräumen: Ihr Exzellenz unteres Zimmer, Fürstengemach, Wartstube vor Ihrer Exzellenz Zimmer, Ihr Exzellenz meiner gnädigen Frau Zimmer und Kammer, Frauenzimmer-Kammer, Graf Hansen Zimmer, der alten Frau Gräfin Zimmer, Graf Albrechts Stube, Grosse Tafelstube, Saal gegen dem Fürstenzimmer, oberes Turmgemach, Schneckenstiegenzimmer, hinteres Turmzimmer, Hofkapelle, Sakristei, Kanzlei, kleine Kanzlei, Rentamtsstüblin, Schreibstüblin, Silberkämmerlein hinter der langen Tafelstube, Goldkammer, Küche, Brunnen vor der Kuchin, samt Speis, Keller und Gewölben, Pastetenstüblin, Küche hinter dem Frauenzimmer, Apotheke, Brennküche, Gesindestube, des Burgvogts Stüblin, des Hofmeisters Stube, Mägdezimmer, des Gärtners Gewölb, der Kuchenkeller, Kammer beim Hühnerhaus, Behaltnuskammer bei dem hinteren Schnecken, Kaminkämmerlein, Kämmerlein hinter der großen Tafelstube, Speicherräume. Hinzu kamen: Schmiede, Marstall, Pfisterei, des Hofmeisters Turm, Kammer, Kuchele, Torstüblein, Schreinerei, Türmlein davor, und die Nebengebäude, bestehend aus Tummelhaus, Bindhaus, Eisgewölb, Waschhaus, Zeughaus, Zeughäusle, unteres Türmlein beim Zeughaus, Schlossgarten sowie Lustgarten. Bes. Bedeutung besaßen offenbar die Malerstube und -kammer, die über längere Zeit hinweg erwähnt werden. Zu den Versorgungsgebäuden gehörten die mittlere Talmühle, das Haberhaus in der Vorstadt, die Herrenmühle, eine Zehntscheuer mit daneben gelegenem Falkenhaus, zwei Kornhäuser in der oberen Stadt, eine Sägemühle vor der Stadt, Beamtenhäuser und Reiterhäuser. 1623, also noch zu Helfenstein'scher Zeit, befanden sich im Schloß mehrere Fs.enbildnisse, ein Zyklus mit Bildern der vier Jahreszeiten, wappengeschmücktes Silbergeschirr, die Bibliothek und auffallend viele Musikalien. Seit 1623 ist in der Kapelle auch das 1536 datierte Retabel der Zimmern'schen Hausheiligen (in der Literatur als »Wildensteiner Altar« eingeführt) des Meisters von M. bezeugt (F.F. Kunstsammlungen Donaueschingen, derzeit als Leihgabe in der Staatsgalerie Stuttgart); 1751 war es dann im Untern Cabinett aufgestellt. Anläßlich der Flüchtung nach Burg → Wildenstein 1642 findet ein Kreuzigungsbild Erwähnung, das Gf. Wratislaus allezeit bey sich im zimmer gehabt habe. Vermutlich handelt es sich dabei um die »Donaueschinger Kreuzigung« des Meisters von M. (Slg. Reinhold Würth, Schwäbisch Hall).

Im »Unteren Hof« sind 1625 bezeugt: Der Saal, das Stüblin gegen dem Garten mit einer gewölbten Bühne, die Kammer daran, der Gang davor, das Küchelin, obenauf vier Kammern, die Apothekerstube, die Kapelle, der Jungfrau Tennaglin Zimmer, die Kammer dabei, die Apotheke, der Gang vor der Magdstube, Keller, Küche, Nebengewölb und Garten. Der Saal war mit zehn contrafeth ausgestattet, das Gartenstüblein mit zwei. Bes. die Kapelle besaß ein reichhaltiges Inventar. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde es ruiniert, 1642 waren das gesamte Mobiliar und sogar die Fensterkreuze zerschlagen.

Von der ehem. Befestigung sind auf der Südwestseite noch eine Mauer mit zwei Rundtürmen und ein Wassergraben zu erkennen. Fundamente der nördlichen und östlichen Schloßhofmauer sowie eines runden, nach 1820 abgerissenen Eckturms wurden 2007 archäologisch nachgewiesen. Der nördlich an das Schloß anschließende Schloßgarten wurde von Gf. Froben Christoph von → Zimmern erweitert, mit Obstbäumen bepflanzt und ummauert und ist in Teilen heute noch erhalten. Von den Ökonomiebauten blieb das Reitstallgebäude erhalten (Herz-Jesu-Heim).

An das Schloß schließt sich die unmittelbar daneben gelegene Kirche St. Martin an, deren Patronatsrechte bei der Herrschaft lagen. Die funktionale Einheit von Schloß und Kirche unterstreicht ein hölzerner Gang, der beide im 16. Jh. miteinander verband und der Herrschaft für den Einzug in die Kirche eine Bühne bot. Bereits 1293 betete der Pfarrklerus die kanonischen Stunden. Werner d.J. hatte die Gründung eines Stifts beabsichtigt, die eine Stiftung Johann Werners d.Ä. von 1467 weiter vorbereitete. Nachdem sich im Verlauf des 15. Jh.s die Zahl der Kapläne auf zehn erhöht hatte, erhielt die Pfarrgeistlichkeit 1514 schließlich stiftsartige Statuten. Der spätgotische Neubau der Kirche in den Jahren 1526-1538 ging dem Ausbau von »Schlößle« und Schloß voran. Baumeister Lorenz Reder von Speyer, der zuvor am Konstanzer und Überlinger Münster tätig war, schuf eine dreischiffige Hallenkirche, die die Ausmaße des Vorgängerbaus nahezu verdoppelte. Sie erhielt eine ganz außerordentliche Ausstattung mit insgesamt wohl zwölf Altären, deren Tafeln der danach benannte Meister von M. im Stil des Frühmanierismus schuf. Sie kombinierten einen Passionszyklus mit Standbildern zahlr. Heiliger. Auf den Flügeln des Hochaltars ließen sich Gf. Gottfried Werner und seine Frau Apollonia von Henneberg als Stifter darstellen (bei der Barockisierung der Kirche 1772 entfernt, bis auf das ehem. Hochaltarblatt verkauft und seither zerstreut). 1732 folgte der Anbau der Nepomuk-Kapelle nach NW. Sie nahm eine Reliquie des 1729 kanonisierten Heiligen auf, die Fs. Froben Ferdinand von → Fürstenberg im Jahr zuvor in Prag erhalten hatte. Ihr heutiges Erscheinungsbild erhielt die Kirche durch den barocken Umbau in den Jahren 1770-1773, bei dem das spätgotische Gewölbe ausgebrochen, Langhaus und Chor erhöht, die Lichtführung verändert, ein Tonnengewölbe eingezogen und der Innenraum reich stuckiert und ausgemalt wurden (unter Beteiligung von Franz Anton Bagnato, Franz Josef Salzmann, Johann Georg Brix, Egid Quirin und Cosmas Damian Asam, Andreas Meinrad von Au).

Seit dem 15. Jh. nahm die Kirche das Erbbegräbnis der Herren von → Zimmern auf. Der ursprgl. Ort dieser Grablege ist nicht mehr mit Sicherheit zu bestimmen, doch spricht die mehrfach wiederholte Verpflichtung des Priesters, daß er täglich mit der Albe bekleidet »über der Herrschaft von Zimmern Grab« gehen solle sowie die Existenz eines Altars der herren altar vulgariter nuncupatur bzw. altare s. Georgii dominorum de Zymer (1497) eher für einen Ort in als bei der Kirche (anstelle der späteren Nepomuk-Kapelle?). 1430 stiftete Johann d.Ä. zu diesem Erbbegräbnis einen Quatemberjahrtag und später eine eigene Kaplaneipfründe. Im Zusammenhang mit dem Neubau der Kirche im 16. Jh. entstand auch das new zimbrisch begreptnus im chor, das ungefähr die Ausdehnung des Chorgestühls einnimmt. Das ursprgl. Hochaltarblatt des Meisters von M., das auf der Rückseite ein als Grisaille ausgeführtes Medaillon mit dem reitenden Tod zeigt, nahm auf die Grablege Bezug. Den Memorialcharakter des Chors unterstrichen auch die ursprgl. hier angebrachten, überlebensgroßen Bronzeepitaphien Gottfried Werner und Wilhelm von Zimmerns (heute im Langhaus): Das erstgenannte ließ Gottfried Werner 1551 noch zu Lebzeiten bei Pankraz Labenwolf in Nürnberg gießen. Das Epitaph für Wilhelm von → Zimmern, ultimus familiae, wurde 1595 von den Zimmern'schen Erben gestiftet und 1599 von Wolfgang Neidhard in Ulm ausgeführt. Beide können als Meisterwerke des Bronzegusses gelten. Weitere Epitaphien erinnern an Jakob Truchseß von → Waldburg-Wolfegg und Karl Friedrich von → Fürstenberg-M. Insgesamt fanden in der Martinskirche die letzten Mitglieder des Hauses → Zimmern, zwei Gf.innen von → Helfenstein und 22 Angehörige des Hauses → Fürstenberg ihre letzte Ruhe, zuletzt die 1808 verstorbene Fs.in Maria Anna, geb. Gf.in von der Wahl.

Mit dem Ensemble von Schloß und Kirche weist M. eine Herrschaftsarchitektur auf, die beinahe als Idealtyp einer südwestdeutschen Gf.enres. gelten kann. Mit der Verpflichtung des Meisters von M. oder Georg Schwartzenbergers, der Adaption des ital. Renaissancebaus, dem Einbau des neuartigen, lichtdurchfluteten, flachgedeckten Festsaals und dem Einsatz des Bronzegusses setzten die Gf.en von → Zimmern im 16. Jh. auf hohe künstl. Qualität und Innovationen, die der Herrschaftsrepräsentation gegenüber Standesgenossen und Untertanen dienten: Daß der Erbauer Froben Christoph von → Zimmern im Wappenschmuck des Innenhofs das reichsfsl. Konnubium seines Onkels mit den Gf.en von Henneberg aufrufen ließ, ist sicherlich ebensowenig ein Zufall, wie die Verlegung der Erbhuldigung 1554 schon in den Schloßhof des Vorgängerbaus, die das mitunter angespannte Verhältnis zur Stadtgemeinde unter ein neues herrschaftliches Paradigma stellte: Der als zurückhaltender und zögerlicher Kanzlist charakterisierte Gf. wollte mit dem Schloßneubau offensichtlich einen äußeren Rahmen für die von ihm betriebene Herrschaftsmodernisierung und -intensivierung schaffen. Unter der Linie → Fürstenberg-M. erlebte M. nochmals eine Blütezeit, abermals ablesbar an der Verpflichtung erstklassiger Künstler für den Kirchenbau. Der kinderlose Tod Karl Friedrich Nikolaus von → Fürstenberg-M.s 1744 und die von Fs. Joseph Wilhelm Ernst betriebene Konzentration des Hofs und seiner Verwaltung in Donaueschingen bedeuteten das Ende der Res. M. Zwar blieb M. die größte fürstenbergische Stadt und Sitz eines Oberamts (ein badisches Bezirksamt M. bestand 1806-1936), büßte aber zunehmend an zentralörtlicher Funktion ein. »Selten wird dem geschichtlichen Betrachter so eindeutig vor Augen geführt wie am Beispiel von M., von welcher Bedeutung für eine Landstadt ein kleiner, politisch und kulturell tätiger Hof werden konnte, wie rasch aber eine solche Blütezeit verging, wenn mit dem Hof der wirtschaftliche und geistige Mittelpunkt verschwand« (Bader, Herrschaft M., S. 55).