ZIMMERN
I.
Ancencimbra (994) [?], Frien Zimmern (1296), Herrazimbern (1344) – D, Baden-Württemberg, Reg.bez. Freiburg, H., Gmd. Bösingen, Lkr. Rottweil. – Gft. → Zimmern; Gf.en von → Zimmern (Herrschaft vor Wald) – Höhenburg, Geschlechtersitz, Haupt- und Nebenres. (12. Jh.-1594).
II.
Burg H. (608 m NN) liegt unterhalb des gleichnamigen, auf der Hochebene westlich des Neckartals gelegenen Ortes auf einem schmalen, zu zwei Schluchten hin abfallenden Bergrücken. Merowingerzeitliche Steinplattengräber des 6. oder 7. Jh.s weisen auf eine Besiedlung in der Ausbauzeit des frühen MAs hin. Hans Jänichen zufolge bildeten die Zimmern-Orte am oberen Neckar, deren Name wohl von ahd. zimbar (Bauholz, Holzbauten) abzuleiten ist, ein System frühma. Wehrbauten. Ob die Ancencimbra, in dem Otto III. 994 Besitzungen zusammen mit anderen Orten (in locis et in villis) in pago Para et in comitatu Hiltibaldi comitis an das Kl. Petershausen bei Konstanz schenkt, mit H. gleichzusetzen ist, bleibt aber unklar. Dasselbe gilt für das Schloß Zimbre, das nach der Aussage der ›St. Galler Annalen‹ (Augsburger Rez.) und Gallus Öhems 1079 durch Hzg. Bertold II. von Zähringen zerstört worden sei. Ebenso unsicher bleiben die vom Zimmern'schen Chronisten postulierten St. Gallischen Bezüge der Burg, seine Aussagen über ihr frühes Aussehen und die Angabe, daß das Geschlecht zunächst die benachbarte, damals schon ruinierte Lußburg bewohnt habe. Die Errichtung der Burg in Spornlage läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit ins 11. Jh. datieren. Als Wohnturmburg wurde sie der namengebende Stammsitz der edelfreien Herren von → Zimmern, die während des Investiturstreits im Kontext der Reformkl. St. Georgen (1086), Alpirsbach (um 1100) und St. Peter auf dem Schwarzwald (1113) erstmals urkundlich erwähnt werden. Nach ihrer Res.funktion wurde der Burgname seit dem 14. Jh. durch das Bestimmungswort Herren- präzisiert (1344 Herrazimbern). Die Burg bildete den Mittelpunkt der → Zimmern'schen Herrschaft »vor Wald«. Seit dem 14. Jh. teilten sich die → Zimmern u. a. mit den Herren von → Justingen in die Herrschaft. Ferner erwarben die Reichsstadt Rottweil und einzelne Einrichtungen und Bürger von dort Besitzrechte. 1491 besaßen die → Zimmern nurmehr einen einzigen Lehenhof in H., nach einem Verkauf 1513 blieb ihnen schließlich überhaupt nur die Burg selbst. Zur Burg gehörte ein Baumgarten, in dem 1279 eine Beurkundung stattfand, und ein Wirtschaftshof mit Viehhaltung. Bei den Herrschaftsteilungen innerhalb des Geschlechts gelangte H. 1450 an Gottfried, von diesem an seinen illegitimen, aber durch ksl. Privileg in den niederen Adel erhobenen Sohn Heinrich Zimmerer. Am 10. Aug. 1503 brannte die Burg durch ein außer Kontrolle geratenes Herdfeuer ab. Nach dem Tod Gottfrieds 1508 fiel sie an die Hauptlinie zurück. Bei der anschließenden Herrschaftsteilung kam sie an Gottfried Werner, der sie jedoch nach 1518 an Johann Werner weitergab, bemerkenswerterweise mit dem Hinweis, daß ihm wg. seiner reichsfsl. Heirat mit Appolonia von Henneberg ain wolerbawen sitz vonnöten sei, den er in der Herrschaft »vor Wald« nicht finden könnte. Unter Johann Werner d.J. erfolgte ein ephemerer und wenig glücklicher Einbau: Er ließ ain hilzin haus von rigelwerk ins schloß Zimberen machen, darin waren dem zimmerman stuben, kammern, kuchin und anders zu bawen angeben, allain der hausthür het man vergessen im dingwerk und visierung […]; also muest man etlich rigel ausschneiden zu ainer thür. Spätere Pläne Gottfried Werners zum Ausbau der Burg zur Festung nach Art des → Wildenstein blieben unausgeführt. Um 1512 wurde sie schließlich von Wilhelm Werner von → Zimmern erworben, der nach gescheiterten Chorherrenplänen und einer unglücklichen Heirat mit Amalie von Leuchtenberg ein zurückgezogenes Leben als Reichskammerrichter und Gelehrter führte. Im Pestjahr 1518/19 und in den Jahren 1542-1548, in denen er sein Beisitzeramt am Reichskammergericht resigniert hatte, zog er sich nach H. zurück, um, so die Chronik, zu studieren und historias zu schreiben. Während beider Zeiträume ließ er an der Burg bauen. Nach einer Eintragung in seinem Stundenbuch habe er am 4. März 1519 angefangen, mein capellen zu Zimbern im schloß zu bauwen, darnach über fier jar auf den tag fieng ich den großen obern schnecken [Treppenturm] an zu bauwen (Kimmich, Stundenbuch, S. 9). Ferner ließ er eine Wasserleitung in die Burg legen und mithilfe von Stützmauern, die indes schon 1563 erneuert werden mußten, einen Garten einrichten. Ein verlorener Zyklus mit den Allianzwappen seiner Vorfahren »bis ins graue Mittelalter« (Jenny, S. 25) verlieh den Räumen einen repräsentativen Charakter. H. wurde nun zu einem Gelehrtensitz: Wilhelm Werner richtete eine berühmte Bibliothek, eine Münzsammlung und eine u. a. von Sebastian Münster und Eh. Ferdinand I. bestaunte, von Ehzg. Ferdinand II. begehrte Kunst- und Wunderkammer darin ein, die mancherlai seltzame gebain, stain, horn und anders, das die natur wunderbarlichen gewürkt und seltzam mag genennt werden, enthielt. Zu ihren bedeutendsten Hinterlassenschaften gehört der »anspruchsvolle künstl. Scherzartikel« (Eser, S. 7) der Zimmern'schen Anamorphose, die Schaulust, perspektivische Konstruktion und Familienbewußtsein miteinander verbindet. Auch die aus dem von Württemberg säkularisierten Kl. Hirsau geborgenen Reliquien des Hl. Aurelius bewahrte der Gf. hier auf. In den 1540er Jahren entstand in H. der ›Zimmern'sche Totentanz‹ als wichtigster Teil seines ›Vergänglichkeitsbuchs‹. Der Schilderung der Chronik zufolge pflegte der Gf. in seinem Äußeren das Erscheinungsbild eines Mönchs.
Nach dem Tod Wilhelm Werners in H. 1575, fiel die Burg an seinen Großneffen Wilhelm, ultimus familiae, der sie nur noch als Jagdsitz nutzte. Bei einer solchen Gelegenheit schoß Ehzg. Ferdinand II. hier einen Steinbock, dessen Geweih in der Burg, später dann im Rottweiler Ratssaal aufgehängt war. Nach dem Tod Wilhelms verkauften die Zimmern'schen Erben die Burg mit dem Zehnten und dem Kirchensatz zusammen mit der verbleibenden Herrschaft »vor Wald« 1595 an die Reichsstadt Rottweil, die sie einem Obervogteiamt eingliederte. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Anlage stark beschädigt, nur das zugehörige Burggut wurde als Kameralgut weitergeführt. Nachdem Burg und Gut zu Beginn des 19. Jh.s vorübergehend in Privatbesitz gelangt waren, wurden sie von der Gmd. H. erworben, die hier ein kommunales Armenhaus einrichtete. Mit der Abtragung des Dachs 1811 wurde die Burg dem Verfall und der Nutzung als Steinbruch preisgegeben. Nachhaltige konservatorische Maßnahmen setzten erst 1956 ein.
Zu Beginn des 14. Jh.s begannen die Herren von → Zimmern damit, den auf einer Bergnase gelegenen Burgweiler H. zur Stadt auszubauen, um ihrer Herrschaft »vor Wald« einen Mittelpunkt zu geben; nach dem Anfall von Meßkirch 1344 wurde dieser Plan jedoch nicht weiter verfolgt. 1321, 1327 (stättelin) und 1495 erscheint der Ort urkundlich als Städtlein, 1432 ist ein oberes Tor bezeugt, ferner Schultheiß und Richter. Eine Befestigung mit Graben ist archäologisch nachgewiesen. H. blieb jedoch eine Kümmerstadt, bewohnt von adligen Dienstleuten (Dietrich (von) Hagenbach, bezeugt 1288 und 1302) und Leibeigenen; 1491 bestanden 25 Hofstätten. Eine Urk. von 1386 deutet Spannungen mit den Bauern von Bösingen an, die offenbar zur Zerstörung der Kirche führten. Nach einer ersten, kurzzeitigen Verpfändung 1495 ging der Ort bereits 1513 durch Kauf an die Reichsstadt Rottweil über, die die Siedlung wieder auf den Status eines Dorfes (1573 dörflein) herabdrückte, dessen Verwaltung ein Vogt, ein Untervogt und Richter wahrnahmen. Bis zur Mediatisierung 1802/03 blieb H. Bestandteil der Rottweiler Landschaft. Die dann eigenständig gewordene Gmd. wurde zum 1. Okt. 1974 mit Bösingen vereinigt.
Kirchlich war die dem Hl. Jakobus geweihte Kirche von H. Filiale von Dunningen. Die Burgkapelle, die der Muttergottes, dem Hl. Gallus und Christophorus geweiht war, war Filiale von Epfendorf. Das Patronat beider Kirchen lag bei der Herrschaft. 1386 wurden sie offenbar durch Feuer zerstört. Durch eine Vereinbarung mit dem Dunninger Kirchherrn von 1363 erreichte Werner von → Zimmern, daß sonntags im Wechsel in H. und Seedorf die Messe gelesen und an den Hochfesten auch gesungen wurde. Nachdem Johann d.Ä. 1432 eine Kaplaneipfründe in die Burgkapelle gestiftet hatte, gestattete der Konstanzer Generalvikar 1478 unbeschadet des Filialverhältnisses zu Dunningen die Sakramentenspendung, Predigt und pastorale Versehung des Ortes durch den Burgkaplan. Wilhelm Werner von → Zimmern bestimmte, daß sein Herz in der Burgkapelle vor dem Altar beigesetzt werde, sodaß der Priester ihm beim Zelebrieren auf dem Herze stehe (heute: Gruftkapelle Schloß Heiligenberg). 1513/95 gingen die Rechte an der Kapelle an die Stadt Rottweil über, die die Kaplanei nach der Zerstörung der Burg 1645 nach Epfendorf verlegte.
III.
In ihrer heutigen Ausdehnung gliedert sich die Anlage in eine obere und eine untere Burg, die ca. 100 m auseinanderliegen. Die untere Burg ist bis auf wenige Reste verschwunden. Die vom Palas dominierte Oberburg sitzt auf einem durch einen ausgebrochenen Graben gesicherten Felsmassiv. Zunächst bestand die Burg wohl nur aus einem Wohnturm ohne Bergfried und Schildmauer, dafür mit Mauerstärken von mehr als 2 m. Eine Beschreibung der ursprgl. Gestalt des 1503 ausgebrannten Palas gibt die Chronik der Gf.en von → Zimmern: Es het der groß steinin stock am schloß ain hilzin haus darauf, in die rigel gemaurt und etliche schuch an allen orten ußgeladen, wie dann die alten im geprauch. Es ist aber gleichwol in sollichem werlichen stock kain gewelb gewest, sonder allain hilzin büninen [ = Böden] und deren etliche ob ainandern, und hat man durch hülzin stegen von ainem soler zum ander uf oder ab künden kommen. Oben aber im rigelwerk, ob dem stock, do hat es die recht wonung sampt der kuchin gehapt. Nördlich vor dem Palas befand sich ein langgestrecktes unterkellertes Gebäude. Daran schließt sich ein von weiteren Gebäuden gesäumter Burghof an. Das Ensemble war von einer annähernd quadratischen Mauer umschlossen, eine zweite Mauer folgt dem Verlauf des Bergsporns und war an seiner Spitze als vierstöckige halbrunde Bastion ausgebaut. In diesem Bereich sind Wirtschaftsgebäude und der erwähnte Garten anzunehmen. Das heutige Aussehen des Palas geht im wesentlichen auf die Baumaßnahmen Wilhelm Werner von → Zimmerns zurück: Gut erkennbar sind noch der schon erwähnte, 1519 erbaute halbrunde Treppenturm nach O, eine weitere Wendeltreppe an der Südwand sowie Reste des Kreuzrippengewölbes der ehem. Burgkapelle. Nach einer Ansicht von 1564 besaß das Gebäude einen Treppengiebel. Anfang des 19. Jh.s war es noch begehbar. Koch sah noch Holz- und Gipsdecken sowie ein Wandgemälde im vierten Stock, das an den Jagderfolg Ehzg. Ferdinands erinnerte: »Der Kaiser [sic!] und seine Begleiter waren in Jagdkleider dargestellt und abgemahlt, als er ein solches Thier mit der Armbrust erlegte« (Koch, S. 88). Heute lassen nur noch Fenster und Kamine die ehem. Stockwerkseinteilung erkennen.