ZIMMERN
I.
Valkenstain/Falkenstain (1390), Valckenstain (1525). – D, Baden-Württemberg, Reg.bez. Tübingen, Kreenheinstetten, Gmd. Leibertingen, Lkr. Sigmaringen. – Gft. → Zimmern; Gf.en von → Zimmern (Herrschaft Meßkirch), Gft. → Helfenstein-Gundelfingen; Gf.en von → Helfenstein-Gundelfingen, Gft. → Fürstenberg; Gf.en von → Fürstenberg. – Höhenburg, Geschlechtersitz, Haupt- und Nebenres. (1519-1594).
II.
Östlich von Immendingen tritt die junge Donau in das Durchbruchstal durch die Schwäbischen Alb ein, das als 200 m tiefe Schlucht in die oberen Weißjuraschichten eingegraben ist. In einer großen, nach N ausgreifenden Talschlinge bei Leibertingen liegen die beiden Burgen F.: Auf einem langgezogenen Höhenrücken über dem Steilabfall die Burgruine Oberfalkenstein (743 m NN), etwa 100 m tiefer, auf einem Felsen auf halber Talhöhe Unterfalkenstein. Vom Tal aus sichtbar ist nur Unterfalkenstein, während Oberfalkenstein nicht zur Donau, sondern zur Albhochfläche hin ausgerichtet ist. Nach den Angaben der Chronik der Gf.en von → Zimmern habe man von ihrem ma. Turm aus bis nach Mengen blicken können.
Die ältere der beiden Burgen ist Unterfalkenstein. Lesefunde von Keramik (»ältere Albware«) datieren ihre Entstehung in die Zeit zwischen 1100 und 1150. Sie ist damit als Stammburg der Adligen von F. anzusprechen, die 1255 und 1257 in Reichenauer Urk.n auftreten. Burg Oberfalkenstein ist nach Grabungsfunden (»mittlere Albware«) um 1200 entstanden. Noch im 14. Jh. wurden beide Burgen getrennt zu Lehen vergeben, gelangten 1362/67 aber sukzessive in die Hand dess. Lehenträgers Albrecht von Magenbuch. Dennoch blieb die Unterscheidung in zwei eigenständige Anlagen auch beim Verkauf von 1390 bestehen (Valkenstain die obere burg mit leuten und gütern, die untere Falkenstain mit leuten und gütern). 1407 war Unterfalkenstein ruiniert (burgstall), noch 1517 hingen aber Fischrechte an der Donau von ihr ab. Burg und Herrschaft F. gingen von der Gft. Stühlingen zu Lehen, ein Versuch der Hzg.e von Württemberg, das Schloß 1553 als Lehen anzusprechen, blieb Episode. Lehensträger waren zunächst die Herren von Magenbuch. 1390 kam die Burg durch Verkauf an die Herren von Bubenhofen, 1516 an Gottfried von → Zimmern, nachdem sie 1362-1367 bereits Werner von → Zimmern besessen hatte. Gottfried Werner bestimmte sie zum Wwe.nsitz seiner Frau, verkaufte sie aber 1526 an seinen Bruder Johann Werner von → Zimmern, wobei er sich mit Rücksicht auf die Rechte seiner Frau den Rückkauf vorbehielt. Beim Erwerb durch die → Zimmern 1516 galt die Burg als desolat. Sowohl Gottfried Werner als auch Johann Werner ließen daran bauen und schufen bis 1545 weitestgehend ihr späteres Erscheinungsbild. Bei den Baumaßnahmen Gottfried Werners verlor der Turm seinen überkragenden Aufbau aus Fachwerk, der nach der Aussage der Chronik bei starkem Wind so geschwankt habe, daß gefüllte Schüsseln zum Überlaufen gekommen seien.
Nach Ausweis der Chronik sei Gottfried Werner vil daselbs gewesen. Johann Werner suchte hier im Pestjahr 1518/19 Zuflucht, dann wieder in den Jahren 1528-1547, insbes. während der Landenberger Fehde 1540-1543 sowie im Schmalkaldischen Krieg 1546/47. 1547 gab er seinen Haushalt auf F. endgültig auf und begab sich nach → Seedorf. Seither wurde F. nicht mehr dauerhaft bewohnt. 1550 erfolgte die Belehnung nicht mehr an die Herrschaft, sondern an einen → Zimmern'schen Lehensträger. Doch auch Gf Wilhelm von → Zimmern, der hier bspw. am 29. Dez. 1586 ein Schreiben datierte, suchte die Burg noch häufiger auf. Sie dürfte ihm hauptsächlich als Jagdschloß gedient haben. Zu diesem Zweck ließ er um 1573 bei der Burg einen Tiergarten in großer weite einhegen. Daß er damit die Wasser- und Landwege an der Donau sperrte und in den österr. Wildbann Gutenstein, der bis an F. heranreichte, eingriff, provozierte Widerspruch. Nach dem Gehege erhielt der Flecken Weiler seinen heutigen Namen Thiergarten.
Mit den Zimmern'schen Herrschaften kam F. 1594 an die Gf.en von → Helfenstein-Gundelfingen und nach deren Aussterben 1626 an die Gf.en von → Fürstenberg. 1631/32 galt die Burg als unbewohnbar. Nur noch kleinere Ausbesserungen wurden ausgeführt, 1651/52 wurde bereits ein Giebel abgebrochen. Holz und wohl auch Hausteine fanden 1717 beim Bau der unterhalb der Burg im Tal gelegenen Neumühle Verwendung. 1788 war nur noch ausgeweidetes Mauerwerk davon zu sehen. In den Jahren 1975-1989 erfuhr die Ruine eine vorbildliche Konservierung.
1516 gehörten zur Herrschaft F. das Dorf Kreenheinstetten mit dem Kirchensatz, ferner Reinstetten (abgeg. bei Kreenheinstetten), Weiler (Hausen im Tal, Gmd. Beuron), ein »Gütlein« auf dem Lenzenberg und die Mühle Unterneidingen, die jedoch noch im selben Jahr von Gottfried von → Zimmern weiterverkauft wurde. Das zu Unterfalkenstein gehörige Gut Umbnouw wird schon in der Zimmern'schen Chronik als Wiese bezeichnet. Die Siedlung im Weiler besaß 1623 eine Kapelle und ein der Herrschaft gehörendes »Neues Haus«. 1670-1863 befand sich hier ein Hammerwerk der Fs.en von → Fürstenberg.
III.
Burg Unterfalkenstein wurde auf einem durch Aufmauerung entstandenen fünfeckigen Plateau von etwa 15 m Durchmesser auf einer Felskuppe errichtet. Erhalten blieb nur noch wenig aufgehendes Mauerwerk mit einer vom Tal aus gut sichtbaren großen Öffnung. Der Zugang erfolgte von der Bergseite her, gesichert durch zwei Felsklüfte, zwischen denen sich eine kleine Vorburg befand, von der nur geringe Mauerreste, aber einige Ofenkachelfunde erhalten sind. Das ursprgl. Hangprofil ist heute durch Schuttanhäufungen überformt. Die Kernburg von Oberfalkenstein erstreckt sich auf einem länglichen Felssockel von etwa 40 auf 20/14 m.
Unterhalb der Burg Oberfalkenstein befand sich eine Vorburg mit wirtschaftlich genutzten Gebäuden (»Unterer Hof«). Im W der Kernburg befand sich ein Palas mit vorgebautem Treppenturm. Sechs erhaltene Stufen aus grünlichem Sandstein zeugen »von einer gewissen handwerklichen Qualität« (Pfefferkorn, Burgruine, S. 24). Mit Platten aus dems. repräsentativen Material war möglicherw. einst der gesamte Hof belegt. Mehrere gemauerte Keller, mit Ausnahme der Südwestecke, lassen weitere Gebäude erkennen. Nach N sicherte ein bastionsartig vorgebauter, halbrunder Turm die Anlage. Der Zugang zur Burg erfolgte durch einen rechteckigen Torturm im S. Zu ihm führte von der Vorburg aus eine den Burgmauern folgende, auf halber Höhe um 90 Grad abknickende gemauerte Rampe mit Kalksteinstufen, die eine konstruktiv sehr bemerkenswerte Zugangslösung darstellt. Zusätzlich wurde mit einem Treppenturm an der Ostspitze noch ein zweiter, geschützter Treppenaufgang geschaffen. Die Gebäude der Kernburg umgab eine hohe Ringmauer, zu deren stärkerer Wirkung wie auf Burg Wildenstein der anstehende Fels weiter abgeschrotet und offenbar sogar verputzt wurde. Diese Behandlung, die schon nach Meinung des Chronisten einen gefährlichen Eingriff in die Bausubstanz bedeutete, entsprach einer Vorliebe Gf. Gottfried Werner von Zimmerns. Eine Zisterne mit einem errechneten Fassungsvermögen von 20 000 Litern sorgte für Brauchwasser; Trinkwasser wurde mit Eseln von der Donau heraufgeführt. Angaben über die ehem. Räumlichkeiten, die sich aber nicht mehr sicher an den heutigen Befund anbinden lassen, ermöglichen zwei Inventare aus der Zeit vor der Auflassung der Burg. 1594 werden beiläufig folgende Räume erwähnt: Gf. Eitelfriedrichs Gemach, des Wolgmuths Gemach, der Beschließerin Kammer, die oberste Kammer, der Saal, der Hausvögtin Kammer, das gmächlin ob der kirchen. 16 Bettladen, 14 Lehnstühle und zwei runde Tafeln wurden damals aus der Burg abgezogen. 1623 werden genannt: Des gnädigen Herren Zimmer, die Schlafkammer, Schlafzimmer und Stube der Frauen (mit vier Betten), Gf. Georg Wilhelms Zimmer ob der Kapelle, des Herrn Tennagels Zimmer und Kammer, die schuol mit Tisch und Truhe und einer zugehöriger Kammer, des Pfarrherrn Kammer, je eigene Kammern der Magd, der Kämmerlinge (mit drei Betten) und der Jungfrauen (zwei Betten), eine Gesindestube und eine Küche mit Speisekämmerlein. Die Burgkapelle wird von der Zimmern'schen Chronik im ma. Turmstumpf lokalisiert. Sie besaß eine 1537 datierte Glocke und ein später (1614) von den Gf.en von → Helfenstein gestiftetes Kruzifix. Beides befand sich seit 1641 auf Burg Wildenstein. Das überragende Ausstattungsstück war der F.er Altar des Meisters von Meßkirch (F.F. Kunstsammlungen Donaueschingen, derzeit als Leihgabe in der Staatsgalerie Stuttgart). Ob Gottfried Werner oder Johann Werner von → Zimmern sein Auftraggeber waren, ist nicht sicher zu entscheiden. Nach der Aufgabe der Burg wurde er ebenfalls nach Wildenstein verbracht.
Das heutige Erscheinungsbild F.s als kompakte Felsenburg ist im wesentlichen das Ergebnis der nachma. Um- und Neubauten der Gf.en von → Zimmern. Dennoch ist die Bezeichnung als »Nostalgieburg« unzutreffend, weil sie einerseits die reale Schutzfunktion der Burg übersieht, andererseits ihren offensichtlichen repräsentativen Wert für die → Zimmern.als angemessenen Sitz und Ausweis adliger Lebensführung verkennt.